“Schade, dass sie eine Hure war” – Anno Schreiers sechste Oper wird in Düsseldorf zu einem Tatort über die Oper

Annabella (Lavinia Dames), Giovanni (Jussi Myllys). Foto: Hans Jörg Michel

Annabella (Lavinia Dames), Giovanni (Jussi Myllys). Foto: Hans Jörg Michel

Henze – Glanert – Schreier. Diese drei Opernkomponisten sind natürlich nicht die einzigen, die das Genre Oper nicht neu erfinden wollten und wollen, sondern durchaus im konservativen Sinne aus der Nachkriegszeit, an der Avantgarde vorbei, ins 21. Jahrhundert überführt haben! Mit einer opulenten Klangkultur, im traditionellen Sinne! Also brillant und virtuos orchestrierte Partituren, mit allem, was da aufgeboten werden kann: instrumentale Soli, kammermusikalische Stimmungsbilder bis hin zu gewaltigen Blechbläserattacken und Orchestertutti. Dazu ein fundamentales Wissen um die perfekte Behandlung von Stimmen. Und Handlungen, die zumeist auf literarischen Vorlagen basieren, wobei den jüngsten dieser Trias, der Aachener Anno Schreier ist gemeint, weniger das Intellektuell-Politische oder die großen Fragen der Menschheit nach dem „woher?“ – „was bin ich?“und „wohin?“ umtreibt, als die Abgründe und Entartungen der menschlichen Psyche. Oder anders: Emotionen im Extremzustand! In seiner sechsten Oper, die auf John Fords Drama „Tis Pity She’s A Whore“ basiert, entwickelt er allerdings ein erstaunlich komödiantisches Talent. Ford war ein Zeitgenosse Shakespeares und eigentlich dem Elisabethanischen Schauerdrama verhaftet. Sein Stück spielt, wie Shakespeares „Romeo und Julia“ in Italien, in Parma, und entwickelt das Drama eines inzestuös sich liebenden Zwillingspaares, das verzweifelt versucht, seine Liebe vor Gott und den Menschen zu verteidigen. Es scheitert an Intrigen, und es endet mit Mord. Kerstin Maria Pöhler hat ein deutsches Libretto entwickelt. „Schade, dass sie eine Hure ist“ hat jetzt an der Oper am Rhein in Düsseldorf in der Regie von David Hermann eine umjubelte Premiere erlebt. Nicht zuletzt, weil Schreier ein Überraschungspanoptikum an Opernstilen und Musikgenres durchs Stück zieht, das im ersten Teil eine Komödie, im zweiten Teil einen blutigen Showdown liefert.
(Von Sabine Weber)

(Oper am Rhein, Düsseldorf, 16. Februar 2019) Rossini, Verdi, Minimal Music, eine barocke Pavan à la Holborne, Musicaleinlagen mit witzigen Wah Wah-Effekten der Trompeten, oder Weillscher Songstil, und gleich am Anfang ein operettenhafter Walzer! Was da aus dem Orchestergraben von den Düsseldorfer Symphonikern tönt, perfekt gemixt, nicht geschüttelt, allenfalls gerührt von Lukas Beikircher, verschlägt einem fast den Atem. Nichts ist Zitat! Und doch verblüffend nachempfunden. Wobei die Passagen sich in einer Geschwindigkeit abwechseln, dass einem fast schwindlig wird. Und so, wie die Musik Opernstile als Versatzstücke liefert, besteht das Bühnenbild von Jo Schramm aus ineinander geschobenen Versatz-Fassaden. Ein Mauerstück, ein Stück Wand mit Romeo-und-Julia-Balkon, Kirchenfensterausschnitte, von hinten durch die Aufbaustützen gesehen, links ein 50ger-Jahre Pavillon mit Flachdach, länglich mit einem chromledernem Designsitzmöbel. Alles auf Rollen oder verschiebbar. Rechts hängt ein Riesen-Fliegenpilz. Die Märchenoper lässt optisch grüßen! Der Pilz ist die Spielwiese von Annabella und Giovanni, in

Foto: Jörg Michel

Foto: Jörg Michel

Fliegenpilzpunkte-Kleid sie, und in Fliegenpilzpunkte-Hose er, ein weißes T-Shirt darüber, das, obwohl an einer Seite geschoppt, ungünstig aufträgt. Was soll‘s. In der Oper müssen sie sich, anders als in der originalen Vorlage, erst noch zu operettenhaften Walzerklängen verlieben. Zuvor ist ihre erste Begegnung, ein neckischer Tanz um den Pilz, begleitet von virulenten Holzbläserkommentaren um einen spannungsgeladenen Streicherton. Vom ersten Moment an ist die Musik am Platz, auch bestimmend, und wabert immer wieder gern bedrohlich, gefährlich mit tiefem Blech oder hohen Streichern. Cluster setzen fürchterliche Ausrufungszeichen nach ach so lieblichen Passagen. „Darf ich dich küssen?“, das wie ein Leitmotiv immer wieder vorkommt, wird sogar vorab mit dem dissonanten Tritonus-Intervall als Böse gebrandmarkt. Musik als Barometer, als Filmmusik oder Opernführer, wobei sie sich nicht leicht ertappen lässt. Dazu hat Kostümbildnerin Michaela Barth tief im Fundus der Jahrhunderte gegraben, um die lächerlichen Verehrer Annabellas, die sie sich vom Leib hält, immer anders zu maskieren: Grimaldi ist ein heruntergekommener Musketier, Bergetto der dünne Bruder von Baron Ox im exaltiert weiß

Soranzo (Richard Šveda), Annabella (Lavinia Dames), Giovanni (Jussi Myllys). Foto: Hans Jörg Michel

Soranzo (Richard Šveda), Annabella (Lavinia Dames), Giovanni (Jussi Myllys). Foto: Hans Jörg Michel

gepuderten Rokokodress. Soranzo ein edelglatter Wirtschaftswunderboss in Anzug und Krawatte. Da passt eigentlich nicht die altenglische Pavane, die ihn ankündigt. Und Annabella macht er seine Aufwartung mit einem mittelalterlichen Minnelied, von leeren Quinten begleitet. Um sklavische Zuordnung geht es an diesem Abend nicht. Es ist ein Spiel der frei assoziativen Kräfte, gezogen aus der Operngeschichte und mit Witz eingeplant und eingesetzt. Einmal gibt es sogar Singspielallüre, allerdings wird der Dialog in Fantasiesprache gesprochen, was das Publikum mit einem Lacher quittiert. Das ist vielleicht auch das Problematische an der Behandlung des Dramas, dass die Musik sprüht, aber nicht zielführend das Drama fokussiert. Dem Liebespaar kommt man nicht wirklich nahe, auch, weil soviel Aufmerksamkeit auf dem Komödiantischen liegt. Die fürs Schauerdrama typischen Monologe wurden ja gestrichen. Die fast philosophische Auseinandersetzung Giovannis mit dem Mönch über das, was echte Liebe sei, fehlt völlig. Giovanni ist in der Oper auch keine wirklich starke und überzeugende Persönlichkeit, anders als in der Vorlage. Zum Schluss steht er auch noch immer in seiner Fliegenpilz-Schlafanzughose da.
Das Sängerensemble setzt an diesem Abend musikalisch Maßstäbe. Mal psalmodierend erzählend, dann aber wieder mit großen Linien, oder auch mit koloraturhaften Anwandlungen. Alles ist da, was Oper für sie tun kann. Und es wird großartig umgesetzt. Lavinia Dames ist eine auch optisch bezaubernde, in der Höhe perfekt intonierende und immer satt, rund, begehrenswert klingende Annabella, die auch Widerstand zu setzen weiß gegen den ihr aufgezwungenen Ehemann. Jussi Myllys Tenor klingt hell, aber immer mit Substanz. Als Giovanni ist er ein stimmlich ebenbürtiger Partner, und wird im letzten Akt zur Furie, der seine Schwester lieber selbst ermordet,

Foto: Jörg Michel

Foto: Jörg Michel

bevor Soranzo sie auf dem Bankett brüskieren kann. Der Mönch in schwarzer Kutte erhält von Bogdan Taloş ein gewichtiges Basstimbre und wirkt eher wie ein Inquisitor, denn als ein vertrauensvoller Beichtvater wie in der originalen Vorlage. Im letzten Akt steht er bärenstark vorne an der Rampe und intoniert ein Requiem, immer wieder von blechstarken Zwischentönen unterbrochen. Richard Šveda als Soranzo mit sonorem Bariton wandelt sich schnell zum hasserfüllten Gehörnten, der sofort vergisst, dass er Annabella zwar

Vasques (Sami Luttinen), Soranzo (Richard Šveda), Annabella (Lavinia Dames). Foto: Hans Jörg Michel

Vasques (Sami Luttinen), Soranzo (Richard Šveda), Annabella (Lavinia Dames). Foto: Hans Jörg Michel

überstürzt, aber doch unbedingt und aus Liebe haben wollte. Eine wichtige Rolle füllt auch Sami Luttinen als Soranzos Diener Vasques aus. Mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr zieht er als Security Man immer rechtzeitig den Revolver, weiß aber auch mit seiner tiefen Bassstimme vor unüberlegten Handlungen zurückzuhalten und hat am Ende – Verdi lässt grüßen, eine große Arie mit obligatem Violoncello! David Hermann hat die Personenregie perfekt auf die musikalischen Wendungen und Überraschungen abgestellt. Und das Hausensemble spielt großartig mit. Ein zweifellos gelungener Abend, den noch der Chor der Deutschen Oper im Finale als Sprechchor krönt. Unterhaltung hat Anno Schreier versprochen, und die hat er auch geliefert. Ein perfekter “Tatort”-Abend! Das Anfangsmotiv der Titelmusik ist übrigens auch zu hören gewesen. Aber halt! Was hat es mit dem eigenartigen Titel auf sich? Im originalen Stück gibt es am Schluss einen Kardinal aus Rom, bestellt von Soranzo, um seine Rache abzusichern. Sie kommt ja nicht zum Zuge. Giovanni kommt ihm mit dem Mord zuvor, was der Kardinal sinngemäß so kommentiert: „wir werden darüber noch lange sprechen, aber eines steht fest, Inzest und Mord haben sich noch nie so eigenartig getroffen. „Of one so young, so rich in nature’s store, Who could not say, ’Tis Pity She’s A Whore?“

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