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„Der Goldene Drache“ von Peter Eötvös in Mönchengladbach und der Komponist sitzt im Publikum!

Das Theater Krefeld-Mönchengladbach ist die älteste Theaterhaus-Ehe der Republik! Die verläuft erfolgreich und glücklich, hat allenfalls einen kleinen Schönheitsfehler, dass es nämlich die A-Premieren gibt, die, wenn sie ins zweite Haus wandern, nur noch B-Premiere sind. In NRW hat eine solche B-Premiere aber einen Vorteil. Wer die A-Premiere eines Stückes nicht besuchen kann, darf nicht allzu weit weg auf die B-Premiere setzen. Und die hat mit dem MusikTheater „Der Goldene Drache“ in Mönchengladbach einen zufällig glamourösen Zusatzeffekt bekommen. Komponist Peter Eötvös reist an, stellt sich im Theaterkaffee dem Publikum in einem lockeren Gespräch mit der Dramaturgin Ulrike Aistleitner auch vor und sitzt schließlich mit offenkundiger Anteilnahme in der Aufführung. Zu erkennen an der Hand, die an bestimmten Stellen als Spannungsbarometer ihre Position im Gesicht verändert. Und ziemlich häufig setzt er auch ein wohlwollendes bis amüsiertes Lächeln auf! (Von Sabine Weber)
(28. September 2019, Theater Krefeld-Mönchengladbach, Mönchengladbach) Seine Werke sind ja auch seine Kinder! Und wann immer möglich, besucht Peter Eötvös ihre Aufführungen. An die 500 hat er bereits besucht (siehe Interview). Und seine 10 „Opern“, die er mit „Tre Sestri“, seinem ersten durchschlagenden Erfolg, beginnt zu zählen, sollen bitte nicht Oper sondern MusikTheater heißen. Ihm sei das Theatrale, nämlich die Sprachbezogenheit wichtig. Dazu das Spielerische! Und das ist in Mönchengladbach an diesem Abend hinreißend und vorbildlich! Nicht nur jedes Wort ist zu verstehen! Es wird ohne Sängerallüre, normal, allenfalls wie im Sprechtheater gesprochen! Dafür hat Regisseurin Petra Luisa Meyer vier Wochen lang intensiv mit den fünf Akteuren geschuftet. Und sie haben ziemlich viel zu sprechen und zu singen, wechseln auch mal in die Erzählerrollen, sprechen von sich in der dritten Person und werfen sich in ziemlich alltägliche, sogar banale Dialoge, die aber immer zielgerichtet auf eine Überraschung oder Pointe hinaus laufen. Jede Rolle ist regiemäßig absolut konturiert!

In Mönchengladbach hat alles Zack! Auch die Musiker der Niederrheinischen Sinfonikern unter der Leitung vom Yorgos Ziavras! Die Musik ist dem Sprechrhythmus angepasst, akzentuiert Zwischenpausen oder greift mit Patterns den Sprachduktus auf. Dass es sich bei diesem Eötvös-MusikTheater um ein komisches Stück handelt, bei dem gelacht werden darf, machen die Blechbläser und ihre Wawa-Dämpfer gleich zu Anfang deutlich. Comicartig werfen sie kleine Tonglissandi in den Raum. Gerade weil die Klangkulisse immer wieder farbig und neu kombiniert wird, muss alles punktgenau und deutlich sein und ist es auch. Welche Sounds mit vier Streichern, Flöten, Oboe, Klarinetten, auch die tiefen Klarinetten, Fagott, Horn, zwei Trompeten, Posaunen und Schlagwerk hinzubekommen sind, ist erstaunlich. Ein Klavier ist auch noch dabei! Das erinnert an György Kurtags Musik zu seiner im letzten Jahr uraufgeführten Oper „Fin de Partie“. Sprachbetont, pointiert, witzig, spritzig. Eötvös ist wie Kurtag in Siebenbürgen geboren, ob es daran liegt? Bei Eötvös kommt noch eine elektronische Grummelklangfläche dazu, mit der das Stück beginnt und die drei Mal zu hören ist. Es gibt ja auch drei Mal 7 Szenen!

Die rund 120 Zuschauer sitzen übrigens auf der Bühne des Theaters. Die Tribünen sind vor und hinter einen Laufsteg gesetzt. An einem Ende ein fetter, beigefarben bezogener Ledersessel. In der Fortführung sitzt das Orchester. Am anderen Ende befindet sich eine Schnellküche. Das ist die Seele des Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants „Der goldene Drache“! Das Bühnenensemble trägt zu Anfang schwarz und Kochmütze! Auch der Chinesenjunge, der hier illegal arbeitet, Zahnweh bekommt, aber ohne Papiere nicht zum Arzt geht, weil er nicht auffliegen darf. Also kümmert sich die Belegschaft durchaus besorgt selbst um den Jungen und zieht ihm den Zahn. Der landet in der Thaisuppe einer Stewardess, die zu diesem Zahn eine groteske Beziehung aufbaut. Es gibt auch noch die Geschichte einer jungen Frau, die ungewollt schwanger wird und von ihrem Mac verlassen wird. Sowie die Fabel von der Grille, die im Winter bei der Gnaden-losen Ameise um Essen bettelt, hier zum Objekt der Ausbeutung und zuletzt schwer misshandelt wird.

Die Vorlage von Roland Schimmelpfennig ist eine verdammt entlarvende Gesellschaftsstudie. Eötvös hat sie musiktheatralisch kondensiert, wobei er die Handlungsstränge musikalisch genial ineinander verzahnt. Beim Szenenwechsel rufen auch schon mal die Musiker: „Kleine Pause“. Oder große Pause, wobei die fünf Akteure in den Szenen in insgesamt 18 Rollen schlüpfen, und nicht nacheinander, sondern immer hin und her! Peter Koppelmann und Rafael Bruck zwängen sich auch in Stewardess-Kostüme hinein, 353_Drache_HP2James Park wird zur weiblichen Bedienung, zur fabelhaften Grille und Prostituierten. Susanne Seefing ist die Ameise, der Zuhälter oder die alte Frau. Die Travestierollen sorgen natürlich für Komik. Nur Panagiota Sofraniadou, die den Chinesenjungen gibt, bleibt von Anfang an in ihrer Rolle und hat erst einmal nur stöhnende Vokalisen für die Zahnschmerzen. Kurz vor dem Finale hat sie aber die einzig große, durchaus mit Koloraturen versetzte 403_Drache_HP2Arie. In dieser quasi Traumsequenz klärt sich seine Geschichte auf! Traum, weil der „Kleine“, wie er im Stück heißt, bereits verstorben und anschließend im Fluss entsorgt worden ist. Übrigens landet auch der Zahn im Fluss! Was „Der Goldene Drache“ von Peter Eötvös heute Abend zu einem erfolgreichen Stück macht, ist die zwar zum Teil sehr surreale, aber immer auch märchenhafte Erzählweise, die auf den moralischen Zeigefinger verzichtet! In Mönchengladbach schneit‘s auf die Grille, eine Windmaschine orgelt im Bühnenturm. Vier Chinesen mit Chinahut sitzen angeblich in der Zahnlücke des Jungen, sind eigentlich sein schlechtes Gewissen, platzieren sich wie ein Gruppenbild aber auf dem Sofa! Bühnen- und Kostümbildnerin Dietlind Konold hat die Requisite und Kostüme realistisch gehalten. Aber alles ist anspielungsreich, allenfalls bis kurz vor schrill, vielleicht mal leicht trashig, vor allem geeignet, für ein permanentes An- und Ausziehen und minimale Szenenanpassung! Vor allem den engagierten Sängerschauspielern, fast alles Ensemblemitglieder, ist es zu verdanken, dass das ein rundum gelungener und großartiger Abend für Mönchengladbach geworden ist. Operndirektor Andreas Wendholz dürfte zufrieden sein, dieses Stück programmiert zu haben. Peter Eötvös jedenfalls äußert sich bei der Premierenfeier hochzufrieden über die Umsetzung des Bühnen- und Regieteams in Mönchengladbach! Ein besseres Lob kann es für eine Musiktheaterproduktion doch nicht geben als die vom Komponisten! Peter Eötvös hat aber auch ein wunderbares MusikTheater vorgelegt: witzige, komische, bittere Geschichten nah an der Realität mit spritzigen Musikeinfällen und nicht zu lang! Das Stück möchte man wirklich noch einmal erleben.
Es gibt noch drei Folgeaufführungen im Theater Mönchengladbach. Am 21.10., 11.11.2019 und am 19.11.2019. Beginn ist jeweils 19:30 Uhr

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