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Weibliche Ekstase im mystischen Verklingen! Salvatore Sciarrinos Infinito Nero über die Mystikerin Maria Magdalena de‘Pazzi in Bonn

THEATER BONN: INFINITO NERO

Dshamilja Kaiser (Maria Maddalena); Keisuke Mihara (Das menschgewordene Wort); Helena Baur (Die junge Maria Maddalena)
Foto: Thilo Beu

Mystikerinnen und ihre Ekstasen sind ein Phänomen. Ein katholisches! Wobei diese weiblichen Ekstasen in der Enthaltsamkeit nicht selten einen erotischen Touch haben. Mit unglaublicher Hingabe und Leidenschaft bezieht sich die zumeist Nonne auf den blutenden Jesus im Lendenschurz. Die Visionärinnen haben dann auch noch einen männlichen Beichtvater oder Mittler, das macht die Sache heikel. Christina von Stommeln ihren Petrus von Dacien, Adrienne von Speyr Urs von Balthasar. Das berühmteste Klosterpaar sind wohl Heloise und Abaleard. Hildegard von Bingen und ihr anonymer Schreiber sind über alle Zweifel erhaben. Und Maria Magdalena de‘Pazzi aus einem Schweigeorden der Karmeliterin in Florenz brauchte keine Männer. Acht Nonnen hielten sich in ihrem Zimmer auf, damit, wenn sie in Ekstase fiel, ihre in irrem Tempo gestammelten Worte aufgenommen und solange wiederholt wurden, bis sie aufgeschrieben waren. Nach ihrer Ekstase konnte sie sich nämlich an nichts mehr erinnern. Fünf Bücher sind auf diese Art und Weise mit ihren Worten gefüllt worden. Blut ist eines der häufigsten Worte, die darin vorkommen. Sie ist heilig gesprochen worden. Der italienische Komponist Salvatore Sciarrino hat 1998 Textauszüge zu einer theatralische Szene entwickelt. Wobei das Theatralische im Wort steckt. Denn die Musik ist allenfalls ein Hauch vor dem Verklingen. (Von Sabine Weber)
(29. September 2019, Werkstattbühne, Bonn) Sie sitzt in einem schwarzen Kleid auf dem Boden. Alles um sie herum ist dunkel. Maria Magdalena de‘Pazzi, gespielt von der Darstellerin Helena Baur. In einem Lichtkegel sitzt sie, als würde Gottes Geist auf sie herabfahren. Ein Buch mit heiligen Worten – ihren Worten – in der einen und ein Kruzifix in der anderen Hand. Sie starrt in die Sehnsuchtsferne. Ruft: „Ich lebe, aber bin nicht ich, weil Christus in mir lebt!“ Paulus-Worte aus einem Galaterbrief. Natürlich in lateinischer Sprache. Sie schmachtet in die Ferne, reckt die Arme. Der Blick wie bei einer Märtyrerin himmelwärts! Rechts und links hinter ihr sitzen je vier bis fünf Musiker. Links die Bläser, rechts die Streicher. Minutenlang atmet es rhythmisch durch ein Flötenteil. Die Klappe der Klarinette ploppt, die Oboe fiept immer denselben kurzen Ton, alles in einem Rhythmus, allenfalls leicht verschoben. Klingt wie eine Beatmungsmaschine. Irgendwann fügen sich auch Streicherhauche „dilirando“ dazu. Und plötzlich erklingen visionäre Worte im Raum. Irre schnell, kaum verständlich im Mickeymouse-Register. Dshamilja Kaiser vom Ensemble der Oper Bonn, schwarz gekleidet, bewegt sich wie ein mittelnder Geist im Raum. Steht neben der jungen Maria Magdalena und flüstert ihr ins Ohr. Eingebungen.

Dshamilja Kaiser (Maria Maddalena); Keisuke Mihara (Das menschgewordene Wort); Helena Baur (Die junge Maria Maddalena) Foto: Thilo Beu

Dshamilja Kaiser (Maria Maddalena); Keisuke Mihara (Das menschgewordene Wort); Helena Baur (Die junge Maria Maddalena)
Foto: Thilo Beu

Oder sie enthüllt eine Säule in der Mitte, auf der von innen beleuchtet die Worte seitenverkehrt stehen. Und natürlich der geschundene Jesuskörper im Lendenschurz in verkrampfter Körperhaltung mit Kreuz auf dem Rücken kommt auch ins Bild gewankt und zieht die Runde. Tänzer Keisuke Mihara ist der leibhaftig Leidende, der auch die Stigmata in einer Runde präsentiert. Runden werden gedreht in diesem Unendlichen Schwarz. In der Mitte steht eine schwarze Säule, die Dshamilja Kaiser langsam enthüllt, in dem sie ein schwarzes Tuch abwickelt. Von innen beleuchtet ist eine Schrift zu erkennen, wohl Worte von Maria Magdalena de‘Pazzi, aber auch „Sciarrino” ist seitenverkehrt auf der Säule und richtigherum auf den Wänden zu entziffern. Irgendwann dreht sich die Säule und entwickelt einen Lichtstrudel, in dem die beiden Mystikerinnen-Verkörperungen unendliche Kreise drehen und wie die Derwische wirbeln.

Keisuke Mihara (Das menschgewordene Wort). Foto: Thilo Beu

Keisuke Mihara (Das menschgewordene Wort). Foto: Thilo Beu

Eine Katholikin oder Katholik versteht sofort. Wir sind schon von der Messe her an das Brimborium eines Rituals gewöhnt, in der Kirche umringt von Märtyrerdarstellungen auf Fresko, Bild oder Stuck, zumeist durch Weihrauch besehen, der an diesem Abend leider nur Theaternebel ohne Geruchsnote war. Sciarrino, wenn auch südlich von Rom im Papstfernen Palermo geboren, scheint dieses katholische Bedürfnis zu teilen. Das legt diese Mystikerinnenschau auf der Werkstattbühne der Oper Bonn jedenfalls nahe. Wobei seine Musik eigentlich genau das Gegenteil von Veräußerung ist. Sie könnte eher als implodierende halbstündige Vision beschrieben werden. Es gehörte zum Konzept Regisseurs Mark Daniel Hirsch, dass sich die Besucher erst erst einmal nur im Hören auf Sciarrinos musikalische Vision konzentrieren sollten. Die Musiker unter Hermes Helficht spielten hinter einem schwarzen Gazevorhang zunächst eine rein konzertante Version. Das Publikum wurde sogar gebeten, bereit liegende schwarze Augenbinden aufzuziehen. Dshamilja Kaiser saß zwischen den Musikern, die vor der Pause rechts im Kollektiv zusammen saßen. Erst im zweiten Teil verteilten sie sich auf zwei Gruppen hinter dem Schauplatz. Frappierend war, dass beim zweiten szenischen Durchgang tatsächlich einzelne Motive, Abfolgen deutlich wieder zu erkennen waren. Und auch, dass die Choreographie, die Bewegungen, sich den subtilen Musikrhythmen anpassten. Und wirklich faszinierend war, wie in diesem hauchenden Verklingen letztendlich die Verbeugung vor dem mystischen Glaubensakt zu Herzen ging. Auch wenn Sciarrino an einer Stelle eine wiegende Leiermelodie hinbringt, zu der ein kitschiges Jesuskind mit Strahlenkranz als Puppe zum Schmusen gereicht wird – und im Programmheft auch etwas von gewollter ironischer Brechung steht – das kauft man Sciarrino nicht ab. Jeder Katholik im Papstland hat das Katholiken-Gen zwangsläufig in sich. Wer sich auf den Abend eingelassen hat, konnte eine packende Annäherung an katholischen Mystizismus erleben und einen perfekten Einstieg in die subtile Musikwelt eines Salvatore Sciarrino bekommen. Dafür ist die Werkstattbühne am Theater Bonn auch genau der richtige Ort! Man glaubt es kaum, ehemals eine Tiefgarage, aber seit 15 Jahren eine intime Bühne mit Bar als Entrée. Drei Mal war das Stück mit ungefähr 120 Zuschauern auch so gut wie ausverkauft.

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