Alexandra Hudarew, Tahnee Niboro, Carolin Löffler, Grace Durham, Sarah Maria Sun, Karen Bandelow
Foto: Ludwig Olah

Philip Venables’ Kammeroper „4.48 Psychose“ erlebt ihre deutschsprachige Erstaufführung an der Semper Zwei

Wer ein Theaterstücke von Sarah Kane je erlebt hat, weiß um ihre messerscharfe Beobachtungsgabe und widerständigen Bildmetaphern, die individuelle Zustände brutal offenlegen. So in „4.48 Psychosis“ von 1998. Darin gewährt sie schonungslos Einblicke in eine Depression. Es ist ihr letztes Stück und hat autobiografische Bezüge. Eine Depression hat sie ein Jahr später mit erst 28 Jahre in den Freitod getrieben. Noch nie ist ein Theaterstück von ihr vertont worden. Das dramatische Vermächtnis verwaltet ihr Bruder. Zu ihrem Vermächtnis gehört auch, dass sie ihre Stücke nicht bearbeitet wissen wollte. Gleichzeitig sollten sie aber auch nicht museal verstauben. Ein Widerspruch, über den Philip Venables mit Simon Kane verhandelt und ihn überzeugt hat! 2015 bekommt Venables die Rechte. 2016 wird seine erste abendfüllende Kammeroper unter gleichnamigem Titel am Lyric Theatre Hammersmith, London, uraufgeführt, und frenetisch gefeiert. Noch im gleichen Jahr wird sie mit dem Royal Philharmonic Society Award ausgezeichnet. Das ist die höchste Auszeichnung für aufgeführte Musik in Großbritannien. Ein erstaunlicher Senkrechtstart eines Komponisten, der bisher noch nicht groß aufgefallen ist. Jetzt hat Venables für Dresden eine deutsche Fassung neukomponiert. Neukomponiert, weil die deutsche Übersetzung von Durs Grünbein stammt, der die Vorlage poetisiert und darauf bestanden hat, das nichts verändert wird. Venables hat auch bei der englischen Fassung den Text Kanes vorne stehen lassen und nichts verändert. Seine Vertonung ist also auf Sprachrhythmus angelegt ist. Jetzt hat die deutsche Fassung der ersten Kane-Oper und des Erstlingswerks von Venables an der Semper Zwei die deutsche Erstaufführung erlebt. (von Sabine Weber)

(26. April 2019, Semper Zwei, Dresden) Die fein Angezogenen und Wohlgeschminkten steuern das Hauptportal der Semperoper an. „Schwanensee“ wird gegeben. Eine kleine erlesene Schar trifft sich in der Semper Zwei, direkt hinter der Oper. Für Philip Venables’ Kammeroper „4.48 Psychose“ (Deutsche Fassung). Die Semper Zwei ist ein in den 1980ern errichteter moderner Bau im ansprechenden Bauhaus-Stil. Durch Brücken und Durchgänge ist sie mit der Oper verbunden und besitzt eine Probebühne, die sich unter der Leitung von Matthias Weiß seit einigen Jahren zu einer bemerkenswerten Experimentierstätte für junge Komponisten und verschiedene Musiktheaterformate entwickelt hat. Weiß hatte Venables’ Produktion in London gesehen und gewusst, dass es ein Stück für Semper Zwei ist. Denn nur eine intensive Zusammenarbeit aller bringt ein solches Projekt zum Erfolg. Das Team um Regisseur Tobias Heyder, mit Bühnenbildner und Kostümschneider Stephan von Wedel, Videokünstler Benedikt Schulte und Belichter Marco Dietzel hat intensivst mit der musikalischen Seite zusammengearbeitet: 12 Instrumentalisten mit einem schwarzen Gazevorhang hinter der Bühne abgetrennt. Sie agieren unter der Leitung von Max Renne, der die Bühne also im Rücken hatte. Als Dirigent kennt er solche experimentellen Situationen von der Werkstattbühne der Berliner Oper, wo er einige Male schon mitgewirkt hat. Es gibt ein Frauensextett mit Sarah Maria Sun im Zentrum. Sie ist eine Neue-Musik-Spezialistin und hat schon einige Male an Projekten an der Semper Zwei mitgewirkt. Den Sängerinnen, allesamt Sopranistinnen, gibt ein Extradirigent von der ersten Publikumsreihe aus die Einsätze. Die zahlreichen Sprachaufnahmen, es wird auch viel gesprochen, sind unter der Leitung von Dramaturgin Juliane Schunke von einem Technikteam und mit den Solistinnen vorab erarbeitet worden. Nicht nur Dirigent Renne, auch die Musiker haben „Klicks“ im Ohr, um ihr Spiel mit den Einspielern zu koordinieren. Zwei Wochen lang hat das vielschichtige Projekt unter dem Komponisten Venables seinen letzten Schliff bekommen.

Und es ist ein Gesamtkunstwerk von unglaublicher Intensität geworden, auch wenn es sich um eine Kammeroper handelt. Die Bühne besteht nur aus einem viereckigen, langgezogenen Graben. Darin ein graues Sofa. Das Frauenquartett quetscht sich bereits auf dem Sofa, während das Publikum die Stuhlreihen vor und neben dem Bühnengraben besetzt. Eine belanglose Lounge-Musik dudelt in einer Endlosschleife, bis der linke Schlagzeuger mit der Faust auf die große Trommel haut. Im Rhythmus erscheinen Wörter in Übertiteln: „Ab-er – sie – ha-ben – doch – Freun-de.“ … Mit jedem Satz wird die Trommel lauter. „Sie – ha-ben – sehr – vie-le – Freun-de.“ Die andere Trommel schweigt. Im Verlauf des Stücks kehrt dieser perkussive Doktor-Patient Dialog noch einige Male wieder. Und immer mehr offenbart sich das Ausgeliefert-sein eines Menschen, dem Patienten, der um Liebe, Verständnis und Anerkennung ringt, und versucht, den fortschreitenden Verlust seines „Ichs“ zu verhindern. Zum Schluss sägt der Doktor den Sprechrhythmus und die Trommel des Patienten verzerrt den Klang mit einem Gummischlegel. Nur noch die Hälfte der Silben werden ausgesprochen…

Mit 24 kurzen Tableaux hat Sarah Kane die Struktur vorgegeben. Sie besteht aus vielfältigen dialogischen Szenen. Es gibt neben den Arzt-Patient-Gesprächen auch den Dialog mit sich selbst. Gedankengänge oder Erinnerungsfragmente, Verzweiflungs-, Hass- und Zornesausbrüche. „Depression heißt Zorn!“, so Kane im Stück. Es gibt keine Personenangaben. Daher hat Venables das sprechende Ich in sechs Frauenstimmen aufgespalten, die dezent modern, farblich blau, beige und weiß eingekleidet sind. Die Persönlichkeitsspaltung wird musikalisch in polyphonen Überlagerungen deutlich, verdichtet in unisono-Linien, oder formt sich zu madrigalesken Ensembles. Es wird gesprochen, auch vom Band, da auch mal stotternd verzerrt. Unentwegt wird interagiert, miteinander, nebeneinander, gegeneinander. Die einzelnen Ichs würgen sich, umarmen schwarze Stühle – einzige Requisite – oder werfen sie krachend zu Boden. Sarah Maria Sun ist auch schlafend auf einem Video auf dem Gazevorhang zu sehen. Sie steckt so intensiv in ihrer Rolle, dass sie an einer Stelle tatsächlich Rotz und Wasser heult. Grace Durham, ebenso wie Tahnee Niboro, sind vom jungen Ensemble der Semperoper. Durham sorgt mit einem Song, der an die Lautenlieder Purcells erinnert, für einen der sentimentalsten Momente. Dieser Song ist in englischer Sprache verblieben, was wie ein exterritorialer melancholischer Stillstand wirkt. Sarah Alexandra Hudarew liefert tiefe satte Töne. Carolin Löffler muss auch mal die Arztfigur mimen, die seltsame, in der Psychiatrie wohl übliche Rechenexperimente durchführt, und sich einmal einen weißen Kittel überwirft, um mit ganzem Körpereinsatz die widerständige Patientin ruhig zu stellen. Sie stopft Mullbinden in die Münder.

Das Orchester mit Flöte, einem Saxophonquartett, Akkordeon und Streichern haut immer wieder zackige Cluster hinein. Oder legt sanfte Klangflächen. Das Akkordeon liefert in höchsten Lagen unangenehm psychotische Töne. Während Regisseur Tobias Heyder über die gut anderthalb Stunden immer neue Spannungsdiagramme in dem eigentlich leeren Raum entwirft, öffnet Venables mit kleinen spielerischen Details, wie unerwarteten Klavierklängen, einmal klimpert auch ein Toypiano, den klangliche Raum assoziativ neu. Die Angst ist musikalisch immer wieder zu spüren. Verstörend ist eine Szenen, in der Psychopharmaka mitsamt Dosierung und ekelhaften Nebenwirkungen aufgezählt werden und Orgelklänge dazu pathetisch auffahren. Der Gott in weiß spricht! Es werden Geschenkschachteln freudig ausgepackt, die zum Entsetzen nur Medikamente enthalten. So wird also die Hoffnung auf Heilung beantwortet und enttäuscht. „Knipsen Sie mir nicht den Verstand aus, indem Sie versuchen, mich in Ordnung zu bringen!“

Faszinierend ist, wie im hörenden und sehenden Nachvollzug an diesem Abend die Depression verräumlicht begehbar wird. Die von Venables entworfenen und von dem Team theatral überaus plausibel dargestellten Ausnahmezustände machen betroffen. Denn sie widerspiegeln kein fremdes Krankheitsbild. Erstaunlich viele Momente kennen wir aus unserem Leben. Die Scham darüber, nicht so zu sein wie die anderen. Den eigenen Körper nicht zu akzeptieren. Nicht geliebt zu werden. Eine Wut auf die politischen Missstände in der Welt, die sich plötzlich zu einer Wut auf sich selbst verkehrt. Unsicherheit, die zum Verlust des Ichs führt… „Meine Liebe, meine Liebe, warum hast Du mich verlassen!“ Hier geht es auch um eine Passion. Um Leiden und Mitleiden. Ein im Programmheft abgedruckter Artikel, der kürzlich unter dem Titel „Drang nach Leben“ im Spiegel veröffentlicht wurde, verweist auf die Aktualität des Themas. „Suizid ist weltweit unter jungen Menschen die zweithäufigste Todesursache – eine leider noch immer viel zu selten thematisierte Tragödie“, ist da nachzulesen. Die messerscharfen Beschreibungen der Gefühlszustände Sarah Kanes, poetisch übersetzt von Durs Grünbein, auf der Bühne verräumlicht durch ein sechsköpfiges Frauenensemble, mit Video und nicht zuletzt der Musik Philip Venables kreiert eine Sensiblisierung in eindrücklicher Weise. Drei Mal wacht die schlafende Person im Video von Benedikt Schulte, die immer wieder eingeblendet wird, sich auch mal verdoppelt und verdreifacht hat, auf und setzt sich aufrecht hin. Das ist die Zeit des Erwachens, „wenn die Klarheit vorbeischaut“,

Sarah Maria Sun Foto: Ludwig Olah

Sarah Maria Sun. Foto: Ludwig Olah 

immer um 4 Uhr 48. Ein Moment von kurzer Dauer. Denn diesem Ich konnte nicht geholfen werden. „Wem ich nie begegnete, das bin ich, mit dem Gesicht eingenäht in den Saum meines Bewusstseins…“ lautet einer der letzten Sätze im Stück, im pianissimo vorgetragen von Sarah Maria Sun, die dann noch ins Publikum haucht: „bitte den Vorhang heben“. Und alles wird schwarz. Hier zeigt Oper, dass sie auch ein emotional belastendes Thema in eine überzeugende Darstellungsform zu bringen vermag. Und wer mehr über den Opernkomponisten Philip Venables erfahren will, der hätte dazu in einem Portraitkonzert in der Reihe „Fokus“ am 2. Mai auf der Probebühne II Gelegenheit.

 

 

 

 

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