Morenike Fadayomi als Hulda. Foto: Tanja Dorendorf

Francks „Hulda“ und eine Kooproduktion der Oper mit Musikhochschulen begeistern am Theater Freiburg

Morenike Fadayomi als Hulda. Foto: Tanja Dorendorf

Morenike Fadayomi als Hulda. Fotos: Tanja Dorendorf

Standing Ovations und rhythmisches Klatschen nach dem endgültigen Schlussvorhang zwingen am Freiburger Theater das Ensemble doch noch einmal zur Aufstellung in Reihe! Das Haus ist bei der Dernière erneut fast ausverkauft. Wie jede Aufführung von César Francks „Hulda“. Die Inszenierung ist seit ihrer Premiere ein Renner in Freiburg. Diese Produktion ist auch mehr als eine bloße Wiederentdeckung einer Rarität. Es ist Freiburg gelungen, Franck als großartigen Opernkomponisten zu entdecken. Regisseur Tilman Knabe hat das Publikum zudem mit der politischen Aktualität des zeitlosen Stoffes eindrücklich konfrontiert. An diesem Sonntag ist zwei Stunden später im kleinen Haus des Freiburger Theaters ein Projekt von Studierenden der Hochschule für Musik in Freiburg, der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und der Akademie für Bildende Künste Stuttgart am Start, das bereits am Abend zuvor bei der Uraufführung aufhorchen ließ. Szenen aus Georg Friedrich Händels „Alcina“ sind mit Einaktern zweier Kompositionsstudenten aus der Klasse Brice Pausets verschmolzen. Das außergewöhnliche dieses Projekts: Studierende der Opernklasse und studentische Instrumentalisten konnten sich gleichermaßen in Alter und Neuer Musik beweisen. Und unter der Leitung von Brice Pauset haben nicht nur ausschließlich Studierende gesungen und gespielt. Das gesamte Regieteam, inklusive Kostümbildner, hat sich aus Studierenden rekrutiert. Auch das Bühnenbild lag in ihren Händen! Logischerweise ist auch das Publikum im Durchschnitt 30 Jahre jünger gewesen als im großen Haus, aber am Ende ebenso euphorisch. Jedenfalls am Samstagabend. Da hat es doch gepasst, dass der Zugang zum kleinen Haus durch eine sympathische Theaterbar führt, in der hinterher die After-Party bis zwei Uhr nachts stattfinden konnte. (Von Sabine Weber)
(15. und 16. Juni 2019, Theater Freiburg, Kleines und Großes Haus) Das war ein pralles Wochenende, gefüllt mit Staunen darüber, was in der 230.000 Einwohner zählenden Stadt Freiburg in der Oper an diesem Wochenende los ist. Historisches in Sachen Neu-Entdeckung eines französischen Komponisten, den wir bis zu dieser Spielzeit nicht auf der Opernlandkarte hatten! Und Experimentelles im Sinne eines zukunftsweisenden übergreifenden Studierenden-Projekts unter der Leitung des Komponisten und Kompositionsprofessors Brice Pauset.
Die Franzosen punkten mächtig!
Hulda ist auch auf Initiative des umtriebigen und Recherche-freudigen Generalmusikdirektors Fabrice Bollon in Freiburg in Deutschland und nicht zuletzt in der Opernwelt angekommen. Francks 1885 vollendete und klanglich gewaltige Oper, vergleichbar mit der französischen Grand Opéra, ist auch erstmals in einer vollständigen Fassung auf die Bühne gekommen.
Fünf Jahre vor César Francks Tod vollendet, hat Franck sein Opus magnum selber nie hören dürfen. Und posthum aufgeführt, hat sie kein Glück gehabt. Denn nur ‚radikal verstümmelte Strichfassungen‘ sind zur Aufführung gekommen, so Dramaturg Heiko Voss bei der Einführung. Bollon wusste, dass genau das vor 125 Jahren zu falschen Eindrücken geführt hat, dem Lob der Musik vielleicht weniger Abbruch getan hat, aber doch der dramaturgischen Schlüssigkeit des Stücks und letztlich seiner Bühnentauglichkeit. Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters liefert ein Beispiel für diese Rezeptionsgeschichte. Das Libretto sei schlecht, die feinen psychologischen Konflikte der Vorlage nivelliert. Die Gegenspielerin Huldas, Swanhilde, zu einer Randfigur degradiert, tauche völlig unmotiviert im letzten Akt auf. Von Francks literarischer Anspruchslosigkeit ist sogar die Rede… Falsch!, wie Freiburg jetzt bewiesen hat. Es entwickelt sich eine höchst dramatische, psychologisch auf die Hauptfigur bezogene Handlung bis hin zu einem brutalen Finale. Man hat sich die gesamten Manuskripte aus der Pariser Bibliothèque national kommen lassen und eine Fassung mit nur wenigen, kleinen Strichen erstellt. Und die Psychologie aus Bjørnstjerne Bjørnsons Vorlage, in der sich altnordische Sippen, beziehungsweise Ethnien um Landnahme bekriegen und verschleppen, übersetzt Regisseur Tilman Knabe völlig schlüssig in ein politisches Szenario nach Afrika, in den Kongo. Überfälle auf Dörfer, brutale Milizionäre, misshandelte Frauen und Kinder, bis hin zu Kindersoldaten.

Tilman Knabe erfindet geradezu eine Opernentsprechung zu Milo Raus Kongo-Tribunal. Wer diesen Film nicht gesehen hat: Theatermann Rau hat im Kongo ein Volkstribunal veranstaltet, um Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Prozess zu versammeln. Die Verfilmung dieses Tribunals hat 2017 in der Semaine de la Critique des Locarno-Festivals seine Weltpremiere gefeiert. Auch in Knabes Regie wird dieser üble, durch die europäische Destabilisierung des afrikanischen Kontinents auf die Ethnien übertragene Kolonialismus in jedem Detail spürbar. Unterstützt wird dies von eingeblendeten oder einmal sogar als Melodram auf Musik gesprochenen Texten von Jean-Paul Sartre, Ngũgĩ wa Thiong’o oder Akwaeke Emezi, die sehr betroffen machen. Auch Patrice Lumumba ist in einer visionären Szene einmal eingeblendet, wenn die Drehbühne von Kaspar Zwimper das zerstörte Dorf verschwinden lässt. Die Belgier waren ja maßgeblich für die Ermordung des damaligen kongolesischen Präsidenten verantwortlich, der es vielleicht geschafft hätte, sein Land zu befrieden. „Afrika, setze deine Krone auf, wir bauen eine neue Stadt!“, so oder so ähnlich ist es weiß auf schwarz vorne zu lesen. Hulda bleibt auch nicht nur das Opfer. Morenike Fadayomi hat hier eine gewaltige, aber wie es scheint auf sie maßgeschneiderte Rolle gefunden. Sie füllt den der Wagnerischen Brünnhilde-Partie ebenbürtig dramatischen Gesangspart mit Verve in den Ausbrüchen und erschütternd mit gurgelndem Zorn in den Racheschwüren aus. Sie findet aber auch beschwörend leise Töne, wenn sie im Terzett im letzten Akt Zeugin des Verrats an ihr wird und wie eine afrikanische Schamanin mit Hörnern auf dem Kopf und Gesichtsbemalung die Geister der Urahnen beschwört. Als personifizierte Rache wird sie zum Schluss sogar zur Allegorie eines geschundenen Kontinents. Eine afrikanische Jeanne d’Arc wird in Freiburg neu geboren, zu, ganz untypisch französisch eigentlich, gewaltig aufgebauten, hochromantisch blechgeschwängerten dichten Orchesterklängen.

Die Stimmungswechsel erfolgen bei Franck, und das ist wieder typisch französisch, relativ schnell. Tumultuös kämpferisch tönt das Philharmonische Orchester Freiburg unter Bollon und im nächsten Moment schon wieder leicht, tänzerisch. Eine Liebesnacht lädt sich ekstatisch auf, ohne feine, erotische Noten zu vergessen. Großartige Chornummern, aber auch feinen Vokalensembles mit fast kirchenmusikalischer Ambiance bezieht Franck immer wieder ein. Die Musik fällt in keinem Moment ab und sorgt immer wieder für farbige Abwechslung. Franck wusste zudem für die Stimmen zu komponieren. Auch wenn er der Stentorpartie, mit Tenor Joshua Kohl hervorragend besetzt, einiges an Kraft im Brustregister abverlangt. Großartig lassen sich alle an diesem letzten Abend hören. Und bis auf die Hauptpartie scheinen alle auch aus dem Ensemble besetzt zu sein, aus dem auch die Rettung für eine auf dem Weg verunglückte Sängerin kommt. Altistin Anja Jung springt ein und singt von der Seite, auf der Bühne selbst gedoubelt von der Regieassistentin Miriam Götz. Was für ein Ensemble! Am Ende, nach Huldas großem letzten Monolog mit Chorbegleitung, liegt sie erschossen auf einem Pick-up. Alles ist verstummt. Da tritt ihre aus einer Vergewaltigung geborene Tochter an die Rampe und hält dem Publikum ein Tagebuch der Zeugenschaft entgegen. Ein Cahier africain, wie es tatsächlich über die kongolesischen Gräuel beim internationalen Gerichtshof in Den Haag eingereicht wurde. Es ist eine stumme Anklage, die einem fast die Tränen in die Augen treibt. Die Welt muss erfahren, woran sie Schuld trägt. Das Hinschauen, wie an diesem einmaligen Opernnachmittag, ist ein erster Schritt!

„Schau mich an!“ Das hat auch als Überschrift über dem parallelen Studentenprojekt in Kooproduktion mit der Freiburger Oper gestanden. Und richtig, das ist unsere musikalische Zukunft, die wir hier erleben! Und leicht haben es die beiden jungen Komponisten des Abends nicht gehabt. Die Vorgabe war, für das Ensemble, das für Georg Friedrich Händels Alcina auf der Bühne sitzt, zu komponieren. Also einfache Streicherbesetzung mit Kontrabass und einfaches Holz mit Flöte, Fagott, Oboe und Klarinette und ein Cembalo. Etwas erweitert durch ein Schlagzeug. Der aus Moskau stammende Ruslan Khazipov hat sich Isaac B. Singers The Cabalist of East Broadway vorgenommen, eine surrealistische Geschichte über einen heruntergekommenen jüdischen Gelehrten namens Yabloner in New York. Und die in Baden-Baden aufgewachsene Céline Steiner hat Ingeborg Bachmanns Malina kondensiert. Bachmann hat diesen Roman als autobiografisch in einem imaginären Sinn bezeichnet. Das weibliche Ich fühlt sich verlassen, und es droht, die Verbindung zum Leben zu verlieren.

Schau mich an. Isabel Weller, Lara Morger, Julia Hilpert. Foto: Rainer Muranyi

Schau mich an. Isabel Weller, Lara Morger, Julia Hilpert. Foto: Rainer Muranyi

Céline Steiner hat sich das Libretto aus dem Roman selbst heraus kondensiert. Es musste für Sie dieser Roman sein, mit dem sie sich schon länger beschäftigt. Ein knappes Jahr war Zeit, in Zusammenarbeit mit den Sängern die Kammeropern zu entwickeln. Herausgekommen, unter der Aufsicht ihres Mentors und Lehrers Brice Pauset versteht sich, sind zwei faszinierende Stücke, die als veritable Erstlingsopernwerke gelten dürfen. Khazipovs Musik beginnt mit einem Bratschen-Solo zu langgezogenen einzelnen, mikrotonal schwebenden Glissandotönen, die später abrupt von Holzbläsereinwürfen konterkariert werden. Ein Klavier tönt von der Seite der Bühne mit Skrjabin-ähnlichen Klängen dazu. Es gibt immer wieder barocke Allusionen, Virtuosengeschrubbel in den Geigen à la Vivaldi und auch lustige Passagen und Rollen in dieser vom schwarz-jiddischen Humor geprägten Geschichte. In Céline Steiners Malina-Erzählung steht das weibliche Ich im Vordergrund, eine Frau, die auf den Telefonanruf ihres Geliebten warte. La voix humaine! Mit einem Riesenbleistift schreibt die Darstellerin einen Brief, den sie nie abschicken wird. Nur an die verbleibende Kontaktperson, Malina, richtet sie noch Hilferufe. Ein Horn hat Steiner in die Partitur einbezogen. Und Anklänge an eine Händel’sche Sinfonie. Am Ende spaltet sich ein Schatten tatsächlich ab, verkörpert durch eine zweiten Stimme, und lässt mit einer Arie von Händel die Tränen fließen. Das sind keine anspruchslosen Geschichten, auf die sich die jungen Solisten hier engagiert einlassen. Isabel Weiler mit weich fließend-sprechendem Sopran, die aber auch ganz zickig bestimmend auffahren kann. Altistin Julia Hilpert ausdrucks- und koloraturenstark im barocken Repertoire, ebenso wie Mezzo Lara Morger. Heejin Kim ist ein spielfreudiges Schauspielpfund und schmettert schon ordentlich dramatische Höhen, nur mit minimalen Intonationstrübungen, und verfügt bereits über eine erstaunlich modulierfähige Tongebung. Bariton Malte Kebschull und

Malte Kebschull und Steffen Schwendner als Yabloner und Erzähler. Foto: Rainer Muranyi

Malte Kebschull und Steffen Schwendner als Yabloner und Erzähler. Foto: Rainer Muranyi

Tenor Steffen Schwendtner teilen sich die Männerrollen auf, und ergänzen sich schauspielerisch wunderbar. Begleitet wurden sie von einem Instrumental-Ensemble unter der Leitung von Brice Pauset, der als Dirigent des Abends spürbar seine Freude an der barocken Musik hat. Barockes und Neue Musik fügt sich wunderbar ineinander, in Szene  gesetzt von Regisseur Johann Diel. Er hat wohl auch die Handwerker in den Stuttgarter Studentenwerkstätten für den Bau der Bühnenelemente rekrutiert, zwei mit Vorhang abgetrennte Kammern rechts und links, auf die jeweils von der Mitte ausgehend eine kleine Treppe führt, und dazugehörige Requisiten, wie zwei senfgelbe Sessel, ein Bett mit Straßenlaterne über dem Kopfende und eine Riesenkleenexbox mit Riesen-Papiertaschentüchern für die Tränen, die aus enttäuschter Liebe fließen. (Bühne: Lynn Scheidweiler und Paula Mierzowosky) Ein Geräuschband mit analogem Telefongeklingel ist immer wieder ein akustischer Raumtrenner. Das funktioniert nicht nur bei den Szenensprüngen in Händels Alcina. Es ist auch das Trennungsmoment zwischen den drei Teilen, die aneinander anschließen. Ein absolut konzentrierter, fast zwei Stunden dauernder Abend ist das, ohne Pause für die Solisten, die als Statisten mitwirken, so sie nicht singen, Musiker, Dirigent und das Publikum.

Brise Pauset, ganz links, und sein Ensemble nach dem Konzert. Foto: Sabine Weber

Brice Pauset, ganz links, und sein zufriedenes Ensemble nach dem Musiktheaterabend. Foto: Sabine Weber

Von der ersten bis zur letzten Minute hin hält die Spannung. Dieser Versuch, der so noch nicht stattgefunden hat, gelingt in dem schwarzen Saal, der mit seinen aufsteigenden Sitzreihen eine offen-experimentelle Atmosphäre ja auch anbietet! Ein Ingenieursstudent, der zufällig in die Aufführung gefunden hat, meint hinterher, er hätte sich doch besser etwas vorbereiten sollen. Das würde er eben jetzt im Nachgang machen. Die Inszenierung wird übrigens noch ein drittes Mal zu sehen sein. Am 18. Juni im Rahmen des 1. Baden-Württembergischen Opernschultreffens im Wilhelma-Theater Stuttgart. Beginn ist um 19.00 Uhr.

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