RT19 Dido and Aeneas, remembered. Bild: Paul Leclaire

RT19: Purcells Dido and Aeneas als experimentelle Semi-Opera mit zornigem Vergil und Jazzscratching in einer überhitzten Kraftzentrale

Für „Dido and Aeneas, remembered“ hat Regisseur David Marton etwas gemacht, was bei Londoner Aufführungen zu Purcells Zeiten üblich war. Nämlich zwischen die Musiknummern einer Oper Schauspieleinlagen zu schieben. Freilich hier kein William Shakespeare oder John Dryden. Bei der aktuellen „Dido and Aeneas, Remembered“ gräbt sich neu erfundenes Götterpersonal, Jupiter und Juno, archäologisch in die Vergangenheit, um die Zukunft zu suchen, und rezitiert aus Vergils Aeneis. Außerdem thront E-Gitarrist Kalle Kalima in weißem James-Last-Anzug rechts über der leichten Orchestergraben-Vertiefung und führt das Ensemble mit jaulend bis rhythmisch quietschenden, aber auch melodiös-bluesigen Noten durch von ihm neu hinzu komponierte Klangflächen. In das Sängerpersonal, nebst Chor, ist Erika Stucky geschmuggelt. Die amerikanisch-schweizerische Stimmkünstlerin hat einen laut scheppernden Auftritt. Sie zieht mit Schippe von hinten ein, wobei die Schippe auf den Boden kracht und das Publikum auf der Riesentribüne irritiert. Sie ist ja erstmal nicht zu sehen.

RT 19 Erika Stucky als Hexe. Foto: Paul Leclaire

RT 19 Erika Stucky als Hexe. Im Hintergrund Sandsturm. Foto: Paul Leclaire

 Auf der Bühne angekommen schlägt sie auf Stiel und Schaufel, um ihren Jazz-Volksmusik-freien Scatgesang zu begleiten und ruft die bösen Geister auf den Plan. Vor allem gibt sie der Rolle der Purcell‘schen Hexe ganz neue Farben. Das Außergewöhnliche fügt sich in dieser dritten experimentellen RT 19 Musiktheaterproduktion ganz wunderbar! (Von Sabine Weber)

(28.8.2019, Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark-Nord) Es ist die zweite Koproduktion der Ruhrtriennale – nach Heiner Goebbels „Everything…“. Und sie hat nicht nur Chor und Instrumentalisten der Opéra de Lyon erstmals zur Ruhrtriennale geführt. Auch die originale Schauspielbesetzung und Sängerensemble der Uraufführung sind angereist. Lyons Intendant Serge Dorny tummelt sich an diesem heißen Spätsommerabend glücklich vor dem Halleneingang der Kraftzentrale. Dem gebürtigen Belgier ist die Verbindung nach und der Austausch mit Deutschland immer wichtig gewesen. Und in seiner vorletzten Spielzeit, er übernimmt ab 2021 die Bayerische Staatsoper, darf er sein Ensemble und diese Produktion seines Lyoner Opernfestivals auf Nordrhein-Westfalens Vorzeigefestival präsentieren.

Ein für Opernhausdimensionen formatiertes Bühnenbild ist allerdings nicht den Fantasien ausgesetzt worden, die ein gigantischer Industrieraum freisetzt. Sofort kommt einem „Universe, Incomplete“ von 2018 in den Sinn. Oder „De Materie“ 2014 hier in der Kraftzentrale. Für „Dido and Aeneas, remembered“ ist der Riesenraum geteilt und konventionell die Publikumstribüne vor eine Bühne gesetzt worden. Die zeigt eine archäologische Ausgrabungsstätte, die mit einem Ständerwerk in Haus-Form überdacht ist. Wie in einem Sandkasten spielen Jupiter und Juno in römischer Togagewandung. Sie buddeln und sichern erst ein Mobilfunkgerät, dann eine Computer-Maus und schließlich Kabel aller Sorten. Wofür die modernen Kommunikationsrelikte stehen, erschließt sich nicht wirklich. Doch die Ligeti‘schen Atmosphère-ähnlichen Klänge aus dem Orchestergraben sorgen für geheimnisvolle Spannung und eine Live-Cam projiziert das ehrfurchtsvolle Wühlen in extremer Nahaufnahme auf den Hintergrund des Ständerwerks, so, als würde wie bei der Odyssee 2001 die Neuerschaffung der Welt auf Spannung zelebriert. Das hat allerdings auch eine ironische Note, die sich auf die naiven Götter legt, die Mobilschrott begeistert entdecken. Thorbjörn Björnsson und Marie Goyette tragen die neue Nebenhandlungsstruktur als miteinander widerstreitendes Götterchefpaar von ernst bis komisch-grotesk und verhandeln das, was geschehen soll. Einmal ist Jupitervater selbst verbuddelt, und nur noch der sich bewegend Mund wird von der Live-Cam projiziert. Oder er taucht den Kopf in einen mit Wasser gefüllten Amphorenblumentopf, in dem die Kabel und Computerfragmente wie zum Eingeweicht-werden liegen. Kaum zu glauben ist, dass ihre Dialogtexte (ins Englisch übersetzt, was ein bisschen an Shakespeare erinnert) tatsächlich aus Vergils Aeneis – der antiken Urvorlage des Stücks – extrahiert und nicht einfach ein überlieferter Theatertext sind, so kraftvoll wirken sie.

Für eine weitere Kraftquelle sorgt der finnische E-Gitarrist Kalle Kalima nicht nur mit seinem Instrument, sondern auch mit seinen Interludes oder Intermezzi. Er greift Motive von Purcell auf, überlagert Purcell, beispielsweise seine originalen Ostinato-Phrasen, heißt Bassmelodiefolgen, über die immer wieder wiederholt sichdie Oberstimmen entwickeln. In seine Neuen Musikflächen gehen sie auf, sodass sie sich an Purchells Klangbild nicht nur annähern, sondern in sie hinaus und wieder hinein fließen.

Ein bisschen schockartig ist allenfalls der allererste „Einfall“ – wie zu hören – der Purcell‘schen Ouvertüre. Purcells Musik elektrisiert aber sofort, zumal unter der Leitung von Pierre Bleuse die Lyoner Opernorchester-Streicher historisch so informiert aus dem Graben tönen, sogar swingig „inégal“, dass der Barocksound sofort seinen Raum gewinnt. Obwohl auf modernen Instrumenten musiziert wird. Bis auf einen Cembalisten und eine Viola-da-Gamba-Spielerin, letztere – muss erwähnt werden – hält trotz der unglaublichen Hitze impeccable die Intonation. Der Chor – der Lyoner Opernchor phrasiert auf den Punkt – ist bei Purcell omnipräsent, auch wenn er erst einmal und später bei zwei hämischen Lachchören aus dem Off tönt. Er wird als heimatloses Gefolge des Aeneas in Underdog-Kleidung mit Plastiktüten in der Hand sichtbar. Flüchtlinge, die übers Meer an Karthagos Küste zur unglücklichen Königin Dido gespült worden sind. Dido ist Witwe, will aber nicht mehr lieben. Die Staatsräson drängt und Aeneas‘ Erscheinen legt nahe, den Versuch doch noch einmal zu wagen. Es liegt kein guter Segen auf dem Versuch. Denn die Überirdischen, Juno und die Hexe streiten. Juno wütet gegen Aeneas, die Hexe dagegen will Dido vernichten. In diesem mit Vergilschen Texten ausgetragenen Konflikt muss Jupiter schlussendlich Aeneas retten, weil er mit der Gründung Roms einen Geschichtsauftrag zu erfüllen hat. Am Ende sind alle traumatisiert, Jupiter und Juno versenken alle Kabel wieder im Sand. Nur die Hexe ist Gewinnerin, denn Dido stirbt an Aeneas‘ Liebesverrat in einem der berühmtesten Lamenti der barocken Musikgeschichte, den der Chor verfremdet vorweg nimmt:

Didos große lyrische Partie bewältigt Alix le Saux mit warmem Timbre einnehmend und mit königlicher Verve auch in der Verzweiflung. Und wie sie ihren von Vergil in den Mund gelegten Fluch gegen Aeneas und ewige Feindschaft der Kontinente mit Tempo französisch heraus schmettert, lässt einen für einen Moment glauben, dass die Kriege dieser Welt nicht aus geostrategischem Machtkalkül, sondern nur aus einem Liebesverrat wie diesen heraus entstehen.

RT19 Guillame Andrieux und Alix le Saux. Foto: Paul Leclaire

RT19 Guillame Andrieux, Aeneas und Alix le Saux, Dido. Foto: Paul Leclaire

Claron MacFadden ist eine im Barockrepertoire langjährige und stimmlich souveräne Bekannte, die als Didos Vertraute in blauem Sekretärinnen-Kostüm mit ihrer klaren Sopranstimme erstaunlich viel zu singen und zu kommentieren hat. Guillaume Andrieux‘ Bariton in der Rolle des Aeneas klingt wohl der Verstärkung wegen, die es in dieser Halle braucht, etwas unterbelichtet, aber er spricht und spielt dafür um so eindrücklicher.

Aus der einstündigen originalen Oper ist ein fast zweieinhalbstündiger spannender Abend geworden, der gelungen neue Aspekte und Lese- und Spielarten integriert. Gelungen sind die Live Cam Projektionen, die nicht nur für die hinteren Ränge Mimik und Geschehen fokussieren, sondern damit spielen. Durch das nahe an die Gesichter Heranzoomen entstehen surreale Verfremdungseffekte. Einmal entfacht Jupiter so einen Sandsturm aus aufgewirbeltem Sand. Die Bilderfluten der zusätzlichen Videos von Kriegsschauplätzen, wohl inspiriert durch Chortexte wie „Karthago steht morgen in Flammen, hahah“, strapazieren allerdings auch schon einmal. Aber nichts hat so strapaziert wie die Hitze an diesem Abend. Bewundernswert, wie das auf der Bühne und im Orchestergraben durchgestanden wurde. Kalle Kalima streift sich sein Jacket verständlicherweise ab und zieht es erst für den großen Schlussapplaus wieder über. „Rememberd“ – „erinnert“ als Titelzusatz dieses Experiments frei weitergedacht als „erinnerungswürdig” ist eingelöst! Erika Stucky wird man ganz bestimmt nicht so schnell vergessen. Wie sie sich mit ihren lebhaften, teilweise ins Schweizerische oder in Tierlaute abdriftenden Flüchen und Einlässen witzig bis komisch eingebracht hat! Sie muss sogar am Ausgang der Halle ihren Fans das Programm signieren!

 

 

 

 

 

 

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