Schlagwort-Archiv: Richard Wagner

Rheinromantik im Untergang! Dietrich Hilsdorf vollendet Wagners Ring mit einer Götterdämmerung auf einer Rheinfähre!

Das MS Wodan auf dem Bug ist kaum zu erkennen. Alles verrostet. Der Lack abgeblättert. Aber die Rheinfähre von Bühnenbildner Dieter Richter bewegt sich, korrigiert sogar immer wieder den Kurs. Ein gelungenes Bühnenbild. Denn der Schlingerkurs ist in der Geschichte allgegenwärtig. Siegfried schwört Brünnhilde ewige Liebe. Dann verlässt der jugendliche Kraftmeier sie schnöde für eine andere vom Burgunderhof. Die Rheintöchter klettern über die Reling. Brünnhilde klagt an, Siegfried leistet einen Meineid, Hagen richtet ihn hin. Siegfried wird an Deck verbrannt, eingehüllt in sämtliche Flaggen der deutschen Geschichte. Und das Rheinufer zieht in Projektionen romantisch verklärt oder im zeitgeschichtlichen Industrierealismus vorbei. Es war ja von Anfang an die Rede davon, dass in Hilsdorfs Ring der Rhein eine Rolle spielen solle!
(Von Sabine Weber)

Zwei fatale Hochzeitspaare werden der Roten Funken Garde präsentiert! Auf der Brücke: Gutrune und Siegfried (Sylvia Havasi, Michael Weinius), Gunther und Brünnhilde rechts (Bogdan Baciu, Linda Watson), Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Hans Jörg Michel

Zwei fatale Hochzeitspaare werden der Roten Funken Garde präsentiert! Auf der Brücke: Gutrune und Siegfried (Sylvia Hamvasi, Michael Weinius), Gunther und Brünnhilde rechts (Bogdan Baciu, Linda Watson), Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Hans Jörg Michel

(27.10.2018 Oper am Rhein, Düsseldorf) In keiner der Ring-Opern wird der Rhein so oft erwähnt, wie in der Götterdämmerung! Eine Steilvorlage also für die Oper am Rhein. Der lokale Rhein-Realismus in der aktuellen Düsseldorfer Inszenierung zielt auf Wiedererkennungswert für die Rheinländer. Wer sich mit der Rheinschifffahrt auskennt, der oder dem stechen auch sofort das rote Backbord- und grüne Steuerbord-Peilmastlicht rechts und links im Bühnenrahmen ins Auge. Der oder die weiß, in welche Richtung die Fähre unterwegs sein müsste. Das Führerhäuschen, hier mit Aussichtsturm, ist immer im Heck. Also fährt sie Rhein-auf. Nach Worms? Aber warum ist dann später die Düsseldorfer Südbrücke im Panorama? Und eigentlich müsste das Fährgastschiff den Rhein kreuzen und die Ufer verbinden. Die MS Wodan (Wodan, wohl eine alte Form für Wotan) läuft längst aus dem Ruder! Es fließt also auch nicht rheinab, sondern dem Untergang entgegen! Und das gleich zu Anfang vor Mittelrhein-Panorama!

Foto: Hans Jörg Michel

Foto: Hans Jörg Michel

Die drei Nornen des Vorspiels (Sarah Ferede, Morenike Fadayomi, und mit sattem Mezzosopran Susan Maclean) treffen sich wie die Wilmersdorfer Witwen zum Kaffee-Klatsch auf einer Rheinterrasse mit Blick auf den Rolandsbogen linksrheinisch, den Drachenfels rechtsrheinisch (laut Regieanweisung Wagners müsste das der Walkürenfelsen sein). Angesichts der Götterzustände bangen sie allerdings. Wotan hat die Weltesche gefällt und zu Scheiten um Walhall aufgerichtet! Das Ende der Götter dämmert auf ewig. Dann reißen sie den Panoramavorhang weg. Brünnhilde sitzt auf der Fähre vor einem Deko-Weihnachtsbaum und strickt. Und horcht nach Siegfrieds Hornsignal, das bereits zu hören ist.

Das Schiff wird verlassen und wieder betreten. Auch wenn das Bild des schlingernden Fährkurs gut getroffen ist, einige Male verwirren die Szenenwechsel im Einheitsbühnenbild. Auch dass die Rostbeule als glänzender Gibichungenhof (Burgunder) ausgegeben wird. Logik-Brüche gibt es schon in Wagners Libretto. Die erste Liebesszene mit Brünnhilde und Siegfried ist trotz narkotischer Wagnermusik lang. In der Übertitelleiste erscheint ein „sie wiederholen und wiederholen sich…“ Gedanken des Regisseurs? Wie schnell sich dann aber Siegfried in Gutrune verliebt! Und in Hilsdorfs Regie kippt Gutrune den von Hagen ins Spiel gebrachten Zaubertrank für Siegfried, damit er alle bisherigen Beziehungen vergisst, sogar aus. Hier soll kein Zauber im Spiel sein. Siegfried wird für seine Spontangefühle kompromittiert.
Was in dieser Inszenierung besticht, ist die Personenregie in den zentralen Auseinandersetzungen. Immer wieder gibt es

Gunther und Siegfried schließen Blutsbruderschaft Foto: Hans Jörg Michel

Gunther und Siegfried schließen Blutsbruderschaft
Foto: Hans Jörg Michel

Dreierkonstellation, die wunderbar im Raum zueinander stehen, sozusagen Spannungsdreiecke bilden. Die drei Nornen an Land, drei Männer auf dem Schiff oder das Mordkomplott Hagen, Gunther und Brünnhilde, die den Tod Siegfrieds beschließen. Die Charaktere sind deutlich gezeichnet. Gunther ist emotional labil. Und mit Flasche in der Hand ist er Hagens willenloser Spielball. Stimmlich und spielerisch überzeugend dargestellt von Bariton Bogdan Baciu. Die Rolle Hagens ist der gewaltigen

Hagen brütet in der Nacht (Hans-Peter König) Foto Hans Jörg Michel

Hagen brütet in der Nacht (Hans-Peter König)
Foto Hans Jörg Michel

Bassstimme Hans-Peter Königs wie auf den Leib geschneidert. Die Wucht der Stimme hält er allerdings für den düster brütenden fast statischen Beobachter im Hintergrund oft zurück. Das lässt ihn umso gefährlicher erscheinen. In einer magischen Traumszene ist ihm Alberich erschienen, der ihn zum Sohn erklärt und zum Erben seines Hasses. Der zweite Akt ist ein hoch dramatisches Ereignis, denn da prallen die Charaktere in einer Massenszene aufeinander. Hagen ist der Spielmacher, der jede Wendung sofort für seine Intrige auszunutzen gedenkt. Und den Rache-Speer hält er bereits in der Hand. An Brünnhilde scheitert der Verrat. Verkörpert von Linda Watson, die zur Hochform aufläuft. In diesem Ring eine alte Bekannte aus früheren Folgen. Von Anfang an stemmt sie die Wuchtpartie und hält sie bis zu ihrem Monolog am Ende auf großer Höhe. Auch im Mezzoforte phrasiert sie mit schöner Stimme, bringt Enttäuschung und Verachtung durch den Mundwinkel zum Ausdruck. „Undank ist ein schmählicher Lohn!“ Und beweist in exzessiven Verzweiflungsausbrüche ihre Stimmgewalt. Michael Weinius ist ihr ein ebenbürtiger Siegfried. In der Betrugsszene trägt er Gunthers Kleidung und erobert Brünnhilde unter einer täuschenden Maske. Die Stimme klingt dann verzerrt, was dieser Vexiergestalt etwas Unheimliches verleiht. Warum die Burgunder, oder Gibichungen wie sie bei Wagner heißen, in stahlblau gekleidet (Kostüme: Renate Schmitzer) von den Roten Funken in rut-wieß mitsamt Funkenmariechen begleitet werden, will wohl sagen, dass am Rhein von der kölschen Spaßgesellschaft gelernt werden könnte. Über die mittels Betrug geschmiedeten Hochzeitspaare Gunther-Brünnhilde und Siegfried-Gutrune machen sie sich sofort unbotmäßig lustig und entlarven sie.
Im Rückblick bleibt jetzt aber doch die Frage, was der rote Inszenierungsfaden dieses Hilsdorf Ringes sei? Der havarierte Helikopter in den ersten drei Folgen ist also zu einer rostigen Rheinfähre geworden. Der Varieté-Rahmen aus bunten Glühbirnchen ist immer noch da und hat weit entfernt an das Theater als magischen Versuch erinnert. Hilft das gegen die Angst der Zeit? Eine zentrale Aussage lässt sich eigentlich nicht so richtig fassen. „Mein Theater sieht so aus: Wo eine Ideologie auftaucht, muss Theater dagegen halten“, hat Hilsdorf in einem Interview zu seinem Ringprojekt geäußert. Bevor Siegfried verbrannt wird, werden Flaggen gehisst, von der Fahnenstange abgerissen und auf Siegfried geworfen: das Banner des Heiligen Römischen Reiches, der Doppeladler auf gelben Untergrund, später auch die Flagge des deutschen Bundes, die deutsche Reichsflagge, die Reichskriegsflagge, das schwarz-rot-gold der Weimarer Republik wird erst einmal auf den Boden gelegt, denn es kommt zuvor noch die Flagge des Dritten Reichs und die DDR Flagge, bevor das schwarz-rot-gold aufgehoben und als letztes auf Siegfried landet. Werden damit die deutschen Nationalstaaten und der Nationalismus begraben?
Als die Scheite brennen, steht Brünnhilde wieder im kriegerischen Mantel und auf der Kommandobrücke der Fähre mit dem Rücken zum Publikum. Sie springt also nicht nach Wagners Regieanweisung ins Feuer. Sie sieht als einzige in eine ferne Zukunft. Ändert das die Sicht auf Wagners Bühnenfrauen, die Hilsdorf ebenfalls „furchtbar“ findet? „In Opern mit Erlösungscharakter würde zum Schluss immer eine Frau geopfert. So könne das aber nicht verhandelt werden“, laut Hilsdorf. Aber hat er wirklich die Sicht auf die Frauen verändert? Wagners Aussage, die er Brünnhilde zum Schluss in den Mund legt, wirkt da eher noch nach. „Ich musste verraten werden, um zu wissen“, also um weise zu werden …
Musikalisch ist der gesamte Ring jedenfalls eine Wucht, mit der die Oper am Rhein punktet. Generalmusiker Axel Kober präsentiert hier mit viel tiefem Blech ein grandioses Finale. Begeisternder Applaus für ihn, sobald er vor seine Düsseldorfer Sinfoniker im Graben steht. Auch für die Sänger nach jedem Akt. Und dann der gar nicht enden wollende Applaus am Ende! Stehende Ovationen! Wieder Sonderapplaus für Kober. Das Regieteam will gar nicht auftreten. Als es endlich kommt gibt es tumultuarische Schreie: Buhs und Bravos durcheinander. Aber ich bin sicher. Nach dieser Premiere ist keiner unzufrieden nach Hause gegangen!

Mit Richard Wagners Tannhäuser eröffnet Köln die Opern-Saison

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt. © Bernd Uhlig

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt.
© Bernd Uhlig

Das Pilgerlied, überhaupt, Melodien schwirren einem noch Tage später durch den Kopf. Wagners Tannhäuser ist voll davon. Mit so eindringlicher Intensität, vor allem im kammermusikalisch Leisen vom Gürzenich-Orchester begleitet, dass die Musik zum nachhaltigen Ereignis wird!
Von Sabine Weber

(24. September 2017, Staatenhaus/ Oper Köln) „Dich, teure Halle, grüße ich wieder, … froh grüß’ ich dich, geliebter Raum. In dir erwachen seine Lieder und wecken mich aus düst’rem Traum …“ Das schmettert Elisabeth zu Anfang des zweiten Aufzugs in ihrer großen Arie. Angesichts der hinausgeschobenen Eröffnung der zu sanierenden Oper jetzt auf das 4. Quartal 2022, ein Gruß mit bitterem Beigeschmack. Diese Halle grüßen wir noch viele Jahre! Nach dieser Saisonpremiere! Bühnenbildner Darko Petrovic hat für diese Inszenierung allerdings eine fürs Orchester geniale Lösung im riesigen Saal 2, der Ausweichspielstätte im Staatenhaus, gefunden. Ein rundum-Bühnenboden öffnet in der Mitte eine Schlucht. In der sitzt das Orchester omnipräsent und meist hinter den Sängern, die nicht hinter dem Orchester singen müssen. Fast noch besser als Bayreuth! Denn die Musiker im Orchester und der unermüdlich die Arme schwingende Dirigent François-Xavier Roth sind optisch präsente Hauptakteure im Geschehen.
Und das sind sie absolut! Erst Tags zuvor hat das Gürzenich-Orchester mit der französischen Erstaufführung des 2016 für Köln komponierten orchestralen Ring von Philippe Manoury das neue Musikfestival Musica in Strasbourg eröffnet. Und überzeugen am nächsten Abend mit Wagner-Klängen in Köln, die aufhorchen lassen. Die Streicher begleiten Vibrato-los wie ein Gambenconsort mit satt dunklem Timbre. Die Celli formen eine verzweifelt schöne Kantilene am Beginn des dritten Aufzugs, für die sie in der zweiten Pause auch extra noch einmal üben! Verdis Don Carlo haben sie an ihren Bögen. Und die Holzbläser erinnern daran, dass Mendelssohns Sommernachtstraum nicht spurlos an Wagners Ohren vorübergezogen ist. Auch Rossini grüßt mit einigen prickelnd hüpfenden Begleitfiguren. An diesem Abend ist zu hören, woher Wagner kommt. Aber auch, was er daraus ganz eigenständig zu entwickeln vermochte. Und das Blech ist Wagner! David Pomeroy als Tannhäuser setzt in den ersten beiden Aufzügen zwar etwas steif nur auf Lautstärke, legt im letzten Aufzug aber eine herzergreifende Rom-Erzählung mit feinen und verzweifelten Nuancen hin, die alles vergessen macht. Kristiane Kaiser als verkaufte Braut Elisabeth kostet berückende Piano-Momente aus und jubelt, wie schon erwähnt, mit mächtigem Organ der Halle zu. Miljenko Turk, der bereits im letzten Kölner Tannhäuser den zwischen Freundschaft zu Tannhäuser alias Heinrich und geliebter Elisabeth hin und her gerissenen Eschenbach gegeben hat, breitet beglückend romantische Nachtstimmung mit seinem Abendsternlied aus. Ein weiterer Melodien-Ohrwurm, der nachwirkt. Karl-Heinz Lehner, als Landgraf, greift immer zur echten Zigarette und pafft und gebietet über seine allesamt in Smoking oder Frack steckende Männergesellschaft mit autoritär-dunklem Timbre. Auch Nebenrollen sind Entdeckungen. Die Bassstimme von Lucas Singer als Biterolf, und Tenor Dino Lüthy als Walther von der Vogelweide. Er ist Mitglied des Internationalen Opernstudios der Kölner Oper. Ebenso wie Maria Isabel Segarra, die mit schlanker Sopranstimme den jungen Hirten gibt. Irritierenderweise steckte der im Kleider-Outfit der Venus-Grotten-Verführerinnen. Schwarzes Kleid mit Mönchskapuze (Kostüme: Annina von Pfuel). Die Regie von Patrick Kinmonth setzt auf den Venus-Maria/ Hure-Heiligen Konflikt, und bleibt eindimensioniert. Venus, ganz in schwarz, soll wohl eine Domina sein, hat mit Dalia Schächter aber leider zuviel Mutti-Effekt. 5Und klingt in der Höhe überfordert schrill. Bereits in der Ouvertüre tanzen ihre schwarzen Liebesdienerinnen mit roter Perücke einen gestischen Tanz auf Stühlen vor liegenden Smokingmännern auf Tischen, die teilweise in ihre Laptops starren. Das bliebe ziemlich blutleer, wäre da nicht die Musik. Auch wenn Venus auf ihre Gegenspielerin in stummer Aktion trifft. Auf eine Maria-Figur im weißen „Gegenkostüm“ mit Himmelblau gefütterter Kapuze, die meist irgendwo steht. Alles stört irgendwann nicht mehr, denn die Musik ist der Hauptakteur.
Und wenn der Chor als Pilgerschar von hinter der Bühne, hinter der Podiumstribühne singt, oder auf der Bühne – ebenfalls im Smoking, allerdings mit Hut und Langstab mit Kreuzchen oben – sein Pilgerlied schmettert, pilgert jeder mit Wagner mit. Denn dieser Wagner klingt!

Tristan und Isolde von Richard Wagner – die letzte Vorstellung im Theater im Revier in Gelsenkirchen mit Wonnen voller Tücken!

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster


Von der ersten Minute an ein ewiges und mörderisches „zu spät“! Zu spät gewusst, zu spät geliebt, zu spät für die Rettung! Dreieinhalb Stunden braucht es dennoch für den finalen Liebestod. Seit dem Tod des Uraufführungs-Tristan Ludwig Schnorr von Carolsfeld unmittelbar nach der Münchener Aufführung gilt die Partie des Tristan auch noch als mörderisch. Aber im Ruhrgebiet gibt es eine bewährte Wagner-Connection. Der Bayreuth-erfahrene Wagner-Tenor Torsten Kerl aus Gelsenkirchen durch- und überlebt das Mörderische souverän und läuft für das Theater im Revier ein letztes Mal in dieser Spielzeit zu großer Form auf. Yamina Maamar, aus den vergangenen Spielzeiten eine hier bekannte Stimme, ist eine stimmlich ebenbürtige Isolde.
(Sabine Weber)

(4. Juni, Theater im Revier) Am Ende wird gejubelt. An diesem Pfingstsonntag, der nach den Hitzetagen etwas Abkühlung gebracht hat. Zwar weniger im Theaterinneren. Aber das hält niemanden zurück. Johlen für das Protagonistenpaar, die Brangäne-Darstellerin Almuth Herbst, und den eingesprungenen Sangmin Lee als Kurwenal, der mit einer profund lautstark wohltönenden Baritonstimme sehr beeindruckt hat. Als Generalmusikdirektor Rasmus Baumann aus dem Orchestergraben auf die Bühne gelaufen kommt, stehen einige in den ersten Reihen auf und erhöhen die Klatschfrequenz. Auch wenn die Neue Philharmonie Westfalen im Vorspiel nach den ersten Tristanakkorden etwas Mühe hatte, in Schwung zu kommen. Danach präsentiert sie einen formidablen Wagnersound – „Klang gewordener Orgasmus“, so hat Dieter Schnebel in seinem Hörprotokoll von 1971 von der Tristanmusik geschwärmt. Hier ist sie in ausgespielten Bögen zu erleben, die auch kammermusikalischen Momenten den Raum öffnen. Streichersoli in der orgiastischen Liebesnachtmusik. Einsame Englischhornweisen im letzten. Musikalisch ist das ein wunderbarer Saison-Abschluss. Freilich hätte die Regie (Intendant Michael Schulz) den trotzigen Helden im ersten Akt etwas günstiger in Szene setzten können. Da steht Tristan steif im blauen Trenshcoat. (Kostüme: Renée Liesterdal) Wie ein muffiger Kommissär die Hände tief in die Taschen gedrückt. In dieser unbeholfen wirkenden Haltung läuft er auch zum ersten Gespräch zu seine Herrin auf. Die beleibte Körpferfülle durch flaches Hinlegen neben Isolde an der Bühnenrampe auszustellen mag bedingt angehen. Ist ja der Rausch einer gerade verköstigten Droge, dem das Paar sich wie Hippies hingibt. Aber die Liebesnacht mit eben diesem abtörnenden Trenshcoat am Leib, während Isolde im seidigen Nachmantel die Nacht der Liebe herbeisehnt? Der zweite Akt ist dennoch die stärkste Regieleistung! Im rotierenden Liebeslabyrinth der Bühnenbildnerin Kathrin-Susan Brose verirren sich die Berauschten im Sternenlicht um einen steinernen Mond, treffen auf ihre Kinder oder sich als Kinder, wie auf glückliche Visionen der Vergangenheit oder der Zukunft. Ihre Leidenschaft ist musikalisch mit dem Liebestodzitat musikalisch verzahnt. Durch ein kopulierendes Paar im Guckkasten wird sie leibhaftig, und plötzlich landen Tristan und Isolde von Freund Melot verraten zum Verhör bei König Marke. Das ist alles stringent verzahnt.
Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke

Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke


Der letzte Akt dann ist ein einziges schwarz-weiß. Wobei ein dreigeteilter schwarzer Vorhang immer wieder Ausschnitte verschiebt. Ein Sehen wollen, aber vergeblich Schauen. „Sehnsucht-Not“, schreit der tödlich verletzte Tristan ja auch. Und „Alle tot!“ König Marke, der zu spät vom verköstigten Liebestrank erfahren hat, und zu spät in Kerneol, dem Rückzugsort Tristans ankommt, um den Helden zu begnadigen und die Liebenden zusammenzuführen. Trotz eines fehlenden und auf eine Aussage hin angelegten Regiekonzepts, vielleicht daher auch die irritierend heterogenen Bühnebilder, ist dieser letzte Tristan im Revier gut erzählt und insgesamt ein Glücksfall. Die Wagner-Fan-Gemeinde zieht jedenfalls beglückt von dannen. Eine hartnäckige Gruppe lauert im Foyer den Protagonisten Torsten Kerl und Yamina Maamar für ein Autogramm auf. Mit Blick auf die wunderbar blauleuchtenden Schwamm- und Reliefbilder mit leichter Staubpatina von Yves Klein, die jeden Aufenthalt im Theater im Revier krönen.

Nie mehr Kundry! Auf den Berliner Festtagen verabschiedet sich Waltraud Meier von ihrer Lebensrolle

von Sabine Weber

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli © Ruth Walz


(Berliner Staatsoper im Schiller Theater, 25.3.2016) Mit Weihe und Karfreitagsallüre empfiehlt sich Richard Wagners Parsifal ja als die Karfreitags-Oper. Entschuldigung: Bühnenweihfestspiel! Seit dem Fall des Bayreuther Verbots, den Parsifal nicht anderweitig aufführen zu dürfen – das war 1914 – folgen auf Wagner setzende Opernhäuser dieser Empfehlung weidlich. Auf den diesjährigen Berliner Festtagen läuten die Karfreitagsglocken wieder heftig. Es tönt unter Maestro Barenboim auch äußerst weihevoll aus Graben. Das Publikum wird mit den ersten fragend, klagend, schmerzhaft geformten Unisono-Gesten der Partitur sofort auf sich selbst zurück geworfen, den tieferen Sinn von Mitleid, Wissen und „Zeit wird hier zu Raum“ in sich zu erforschen. Wenn der Vorhang andernorts beim Vorspiel hoch geht, damit pantomimisches Spiel Deutungshoheit bekommt, wird in Berlin der Vorhang erst mal wieder geschlossen. Wissen im demütig verinnerlichten Hörvollzug! Eine romanische Krypta als konspirativer Treff der Gralsritter von Regisseur Dmitri Tcherniakov gestaltet, die sieht man ja auch noch lang genug in den folgenden Akten. Auch die wirre Rasputin-Gefolgschaft oder sind es die Bauern aus Die Brüder Karamasow? Sicherlich hat der ein oder andere sowieso die Premiere dieser Parsifal-Inszenierung bereits auf den letzten Berliner Festtagen im vergangenen Jahr erlebt, mit fast identischer Besetzung. Fast. Denn an diesem Karfreitag singt Waltraud Meier die Kundry. Die große Wagnersängerin Waltraud Meier!
Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Eine schöne Frau mit Schmerz und Aussage im Gesicht, mit betörenden Weichheit und Wucht in der Stimme. Die lange Pause nach ihrem erschütternden Geständnis, dass sie den Gekreuzigten verlacht hat, prägt sich als einer der prägendsten Momente an diesem Abend überhaupt ein. Wie sie diese Rolle als 60jährige souverän im Griff hat! Es ist ihre Lebensrolle. Mit dieser Partie ist die Mezzosopranistin aus Würzburg 1983 in ihre Weltkarriere von Bayreuth aus gestartet. 1993 wechselt sie zur Isolde in der Bayreuther Heiner Müller Inszenierung. Daniel Barenboim steht im Graben! Mit ihm als Dirigenten verbindet sie eine lange fruchtbare Zusammenarbeit. Wie sie ihm vertraut, sich von ihm mitreißen und tragen lässt, ist an diesem Abend offenkundig. Das ist ein glänzender Abschied von der Rolle einer geschundenen Frau. Geächtet, büßend, instrumentalisiert, verführerisch. Und nach Erlösung schmachtend. In Tcherniakovs Inszenierung steht im dritten Akt ihre Wiederbegegnung mit Parsifal im Zentrum und unausgesprochene – vergeistigte? – Liebe im Mittelpunkt. Der Hüne René Pape, als Gurnemanz zu einem Harry Rowohlt veraltet, steht mit all seinen Erklärungen hilflos im Hintergrund, hinter dem sich liebend anblickenden Paar, auf das sich alle Augen richten. Andreas Schager als Parsifal hat seinen Pumuckellook mit Kapuzenpulli über Shorts auch endlich abgelegt. Die Kostümierung als jugendlich Torenhafter Draufgänger ist ja sinnreich. Aber irgendwie widerspricht der Anblick doch dem, was seine gewaltige Stimme die ganze Zeit zu bieten hat. Ein rundes Volumen, das die Staatskapelle mühelos übertönt, dabei aber immer Klangrundheit behält. Sonor gestalteten Kantilenen in der Mittellage und auch noch tragend im piano. Kundry und Parsifal, ein Jahrhundertliebespaar! Zum ersten und zum letzten Mal an diesen Berliner Festtagen. Aber der Senkrechtstarter Andreas Schager hat sich für die internationale Wagnerbühne einmal mehr empfohlen. Und ist bereits für den Berliner-Festtagen-Parsifal im nächsten Jahr gebucht. Waltraud Meiers Kundry wird endgültig Legende. Ihre großartige Stimme bleibt uns fürs Liedrepertoire und vielleicht doch noch in der ein oder anderen Wagnerrolle erhalten.