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Echnatons Sonnengesang in Bonn und Vogelfänger in Köln – inszeniert von zwei Regisseurinnen, die tanzen lassen!

Echnaton im Schulunterricht und ein Mädchen (Tänzerin Katharina Platz) dreht durch. Foto: Thilo Beu

Echnaton im Schulunterricht und ein Mädchen (Tänzerin Katharina Platz) dreht durch. Foto: Thilo Beu

Die drei Uccelatori Young Woo Kim, Hoeup Choi und Yunus Schahinger. Davor María Isabel Segarra und Sara Jo Benoot. Martin Dvořák turnt auf dem Hochsitz hinter der Bühne. Foto: Paul Leclaire

Die drei Uccelatori Young Woo Kim, Hoeup Choi und Yunus Schahinger. Davor María Isabel Segarra und Sara Jo Benoot. Martin Dvořák turnt auf dem Hochsitz hinter der Bühne. Foto: Paul Leclaire


Unterschiedlicher könnten zwei Opernereignisse nicht sein! Philip Glass huldigt Pharao Echnaton in einem Minimalmusic-Ritual. Das junge Opernstudio in Köln setzt eine Liebeskomödie von Florian Leopold Gassman auf einer schiefen Ebene in Szene, auf der alles ins Rutschen kommt!
Doch eines hatten die beiden Aufführungen gemeinsam. Regisseurinnen, die das Tanzen lieben!
(Von Sabine Weber)

(23. und 24.03.2018, Bonner Oper und Kleinen Saal im Staatenhaus der Oper Köln)
Gli Uccelatori – Die Vogelfänger – ist ein Titel, der nicht sofort aus der Reserve lockt. Neue Musik? Nein, das ist eine spritzig witzige Kammeroper-Komödie in drei Akten, die sogar hören lässt, wes Kind letztendlich auch Mozarts Opern sind. Florian Leopold Gassmann war als Hofkapellmeister vor Mozart in Wien eine Größe. Nachdem er in Venedig mit dem führenden Komödienschreiber Carlo Goldoni zusammen arbeiten und lernen konnte, hat er das Genre der komischen italienischen Oper mit großem Erfolg nach Wien getragen. Die Vogelfänger-Komödie ist sogar die erste gewesen. Von drei jungen Vogelfängern handelt sie, die auf der Jagd nach Partnerinnen sind. Die „lieblich flatternde Beute“ ist also auch im übertragenen Sinne zu verstehen. Und das Stück spielt damit. Zwei Zofen sind im Visier. Sie streiten sich natürlich um ein und denselben. Wobei ihre adlige Herrin, die Marchesa, noch mitmischt. Denn auch sie himmelt lieber einen Vogelfänger an als ihren standesgemäßen Verehrer, den sie immer wieder abblitzen lässt. Unter der Leitung des aufführungspraktisch orientierten Gianluca Capuano überschlägt sich das klein besetzte Orchester in diesem turbulenten Spiel. Flöte, Piccoloflöte sind natürlich dabei, weitere Holzbläser und auch zwei Hörner und zwei Cembali. Für die Seccorezitative ist ein offenkundig versierter Cembalist am Werk, der stimmungsmäßig und mit Witz und Ironie untermalt. Im Programmheft wird er leider nicht erwähnt. Einige Male greift auch der Dirigent in die Tasten des vor ihm stehenden zweiten Cembalos und improvisiert ein groteske Chaconne zwischen erstem und zweiten Akt. Denn ein Tänzer ist mit von der Partie. Ein schräger Vogel mit weißem Plusterrock und Federn im Haar, ein Playmaker, der mit barock-groteske Tanzposen hier und da eingreift, mit zwei Fächern in der Hand, die er vor und hinter seinem Körper fliegen lässt, wobei nicht selten seine Beinen in der Luft stehen. Bereits zur Ouvertüre, in der ein Schatten von Mozarts Figaro-Ouvertüre huscht, wenn man aus heutiger Sicht hört, taucht Martin Dvořák als schräger Vogel aus einer Luke im schiefen Bühnenboden auf, im Vogelfängerdienst der unterschiedlichen Charaktere. Das sind der Angeber Pierotto mit Sonnenbrille und roten Cowboystiefeln, der täppische Cecco oder ein verträumter Toniolo. Die Britin Jean Renshaw wirbelt sie bewegungsbetont und ganz im Sinne einer Molièreschen Charakterkomödie durchs Bild. Es gibt viel Eifersucht, sogar einen Mordauftrag und eine fingierte Gerichtsszene. Die jungen Sänger erweisen sich als bewegungs-, und vor allem als singfreudig. Hoeup Choi, Bariton, und zunächst das Objekt der Begierde aller Damen ist ein Papageno-Ahne. Der andere Koreaner Young Woo Kim, ein lyrischer Tenor, verzweifelt in den schönsten Tönen. Maria Kublashvili als Marchesa liefert Koloraturen wie eine kleine Königin der Nacht. Sara Jo Benoot bekennt mit mit warmem Mezzotimbre ihre Liebe, was ihre schnippische Gegenspielerin Maria Isabel Segarra, ebenfalls koloraturenstark, auf die Soprettenhafte Palme bringt. Christoph Cremer hat die unterschiedlichen Temperamente in fantasievolle Kostüme gekleidet.Eine farblich kontrastierende Mischung aus heutigem Casual und Barockattitüde.

Drei Hochzeitspaare und ein Single mit Torte. In der Mitte Marchesa und Marchese Maria Kublashvili und Dino Lüthy. Foto: Paul Leclaire

Drei Hochzeitspaare und ein Single mit Torte. In der Mitte Marchesa und Marchese Maria Kublashvili und Dino Lüthy. Foto: Paul Leclaire

Wunderbar das goldene Osternest mit drei Eiern als Hütchen der Marchesa, die einen weißen Anzug mit Ansätzen eines Reifrocks an der Hüfte trägt. Der Guckkasten, ebenfalls von Cremer, lässt die Akteure immer wieder heraustreten oder auch fallen. Zum Schluss gibt es drei Hochzeitspaare. Ein glückliches Ende in diesem amüsanten musikalischen Spiel auf höchstem Niveau.

Viel Pathos und Hymnus gibt es in Philip Glass’ Tragödie Echnaton. Das funktioniert erstaunlich gut mit rotierenden Dreiklangswalzen. Es gibt keine Dialoge. Nur antike Texte. Vor allem aus der Aton-Hymne. Amenophis IV, der sich in Echnaton „es gefällt dem Aton“ umtaufen ließ, weil er um 1350 vor Christus die Sonnenscheibe zum einzigen Gott erhob und die Kaste der Amunpriester entmachtete, soll diesen Sonnengesang gedichtet haben. Echnaton war nicht nur Religionsstifter, er hat auch die Kunst reformiert und einen Realismus in der Darstellung gefordert. Davon zeugt noch heute die berühmte Nofretete-Büste. Nofretete war Echnatons Hauptfrau, und ist in dieser Oper mit der Sopranistin Susanne Blatter besetzt. Für Echnaton hat Glass einen Countertenor vorgesehen, ein überirdisch anmutendes männliches Stimmtimbre, das inzwischen in neuzeitlichen Opern nicht selten vorkommt. In dieser Oper leiht Benno Schachtner diesem Ideal seine Stimme. Das erste Terzett – noch mit Echnatons Mutter Teje, ebenfalls Sopran von Marie Heeschen gesungen, klingt wirklich sphärisch. Glass hat ja auch vor allem mystische Räume kreiert. Es gibt kaum Handlung, eher Zustände oder Stationen in langgedehnten ziemlich statischen Bildern und andeutungsweise. Im zweiten Akt werden immerhin die Amunpriester entmachtet, gekrönt von einem Liebesduett zwischen Echnaton und Nofretete. Regisseurin Laura Scozzi zieht in das musikalische Minimalmusic-Ritual allerdings eine Handlungsebene ein. Die aufgetürmten Steinwandschichten des Bühnenbildes von Natacha Le Guen de Kerneizon stehen für das Alte, sind zuerst aber Klassenzimmer. Ein Lehrer kommt ziemlich widerspenstigen und sich fläzenden Kindern mit dem alten Ägypten. Eine Videoanimation klickt er an, die sich dem Rhythmus der plötzlich einsetzenden rotierenden Dreiklänge wie in einem Strudel einen Punkt fokussiert und die Geschichte buchstäblich ins Rollen bringt. Ein starker Einstieg! Die 11 Hip-Hop- oder Breakdancer brechen immer wieder in die teilweise statisch und massiv wirkenden Musikflächen ein, überlagern und verstärken dadurch. Ein Mädchen, von Katharina Platz getanzt, wird von Echnaton in den Bann gezogen. In ihrer Vorstellung vermischen sich Klassenzimmer und altes Ägypten. Priester stehen und sitzen auf dem Lehrertisch, nur sie kann sie sehen. Sie ist sogar bei

Amuns Hohepriester an der Tafel werden entmachtet. Hinter ihnen in heiligem Weiß auch Echnaton (Benno Schachtner). Foto:

Amuns Hohepriester an der Tafel werden entmachtet. Hinter ihnen in heiligem Weiß auch Echnaton (Benno Schachtner). Foto:

der Entmachtung der Amunpriester mit Schnellfeuerwaffe dabei, die als Machthaber dargestellt sind wie Scheich, Rabbi, Kardinal, oder in Militäruniform stecken. „Aton ist groß,“ steht im letzten Akt in Sprühlettern auf der Mauer. Wird dann durchgestrichen und durch Elohim ersetzt, durch Gott, schließlich Allah. Die monotheistischen Religionen grüßen, die die erste von Echnaton längst überschrieben haben. Tempel, Synagoge, Kathedrale oder Moschee werden dazu auf die Wand projiziert. Und das Beethoven Orchester Bonn pulsiert, laut Phil Glass’ Partitur ohne Violinen. Mit dabei aber der Chor, der sich als ägyptisches Volk an die Schulbänke gezwängt hat, die Machthaber mimte und zum Schluss als pöbelnde Menge eines neuen Usurpators im hier und jetzt ein wichtige Rolle ausgefüllt hat. Umsonst hat allerdings ein Graffitikünstler eine Friedenstaube mit Zweig im Mund über die Gottes-Buchstaben gesprüht. Friede ist mit jeder Monotheistischen Religion Wunschdenken geblieben. Die Mauer stürzt ein! Einige Elemente fallen sogar ins Netz, das über die Orchestermusiker gespannt ist, um sie zu schützen! Echnatons Tempel ist zerstört. Und im Epilog besucht die Schulklasse Ruinen.
Auch wer kein Freund von Minimalmusic ist, könnte sich in Bonn von einer starken Bühnenerzählung, hervorragendem Tanz und Gesang vielleicht eines anderen belehren lassen! Und Echnaton bleibt als eine faszinierende Persönlichkeit aus vorchristlicher Zeit im Gedächtnis!

Sturmtief Penthesilea rast durch die Oper Bonn! Peter Konwitschny inszeniert Othmar Schoeck Frau gegen Mann

THEATER BONN: PENTHESILEA
Hinten oben spielt sich das Orchester locker. Ziemlich viel Gebläse. Kaum Streicher. Ein Streichquartett mittig links. Dafür ziemlich viele Kontrabässe ganz rechts. Immer wieder schlagen die heftig ihre Bögen mit dem Holz gegen die Instrumente. Als müsse etwas aufplatzen. Ein Orchesterinspizient protokolliert. Darunter das Podium. Mit zwei Flügeln – rechst und links, sonst nichts! Keine Requisiten. Kein Bühnenbild. Sieht nach einer Chorprobe aus. Hier soll Oper stattfinden? Dann geht das Licht aus…

(29.10.2017, dritte Vorstellung, Oper Bonn) Und es bricht herein. Das Beethoven Orchester unter Dirk Kaftan. Laut? Leise? Weiß ich nicht mehr. Nur, dass hinter uns ein Chor wie aus allen Lautsprechern aufdreht. Wir drehen uns irritiert herum. Nein, keine Lautsprecher. Die Chorleute sitzen im Publikum. Und ihr Röhren hört nicht mehr auf. „Ahh, ohh“, später „Penthesilea“. Kommentare der Verzweiflung. Aber dann: Verlachen, Anheizen, Wut, Abwinken. Stellen Sie sich das verlautet in Comic-Sprechblasen vor. Überall Chormeute, die sich einmischt. Die sitzt sogar oben und springt um die Bühne herum. Oder beobachtet mit Armen auf der Bühne das Geschehen als wärs in einem Boxring. Frau – Mann in einem Konflikt auf Augenhöhe! Sie haben gleich viel Kraft, sind Heldin und Held, Anführerin und Anführer. Und beide ineinander verliebt. Prima! Bloss, dass für die Liebe etwas aufgegeben werden müsste. Die Erinnerung, Tradition, Allmachtsfantasien..? Was auch immer. Das kann keine(r). Jede(r) will doch nur gewinnen und in jedem Moment! Aber so geht Liebe nicht! Der Mann-Held versucht es sogar mit einem „ich will mich doch unterwerfen“- Spielchen. Fordert einen Kampf, um zu verlieren und kommt deshalb ohne Waffen. Leider unterschätzt er die Instinkte einer „Kampf-Amazone“. Da dockt keine Domina-Unterwürfigkeit als Spielvorschlag an. Diese Frau ist nicht patriarchalisch domestiziert, missversteht das Angebot. Und zerfleischt den strahlenden Held mit langer blonder Mähne und Goldkettchen.
THEATER BONN: PENTHESILEA
Was immer Heinrich von Kleist uns mit diesem „Küsse und Bisse reimt sich“ sagen wollte – ein Spruch der Penthesilea zum Schluss, Liebe ist vor allem eine kulturelle Vereinbarung. Und löst interkulturell Konflikte aus, wenn Rollenmuster nicht erfüllt werden. In Bonn rast der Konflikt wie ein Orkan durch das Parkett zur Bühne und wieder zurück in den Zuschauerraum. Ziemlich viele Klarinetten blasen und zwei Klaviere spielen.
Die Pianistin und den Pianisten bezieht Regisseur Konwitschny als Konflikt-Stellvertreter auf der Bühne ein.

 Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu


Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu

Alles, was polarisieren kann tut es in dieser Inszenierung. Die Flügel werden auseinander, gegeneinander und ineinander zusammen geschoben oder dienen als Podest oder als Versteck. Schoecks Comicartige Klangwolken wehen immer wieder über die Bühne. Dissonante Cluster für Gefährdung, Nerven-aufreibende Klangbänder stehen für Angst und legen sich unter gesungenes oder melodramatisch gesprochenes Wort. Schoeck ist auch kitschig, nur für kurze Momente, in denen Liebesgefühle mal Raum bekommt. Ein Liebesduett liefert Schoeck auf Anraten eines Freundes dann aber doch nach. Gemetzel lässt Schoeck wie bei Kleist auch angelegt, aus der Reportagehaltung vermitteln. Konwitschny lässt keinen dieser musikalischen Aspekte ungenutzt. Manchmal ist es die überbordende Musik, dann ein Sprachausdruck, der lächerlich kommt. Und schonungslos deckt er auch unfreiwillige Komik in diesem Clash auf. Achilles, Bariton Christian Miedl, kommt als gockeliger Thomas Gottschalk-Verschnitt daher, der meint, wenn die Hose fällt liegt ihm auch die weibliche Welt zu Füßen… Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser geht als im Zweikampf verletzte Penthesilea an den Start und agiert fast von Anfang an am Rande des Wahnsinns nur im Unterrock. Smoking bei den Herren, schwarzes Irgendwas bei den Frauen. Nichts außer der menschlichen Auseinandersetzung zählt in dieser Oper. Und die krakeelenden Chorleute hält man wirklich für Publikum, das nicht an sich halten kann. Genial hat Schoeck sein Libretto auf den Punkt fokussiert und mit Musik dramatisiert. Das komprimierte Kleist-Trauerspiel in einem Akt, soll laut Selbstaussage auch „vorüberrauschen… wie ein Sturmwind.“ Dafür liefert Schoeck mit seiner Partitur die beste Vorlage. Und das setzen alle Beteiligten, Solisten, Chor, Orchester um! Atemlose eindreiviertel Stunde Tumult reißen alle mit. Ein Beweis, dass sich die Wiederentdeckung des Komponisten Othmar Schoeck in Bonn absolut gelohnt hat. 60 Jahre ist er nun tot.

Was für ein Zirkus, welch eine Show! Das Musical Evita von Andrew Lloyd Webber boomt in Bonn!

THEATER BONN: EVITA
Das Jesus Christ Superstar – Motiv tönt sofort im Kopf, wenn der Name Lloyd Webber fällt. Sein Musical Evita ist dennoch ein noch größerer Welterfolg geworden. Don’t cry for me Argentina, wer kennt nicht diesen Hit? Bei diesen beiden Musicals war Textdichter Tom Rice ein kongenialer Mitstreiter. Aber der Kunstgriff, Che Guevara als Conferencier in dieser Glanz-Show einzsetzen, das irritiert doch sehr. Zumindest den- oder diejenige, die in Buenos Aires oder Havanna mitbekommen hat, wie der Revolutionsheld dort verehrt wird.
(Sabine Weber)

(6. Juni 2017, Theater Bonn) Immerhin hat der englische Musicalfürst Lloyd Webber nach dem kühnen Griff zur Bibel 1971 für Evita 1978 noch einmal zu einem gehaltvollen historischen Stoff nicht ohne Brisanz gegriffen. Großbritannien und Argentinien, keine fünf Jahre später bricht der Falklandkrieg aus. Doch Webber hat keine politische Großlage im Visier. Die Darstellung eines Stars reizte ihn. Die legendäre Evita Duarte. Die Königin der Herzen Argentiniens, die mit ihrer Popularität Juan Perón zur Macht verhilft, und angeblich über ihn Argentinien auch regiert hat. Ohne politisches Mandat ausgestattet fliegt sie nach Europa und wird dort wie der Schah von Persien empfangen. Eine unheilbare Krebs-Erkrankung holt sie mit 33 Jahren von der großen Bühne. Alles großes Kino! Ihr Aufstieg und ihr Fall lässt sich glanzvoll inszenieren, auf einer Bühne auf der Bühne, wo sie die argentinische Flagge schwenkt oder vorm Mikrofon die Massen begeistert. Selbstverständlich gibt es in Bonn eine Showtreppe, wo ihr der rote Teppich ausgerollt wird. Von wo sie heruntersteigt, als würde sie aus dem Flieger steigen. Und eine Kombo rechts und links unter Lichterbogen. Wobei der Sound vielleicht am meisten gewöhnungsbedürftig ist. Das „reduzierte Orchester“ besteht nur aus einigen Holz- und Blechbläsern, elektrischen Gitarren und viel Keyboard. Streicher hört man lediglich gesampelt. Auch wenn die Songs und Hits prima rollen, Rührung und Mythos sich prima durchdringen, an den Dauerverstärkten Klang muss man sich gewöhnen. Che Guevara als Conferencier, der sich zwar mal bissig ironisch zu Wort meldet, gleich zu Anfang sogar, und auch ein paar Mal eins auf die Mütze bekommt, ist ein unverzeihlicher Kunstgriff von oberster Stelle. Dieser Guerillamythos hat in dieser Art von Entertainment nichts, aber auch gar nichts verloren. Alles Widersprüche, verstörend gerade deshalb, weil alles so glamourös abläuft. Kritik bleibt Show, wird zur Show ist die Show, die unentwegt zündet und Fähnchen schwenkt. Jede Episode auf Evitas noch so steinigem Lebensweg fügt sich prima zur Show. Und diese Chance wird in Bonn glänzend genutzt. Wenn sich Evita beispielsweise durch das Rotlichtmilieu die Karriereleiter nach oben schläft,THEATER BONN: EVITA gibt es natürlich Tangomusik und Tanzeinlagen. Das ist etwas für Tango-Fans! Und die Generäle spielen die Reise nach Jerusalem, das scheint in diesem Musical an einer Stelle ein üblicher Regietrick. Die Rolle der Evita ist Bettina Mönch auf den Leib geschrieben. Die Sängerin gilt ja schon seit einiger Zeit als die Nachfolgerin Ute Lempers im Musical-Business. Ihre Show füllt jedenfalls das Bonner Theater auch noch am Ende dieser Spielzeit. Mit diesem Musical ist es eröffnet worden. Und alle spielen großartig engagiert, David Jakobs als Ché oder Mark Weigel als Perón, um nur zwei zu nennen. Der Boom ist nicht unverdient! Und das tragische Schicksal von Evita Duarte Perón, die so hoch steigt und so steil und plötzlich fällt, berührt in der Tat. Don’t cry for me Argentina – ihr Begräbnissong, klingt noch lange nach.