Maria Kataeva (Polina), Alexander Krasnov (Graf Tomski), Ensemble, Chor der Deutschen Oper am Rhein, Statisterie; Foto: Hans Jörg Michel

Tschaikowskys Pique Dame geht an der Düsseldorfer Oper am Rhein nach Hollywood

Der Stern Lydia Steiers steht in Deutschland hoch im Kurs (siehe VAN-Interview ‘Kein Brokkoli-Theater’). Und die Regisseurin erobert derzeit NRW. Für Köln hat sie schon inszeniert und wird in der nächsten Spielzeit in die Domstadt zurück kehren. Aber erst einmal hat sie letzten Sonntag ihr Regiedebüt in Düsseldorf an der Oper am Rhein mit Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ gegeben. Und das Hollywood der 50er Jahre hat „Party gestanden.“ Kostümbildnerin Ursula Kdurna hat eine staunenswerte Modenschau präsentiert, vor der die Hauptcharaktere German, im zimtfarbenen Cordanzug, und Lisa als rothaariges Pummelchen, schon optisch als Sonderlinge auffallen mussten. Das ist nunmal ihre tragische Rolle in der vorletzten Oper Tschaikowskys, und das Scheitern. Star des Abends ist Hanna Schwarz als Grande Pique Dame! (Von Sabine Weber)

(25. Mai 2019, Oper am Rhein, Düsseldorf) Die leichtlebige Traumfabrik Hollywoods, so, wie sie Billy Wilder in seinem Film „Sunset Boulevard“ 1950 sarkastisch ins Bild gesetzt hat, ist ein gewagter Kontrast zu der schicksalshaft aufgeladenen hochromantischen „schwer-russischen“ Musik Tschaikowskys. Im ersten Moment jedenfalls. Die Ouvertüre wirft mit einer fragenden Oboen-Klarinetten-Melodie und durchbrochenen Streichergesten Fragen auf. Bis Rhythmen fortjagen und sich ein fast unerträgliches Sehnsuchtsmotiv aufschwingt und mit Blechfundament durch den Raum windet, wo Frauen in rosa Hotpants und Blumenbadekappe oder mit rot umrandeter Herzchen-Brille und rotem Schiffchen auf dem Kopf in einer Momentaufnahme eingefroren ziemlich exaltiert im Bild stehen. Dazu die Männer in weiß-schwarzen Gamaschen-Schuhen im Nadelstreifen-Anzug mit Stetson-Hut oder mit grellbuntem Bademantel über Schiesserhemd und mit Sonnenbrille und Strohhut. Nur German irrt in Cordanzug und Dickrandbrille wie ein vergessener Wim Wenders durch das Standbild.

Dieser Frühlingstag – das erste von sieben Bildern – zieht mit einer Poolparty auf, wie sie in einer der Villen der Hollywood Hills in Los Angeles stattgefunden haben könnte. Das Flachdach im rechten Winkel hat Bühnenbildnerin Bärbl Hohmann der berühmten Stahl Residence abgeschaut, die Fotograf Julius Shulman als Sinnbild der dortigen High Society verewigt hat. Im Verlauf der Szenen wird diese Überdachung durch aufgezogene Vorhänge zu Innenräumen. Beispielsweise zum Schlafzimmer der Pique Dame.

Der Kinderchor ist als Cowboys und -girls verkleidet zum Jagdmotiv der Ouvertüre bereits hinein gestürmt. Und er zieht in der ersten Szene ein Exerzier-Kommando ab. Rührtrommel und Trompete haben schon im Hintergrund Signale gegeben. Auch die Kids haben ihren Außenseiter, einen kleinen Indianer, dessen Kopf erstmal unter Wasser getaucht wird. „Nichts hemmt unseren Mut!“, singen sie verharmlosend dazu. „Die Feinde müssen weichen… Hurrah!“ Der kleine Indianer, übrigens auch mit Brille wie German und Lisa, hier noch bunt gekleidet, wird im Verlaufe der nächsten Szenen zu einer weißen geisterhaften Gestalt des Jenseits. Wenn die enttäuschte Lisa sich in einen der Newa-Kanäle stürzen sollte, nimmt er sie stattdessen an die Hand und führt sie über die ins Bühnenbild gesenkte Hängebrücke in den schwarzen Hintergrund.

Der Handlungsort der Puschkin-Vorlage ist eigentlich Sankt Petersburg. Gast-Dramaturg Mark Schachtsiek erklärt bei der Einführung, dass Peter Tschaikowsky sowie dessen Bruder und Librettist Modest keine konkrete Verortung vorgeschwebt hätte. Ihnen wäre es schon damals um Flucht- oder Traumperspektiven aus dem Leben gegangen. Das legt auch das dritte Bild als Theaterszene auf der Bühne nahe. Da gibt es musikalische Anleihen an Mozart, den Tschaikowsky übrigens über alles verehrt hat. Und doch wird er so zitiert, wie ihn das 19. Jahrhundert generell als fiktiven Rokoko-Komponisten für eine liebliche Note benutzt hat. Für das „Fête galante“- Fest verkleidet Kdurna die Gesellschaft als würde sie venezianischen Karneval spielen. Reifröcke, Dreispitze, Larven bis hin zu Comedia dell‘Arte Schnabelmasken. Pique Dame darf im Brokat mit Turmperücke und Sonnenbrille Bella Figura machen. Diskoscheinwerfer fahren über das Parkett. Es ist eine ziemlich grell-bunte Gesellschaft, die sich in einem Schäferspiel das Drama des Abends auch vorspielen lässt. Zwei Schäfer in Silberhöschen mit wohl definierter Brustweite buhlen um eine Glamour-Schäferin, die sich für den entscheidet, der Geld aus seinem Höschen zieht.

Der Regie Lydia Steiers geht es nicht darum, zu erklären, warum die Außenseiter im Abseits stehen. Aber sie stehen von Anfang an ziemlich deutlich am Rand, und im Verlauf des Abends ist eindrücklich zu erleben, wie es nicht gelingt, vorgeprägten Rollen zu entkommen. Ein Fatalismus durchzieht letztlich auch Tschaikowskys Musik und wird ja gern mit biografischen Bezügen erklärt.

Sergey Polyakov (Germann), Hanna Schwarz (Die Gräfin), Ensemble, Chor der Deutschen Oper am Rhein, Statisterie; Foto: Hans Jörg Michel

Sergey Polyakov (Germann), Hanna Schwarz (Die Gräfin), Ensemble, Chor der Deutschen Oper am Rhein, Statisterie; Foto: Hans Jörg Michel

Die Gesellschaft reagiert von Anfang an vor allem auf den Außenseiter German, so die Gräfin, deren Spitzname ‚Pique Dame‘ von früheren Spielleidenschaften her rührt, und die sich von Germans Anwesenheit sofort unangenehm berührt zeigt. Jede Aktion und Reaktion Germans, dem sich Sergey Polyakov mit Haut und Haaren, mit Schmelz aber auch wütend auffahrender Stimme verschreibt, grenzt ihn mehr aus. Von Szene zu Szene entgleitet die Handlung immer mehr in einen Alptraum. Die Lichtregie von Stefan Bollinger taucht Räume plötzlich in grell-grün oder blau und lässt sie irreal erscheinen. German verliert immer mehr den Bezug zur Realität. Spielsucht ist Entindividualisierung. In einer schlaflosen Nacht wühlt er sich in den Laken, während sich neben seinem Bett die erwähnte Brücke senkt, wo Lisa auf ihn wartet und sich enttäuscht ins Wasser stürzen wird. Gleichzeitig zieht ganz hinten ein Leichenzug mit der Gräfin im Sarg vorbei, begleitet von orthodoxem Chorgesang. Das ist auch musikalisch eine großartiges Bild. German ist dem Wahn verfallen, er sei der vorhergesagte verrückte Verliebte, der das Kartengeheimnis von der Pique Dame erfahren muss. Er ist auch in das Schlafzimmer der Gräfin eingedrungen. Aber sie hat trotz Drohung das Geheimnis nicht preis gegeben, sondern eine Herzattacke erlitten. German fühlt sich schuldig an ihrem Tod. Doch es steigt ein weißer Geist zu ihm ins Bett. Es ist die tote Gräfin, die seine Liebe will. Und German meint, das Geheimnis zu kennen. Wahn oder Wirklichkeit…? In der Musik Tschaikowskys ringt immer wieder verzweifelte Liebessehnsucht mit dem „Tre Karti“ – Motiv oder Ruf – es wird ja auf russisch gesungen. Es gibt auch einige Volksliedhafte Anklänge, die für den Wunsch nach einer heilen Welt stehen. Das vergrößert nur die Fallhöhe. Aus dem Orchester fallen immer wieder die mächtig auftragenden Schicksalsrufe auf, die man schon aus Tschaikowskys Schicksalssinfonien kennt. Aziz Shokhoakimov leitet die Düsseldorfer Sinfoniker sicher, bis auf kleine Wackler in der Koordinierung mit dem Kinderchor. Und lässt auch mal die Sänger bei einem tragischen Höhepunkt im Strudelklang für einen Moment ertrinken. Wunderbar die Bassklarinettensoli oder die beiden großen Cellosoli, die German ihr Mitleid bekunden. Zum ersten Mal übrigens am Pool, als German erfährt, dass seine Liebe Lisa mit einem gewissen Grafen namens Jeletzki – Dmitry Lavrov als David Niven-Typ – bereits verlobt ist. Und doch gelingt es German, Lisa von seiner Liebe zu überzeugen,

Elisabeth Strid (Lisa), Sergey Polyakov (Hermann), Ensemble, Chor der Deutschen Oper am Rhein, Statisterie; Foto: Hans Jörg Michel

Elisabeth Strid (Lisa), Sergey Polyakov (German), Ensemble, Chor der Deutschen Oper am Rhein, Statisterie; Foto: Hans Jörg Michel

die er dann für das Kartengeheimnis wieder verrät. Im Finale steigt der Spieltisch mit einer ausgelassenen Herrengesellschaft per Hebebühnenfahrt sensationell aus dem Boden auf. German verlässt das Bett, zieht das erste Mal einen Anzug an, um sich am Spieltisch in einer höchst dramatischen Szene zu verzocken und sich dann zu erschießen. Den Revolver hat er übrigens aus dem Schlafzimmer der Gräfin entwendet. Streicher steigen noch einmal tremolierend wie im Wahn in die Höhe. In der Schlussszene taucht Lisa wieder auf. Das Sehnsuchtsmusik schwebt in den Flöten. German und Lisa umarmen sich heftig. Eigentlich hat Tschaikowsky diese Szene als einen Wunschtraum im Sterben sehen wollen. German erhält die Vergebung von Lisa. Bei Lydia Steier kommt es ganz real. Als wäre der Alptraum der Szenen zuvor einfach nicht gewesen. Der Chor hat das letzte Wort in einer Art Choral, der so besänftigend daher kommt, und auch das Sehnsuchtsmotiv nimmt noch einmal Fahrt auf, um im moll-Klang, nein, doch im Dur zu enden. Und das ist doch sehr beruhigend, nach der optisch und musikalisch intensiven und tragischen Hollywoodparty dieses Happy End zu bekommen. So grell-bunt hat man Pique Dame wohl noch selten erlebt. Aber die Hollywoodeske Szenerie hat sich dem russischen Drama gefügt. Denn Lydia Steier versteht ihr Handwerk grandios, auch in den kleinen Gesten des Miteinanders, die sofort verstehen lassen, wie hier miteinander umgesprungen wird. Wie die Jungs um Graf Tomski immer wieder aus der Gesellschaft heraus eilen, um German zu verwirren und ihm einflüstern, er sei doch der verkappte Liebende, und schnell wieder in die Gruppe zurück springen, als wäre nichts gewesen. Großartig inszeniert Steier die von Tschaikowsky einkomponierte Lobhudelei auf Katharina die Große in der „Fête galante“-Szene mit vielen unsäglichen Heilrufen. Steiers Feiergesellschaft schnappt sich German, verkleidet ihn als Zarin, und macht sich herrlich lustig über die lächerliche Figur, die er auf dem Bühnentheater abgibt. So funktioniert Ausgrenzung. Gesungen wird in jeder Hinsicht auf höchstem Niveau. Schon das erste Vokalquintett mit German, Lisa, der Gräfin und Graf Tomski und Seletzki liefert einen grandios unheimlichen Moment des Mit-Neben-und Gegeneinanders. Elisabet Strid weiß als hässliches Entlein mit ihrer Stimme weich, rund und voll einer verletzten Seele, und Lisa auch noch eine herzerweichende Stimme mit Nachdruck zu geben. Es musste wohl sein, diese wunderschöne Frau für die Rolle so hässlich zu machen. Stellvertretend für die allesamt überzeugenden männlichen Solisten wären neben Sergey Polyakov als German noch Alexander Krasnov als Tomski zu erwähnen. Und Maria Kataeva und Daria Muromskaia unter den Damen.

Hanna Schwarz (Die Gräfin); Foto: Hans Jörg Michel

Hanna Schwarz (Die Gräfin); Foto: Hans Jörg Michel

Und natürlich ist die großen Bayreuth-Sängerin Hanna Schwarz gefeiert worden. Sie hat in der Rückblend-Szene der Gräfin einen großartigen Soloauftritt. Und auch wenn manche Töne dynamisch unerwartet herausbrechen, sie hat allen gezeigt, was Bühnenerfahrung und was eine Grande Dame ist. Man glaubt ihr sofort, die unwiderstehliche moskowitische Venus in den Spielhöllen Versailles gewesen zu sein, die sich auf einem Riesenbild im Goldrahmen auch hinter ihr Bett gesenkt hat. Begehrt von allen Männern hat sie nur einmal ihre Gunst verschenkt, weil sie im Spiel alles verloren hatte. Das verfluchte Kartengeheimnis hat sie selbst gebraucht, um alles zurück zu gewinnen. Jetzt bringt es ihr den Tod. Schicksal und Ausgeliefert-Sein triftt in Tschaikowskys Pique Dame auch die Pique Dame. Ob Tschaikowsky über den Tod der Gräfin geweint hat, wissen wir nicht. Nachdem er den Tod der Lisa komponiert hat, soll er bitterlich geweint haben. Noch mehr hat er sicherlich beim Tod Germans geweint. Warum hat er nur statt der As-Karte die Pique Dame gezogen! Freudsche Fehlleistung? Aber auch die richtige Karte hätte ihn wahrscheinlich nicht mehr von seinem Wahn erlöst …

 

 

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