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Nur die Epauletten kommen in den Himmel! Hans Werner Henzes Floß der Medusa in der Bochumer Jahrhunderthalle in einer halb szenischen Aufführung

Die Bochumer Symphoniker bei der Ruhrtriennale für Hans Werner Henzes Floss der Medusa unter Wasser. Foto: Ursula Kaufmann

Die Bochumer Symphoniker bei der Ruhrtriennale für Hans Werner Henzes Floss der Medusa unter Wasser.
Foto: Ursula Kaufmann


1816 läuft die französische Fregatte Medusa vor Mauretanien auf ein Riff. Die Obrigkeit, Offiziere, Geistliche retten sich in sechs Beiboote. Die einfachen Matrosen, samt Frauen und Kindern bekommen ein Floss gezimmert. Man verspricht, das Floss zu ziehen. Doch dann werden die Seile gekappt und 150 Menschen ihrem Schicksal unter sengender Sonne preis gegeben. Als das Floss 13 Tage später entdeckt wird, leben noch 15 Menschen. Einer von ihnen hat wie auch immer ein Logbuch geführt, das unmittelbar nach der Rettung veröffentlicht eine politische Debatte in Frankreich entfacht. Wer sind die Vielzuvielen????
(Von Sabine Weber)

(31.8.2018 Bochumer Jahrhunderthalle, Ruhrtriennale) Was für eine irre Geschichte! Hans Werner Henze hat sie 1968 zu einem Oratorium verarbeitet! Ein Erzähler liefert Fakten nach dem Logbuch. Ein Überlebender auf dem Floss, eine Baritonpartie, und der personifizierte Tod, La mort, ein hoher Koloratursopran, ringen weniger physisch als metaphorisch um Leben und Tod. Begleitet von einem großen Chor und riesigen Orchesteraufgebot, inklusive zweier E-Gitarren. 150 Musiker füllen das Podium. In etwa so viele waren es auch auf dem Floss. Die aktuelle Aufführung bei der Ruhrtriennale verzichtet allerdings auf Konnotationen. Sie findet auch ganz normal in einem länglich gebauten Theaterkasten statt. Vorne Bühne, hinten ansteigende Tribüne. Die gewaltigen Dimensionen der Jahrhunderthalle werden also außen vor gelassen. Ebenso wie sich aufdrängende Bezüge, die in einer Inszenierung entfacht werden könnten: Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, nur auf dem umgekehrten Weg von Afrika nach Europa. Menschen sind nicht alle gleich, einige sind gleicher, weil reicher! Und der Mensch wird im Überlebenskampf zur Bestie der anderen. Auf dem Floss finden Messerstechereien und Kannibalismus statt. Die Frauen und Kinder sind natürlich als erste vom Floss gestoßen worden.
Dazu der politische Zündstoff in der Rezeptionsgeschichte des Werks. Hans Werner Henze, der zusammen mit Ernst Schnabel im Auftrag des NWDR dieses Werk in Angriff nimmt, ist überzeugter Kommunist. In seiner Wahlheimat Italien auch gerade der kommunistischen Partei beigetreten. Und er widmet sein Oratorium als Requiem dem marxistischen Guerillakämpfer Che Guevara. Ein Jahr zu vor ist er von der bolivianischen Junta exekutiert worden. Unmittelbar vor der Uraufführung in der Halle von Planten und Bloomen in Hamburg hissen Studenten das Konterfei von Che am Gebäude. Mitarbeitet des NDRs reißen sie herunter. Dann hängt eine rote Fahne plötzlich da. Der RIAS Kammerchor weigert sich, unter der kommunistischen Farbe zu singen. Anarchisten hissen auch noch eine schwarze. Die Polizei schreitet ein, es kommt zu Tumulten, innerhalb derer Ernst Schnabel von der Polizisten durch eine Glastür geworfen und verletzt wird, später wird er wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt verurteilt. Henze, auf der Bühne, noch der Meinung es käme zur Aufführung, skandiert mit einem Teil des Publikums „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ Dann wird die Aufführung abgeblasen. Drei Jahre später findet sie in Wien statt…
Von all dem ist nichts in der aktuellen Aufführung aufgegriffen. Der ungarische Film- und Theaterregisseur reduziert die Inszenierung auf eine klinisch-konzertante Aufführung mit schön projizierten Animationen. Beim Besteigen der Zuschauertribüne ist das Bild Théodore Géricaults vorne zu sehen. Drei Jahre nach der Flosskatastrophe hat er versucht, mit klassischen Mitteln der Malerei die verzweifelte Stimmung auf dem Floss wiederzugeben. Samt einem die rote Rettungsfahne schwenkenden Menschen. Bei Henze taucht der Flosskämpfer ja wieder auf. Dann öffnet sich der Blick aufs Podium mit einer Sanddüne vorne. Es senkt sich ein Wasserbecken von oben. In das steigt, die Anzughose hochgekrempelt, der Erzähler Tilo Werner. Dahinter, Spot an, taucht das sandfarben gekleidete Orchester als Fortführung der Düne – oder des Meeresboden auf. Dahinter, auf höher gelegten Tribünen: der Chor in weit wallenden weißen Bettuch-Ponchos…
Unter der Leitung von Steven Sloane sind die Zürcher Sing-Akademie, das Chorwerk Ruhr und ein 12 köpfiger Knabenchor der Akademie Dortmund sozusagen omnipräsent im Klanggeschehen beteiligt. Stöhnen und Schreien auch einige wenige Mal, liefern aber vor allem eine Fläche. Die Bochumer Symphoniker, das Ruhrtriennale-Festival-Orchester, fächert die diffizile 12Tonmusikpartitur dazu immer wieder in feine Klangnuancen auf. Mit ab und zu gewaltigen Schlägen, Trauermärschen bis hin zu Choralbezügen nach Johann Sebastian Bach. Das Podium agiert dabei unter einer projizierten Wasseroberfläche, durch die angeblich auch einmal ein Hai schwimmt. Ich bemühe mich hauptsächlich, den vielen Text zu verfolgen. Und die Übertitel sind sehr hoch angebracht. Was klanglich ankommt ist allerdings superb. Marisol Montalvo stemmt ihre zackige Gesangslinie perfekt
Bariton Holger Falk schwingt die rote Fahne. Marisol Montalvo, als La Mort, steht neben Dirigent Steven Sloane. Foto: Ursula Kaufmann

Bariton Holger Falk schwingt die rote Fahne. Marisol Montalvo, als La Mort, steht neben Dirigent Steven Sloane.
Foto: Ursula Kaufmann

in die Höhe. Holger Falk gibt der Verzweiflung auf dem Floss mal sanftes Mitgefühl, mal gebändigte Wut. Beide bewegen sich auch mit Gesten im und durch das Orchester. Der Chor wechselt im Laufe des Stücks symbolisch von links nach rechts. Von den Lebenden zu den Toten. Irgendwann rieselt der Sand der Düne durch ein Gitter und es bleiben Skelette zu sehen. Die Toten der Katastrophe! Am Ende sieht man irgendwelche Gesichter in die Höhe produziert, wohl von aktuellen Flüchtlingen. Zuletzt ein Gesicht, das sich die Finger vor die Augen führt. Wollt ihr etwa nicht hinschauen? Schaut hin!
Auf das hätte man verzichten können. Es irritiert am Ende sogar. Bei einer solch irren Geschichte erwartet man Dramatik. Die steckt allerdings auch nicht wirklich in Henzes Musik. Sowohl Text wie Musik sind intellektuell reflektierend. Die essentiellen Fragestellungen zielen fein verrätselt auf die Problematik. Es hat sogar etwas von der sperrigen 68er Neue-Musik-Avantgard an sich. Und wer es nicht gewusst hat, wird auch am Schluss den Rhythmus nicht wahrgenommen haben. Die Pauke rezitiert nämlich das „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ Zum letzten Mal. Doch um Aufrufe geht es in dieser Produktion ganz und gar nicht.
Kornél Mundruczó hat mit seinen Theaterdimensionen nicht skandieren wollen. Er hat an die Ko-Produktion in dem von ihm gegründeten Proton Theater in Budapest gedacht. Und an die politische Stimmung im eigenen Land. Für die Ruhrtriennale ist diesbezüglich eine Chance vertan worden. Denn hier gehören Versuche hin, wie wir sie bei der Eröffnungspremiere von Universe, Incomplete erlebt haben. Musikalisch setzt diese Aufführung allerdings Massstäbe. Es ist übrigens Henzes letzter Versuch, ein Werk politisch aktuell zu verankern…

Die Universe Symphony wird bei der Ruhrtriennale zum Charles Ives Universum! Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Titus Engel in utopischer Mission für einen Komponisten, der seiner Zeit meilenweit voraus war!

Was kennen Sie von Charles Ives? Möglicherweise The Unanswered question, die in drei sich überlagernden Schichten eine philosophische Frage in den Raum stellt und seit Leonard Bernsteins Harvard Lectures ein Kultstück ist. Aber seine Sinfonien, Orchesterstücke, Klavierlieder, seine Streichquartette? Schon zu dessen Lebzeiten (1874-1954) sind sie ignoriert worden. Seine dritte Sinfonie bleibt 40 Jahre lang in der Schublade bis sie 1946 aufgeführt wird. Ives, über 70, mit einer Versicherungsgesellschaft wohlhabend geworden, winkt ab. Er kommt nicht zur Aufführung. Er hört sie im Radio. Die Sinfonie gewinnt den begehrten Pulitzer-Preis. Das Preisgeld verschenkt er. An seine Musik hat er immer geglaubt und komponiert. Und in einer Kompromisslosen Art und Weise, er musste sich ja nicht um Aufführungsschwierigkeiten scheren. Also türmt er Klangschichten auf, lässt Dissonanzen reiben, arbeitet mit Mikrotönen und macht auch keinen Halt vor dem, was ihm musikalisch im alltäglichen Leben begegnet: Märsche und patriotische Lieder. Neben Kakophonie tönt es auch schon einmal richtig kitschig. Dieser Kosmos ist gerade bei der Ruhrtriennale zu erleben. Aus Charles Ives Relikten zu einer unvollendeten Universe Symphony haben Regisseur Christoph Marthaler, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock und Dirigent Titus Engel ein Charles Ives Universum entwickelt. Universe, Incomplete! Mit 12 Schauspielern, Sängern, Tänzern, dem Schlagquartett Köln, SchlagzeugstudentInnen von vier nordrhein-westfälischen Musikhochschulen, dem Ensemble Rhetoric Project und den Bochumer Symphonikern unter der Leitung von Titus Engel, die die utopischen Klangideen Ives in der Bochumer Jahrhunderthalle genial verräumlicht haben.
(Von Sabine Weber)

Eine Jahrmarktband auf Schiene. Titus Engel dirigiert Rhetoric Project. Foto: Walter Mair

Eine Jahrmarktband auf Schiene. Titus Engel dirigiert Rhetoric Project.
Foto: Walter Mair

(17. August, Bochumer Jahrhunderthalle) Der Klang ist von Anfang an Raum. Um die in der Jahrhunderthalle aufgebaute Zuschauertribüne sitzen die Musiker verteilt. Aber auch aus der Ferne donnert später das Orchester. Es beginnt nur mit Schlagzeugern, die rechts von der Tribüne und von einer Brücke über den Köpfen des Publikums versetzte Rhythmen schlagen. Das ist die originale Eröffnungsmusik aus der Universe Symphony, die Titus Engel in Knickerbocker mit gestreiftem Hemd mit Schalschleife auch von oben leitet. Immer wieder steht er im Verlauf der zweieinhalb pausenlosen Stunden woanders im Raum. Vor dem von ihm gegründete Rhetoric Projekt oder unsichtbar vor dem Orchester. Einige Male fahren die Musiker gekleidet wie Studenten einer Verbindung mit Käppi oder eine Baseballmannschaft spielend auf einem Zug, stehen auf einer aufgebauten Brücke wie eine Jahrmarktkapelle oder marschieren spielend wie ein Trauerzug. Klaviere werden durch den Raum gefahren. Und nicht wenige Male ertönen Schichten einer Musik von mehreren Seiten gleichzeitig. Märsche, Schlager, zwei verstimmte Klavier, Klavierlieder, Orchestersalven. Alles originale Musik von Charles Ives. Für diese Ruhrtriennale sollte also nicht die Universe Symphonie, an deren Anspruch Ives selbst gescheitert ist, in einer Neuversion entstehen. Das wurde ja schon einige Male versucht. Hier sollte ein musikalischer Charles Ives Kosmos entstehen. Und zu seiner Musik, mit teilweise erschreckenden Ausbrüchen, entwickeln die 12 Schauspieler immer wieder Szenen. Am Anfang warten alle an einem Kassenhäuschen,

Foto: Walter Mair

Foto: Walter Mair

um eingelassen zu werden und quetschen sich schließlich auf die linke Seite einer Sitztreppe. Später sitzen sie an einem Tisch und gestikulieren mit einem nicht vorhandenen Gegenüber, bis sie schließlich als Schnecken über die Platte robben. Zwei gehen hintereinander und der hintere tippt dem vorderen auf die Schulter bis sich beide umdrehen und die Rollen getauscht werden. Immer wieder neue Situationen und Menschen-Tableaux erfindet Marthaler zur Musik. Oft erinnern sie an die slapstickartige Komik aus Dick und Doof Filmen. Nicht immer kann man da ja lachen. Es fällt einem der überzeichnete Spott aber im Alltag wieder ein, wenn man real sieht, was im Film komisch überzeichnet wurde. Hinten im Raum gibt es auch rote Kinosessel, vor denen es schwarz weiß flimmert. Es gibt Kirchenbänke, auf denen balanciert wird. Das gesellschaftliche Leben hat seine Plätze.
Foto: Walter Mair

Foto: Walter Mair

Auch den Jahrmarktplatz unter der Brücke. Münder werden stumm aufgerissen, Gesichter verzerren sich, Leiber rollen übereinander. In den musikalisch-szenischen Verlauf werden Texte des Lyrikers Gerhard Falkner aus seiner Gegensprechstadt-ground zero eingebunden. In denen geht es um Sprechhaltung und Sprachgewohnheiten, die verfremdet werden. Historische Daten spielen eine Rolle, wie der 9.11. oder der 3.10. Über den 15.3. wird gerätselt. Dramaturg Malte Ubenauf, der auch die weitgehend unbekannten Texte des bildenden Künstlers Martin Kippenberger auf Wunsch Marthalers zum musikalischen Verlauf ausgesucht hat, hält es für ein ganz persönliches Datum Falkners. Eben „Ives-mäßig“, also aufbrechend irritierend eingeworfen.
Foto: Walter Mair

Foto: Walter Mair

Die Aktionen der sich aneinander abarbeitenden Menschen behält allerdings etwas distanziert Vorgeführtes. Sie machen keine stringente Entwicklung in ihrer Persönlichkeit durch, sondern bleiben Typen-Metaphern in Szenen. Es gibt in dem Sinne auch keine Handlung. In langsamen Aktionen halten sie Spannung, dann wieder wirbeln sie virtuos durch den Raum oder klettern Stahlträger hinauf. Wie sie sich bewegen, auch, wie sie sprechen – es gibt einmal eine babylonische Sprachverwirrung, alle beginnen in ihrer Muttersprache durcheinander zu schreien, ist beeindruckend. Und es bringt einen immer wieder auf die Musik von Charles Ives! Die hat, so sie nicht Marschmusik und Countrysong sein will, ja auch etwas provokativ piksendes, herausforderndes, und wirft entlarvende Blicke auf die eigene Kunst. In Ives Streichquartett Nummer zwei, das kurz nach dem zweiten original überlieferten Orchestermusik aus der Universumssinfonie erklingt, fallen die vier Streicher vom Rhetoric Project plötzlich aus ihrer Rolle und sägen wie verrückt, um gleich wieder normal zu sein. Der Abend endet, wie könnte es anders sein, mit The unsanswered question. Zum ätherisch stehenden Streichersound und der “fragenden Trompete” von rechts, mit quirligen Holzbläsern von links durchbrochen, stehen die Schauspieler im Raum verteilt und legen den Kopf wie träumend zur Seite. Die Zeit für Charles Ives ist bei der Ruhrtriennale angekommen! Ives visionäre Collageidee wird in der Bochumer Jahrhunderthalle großräumig ausgespielt. Von den unsichtbar spielenden Musikern der Bochumer, die immerhin einmal in Kette mit Instrument durchs Bild ziehen durften. Mit den Bühnenmusikern des Rhetoric Projects, die, stehend oder fahrend ihre Instrumente tragend und balancierend, auch noch auswendig gespielt haben. Alle sicher geleitet von Titus Engel, der über weite Strecken ebenfalls auf die Partitur verzichtet hat. Auch wenn er die Musik kennt, er hat sie zusammen mit Marthaler ausgesucht, das sind besondere Herausforderungen für einen Spezialisten! Alles im Dienste eines visionären Musikers, der seiner Zeit voraus war, gelingt bei der Uraufführung von Universe, Incomplete.
Heute Abend gibt es die zweite von insgesamt sechs Aufführungen bis zum 25. Auguast!
Infos unter Ruhr3.com/universe

Elektro rein – Elektro raus – hilflos im Elektro! Philippe Manourys Anti-Atom-Oper “Kein Licht” nach Elfriede Jelinek feiert ihre Uraufführung bei der Ruhrtriennale

Schauspieler Caroline Peters und Niels Bormann inmitten der Katastrophe. Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Schauspieler Caroline Peters und Niels Bormann inmitten der Katastrophe. Fotos auf dieser Seite: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Wie bei Elfriede Jelineks Baukatastrophentrilogie “Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz”, das Karin Beier 2010 im Kölner Schauspielhaus inszeniert hat, steht am Schluss auch die Bühne in der Gebläsehalle in Duisburg-Meiderich unter Wasser. Radioaktives Wasser, giftig grün schimmernd, ist aus lecken Tanks gesprudelt und aus einem Rohr von oben geschossen. Die beiden Schauspieler, männlich, weiblich, treiben in aufgeblasenen Elektronen wie in philippe-manoury-julien-leroy-nicolas-stemann-ircam-kein-licht-2011-2012-2017-ruhrtriennale-2017(7)überdimensionierten Schwimmreifen gefangen. Hilflos im Elektro! Die Erde ist kontaminiert. Elektro ist eines der Lieblingsworte Elfriede Jelineks an diesem Abend. Jedenfalls ist es häufig zu hören. Es stammt aus ihrer Trilogie “Kein Licht“ von 2011/2012/2017, das Philippe Manourys Musiktheater als Wortsteinbruch gedient hat. Und es ist typisch für Jelineks spielerisch und zynische Verniedlichungen von komplexen Zusammenhängen, die in Wort-Tsunami herein brechen, erst das eine sind, dann ihr Gegenteil und die Widersprüche verdeutlichen, die zur Katastrophe auch in diesem Stück führen.
“Thinkspiel” nennt Manoury, nach Pierre Boulez’ Tod zu Frankreichs philippe-manoury-julien-leroy-nicolas-stemann-ircam-kein-licht-2011-2012-2017-ruhrtriennale-2017 berühmtestem Avantgardekomponist aufgestiegen, sein neuestes Musiktheater, die ambitionierteste Musiktheaterpremiere auf der Ruhrtriennale in diesem Jahr. In engem Passspiel mit Regisseur Nicolas Stemann, designierter Schauspielintendant von Zürich, hat Manoury es entwickelt. Wie Singspiel klingt es, wenn Manoury es ausspricht. Es gibt ja auch viel gesprochene Sprache im Verlauf der zweieinviertel paulenlosen Stunden. Zwischen den Teilen greift der Komponist mit den typisch weißen Haarsträhnen sogar zwei Mal selbst zum Mikrophon, kommentiert, erläutert Anlass und Idee des Projekts und macht vor allem klar, wie wichtig ihm als Person, auch über den Komponisten hinaus, dieses Thema sei. Anlass ist die Atom-Katastrophe von 2011 in Fukushima, ausgelöst durch einen Tsunami, der japanische Reaktoren zerstörte. Jelinek lieferte mit Kein Licht nicht nur eine Katastrophen-Fortsetzung – ebenfalls in drei Teilen suksessiv 2011, 2012 und 2017 vervollständigt. Damit lieferte sie Manoury auch die Vorlage zur ersten Anti-Atomoper unserer Zeitrechnung. Mit viel live-Elektronik, die auf Strom angewiesen ist. Einer der vielen Widersprüche, die diesen Abend speisen.
(Sabine Weber)

Zu Beginn stehen auf der Bühne zwei Plastikcontainer mit neon-gelblich oszillierender Flüssigkeit. Hinten etwas erhöht sind Notenständer und Instrumente zu sehen. Ein summender Ton mit Klirrfaktor setzt ein. Eine Frau mit Hut und Hund tritt auf. Der niedliche Jackrussel-ähnliche Hund jault wie auf Bestellung, was gleich mit live-Elektronik verfremdet und zu einem Kontrapunkt des Hundegesangs zugespielt wird. Später ist er sogar Solist in einem Frauenterzett! Zwei Arbeiter in Schutzanzügen aus weißem Zellstoff mit Kaputze haken einen der Container an Ketten ein. Er wird hochgezogen. Der summende Ton wird zum vibrierenden Rumoren. Auf der hinteren Wand steht projiziert zu lesen, “In Tokio findet die Uraufführung eines Konzerts über Katastrophen statt. Und während des Konzerts ereignet sich die Katastrophe!” Sechs Solisten treten auf. Darunter die Schauspieler Niels Bormann und Caroline Peters. Letztere bekannt durch die Fernsehserie Mord mit Aussicht. Mann oder Frau, alle im langen schwarz-glitzernden Abendkleid. Dahinter erscheinen die Musiker und nehmen Platz mit Blickrichtung von rechts nach links. Links erscheint der Dirigent. Wir sind in Tokio, bei der Uraufführung und in Fukushima! Videoprojektionen von welligem schwarz-weißen Wasserspiegelungen füllen bereits die Wände, die Schauspieler liefern sich einen Schlagabtausch über Hören-und-nichts-sehen-wollen, über Nichts-hören, weil zweite Geige. Aber die erste Geige hats auch nicht besser, die hört auch nichts! “Da lacht es, zum Weinen. Strahlen hat man nicht!” Sie werden produziert wie Töne, sind da und wieder nicht da… Viel Wort wird gesprochen, mit Wortähnlichkeiten oder Analogien gespielt und durch live-Elektronik wie nachhallend reflektiert. Die Solistinnen Sarah Sang, Olivia Vermeulen und Christina Delatska liefern solistisch Nachgedanken auch im Duett oder Terzett, das an vielen Stellen von einem Vokalquartett ergänzt wird. Bariton Lionel Peintre zieht sich einen Schutzanzug über sein Glitzerkleid und steigt die zur natürlichen Kulisse der Gebläsehalle gehörende imposante Treppe hinten hinauf und singt von oben. Die Katastrophe nimmt an Fahrt auf, vielschichtig in einem verräumlichten Gesamtkunstwerk, das Konzert, Schauspiel, Oper, Kino und Aufklärungsveranstaltung zugleich ist. Der Jelineksche Humor entlarvt durch die willkürliche Aufblähung rhetorischer Floskeln die Scheinheiligkeit im Umgang mit dem strahlenden Thema. Zum Beispiel wenn die beiden Schauspieler, jetzt in rotem und blauen Teletubbi- Kostüm, in die Rolle von Tepco-Verantwortliche schlüpfen, Vertreter der Reaktorbetreiberfirma, die – leider – keine Verantwortung übernehmen können. Auch wenn sie sehr besorgt sind! „Wir schrumpfen uns doch gesund und wir wachsen uns doch gesund…“ Manourys liefert dramaturgisch geschickte Klangentwürfe dazu, die eine kongeniale Entsprechung sind. Sie greifen nicht nur auf, sie begleiten, sie fordern heraus oder trauern auch – es gibt zwei zu Herzen gehende Lamenti am Ende des zweiten und dritten Teils. Die Live-Elektronik dominiert nie, sondern ergänzt sich mit oder wird abgewechselt von den klassischen Instrumentenfarben, die auch mal in wilde Blechkaskaden ausbrechen. Immer wieder gibt es spezifische Instrumententöne, die leitmotivisch einsetzen, wie beispielsweise die tiefen Klaviertöne, die wie Riesenschritte aufstampfen. Ein wunderbares Oboe d’amore solo gibt es, oder war es eine Bassklarinette? Zwei Violinen, von Jelinek im Text als A und B ins Spiel gebracht, werden von zwei Geigern verkörpert, die vom Rand der Bühne im Stile Bachischer Solopartiten spielen oder zur gesanglichen Gegenstimme werden. Im zweiten Teil tremolieren die Streicher wie am Beginn des Wagnerischen Walkürenauftritts, kommen aber nicht zu ihrem Ritt. Das wirkt sehr komisch. Immer wieder schmunzelt und lacht es im Publikum, Jelinek spielt mit dem in ihren Katastrophenwerken bereits bekannten Galgenhumor. Beispielsweise wenn Atomi, hier als Stabpuppe wie aus Sesamstraße geklaut, mit Spieler und Bauchredner Lionel Peintre Strahlentheater spielt und in seinem Sarg schlafen gelegt wird, damit die Kohleindustrie auch noch ein bisschen CO2 produzieren darf. Ach ja, von französisch ausgesprochenem „Strome Atome“ ist auch noch die Rede. Auf Französisch wird sich über den deutschen Ausstieg lustig gemacht, weil der nur dazu führt, dass Atomstrom aus Frankreich angekauft wird. Dazu läuft ein Film mit Blick auf den Louvre und den beiden Schauspielern auf Parkstühlen in den Tuilerien. Im dritten Teil dann werden die unverantwortlichen Diktatoren angeprangert. Was mit Comicähnlichen Bildern von Donald Trump, philippe-manoury-julien-leroy-nicolas-stemann-ircam-kein-licht-2011-2012-2017-ruhrtriennale-2017(6)Kim Jong-un oder Erdogan verdeutlicht wird, die auf einer projizierten Erdkugel platziert werden. Das macht eine Live-Performerin mit spezieller Sichtmaske und live-Projektionshandwerkzeugen in der Hand, die sie in großen Gesten schwingt. Dieses im Endeffekt allzu plakative Elektro-Theater wäre vielleicht nicht nötig gewesen, um diesen Abend als einen ganz besonderen in die Ruhrtriennale-Ära eingehen zu lassen. So viel Theater um ein bisschen Erde! Das ist allerdings nötig und höchste Zeit. Wenn kurz vor Schluss Friedrichs Nietzsches berühmten Worte “O Mensch, gib Acht… aus tiefem Traum bin ich erwacht…” intoniert werden, sind viele Fragen aufgeworfen, über den Alptraum der Technik, die aus Einsteins Relativitätstheorie und Schrödingers Verdeutlichung von Heisenbergs Unschärferelation sich Bahn gebrochen hat. Das Elektro-Problem und das, was hinter diesem Elektro noch stehen muss. Formeln geistern auch über die Hallenwände. Fordernd, unterhaltsam und eindrücklich ist dieses Thinkspiel. Zum Nachdenken hat es tatsächlich angeregt, mit den spielerisch in Wort, Bild und Musik inszenierten Energieszenarien, die keiner mehr im Griff hat, am wenigsten die Politiker. „Ihr Urteil ist gefragt!“ Die Lichtspots richten sich aufs Publikum. Musiktheater kann und darf politisch aktuell sein. Manoury, der neben IRCAM-Klangdesigner Thomas Goepfer mit die Regler an einem riesigen Mischpult inmitten der Zuschauertribüne bedient, beweist es an diesem Abend. Und dieses intellektuell-kulturelle Ereignis ist auch noch ein Pendant zu dem Klimaschutz-Protestmarsch in RWEs größtem Kohletagebaurevier an diesem Wochenende. Der Hambacher Forst soll ja weiter gefällt werden, damit die Kohleindustrie Material zum Verstromen erschaufeln darf – über den Strom-Bedarf hinaus, wie längst bekannt ist! Gespannt dürfen wir auch sein, was die Franzosen über Manourys Anti-Atom und CO2-Verbrauchs-Theater sagen werden. Das Stück wandert nämlich in gut zwei Wochen weiter nach Straßburg an die Opera du Rhin und feiert dort die französische Erstaufführung – in der Heimatstadt von Manoury.

Collegium vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe setzt mit Claudio Monteverdis Marienvesper ein Ausrufungszeichen auf der Ruhrtriennale

Das ist eines der ganz seltenen Glücksmomente in einem Konzert! Eine Aufführung, die in jedem Detail gelingt. Und in einem märchenhaften Raum schwingt und verzaubert.
Sabine Weber

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern.  Foto: Volker Beushausen

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern.
Foto: Volker Beushausen


(21. August 2017, Maschinenhalle Zeche Zollern, Lütgendortmund)
Perfekte fünf Sekunden Nachhall! Und das in einer Maschinenhalle bei Dortmund. Doch die sieht anders aus als die monströsen Maschinenhallen in Duisburg oder Zweckel. Hier sind Backsteine wie Ornamente zusammen gesetzt, mit Erkern, Türmchen und Zinnen verziert, mit Jugenstilglasverzierungen an Giebel und Eingang. Das war ein Prestigeobjekt der Gelsenkirchener Bergwerk AG gewesen und sollte industrieller Vormachtstellung im späten Kaiserreich eine Traumarchitektur liefern. Die Zeche Zollern im ehemaligen Bergwerk in Dortmund ist ein „Schloss der Arbeit“, mit eleganten Hammersymbolen in Glasrosetten und mächtigen Fördertürmen als Kulisse. Aus dem Staunen kam man ja gar nicht mehr heraus, auf dem Weg zu diesem Konzert, vorbei an einer kleinen Parkanlage.

Und dann das Wunder von Claudio Monteverdis Marienvesper. Der im Mai vor 450 Jahren geborene Komponist wollte ja auch die damalige Musikwelt staunen machen. Bisher als furioser Madrigal- und Opernkomponist in Erscheinung getreten, schießt Monteverdi wie aus dem Nichts seine Vespro della beata vergine als komplexe Kombination heterogener geistlicher Stücke heraus. Und entwickelt eine ganz besondere Ablaufdramaturgie. Die liturgisch vorgeschriebenen Psalm-Vertonungen des marianischen Vespergottesdienstes durchmischt er mit eingeschobenen Vokalkonzerten, die u.a. Verse aus dem Hohelied Salomos verwenden. Ein polyphoner Stil in den Psalmen wechselt sich ab mit Sologesängen oder zu zwei oder drei Stimmen verarbeiteten Konzerten. Jedes Stück ist anders konzipiert und kombiniert die Mitwirkenden immer wieder aufs Neue, sogar innerhalb eines Stücks oder von Textzeile zu Textzeile. Alles im Dienste einer hochexpressiven Wortausdeutung, auf die sich Monteverdi verstand wie noch keiner vor ihm. Wie, wann und ob überhaupt diese visionäre Vesper oder Teile daraus vor ihrer Veröffentlichung je aufgeführt wurden, weiß kein Mensch. Die Sammlung, die er im Dienste der Gonzaga von Mantua aus in Venedig 1610 auf eigene Kosten drucken lässt, widmet er dem Papst.
Dieser Überraschungscoup gelingt. Monteverdi bekommt zwar keinen Job an einer der päpstlichen Kirchen in Rom, wohl aber die prestigeträchtige Kirchenmusikstelle an San Marco. Und die damals wie heute noch irritierend innovativen und zugleich retrospektiven Stücke gelingen an diesem Abend eines um’s andere und ausnahmslos. Angefangen von dem gewaltigen sechsstimmigen Eingangschor zur göttlichen Lobpreisung, über den expressiven Sologesang des Tenors nur zur Arciliuto-Begleitung in der Hoheliedvertonung Nigra sum oder dem in den Anfangstakten herrlich gegen den Taktstrich gebürsteten und swingenden achtstimmigen Laudate pueri. Im Pulchra es harmonierten und rieben sich in herrlichen Dissonanzen die beiden Sopräne Dorothee Mields und Barbora Kabátkovà. Letztere eine Expertin für tschechischen Gregorianischen Gesang, die nach hinten zu den Chortenören gewandt auch die Chroalintonationen vor den Psalmen mit hoch wirbelnden Händen leitete. Höhepunkt war das Duo Seraphim. Es ist das magische Herzstück dieser Vesper. Zwei Seraphime himmeln das Göttliche an. Die Engel scheinen selbst erschüttert von der Gewaltigkeit der Herrlichkeit, und versuchen sich selbstlos zu übertreffen. Wenn sie dann feierlich die heilige Dreifaltigkeit bezeugen, also von „Tres sunt“ singen, dann haben sie plötzlich drei Stimmen! Eine dritte Tenorstimme kommt dazu. Wenn sie zum Wunder der Einigkeit dieser Trinität kommen, werden die drei sogar zu einer Stimme. Diese himmlische Magie setzten atemberaubend virtuos Reinoud Van Mechelen, Sam Boden und Benedict Hymas um. Und dass Monteverdi mit der Sonata sopra Sancta Maria wieder eine ganz besondere Idee umgesetzt hat, nämlich unter den von drei Sopranstimmen mehrmals wiederholte simplen Bittspruch „Sancta Maria, ora pro nobis“ den größtmöglichen, auch rhythmischen Tumult zu veranstalten, das schätzte schon Igor Strawinsky, ein großer Monteverdi-Fans, der diese Sonata zu einem seiner Lieblingsstücke erklärt hat.

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern


Atmosphärisch perfekt umstrahlte auch noch die Abendsonne diese mönchische Vesper zu Ehren der Muttergottes. Sie beschien durch eine Rundbogen-Glasfront die Tribüne in der Mitte Halle und damit die Instrumentalisten und Sänger vom Collegium vocale Gent bis fast ganz zum Schluss. Dann noch die Ausleuchtung mit himmlischen Blautöne über der mächtigen Stahlkonstruktion im Holzdach. Diese Aufführung ist wirklich ein besonderes Geschenk der Ruhrtriennale an ihr Publikum gewesen. Das war ein Gesamtkunstwerk, besser als Oper und hat auch den ursprünglichen Sinn und Zweck der Ruhrtriennale noch einmal in Erinnerung gerufen, nämlich mit Kunst, hier Musik, auf das Besondere der Industriedenkmäler hinzuweisen und die Industriebrachen zu beleben. Wie gut, dass Intendant Johan Simons zu Philippe Herreweghe einen besonderen Draht hat und hatte. Denn auch in den beiden Spielzeiten zuvor ist der Spezialist für Alte Musik und Bachpionier zu Gast gewesen. Und wenn der inzwischen 70jährige belgische Dirigent, Chorleiter und Gründer vom Collegium vocale Gent nur mehr mit spärlichen Bewegungen leitet, allein ein solches Solistenoktett wie an diesem Abend zu casten und ein so homogenes, spielerisch funktionierendes Ensemble zusammen zu stellen, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Glücklich die, die das an diesem Abend erleben durfte!

Das Ende ist der Anfang! Accatone von Pier Paolo Pasolini als Musiktheater in der spektakulären Kohlenmischhalle Zeche Lohberg zum Auftakt der Ruhrtriennale 2015

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder



Wie ein riesiges umgedrehtes Boot mit Kiel zu oberst sieht die Halle aus. Geschätzte 300 Meter lang und 30 Meter hoch! Die Besucher ziehen wie Pilger zu ihr. Erst durch die backsteinerne Zentralwerkstatt. Dann über Schotterwege entlang von Bauzäunen, die Schutthaufen absperren. In denen steht ein 70 Meter hohes Fördergerüst wie ein einsamer Gigant. Bis 2005 transportierte der grün schimmernde Eisenturm mit seinen Radwinden die Kumpels in einen 1.200 Meter tiefen Schacht. Im Regen geht es weiter zur schwarzen Halle. Vorne ist sie sie offen. Vor der Öffnung liegt ein umgestürztes Motorrad. Das fällt kaum auf, denn sofort entdeckt man die riesige Tribüne im dunklen Hintergrund. Sitzt man in den ansteigenden Reihen, wird der Blick über die Steinwüste sofort wieder zurück zur Öffnung – in eben 500 Meter Tiefe – wie magisch gezogen. Ins Licht, ins Grün. Das ist Sehnsucht pur in einem spektakulären Blick. Und sie wird übermächtig in dem folgenden zweieinhalb Stunden Musiktheater. Das Licht am Ende des Hallentunnels!
Von Sabine Weber

(Dinslaken, 15.08.2015) Das Ende ist der Anfang! Pier Paolo Pasolini untermalt nicht von ungefähr den Vorspann zu seinen Film Accatone von 1961, der unter dem Titel „Wer nie sein Brot mit Tränen aß!“ nach Deutschland kommt, mit dem Schlusschor aus Bachs Matthäus-Passion. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist eine der Passionen Pasolinis gewesen. Obwohl radikal gesellschaftskritisch angelegt, tauchen in Pasolinis Filmen in den 1960ern auch immer wieder Heilige auf. Sie lösen Passionen aus, wie in Teorema von 1968. Eine messianische Lichtgestalt im Körper eines jungen Mannes lässt eine Industriellen-Familie in Mailand auseinander brechen. In Accatone ist es der Bettler und Schmarotzer Vittorio Cataldi, der in der Peripherie von Rom nach dem richtigen Weg sucht. Statt aus dem Diebes- und Zuhältermilieu heraus zu kommen, verkommt er als Nichtsnutz darin. Die staubige Vorstadtatmosphäre wird in der Halle wie in einem Höllenschlund lebendig. Und wenn sich Accatone, Steven Scharf mit großem Körpereinsatz, wie auch seine Kumpels Pio, Balilla oder der als „Das Gesetz“ betitelte fette Oberkumpel auf dem Boden wälzen, steigt dicker Staubnebel auf. Ob der Vergleich zwischen den arbeitslos gewordenen Kumpels von stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet mit den Verlierern der italienischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit zieht, darf dahingestellt bleiben. Auf den hat es Ruhrtriennalen-Chef und Regisseur Johan Simons schon angelegt. Aber eindrücklich gelingt seine Inszenierung in diesem von ihm auch für seine erste Spielzeit entdeckten Ort. Wie die Gestalten durch die Halle ziehen, Konstellationen bilden, sich Wortgefechte liefern, die beiden Prostituierten im weißen Container rechts immer mal wieder Zuflucht suchen. Wie einzelne zu Erzählern von Episoden werden, während die anderen einfrieren, die Männer in einem zwanghaften Kreistanz sich aneinander reiben oder eine Gewaltszene zwischen Mann und Frau in einem tänzerischen Pas de deux zu einem Ringen zweier Körper wird, erzeugt eine Flut von Bildern und Gefühlen. Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent streuen wohl dosiert und ausgwählt Sätze aus verschiedenen Bachkantaten dazwischen. „Wir zittern und wanken!“ trägt die Sopranistin Dorothee Mields vor, in Gelsenkirchen geboren, wohnhaft in Dinslaken und langjährige Mitstreiterin von Herreweghe. Der Schmerz, über das, was passiert ist, passiert, und noch passieren wird, ist allgegenwärtig. „Warum beklagst du dich, mein Herz“ stimmt der Altus Alex Potter an. Der Bachchoral „Jesu, deine Passion“ oder die Tenorarie „Wie zerfleischt ist meine Hoffnung, sind die Vorbereitung zu „Komm du Tod, oh Schlafes Bruder“, die der Bassist Peter Kooij in seiner Arie mit Oboensolo „Ich habe genug!“ endgültig abrundet. Der Einleitungschor aus Bachs Actus Tragicus wird als Klavierversion eingespielt. Die Musiker sitzen auf einem kleinen in den Boden eingesenkten Podium links von der Tribüne aus. Großartig haben die Soundtechniker das Problem der Hallenakustik mit Abnehmern und Verstärkung bei den Solisten und Instrumentalisten gelöst. Es klingt transparent und dennoch voll, als säße man in einem perfekten und nicht zu groß dimensionierten Konzertraum. Im Gegensatz zu Pasolinis Neigung, Bach in pathetischen romantisch aufgepumpten Einspielungen zu verwenden, die gern an Karl Richter-Interpretationen erinnern, setzt Herreweghe in seiner Interpretation auf schwingende Klarheit in den Lamenti! Herreweghe hat mit seinen Bachinterpretationen ja auch Geschichte geschrieben. Vor allem in Frankreich, wo er vor etlichen Jahrzehnten der Bachpflege mit seinen historisch informierten Aufführungen zu neuer Bedeutung verholfen hat. Die Schauspieler in ihren langen Spielpassagen deklamieren großartig textverständlich. Der niederländische Akzent einiger ist charmant. Für das internationale Publikum gibt es auf zwei Anzeigen englische Übertitel. Am Schluss klettert Vittorio oder Accatù, wie er im Dialekt gerufen wird, noch einmal aus dem Loch vorne vor der Bühne und verschwindet dennoch aus dem Leben, hinaus zur Halle und zum Licht. Glocken haben schon geläutet. Zum Schluss flattert das Geräusch auffliegender Tauben durch die Halle. Die Seele findet ihren Frieden. Irgendwo.