Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“ wird aktuell zugunsten des Theater Bonns entschieden!

Yannick-Muriel Noah (Emilia Marty); Christian Georg (Vítek); Johannes Mertes (Hauk-Šendorf); Thomas Piffka (Albert Gregor). Foto: Theater Bonn

Yannick-Muriel Noah (Emilia Marty); Christian Georg (Vítek); Johannes Mertes (Hauk-Šendorf);
Thomas Piffka (Albert Gregor). Foto: Theater Bonn

Wenn Juristen zu einem Prozessausgang befragt werden, antworten sie gern: „kommt ganz drauf an!“ Und ziehen sich aus der Affäre. In der aktuellen Bonner Inszenierung von Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“ kommt alles auf sie an: die kanadische Sopranistin Yannick-Muriel Noah. Sie verkörpert nämlich die Hauptrolle der Emilia Marty, die in einen bereits seit 100 Jahren währenden Prozessverlauf eingreift! Und sie verändert nicht nur die Aktenlage, sie stürzt auch sämtliche beteiligten Männer und mit ihnen eine männlich dominierte Welt in eine Sinnkrise! Und entscheidet sich im Finale dann lieber auch zu sterben!
(Von Sabine Weber)

(7. April 2019, Theater Bonn) Die Oper beginnt um 13 Uhr, so der Anwaltsgehilfe Vitek gleich nach der Ouvertüre, dem sich bald weitere Gehilfen beigesellen, um eine Blätterflut aufzusammeln und zu ordnen, die aus dem Bürohimmel regnet. Dieser Prozess schwelt schon seit über 100 Jahren und hat Unmengen an Akten erzeugt. Als die Operndiva Emilia Marty in großem Hut und Fuchspelzkragen in den Raum tritt, erhält der Prozess sofort eine neue Wendung. Es ist ein unglaublicher Stoff, den sich Leoš Janácek da vorgenommen hat. Karel Čapeks Komödie, die Vorlage, die Janáček adaptiert, handelt von einer unsterblichen femme fatale, die sich seit 300 Jahren mittels Liebesaffären durch Männergeschichten bewegt, immer mit neuem Namen, allerdings mit denselben Initialen E.M., derzeit als autonome und als bühnenwirksame Operndiva Emilia Marty. Und nachdem sie sich in einen Prozess über Erbstreitigkeiten eingemischt hat, in den einige Personen verwickelt sind, ist sie dort bald auch da die entscheidende Person. Nicht zuletzt, weil sie eine Affäre mit dem Erblasser hatte und Mutter seines unehelichen Sohnes ist, dem das Erbe streitig gemacht wurde, und dessen Nachfahre es mit diesem Prozess zurückzubekommen versucht. Sie weiß, wo das Testament versteckt liegt. Der Grund für ihre Einmischung ist allerdings, dass sie die Formel für das Unsterblichkeits-Elexier braucht. Die Wirkung scheint nachzulassen. Dieses Dokument hat sie ihrem damaligen Geliebten Joseph Ferdinand Prus – dem Erblasser – gegeben. Und das vermutet sie da, wo das Testament auch lagert. Die Herausforderung in dieser Verwicklung von alten und neuen Geschichten ist es, eine Logik im Hier und Jetzt zu transportieren. Und das funktioniert bei soviel Personal nur in Dialogen. Genau das muss dem musikalischen Sprach- und Melodieforscher Janáček die Herausforderung gewesen sein. Eine Oper in Dialogform, rein aus den Errungenschaften zu entwickeln, deren er sich bereits in vorherigen Opern vergewissert hat. Und jetzt auf die Spitze zu treiben in einer reinen Dialog-Oper – ohne Ensembles oder Arien-Monologe. Das gelingt Janáček in einer verblüffenden Eindrücklichkeit, die zugleich ungemein modern und dann wieder typisch Janácek geblieben ist. Mit oftmals virulenten Orchesterflächen, die besonderen kammermusikalischen und für Janácek typisch folkloristischen oder sentimentalen Momenten mit quietschenden Klarinetten oder Solovioline Raum geben. Aber vor allem liefern die Orchesterklänge einen Zusammenhalt und die tragische Grundierung, an die die Gesangsebene als völlig selbstständige Ebene andockt. Dieser wichtigen Aufgabe wird das Bonner Beethovenorchester unter dem erst 27jährigen Ersten Kapellmeister Hermes Helfricht durch eine dichte und dennoch transparente Gestaltung absolut gerecht. Und das Gesangsensemble, fast ausschließlich aus dem Bonner Ensemble besetzt, liefert ein stimmlich überzeugendes Bühnenpendant zum Graben. Allen voran Sopranistin Yannick-Muriel Noah, seit 2013 im Ensemble. Ihr scheint die Rolle der Emilia Marty wie auf den Leib geschnitten zu sein. Zwei Stunden steht sie im Fokus, fordert, vermittelt, verhandelt und besticht die Männer. Mit dramatischem Verve füllt sie diese große Frauenrolle aus. Umringt von Männern, mit denen sie sich souverän auseinandersetzt. Mit Albert Gregor, besetzt mit Tenor Thomas Piffka, der um das verlorene Erbe seines Vorfahren kämpft, und sich sofort in die Geheimnisvolle verliebt, auch, weil er sich Aufschluss über die eigene Vergangenheit erhofft, und der sich mit hohem dramatischen Einsatz dabei auch schon einmal überschlägt. Bariton Ivan Krutikov verteidigt als Jaroslav Prus das sich angeeignete Erbe. Einmal sogar von der Kanzlerloge aus, die es im Bonner Theater rechts oben gibt. Und er bietet Emilia Marty sofort einen Deal an: Liebesdienst gegen Dokument, der für ihn allerdings nicht befriedigend ausgeht! Denn E.M. kann sich auch von der kalten Seite zeigen. Jaroslav Prus‘ Sohn Janek wiederum, in der relativ kleinen Rolle überzeugt Tenor David Lee, ist eigentlich der Freund der Tochter des Anwaltsgehilfen, verliebt sich aber so in die femme fatale, dass er sich umbringt. Johannes Mertes als Hauk-Schendorf – laut Janácek eine „Operettentenorrolle!“ – ist durch die Liebe mit einer gewissen Eugene Montez wahnsinnig geworden, zieht depressiv einen Stuhl vor einem geschlossenen roten Vorhang von rechts nach links oder taucht in der im Blumenmeer versinkenden Kanzlei auf, um – wie alle Männer – noch einmal Avancen bei der aktuellen E.M. zu versuchen. Das alles verschachtelt sich wunderbar erklärt durch die Musik und das Bühnengeschehen.

Regisseur Christopher Alden gingen Vorbehalte voraus. Denn es handelt sich bei der Bonner Premiere um die Übernahme einer Inszenierung von 2006 an der English National Opera in London. Und die wurde zurückhaltend besprochen, ein Patengeschenk mit Hypothek also fürs nächste Haus. Doch den Banken darf misstraut werden. Die Hypothek hat sich in Bonn völlig aufgelöst. Christopher Alden, einer der Alden-Twins-Regisseure, hat sich wohl noch einmal intensiv mit der Sache auseinandergesetzt. Das Einheitsbühnenbild von Charles Edwards ist geblieben. Eine Anwaltskanzlei, die man sich im Bürostil des ehemaligen Gerlingkonzerns in Köln vorstellen mag. Hohe Decken, kahle Wände und eine Glasfront rechts mit Glastüren und Glasfenstern bauhausmäßig quadratisch angeordnet, durch die gleich zu Anfang helles Mittagslicht scheint. Dicht ist die Personenregie und immer wieder neu die Aufregung unter den Männern, die Kostümbildnerin Sue Willmington in juristisches Anzugsgrau der 20er Jahre kleidet. Und wie die erzwungene Liebesszene zeigt, tragen die Männer auch noch Strumpfhalter über den Waden. Diese Männerwelt ist jener starken Frau allerdings nicht gewachsen. Immer wieder blicken Männer durch die Glasfront von draußen auf die Frau, wie in einem Aquarium. Oder kommen hinein und applaudieren ihr ungehört in slow motion! Am Ende klärt E.M. ihre unheimliche Existenz auf. Dann gibt es doch noch einen großen Monolog. Sie gesteht ihre wahre Liebe zu „Pepi Prus“, dem Erblasser dieser Geschichte. Und da gehen sogar die Streicher einmal mit ihrer Gesangsmelodie colla parte und spielen große romantische Oper. Für dieses Ereignis kann ein Mensch schon 300 Jahre leben. Doch jetzt ist genug. Nach diesem Prozess will sie sterben. Eine großartige Leistung des Bonner Theaters, und viel Applaus für das Regieteam, das von Yannick-Muriel Noah auf die Bühne geholt wird. Ebenso wie Hermes Helfricht, der, als er das Orchester aufzustehen bitte, fast in den Orchestergraben gestolpert wäre!

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