Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker

RT19: Ensemble Ascolta fegt mit schrägem Roaring-Twenty Sound durch Gordon Kampes „Gefährliche Operette. Eine Wiederbelegung“. Countertenor Daniel Gloger läuft in einer Travestie-Nummernrevue zu Hochform auf!

(Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker) Wiederbelegung ist hier nicht wortwörtlich zu verstehen und schon gar nicht Operette zu erwarten! In 16 Nummern – dazu gehören zwei Instrumentaleinlagen – wird allenfalls Operettenhafter Attitüde genüsslich der Hahn zugedreht. Am Ende ist die Operette eher tot. Lachen und Küssen als Unterhaltungswert wird musikalisch ins melancholisch-tot-Traurige verkehrt, das kleine Vögelchen wird getötet und muss sadistisch ausbluten oder Herzschmerz und deklarierter Lebenssinn wird mit einer Kindermelodie banalisiert. Eine verschrägte Dixielandband – statt Banjo mit dezent verzerrten E-Gitarrenklängen – vor allem mit immer neuen Klangideen, die auch an die Neue-Musik-Avantgarde der Zwanziger Jahre erinnern, wartet mit flirrenden und kratzenden Cellosounds auf, aggressiven Tuschs von Posaune und Trompete und vielen Schlagzeugeffekten von singender Säge über Waldteufel, Blechdosen, bis hin zum scheppernden Pekingoper-Gong und fährt in bissige, bisweilen Lächerlichkeit ausbreitende Texte hinein. Am Ende hat Daniel Gloger sich hinter einem Paravant zig mal in immer andere Klamotten und Posen geworfen und in seiner One-man-Show nicht nur Operetten-Charaktertypen mit Detailfreude untergehen lassen. (Von Sabine Weber)

(4.9.2019, Maschinenhaus Essen) Eine Operettengeschichte, in der sich verzweifelt komisch verstrickt und dann amüsant das Fehlverhalten entlarvt wird, gibt es an diesem Abend nicht. Gordon Kampe hat eine Nummernrevue auf 14 absurde, schräge und bissige, teilweise nur aus zwei Zeilen bestehende Texte von Schorsch Kamerun, Wiglaf Droste, Guillaume Apollinaire oder Kurt Tucholsky entwickelt. Da wird dennoch ein Spiegel hochgehalten. Anders allerdings, als es das Publikum wohl erwartet hat. Zahlreich ist es erschienen, alles ausverkauft, und Karten werden noch gesucht, so dass es sich vor dem Eingang zur Maschinenhalle in Essen staut, während Regen niederschlägt. Aber die ersten gehen bereits wieder nach den ersten Songs. Denn schon im Eröffnungs-“Cancan“ (Text von Schorsch Kamerun) wird phonstark mit Großstadtgetöse abgerechnet, ohne dass eine Note Offenbachs zu hören wäre, wie der Titel Cancan nahelegt.

(Gordon Kampe, Cancan hacke und unmanierlich, Daniel Gloger, Ensemble Ascolta, Catherine Larsen-Maguire, Leitung)

Eher hat man das Gefühl, in einem akustisch umgesetzten Comic zu stehen. Die Musiker mit Silberschlips, Silberfliege, weißem Jackett oder in buntem Hemd sitzen aufgereiht neben dem Mann am Flügel, trinken sich einen oder lesen Zeitung, wenn sie nicht konzentriert an und auf ihren Instrumenten werkeln. Nicht zu vergessen etwas versteckt hinter ihren Aufbauten die beiden Schlagzeuger. Sie sind Teil der Inszenierung, geben schonmal den Operettenchor oder ziehen altmodische Motorradbrillen auf. „Sie dir die Gesellschaft an!“ lautet doch auch Kurt Tucholskys Aufforderung, zwar an ein Baby, um das Tanten und Onkel stehen und es zum Lachen bringen wollen. Zum Weinen! In der nächsten Strophe sind es Kirche, Ministerium und das Vaterland. Zum Lachen! Aber vor allem schaut man an diesem Abend auf den allround-Entertainer und Frontmann. Daniel Gloger ist ein Countertenor der besonderen Sorte. Weniger den Götter- und Heldenarien in Barockopern als vielmehr dem Spezialrepertoire der Neuen Musik hat er sich verschrieben. Darüber hinaus besitzt er die Verve für szenische Einsätze wie sie Gordon Kampes Revue-Experiment braucht, um Gestalt zu bekommen. Und auch den Perversfaktor bringt er noch nonchalant unter, ohne als Künstler unglaubwürdig zu werden. Bei Donald Trumps Mauerbauandrohung – Trump hat es inzwischen zum Textlieferant vieler politisch motivierter Bühnenereignisse geschafft – und seine Worte brechen ab nach „the beauty of me is, that I am very rich. I am their worst nightmare. Grab them by the…“, greift Gloger nach zwei türkis glänzenden eiförmigen Rasseln, um sie entsprechend in seiner Hand zu quetschten. Ob mit Trump-Käppie, als Conchita Wurst, Humphrey Bogart, mit Federboa oder Pelzmantel über Smoking, absolut souverän und glaubhaft wirft er sich in Pose. Er wabert mit der Stimme comicartig, macht Geräuschsounds von Sprechblasen à la Stripsody (von Cathy Berberian) hörbar, steigt in Höhen oder auch in Basstiefen hinab, hat Stimmwucht und kann zwischendurch auch mal ganz normal Sprechtexte rezitieren, wenn das Umziehen länger dauert, sogar hinter dem Paravant. Die Musiker vom Ensemble Ascolta sind auf den Punkt präzis und wunderbar geführt von Catherine Larsen-Maguire, die ihre Musiker vom Barhocker aus steuert und auch mal Wein, Wodka und Plätzchen verteilt. Kleine Tischchen mit Lampen erinnern an versteckte Etablissements der 20er Jahre, wo im Keller zügellos losgelegt wurde. Wieviel unterschiedliche Klangereignisse Gordon Kampe hier entwickelt hat! Nebenbei spielt er auf ein bekanntes Platten-Nadel-Phänomen an, wenn er beispielsweise einen kurzen Abschnitt mehrmals abbrechen und staccato-artig wiederholen lässt, als bliebe die Nadel auf der Platte hängen. Es gibt kurze Schnulzen-Einblendungen auf dem Klavier oder per Band. Oder die Gesangsmelodie wird à la Verdi, aber völlig schräg vom Violoncello im Flageolettregister colla parte unisono geführt. Alles formt sich zu einem Ablauf, wobei dem musikalischen Geschehen hier einen Namen geben zu wollen unmöglich ist. Nicht allen hat es gefallen, aber die, die hineingefunden haben, sind begeistert. Der anwesende Komponist Gordon Kampe, gebürtig aus Herne, wird gefeiert. Aber vor allem die Musiker und Daniel Gloger. Heute Abend gibt es noch eine letzte Vorstellung!

 

 

 

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