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Schön gestorben ist die halbe Oper! Puccinis La Bohème im Kölner Staaten(Opern-)haus

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeongki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeonki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire


Großartige Stimmung im Saal 2 des Staatenhauses! Die Kölner sind glücklich, dass es mit ihrer Spielzeit doch noch etwas wird. Das Gürzenich-Orchester durfte diesmal auch vor der Puppenkleinen Bühne sichtbar spielen. Die wird in jedem Akt zweimal umgebaut. Das geschieht aber mit Überraschungseffekt, sodass das Publikum entzückt wie nach einem Zauberakt „Ah, Oh!“ ausruft. Die Sänger sind allesamt überzeugend. Mimi und Rudolfo als frisch Verliebte überzeugen weniger, dafür um so mehr im Liebeskummer und Liebestod.
(Von Sabine Weber)

(Köln, 22.11.2015). „Mi chiamano Mimi!“ Singt Jacquelyn Wagner wie eine kleines hilfloses Mädchen. Unvorteilhafter hätte sie allerdings nicht gekleidet sein! Das spielt bei einer großen Frau schon eine Rolle. Die kann man nicht klein machen. Vor allem nicht, wenn es um Liebe auf den ersten Blick geht! Und dann steht sie einen Kopf größer vor dem Koreaner Jeongki Cho, der ihr relativ steif, dafür mit viel Schmelz in der Kehle Rampensingend sofort verfällt. Das glaubt, wer der herzbewegenden Musik lauscht. Das Orchester sicher geführt von Francesco Angelico trägt die Stimmen und ist in vielfach feinen Nuancen dabei, manchmal aber auch ein bisschen zu laut. Aber was macht es, wenn die Stimme immer ganz oben mitschwimmt, mal von Streichern oder sogar von den drei Posaunen und einer Cimbasso, einer Kontrabassposaune begleitet! Dann wird es ernst und bedeutsam. Das ist wunderbare Filmmusik. Oder doch eher Operettenanklang an Franz Léhar? Es wird auch immer mal wieder kammermusikalisch leise und fein. Die Solo-Violine spielt auf, nur begleitet von einem ihr in allem folgenden Violoncellobass. Puccini versteht sich auf Rührung aber auch herrlich auf Komödie. Da vergisst man, dass die Studentenscherze und Dialoge in der Dachkammer für heutige Verhältnisse verstaubt daher kommen. Das Studentenquartett geht auf in seiner Rolle unter einem schrägen Riesenfenster vor projizierter Pariskulisse mit Eifelturm. Also vom Montmartre aufgenommen. In bestimmten Momenten erscheinen noch Chagall-Motive im Himmel. Statt Ouvertüre führen die vier Bohemiens in hungriges frierendes Studentenleben nach 1900 ein. Miljenko Turk ist der herrlich frivole Maler Marcello. Wolfgang Stefan Schwaiger als Dandy-Schaunard mit Hut überragt sie alle und liefert sich mit Kihwann Sim als Colline ein Degenfechten mit Gehstock und Schürhaken. Aber erst einmal vertreiben sie mit viel Theater den Vermieter, der die Miete eintreiben will. Im Straßenkaffe angekommen fährt Musetta in einem Oldtimer-Rolls Royce herein – auch das geht auf einer Puppenbühne! Und alles ist da, was ein Pariser Weihnachtsmarkt so braucht: Leute, Kinder, Marketender. Aoife Miskelly steigt aus dem Wagen und mischt rotgekleidet das graue Pariser Straßenleben erst einmal tüchtig auf.
Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Im Musette-Dreivierteltakt ihrer Arie Quando m’en vò zieht sie alle Register. Ist eine exzentrische Diva und reizt mit leicht beweglichen Stimme sowohl ihren steifen Gönner als auch ihren Verflossenen, kein anderer als Marcello. Im zweiten Akt kommt dann die Tragödie pur. Es liebt sich aber will nicht zusammenhalten. Weder Musetta und Marcello, noch Mimi und Rudolfo. Sie leiden unterschiedlich, und wie Puccini dieses Leid überkreuzt und in Ensembleszenen verzahnt ist wieder ganz heutig. Sinnlose Eifersucht. Trennung, weil hilflos, mit Herzschmerz unter verschneiten Bäumen in der kalten Nacht. Das Bühnenbild aus Scherenschnittartig räumliche Requisiten mit Bildprojektionen verschmolzen liefert einen fast naive Bildentwurf. Versöhnung kommt, wenn es zu spät ist. Im letzten und vierten Bild – wieder die Dachkammer. Mimi ist Tuberkulose-krank und will im Arm Rudolfos sterben. Sterbend versucht sie noch Musetta und Marcello zu versöhnen. Es wird gebetet. Letzte Wünsche werden erfüllt. Das letzte veräußert, um Mimi einen Muff, Medizin und einen Arzt zu besorgen. Da hält die WG zusammen. Wem das nicht zu Herzen geht, dem ist nicht zu helfen! Das ist großartige Oper!