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Sturmtief Penthesilea rast durch die Oper Bonn! Peter Konwitschny inszeniert Othmar Schoeck Frau gegen Mann

THEATER BONN: PENTHESILEA
Hinten oben spielt sich das Orchester locker. Ziemlich viel Gebläse. Kaum Streicher. Ein Streichquartett mittig links. Dafür ziemlich viele Kontrabässe ganz rechts. Immer wieder schlagen die heftig ihre Bögen mit dem Holz gegen die Instrumente. Als müsse etwas aufplatzen. Ein Orchesterinspizient protokolliert. Darunter das Podium. Mit zwei Flügeln – rechst und links, sonst nichts! Keine Requisiten. Kein Bühnenbild. Sieht nach einer Chorprobe aus. Hier soll Oper stattfinden? Dann geht das Licht aus…

(29.10.2017, dritte Vorstellung, Oper Bonn) Und es bricht herein. Das Beethoven Orchester unter Dirk Kaftan. Laut? Leise? Weiß ich nicht mehr. Nur, dass hinter uns ein Chor wie aus allen Lautsprechern aufdreht. Wir drehen uns irritiert herum. Nein, keine Lautsprecher. Die Chorleute sitzen im Publikum. Und ihr Röhren hört nicht mehr auf. „Ahh, ohh“, später „Penthesilea“. Kommentare der Verzweiflung. Aber dann: Verlachen, Anheizen, Wut, Abwinken. Stellen Sie sich das verlautet in Comic-Sprechblasen vor. Überall Chormeute, die sich einmischt. Die sitzt sogar oben und springt um die Bühne herum. Oder beobachtet mit Armen auf der Bühne das Geschehen als wärs in einem Boxring. Frau – Mann in einem Konflikt auf Augenhöhe! Sie haben gleich viel Kraft, sind Heldin und Held, Anführerin und Anführer. Und beide ineinander verliebt. Prima! Bloss, dass für die Liebe etwas aufgegeben werden müsste. Die Erinnerung, Tradition, Allmachtsfantasien..? Was auch immer. Das kann keine(r). Jede(r) will doch nur gewinnen und in jedem Moment! Aber so geht Liebe nicht! Der Mann-Held versucht es sogar mit einem „ich will mich doch unterwerfen“- Spielchen. Fordert einen Kampf, um zu verlieren und kommt deshalb ohne Waffen. Leider unterschätzt er die Instinkte einer „Kampf-Amazone“. Da dockt keine Domina-Unterwürfigkeit als Spielvorschlag an. Diese Frau ist nicht patriarchalisch domestiziert, missversteht das Angebot. Und zerfleischt den strahlenden Held mit langer blonder Mähne und Goldkettchen.
THEATER BONN: PENTHESILEA
Was immer Heinrich von Kleist uns mit diesem „Küsse und Bisse reimt sich“ sagen wollte – ein Spruch der Penthesilea zum Schluss, Liebe ist vor allem eine kulturelle Vereinbarung. Und löst interkulturell Konflikte aus, wenn Rollenmuster nicht erfüllt werden. In Bonn rast der Konflikt wie ein Orkan durch das Parkett zur Bühne und wieder zurück in den Zuschauerraum. Ziemlich viele Klarinetten blasen und zwei Klaviere spielen.
Die Pianistin und den Pianisten bezieht Regisseur Konwitschny als Konflikt-Stellvertreter auf der Bühne ein.

 Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu


Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu

Alles, was polarisieren kann tut es in dieser Inszenierung. Die Flügel werden auseinander, gegeneinander und ineinander zusammen geschoben oder dienen als Podest oder als Versteck. Schoecks Comicartige Klangwolken wehen immer wieder über die Bühne. Dissonante Cluster für Gefährdung, Nerven-aufreibende Klangbänder stehen für Angst und legen sich unter gesungenes oder melodramatisch gesprochenes Wort. Schoeck ist auch kitschig, nur für kurze Momente, in denen Liebesgefühle mal Raum bekommt. Ein Liebesduett liefert Schoeck auf Anraten eines Freundes dann aber doch nach. Gemetzel lässt Schoeck wie bei Kleist auch angelegt, aus der Reportagehaltung vermitteln. Konwitschny lässt keinen dieser musikalischen Aspekte ungenutzt. Manchmal ist es die überbordende Musik, dann ein Sprachausdruck, der lächerlich kommt. Und schonungslos deckt er auch unfreiwillige Komik in diesem Clash auf. Achilles, Bariton Christian Miedl, kommt als gockeliger Thomas Gottschalk-Verschnitt daher, der meint, wenn die Hose fällt liegt ihm auch die weibliche Welt zu Füßen… Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser geht als im Zweikampf verletzte Penthesilea an den Start und agiert fast von Anfang an am Rande des Wahnsinns nur im Unterrock. Smoking bei den Herren, schwarzes Irgendwas bei den Frauen. Nichts außer der menschlichen Auseinandersetzung zählt in dieser Oper. Und die krakeelenden Chorleute hält man wirklich für Publikum, das nicht an sich halten kann. Genial hat Schoeck sein Libretto auf den Punkt fokussiert und mit Musik dramatisiert. Das komprimierte Kleist-Trauerspiel in einem Akt, soll laut Selbstaussage auch „vorüberrauschen… wie ein Sturmwind.“ Dafür liefert Schoeck mit seiner Partitur die beste Vorlage. Und das setzen alle Beteiligten, Solisten, Chor, Orchester um! Atemlose eindreiviertel Stunde Tumult reißen alle mit. Ein Beweis, dass sich die Wiederentdeckung des Komponisten Othmar Schoeck in Bonn absolut gelohnt hat. 60 Jahre ist er nun tot.

Die Amazonen kämpfen im königlichen Brüsseler Opernhaus. Die Oper Penthesilea nach Heinrich von Kleist von Pascal Dusapin ist dort uraufgeführt worden!

Georg Nigl (Achilles) und Penthesilea (Natascha Petrinskiy. Foto: La Monnaie/ De Munt

Georg Nigl (Achilles) und Penthesilea (Natascha Petrinskiy). Foto: La Monnaie/ De Munt


(Sabine Weber, Brüssel 31.3.2015) Einsame Harfenklänge stehen am Anfang. Töne eines Wiegenliedes. Dazu ein dunkler drohender Unterton. Auf der leeren Bühne liegen Gestalten. Sie erwachen wie aus einer Ohnmacht. Das ist ein Schlachtfeld! Weil die Amazonenkönigin Penthesilea nach dem Gesetz ihres Volkes nur lieben darf, wen sie auf dem Schlachtfeld besiegt hat und Achill ein Macho ist, gibt es diesen Krieg! Es kommt dennoch zu einer ‘normalen’ Liebesszene. Denn Achill spielt der nach einem Zweikampf aus der Ohnmacht erwachenden Penthesilea vor, er sei besiegt worden. Als der Betrug auffliegt, dreht Penthesilea durch. Aus ihrem System kommt sie nicht raus. Das versteht wiederum Achill nicht. Er nähert sich der Liebsten waffenlos, um sich endgültig zu ergeben. Sie zerfleischt ihn!

„Diese Geschichte ist der blanke Horror!“ So der Komponist Pascal Dusapin. Über 30Jahre hat ihn das Penthesilea-Drama verfolgt. Seit ihn ein Musikwissenschaftler gefragt hat, ob er nicht über diesen Stoff komponieren wolle. Damals war er 24 Jahre alt. Jetzt hat Duspin die Klänge gefunden. Erstaunlich durchhörbare und transparente Klänge. Vielschichtige Flächen bauen sich auf oder ab. Meist zentriert um pulsierende Töne. Sie rufen durchaus das innere Grauen hervor, teilweise von heftigen Akzenten durchsetzt. Auch elektronische Klänge wabern über Lautsprecher durch den Zuschauerraum. Und als exotische Klangnote hämmert ein orientalisches Hackbrett mit.

Kein Deutscher hat es bisher gewagt, sich an Kleists Literatur-Monument zu wagen. Vielleicht auch, weil Kleist mit einer griechischen Sage statt an Vernunft und Humanität zu appellieren, Hysterie und Wahnsinn entfesselt. Er lässt viel Blut fließen. Die erzählten Kampfszenen sind enorm brutal. Dusapin hat sie aus dem Libretto seiner Oper gestrichen. Der Konflikt ist auf die Liebe der beiden Hauptfiguren und ihrer Gefährten konzentriert. Prothoë, Penthesileas Waffengefährtin, hat allerdings eine gewichtigere Rolle als Odysseus. Im Unterschied zu Othmar Schoecks Penthesilea von 1927, die nur originalen Kleist verwendet, hat Dusapin die Sprache von Beate Haeckl modernisieren lassen. Da wirken beim Lesen Wörter wie “Stahlgewitter” oder “Weichei” irritierend. Auf der Bühne allerdings gehen sie im Klang auf.

Für Dusapin ist Kleists Penthesilea auch nicht nur eine antike Geschichte. „Das ist eine moderne Geschichte! Das ist das Libyen von heute, bezogen auf die Massaker. Es geht um die Frage der Liebe und einzwängender Traditionen und Gesetze“. (siehe Interview weiter unten.)
Das sind wiederkehrende existentielle Themen, die Menschen zutiefst verletzen können! Menschliche Verletzungen sind das Thema der belgischen Künstlerin Berlinde de Bruyckere. Auf der Biennale in Venedig hat sie mit der Installation „Krüppelholz“ für Furore gesorgt. Und es ist ein Coup, sie als Bühnenbildnerin für diese Produktion gewonnen zu haben. Immer experimentiert sie mit natürlichen Materialien. In Venedig mit knorrigem Ulmenholz. Jetzt mit Tierhäuten. Sie senken sich von oben wie Leichen an Stangen. Oder liegen wie Kadaver geschichtet auf der Bühne. Gefunden hat Berlinde de Bruyckere die Felle in einer Gerberei in Anderlecht. Und die Fotografin Mirjam Devrient hat noch einige eindrückliche Fotos von dort fürs Bühnenbild beigesteuert. Gerber mit Messer in der Hand. Tropfen, die wie Tränen von den letzten Tierhaaren fallen. Das korrespondiert mit Grausamkeit und Schmerzen. Menschen ihres Schutzes beraubt sind wie gehäutet! Sie werden zu Bestien …

Wie große Raubkatzen bewegen sich die Amazonen. Das hat durchaus auch eine erotische Note hat. Im Verlauf der 90 Minuten wird man allerdings mit der Geschichte nicht warm. Das liegt zum Teil an der mit viel „slow motion“ auf Beziehungslosigkeit setzende Personenregie von Pierre Audi. Wenn Achill die bewusstlose Penthesilea im Arm halten sollte, läuft er herum. Bei einem angedeuteten Orgasmus-Schrei stehen Achill und Penthesilea teilnahmslos hintereinander … Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Dialoge im dem handlungsarmen Libretto nicht ausreichen, um die Entwicklungen der Personen nachvollziehbar zu machen. Und bei allen Vorbehalten gegen Voyeurismus, der dramatische Tod des Achill, der Höhepunkt, ist sekundenkurz! Das ist zu wenig für die Katastrophe!
Der Abend ist dennoch ein Erfolg. Daran haben die Solisten großen Anteil. Die Mezzosopranistin Natascha Petrinsky als traumatisierte Penthesilea wartet mit einem warmen dennoch dramatischem Timbre auf. Die Koloratursopranistin Marisol Montalvo als ihre agile Gefährtin Prothoe bewältigt zerklüftete Gesangslinien in müheloser Höhe. Der etwas holzschnittartige fast karikaturhafte Macho-Achill von Georg Nigl ist gewollt. Für den Bariton ist diese Partie bereits die vierte, die Dusapin ihm widmet. Und Dusapin ist ein Komponist, der die Sänger gut bedient. Das Orchester und der Chor der La Monnaie-Oper klingen unter dem Neue Musik-Spezialisten Franck Ollu überzeugt.
Aber Penthesilea bleibt – auch mit dieser Oper – ein entsetzlicher Stoff!

Der Komponist Pascal Dusapin

Pascal Dusapin Foto: Brüssel De Munt

Pascal Dusapin Foto: Brüssel De Munt

„Varèse, Xenakis und der Jazz hätten die elementaren Kräfte in seiner Musik in Bewegung gebracht.“ So erklärt der Musikwissenschaftler Harry Halbreich das Phänomen Dusapin. Keiner Schule lässt er sich zuschreiben. Aber der 1955 in Nancy geborene Komponist ist derzeit erfolgreich. Nicht nur in Frankreich. Fast alle seine Werke kommen auch in Deutschland an. 2002 hat das Beethovenfest sein Klavierkonzert A quia uraufgeführt. Seine Oper Faustus, nicht nach Goethe, sondern nach dem Shakespearezeitgenossen Christopher Marlowe, ist 2006 an der Staatsoper unter den Linden uraufgeführt worden. Dusapins Opernballett Passion über die von der antiken Unterwelt verschluckte Eurydike hat die Berliner Choregraphin Sascha Waltz für ihr Ensemble und Aufführungen in Paris und Lille 2012 choreographiert und inszeniert. Dusapins Medea nach Heiner Müllers Medeamaterial hat das Vocalconsort Berlin im Repertoire. Uraufgeführt wurde das Werk 1992 an der Brüsseler Oper. Am 31. März wird in der belgischen Metropole eine weitere Dusapin-Oper aus der Taufe gehoben. Dusapin hat sich an Heinrich von Kleists Tragödie Penthesilea gewagt. Vor der Deutschlandpremiere von Dusapins Oper Perelà, uomo di fumo am 16. Januar dieses Jahres konnte ich mit ihm ein Gespräch führen. Da ging es natürlich um die ungewöhnliche literarische Vorlage von Perelà, um literarische Vorlagen überhaupt und natürlich auch um Penthesilea, für die bereits am Bühnenbild in Brüssel gearbeitet wurde.
Von Sabine Weber