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Ein denkwürdiger Klavierabend in der Kölner Philharmonie mit Maurizio Pollini und den letzten drei Beethovensonaten

Maurizio Pollini  Foto: Cosimo Filippini

Maurizio Pollini
Foto: Cosimo Filippini

Seine Programme sind stets ungewöhnlich durchdacht. Er ist ein Intellektueller, der auch politisch Standpunkte vertritt. Und Neue Musik gehört immer dazu, mindestens Arnold Schönberg, als dessen Apologet er spätestens seit einer Referenz-Aufnahme aus den 1970ern gehört. Aber auch Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausens Klavierwerk gehört in seinen Kosmos. Mit diesem Abend hat er ein abgesagtes Konzert im letzten September nachgeholt. Ursprünglich sollte Ludwig van Beethovens „Hammerklaviersonate“ mit ausgewählten Stücken Schönbergs kombiniert und mit der „Grande Sonate pathétique“ ergänzt werden. Doch kurzfristig hat sich Pollini anders entschieden und Beethovens letze drei Sonaten ausgerufen. Mit Recht dürfte er argumentieren, dass sei bis auf den heutigen Tag Neue Musik geblieben! Wenn sich eine Tastenmeisterin oder ein Meister dieses erratische und schroffe Spätwerk Beethovens vornimmt, dann geht es aber immer auch um eine persönliche Auseinandersetzung, den Beweis, einen komplexen und unbequemen Kraftakt in dynamischen Bandbreiten in den Extrembereichen der Tastatur zu überstehen (s. auch Klassikfavori vom März 2017 mit Elisabeth Leonskaja im Bahnhof Rolandseck). Mit Pollini freilich war dieses Abenteuer von einer ungewöhnlichen Aura begleitet, an der auch das Publikum beteiligt war. (Von Sabine Weber)
(22. Januar 2019, Kölner Philharmonie) Schon wie der Meister aufs Podium der Kölner Philharmonie trippelt hat etwas Besonderes. Ein Doyen der Klavierszene betritt den Ring. Leicht vorgebeugt, sorgsam das Gelände der vier Stufen fixierend, und jeden Schritt mit Blick auf den Boden kontrollierend. Er wirkt alt! Aber ein warmer und fast ehrfurchtsvoll brandender Applaus trägt ihn. Die Kölner Philharmonie ist trotz Schneegestöber draußen und für einen Klavierabend erstaunlich gefüllt. Die Balkone hinter dem Podium sind bis oben hin besetzt. Kurze, ruckartige Verbeugungen, sein süß-saures Lächeln im Gesicht, und noch bevor der Applaus endet, sitzt, nein klebt er auf seinem Klaviersessel und Opus 109 beginnt. Wie aus dem Nichts setzt sie ein, so, als würde ein Fenster geöffnet zu einer Endlosschleife. Ein verstörendes Spiel! Pollini spielt wie für sich! Dazu singend. So, als würde er Beethoven abtasten, erkunden, erforschen und hinterfragen. Manchmal sogar huschend! Einige Töne lässt er aus. Unwichtig? Er meißelt eigene Stufen in die zerklüftete Felspartitur. Sie ergeben im letzten Variationssatz sogar jazzig groovende Gegenrhythmen. Aber erst singt das herrliche Thema dieser Variationen. Wenn es in der Tiefe bedrohlich vibriert und brummt, ist es untergegangen. Und schon schäumt es als Schubertsches Gebetsthema wieder ganz oben aus der Tastatur! Wobei Pollini eigentlich nicht auf dem Klavier „mit innigster Empfindung“ singt. Er horcht jedem Ton nach und fasst Melodietöne als Klangereignis auf, die er aus dem Verklingen heraus formt. Im heftigen Beginn des Opus 110 gibt es kurze Gedächtnislücken. Philologische Genauigkeit ist auch nicht das Thema heute Abend, sondern das, was an dieser Musik revolutionär, neu und avantgardistisch bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Abgeklärt entdeckt Pollini und unter Verzicht auf jegliche Emphase oder emotionale Sensation. Eine Tonrepetition im rezitativischen Arioso des Opus 110 wiederholt er so insistierend, dass man meint, das sei ein Doppelpunkt und jetzt biege er schnurstracks doch zu Stockhausen oder Boulez ab.
Nach der Pause beginnt die letzte Sonate (Opus 111) mit diesen mephistophelisch-schroffen Motiven im unteren Register. Mich erinnert das immer an Liszts h-moll Sonate. Trotz dieser pianistisch heftigen Ansagen versinkt Pollini völlig stumm in seinem Flügel. Er singt auch nicht mehr! Es ist ernst! Es scheint, dass er sich auf genau diesen Moment mit den vorherigen Sonaten nur vorbereitet und warm gemacht hat. Virtuose Läufe in beiden Händen kürzt er ab und kommt schon vor der „eins“ an. Virtuosität ist unwichtig. Auf das Wesentliche steuert er zu. Auf die Momente, wo sich die Musik aufzulösen scheint. Die endlosen, fast heftigen Trillerketten, sie sind fast wie ein Voraushören minimalistischer Musikansätze. Und dann ist Pollinis Beethoven plötzlich in c-moll angekommen. Nein, auf einem einzigen „c“ gelandet, das wie ein Meilenstein aus dem obersten Register herausragt. Und unterläuft ihm beim Arietta-Thema da nicht doch ein Moment von Rührung? Bevor frau sich darüber klar werden kann, ist es zu Ende! Ohne Allüre und hochgeworfene Arme. Musik ist für Pollini eine demütige Suche und kein Selbstzweck! Ein Weg durch Möglichkeiten, die es aufzuzeigen gilt und gerade diese, entstanden in völliger Taubheit, tut es! Sie ist Struktur für ein ehrfurchtsvoll nach innen gewandtes Hören. Daran hat der Mailänder Meister an diesem Abend erinnert. Und er hat sein Publikum überzeugt. Tosender Applaus! Und als der Meister – wie schon zwischen den Sonaten – raus geht und wieder rein kommt, springen alle sofort auf. Drei Mal geht er raus und kommt wieder rein. Und klebt sich für zwei Zugaben wieder auf seinem Klaviersessel fest, den er wie seinen Flügel aus Mailand mitgebracht hat. In Köln hat er nicht erst seit diesem Abend unübersehbar einen Fan-Club. Und der bleibt bis zur Signierstunde, um den Meister im Foyer noch einmal begeistert zu begrüßen, der erstaunlich klein und unscheinbar zu seinem Tisch huscht. Was für einen denkwürdigen Abend hat er beschert!

Zum Saisonauftakt zeigen die beiden Hausorchester der Kölner Philharmonie, das WDR-Sinfonieorchester und das Gürzenich-Orchester, ihre Stärken. Intensität und Tiefe!

Im Sport würde man jetzt warnen: „Die sind ja in einer gefährlich guten Frühform!“ Aber wer die beiden Orchester und ihre Dirigenten in den letzten Jahren begleiten durfte, kann beruhigt antworten, dass diese großartige Verfassung die Normal-Form ist! Sowohl das WDR Sinfonieorchester als auch das Gürzenich-Orchester beglücken das Publikum an diesem Auftaktwochenende der Saison mit gelungenen Konzerten und brillanten Solisten in der Kölner Philharmonie.
(Von Jukka Hoehe)

(Kölner Philharmonie, 7. und 9. September 2018) Den Auftakt hat das WDR Sinfonieorchester unter Jukka-Pekka Saraste am Freitag gegeben. Saraste verlässt das Orchester nach dieser Saison. Und das Orchester scheint seinem Chefdirigenten den Abschied durch Präsenz und Einsatz so schwer wie möglich machen zu wollen. Schon beim Betreten der Philharmonie ist eine besondere Atmosphäre zu spüren gewesen. Eine Mischung aus Vorfreude, natürlich auch auf einen besonderen Solisten, aber auch eine Anspannung in Erwartung eines Konzertabends, der besonders zu werden verspricht.

Eröffnet wird mit Igor Levit und Brahms 1. Klavierkonzert in d-moll. Ein Werk, das den Zuhörer in besonderer Weise „dazu-fühlen“ lässt. Auch ohne Werkgeschichtswissen. Es lässt sich natürlich noch mehr hineinspekulieren. Ist es etwa dem Andenken Schumanns gewidmet? Oder ist es vielleicht sogar seine allererste (versteckte) Sinfonie, die ja dann so lange auf sich warten ließ? Es beginnt jedenfalls sinfonisch und tragisch. Vom ersten Takt an konzentriert sich Saraste auf die Durchhörbarkeit der Architektur. Das kommt dem Gesamtwerk zugute. So hat er es bei der Einspielung sämtlicher Sinfonien von Brahms und Beethoven in den letzten beiden Jahren auch gemacht. Die Orchestereinleitung trägt bereits die Größe und Tragik des gesamten Werks in sich. Levit wiegt rhythmisch den Kopf zu den letzten Takten der langen Einleitung, bis er sich dem Orchester mit erstaunlich poetisch-leisem Klavierklang hinzugesellt. Der ganze Satz ist eigentlich ein ausbalanciertes Zusammen- und Widerspiel von Klavier und Orchester, wobei sowohl Levit als auch einzelne Orchesterstimmen ein intuitives Miteinander erzeugen. Der erste überlange und gewaltige Satz würde für einen ganzen Konzertabend fast schon reichen. Dann aber kommt das Adagio. Und Saraste und Levit machen es zu dem geheimen musikalischen Hauptsatz dieses Werks. Das Klavier regiert über weite Strecken allein. Levit kostet es aus, zu vereinsamen. Wenn er mit dem Orchester zusammentrifft, verlangsamen sie das Tempo fast bis zum Zerreißen. Jede Note wird in ihrer feinsten Nuance schmerzlich hörbar. Abrupt schließt der Schlusssatz an. Klavier und Orchester fügen gemeinsam das Konzert wieder zu einem großen Ganzen zusammen. Ein wunderbares Mit- und Ineinander, souverän geleitet von Saraste mit Blick auf die Einzelheiten und das Gesamte.

Nach großem Applaus kehrt Levit aufs Podium zurück. Und jetzt geschieht etwas Denkwürdiges. Er richtetet sich ans Publikum. Er wolle eine Zugabe spielen, ein Werk, das für ihn als Pianisten essentiell sei. Aber bevor er spiele, würde er gern einen Appell ans Publikum richten: Inhumanität nicht zuzulassen! Menschen dürften nicht aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Unter den Menschen sollte Solidarität und Miteinander sein, weil sonst die Basis unserer Gesellschaft und unserer Kultur zerstört würde. Levit weiß sehr genau, wovon er spricht. Er wurde in Gorki in eine jüdisch-russische Familie geboren und emigrierte als Achtjähriger nach Hannover. Vielleicht klingt deshalb Paul Dessaus „Guernica“ von 1938 um so erschütternder.

Nach der Pause rundete Arnold Schönbergs symphonische Dichtung „Pélleas und Mélisande“ den Abend ab. Mit märchenhaft-rätselhafter Atmosphäre, auch spätromantischen Klängen, die aber mit sich etwas führen: sie scheinen unwohl die Schranken der alten Klangästhetik ausloten zu wollen. Auch hier gelingt es Saraste, den klangästhetischen Grenzgang deutlich zu machen. Was für ein gelungener Auftakt der Saison!

Wer jetzt meint, das sei nicht mehr zu toppen, irrt. Zwei Tage später lud das Gürzenich-Orchester ebenfalls zur Eröffnung der Saison ein. Sogar zu einem Festkonzert, wie es Tradition ist. Ebenfalls Tradition hat es, dass das Gürzenich-Orchesters einmal pro Saison einen der Solisten aus dem Orchester stellt. Am Sonntagvormittag durfte es Solocellist Bonian Tian sein. Und er strahlte in Edouard Lalos „Konzert für Violoncello und Orchester“ op.33. Das Werk konzentriert sich mit Wohlklang ganz auf den solistischen Part und lässt den Solisten glänzen. Der bezaubert mit königlicher Souveränität, einem klar durchdringenden, dennoch warmen und überwältigenden Klang und absoluter Präzision. Immer wieder nimmt er Blickkontakt zu seinen Musikerkollegen auf und genießt bescheiden seine große Rolle.
Wer dieses Cello-Konzert an dem Morgen gehört hat, wird sich nach diesem Konzert sowohl in die Gattung als auch in den Klang des Instrumentes verlieben. Der Jubel im Publikum und Orchester ist einhellig. Die Zugabe geben Tian und das Orchester gemeinsam.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es François-Xavier Roth und dem Gürzenich-Orchester gelingt, mit ihren Programmen Werke unterschiedlicher Epochen und Komponisten miteinander in Beziehung zu setzen. Dazu zählen die beiden das Cellokonzert einrahmenden Variations-Werke. Die „Variationen für Orchester über ein Thema von Joseph Haydn B-Dur“ von Johannes Brahms, ein letzter Schritt zur großen Sinfonie hin. Dann Max Regers „Variation und Fuge über ein Thema von J. A. Hiller“ op. 100. Dieses Werk ist 1907 sogar vom Gürzenich-Orchester uraufgeführt worden. Jede Variation zeugt neue und andere Seite des Themas. Und am Ende muss es auch eine großen Fuge geben. Max Reger hat sich als den letzten großen Kontrapunktiker nach Bach verstanden. Und aus Überzeugung. Auch in diesem Konzert gibt es eine Ansprache ans Publikum, allerdings erst nach dem Konzert. François-Xavier Roth dreht sich zum Publikum, um jetzt auch noch mit Worten zu betonen, wie wichtig es dem Orchester und ihm sei, mit der Wiederaufführung von Reger das eigene Repertoire zu pflegen. Und was für eine Freude das mit den großartigen Musikern und – wie heute gehört – dem Solisten dieses, seines Orchesters, sei. Daran herrscht nach diesem Festmorgen kein Zweifel!
Die Konzertsaison in Köln ist großartig eröffnet worden!

Das 5. Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik öffnet seine Tore mit einem fulminant aufspielenden New York Philharmonic!

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonic begeistert in der Kölner Philharmonie

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonics begeistert in der Kölner Philharmonie. Foto: Chris Lee


Musik. Politik? Lautet das Motto in diesem Jahr. Musik kann bewusst oder unbewusst ins Fahrwasser einer politischen Aussage rücken. Komponisten nehmen eine politische Haltung ein. So der niederländische Komponist Louis Andriessen in den 1970ern. Ihm ist eine kleine Werkschau gewidmet. Mit 23 Uraufführungen, darunter eine Serie von 11 Hymnen für ein nicht existierendes Land wird aber auch aktuell zu Stellungnahmen aufgefordert!
Von Sabine Weber

(Köln, 4. Mai) Köln ist im Aufruhr. Achtbrücken läuft rund um die Uhr. In der Traumnacht vom 2. auf den 3. Mai sind im Foyer der Kölner Philharmonie und der Kölner Musikhochschule Utopieentwürfe zu musikalisch artikulierten besseren Welten 24 Stunden lang gefragt gewesen. Über die Kölner Philharmonie hinaus lockt das Festival bis zum 10. Mai an verschiedene Orte. In die Industriebrache im Kalker Depot, wo derzeit das Schauspiel seine Interimsstätte unterhält. Das Kölner Rathaus wird erobert. Neue Musik, die nach neuen Formaten sucht und experimentiert, sucht ihre eigenen Szenarien. Und findet sie in Köln! Im On@Acht Brücken Vorprogramm in der Hochschule für Medien, der Trinitatiskirche und der Kunststation Sankt Peter. Es gibt junge Ensembles zu entdecken. Manche punkten zwar mehr mit ihrem Namen und elektronisch aufgemucktem Equipment als mit ihrer Darbietung. Andere wie das Ensemble BruCH, ein Flötentrio plus Stimme, überrascht mit einem exquisit ausgefeilten Programm. Hans Zenders Naturmediation Muji no Kyō zu kalligraphisch projizierten Bilder vermittelt Sängerin Maria Heeschen in Haiku-artig reduzierten Einwürfen von der Empore der Trinitatiskirche aus. Die Flötistin bläst von der Kanzel. In Helmut Lachenmanns temA wird erlebbar, was Stimme und Instrumente am Klangansatz vermögen. Und die erste Hymnenuraufführung von Julien Jamet zu einem ziemlich verkopften Text von Jacques Roubab spielt mit leisen Echoeffekten im Kirchenraum.
Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche

Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche


Kräftige Live-Elektronik gibt es anschließend in der Kunststation Sankt Peter, wo das Publikum um eine Installation von riesigen Erdwürfeln sitzt. Posaunist Matthias Muche, Improvisationskünstler Simon Rummel mit Sven Hahne am Laptop und Dominik Sustek an der Orgel inszenieren Vinko Globokars Ensembleimprovisation Individuunm – Continuum. Der Einsatz von optischen Plexiglas-Schalltrichter, an die sich Blechbläser „anschlauchen“, fällt in der Uraufführung von Matthias Muches Beller allerdings eher optisch auf. Was politische Musik sein kann machen an diesem Vorabend Werke des Altmeisters Luigi Nono deutlich. Für die Live-Elektronik und die Tonbänder zu Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz von 1966 oder das unerträgliche Arbeitsbedingungen anprangernde La fabbrica illuminata von 1964, ist eigens das Experimentalstudio des SWR angereist.
Der offizielle Auftakt in der Philharmonie am 1. Mai gehört dem New York Philharmonic. Das Achtbrückenfestival ist ja 2011 aus der MusikTriennale Köln hervorgegangen, das große Orchester in den heimischen Konzertsaal gelockt hat. Das New York Philharmonic zählt zu den Big Five. Chefdirigent Alan Gilbert ist ein Zögling des Orchesters, denn beide Eltern spielten mit. Und unter seiner Leitung versteht sich das Orchester auch ganz vorzüglich auf Neue Musik. Wie orchestrale Wucht sich nahtlos in ein Solo verflüchtigen kann, führen die New Yorker in dem schwelgerischen Eröffnungsstück mit sechs Hörnern von Esa-Pekka Salonen vor. Nyx aus dem Jahr 2011 handelt von einer Nachtgöttin. Und da geben sich nicht nur Celesta und Harfe ein perfektes Stelldichein. Selten hat man so einen weich zeichnenden Klarinettisten gehört, wie an diesem Abend. Dann bringen die New Yorker den Kölnern mit der Konzersuite zu Der wunderbare Mandarin ein altes Skandalstück mit grandios umgesetzter Bartok’sche Wucht in Erinnerung. Großartig wieder die Soli der Holzbläser, allen voran des Klarinettisten und auch der jaulenden Posaunen und Tuba. Die Uraufführung von Peter Eötvös’ Senza Sangue für zwei Sänger und Orchester nach der Pause könnte man als Geschenk des Orchesters an das Festival bezeichnen. Die Initialzündung zu dieser Uraufführung hat in New York stattgefunden, wie Eötvös in einem Artikel im Programmbuch berichtet. Der in einer New York–Köln-Kooperation gestemmte Operneinakter nach einer Novelle von Alessandro Baricco ist ein sich um Rache drehender Psychokrimi! Anne Sofie von Otter und der kanadische Bariton Russell Braun begegnen sich als Opfer und Täter. Zunächst in einer banalen Szene. Dann tauchen sie in die Vergangenheit ab. Sie entlarven sich freiwillig-unfreiwillig in ein politisches Verbrechen verstrickt, wobei sich das traumatisierte Opfer zu einer akut gefährlichen Rächerin verwandelt. Es bleibt aber offen, ob sich das ehemalige Opfer auch an diesem letzten Schuldigen rächt oder dem Stockholmsyndrom folgend mit dem einstigen Täter vereint … Eötvös begleitet den rein dialogisch vermittelten “Psychotripp” in eine traumatisierende Vergangenheit mit einer teilweise an Eötvös’ Landsmann Bartok erinnernden Musik. Eötvös hat diesen Einakter ja auch als abendfüllendes Ergänzungsstück zu Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg komponiert – ebenfalls ein Psychostück mit sich enthüllenden grauenvollen Geheimnissen zwischen Mann und Frau. Eötvös’ Musik hat von Anfang an etwas psychophobes und infiltriert das Unbehagen ins Unterbewusstsein, wobei sie fast filmmusikalisch die Spannung bis zum letzten Moment hält. Manches Mal vielleicht etwas zu lautstark für die Mezzosopranistin. Die Inszenierung hat man jedenfalls nicht vermisst! Großen Applaus gab es für die Solisten und das Orchester. Und für den auf die Bühne tretenden Komponisten, der ja lange Zeit in Köln gewirkt hat, als die Neue Musik hier besondere Bahnen gebrochen hat!

Neu-Zeit für das Gürzenich-Orchester und die klassische Musik in Köln!

Der Chef François-Xavier Roth in seiner neuen Residenz! Foto: Martina Govert

Der Chef François-Xavier Roth in seiner neuen Residenz! Foto: Martina Govert


Der neue Kölner GMD heißt François-Xavier Roth und verrät in einer Pressekonferenz, was er in der kommenden Konzertsaison vorhat!
Von Sabine Weber

(Köln, 22. April 2015) Die Kölner Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach lächelt. Und auch der geschäftsführende Direktor des Gürzenich-Orchesters Patrick Schmeing. Der Mann, der neben ihnen sitzt, ist ein Hautpgewinn! Nicht nur für das Orchester. Auch für Köln! Er wird als Generalmusikdirektor (GMD) ja auch die Oper in eine neue Ära führen. François-Xavier Roth springt auf! Bei ihm ist eine Menge Energie im Spiel! Für diese Pressekonferenz im Foyer der Kölner Philharmonie ist ihm vorsorglich ein Halsband-Mikrofon umgelegt worden. Und mit Charme spielt er sein mehr als französisch eingefärbtes Deutsch aus. „Danke schön, chère Süsann… Herzlich Willkommen, darf ich jetzt sagen! Ich bin sehr bewegt, die erste Arbeitszeit anzukündigen…“ Und schon wird er ernst. Zeichen will er setzen. An die Geschichte des Orchesters erinnern mit Werken, die es uraufgeführt hat. Und damit zeigen, dass er sich auf seine neue Wirkungsstätte einlassen will! Nicht nur Richard Strauss’ oft gespieltes Tonpoem Till Eulenspiegel, sondern auch Bartoks Der Wunderbare Mandarin als Suite will er zu Gehör bringen. Die Referenz an die Kölner Oper, wenn das Stück in der Adenauer-Ära auch einen handfesten Skandal entfesselt hat, hört die Crew um Opernintendantin Birgit Meier sicherlich gern. Das Opernteam ist bei diesem Auftritt anwesend und von François-Xavier Roth auch explizit begrüßt worden. Der neue Kölner-Franzose setzt auf diplomatische Zusammenarbeit! Und FXR – wie er sich in der neuen Jahresübersicht nennt – liebt es, in Konzerten Bekanntes mit radikal Neuem zu konfrontieren. Sein Statement im ersten Abokonzert gilt dem seiner Meinung nach wichtigsten noch lebenden Komponisten Pierre Boulez. Notation trifft auf die Kammersinfonie von Schönberg und Bruckners Romantische 4. Sinfonie. Orte in Köln will er musikalisch entdecken. Die Frage nach Kirche und Gott mittels drei so unterschiedlicher französischer Komponisten wie Messiaen, Poulenc und Faurés berühmten Requiem im Kölner Dom aufwerfen. Wo das “City live” Experiment stattfindet ist noch nicht ausgemacht. Das Orchester verschlankt sich dann zu einem Kammerorchester und trifft auf Laptop-, Synthesizer- und Computermusiker der Kölner Szene. Musikmachen darf für Roth nie etwas mit „!musealer Kunst“ zu tun haben (siehe Interview weiter unten). Aber Musik ins Museum will er schon bringen. Ein Konzert leitet er im Museum Ludwig im Rahmen einer Fernand Léger Ausstellung. Georges Antheils Ballet mécanique wird dann vom Orchester wahrscheinlich erstmals gespielt werden! Berlioz und seine Generation ist im Oktober in den Philharmoniekonzerten ein Aufmacher. Denn mit dessen Oper Benvenuto Cellini will François-Xavier Roth das fertig sanierte Opernhaus im November eröffnen. „Sprechen sie Cellini nur ja französisch ‘Sellini’ aus!“ Franzosen spielen eine wichtige programmatische Rolle in Roths erster Spielzeit. Da Vorgänger Markus Stenz eher anglophil ausgerichtet war, ist das ein guter Ausgleich. Populäres wie Ravels Ma mère l’oye und dessen Klavierkonzert in G-dur füllen ein Abokonzert. Aber auch ein neues Werk von Philippe Manoury hat er bestellt. Das hat sich Roth von seinem Landsmann für seine erste Spielzeit gewünscht. Ein Werk, das auf das spezielle Kölner Orchester und seinen besonderen Konzertsaal eingehen soll. Debüts junger Künstler und Dirigenten wird es beim Gürzenich-Orchester geben. Pianist Steven Osborne, Dirigent Louis Langrée gehören dazu. Aber auch unbekannte Namen wie Pablo González tauchen auf. Oder Jean-Fréderic Neuburger, ein junger französischer Dirigent und Komponist, der wie er ein eigenes Orchester für spezielle Projekte gegründet hat. „Ein Genie…„ ein Mozart dieser Zeit!“ schwärmt Roth. Das alles macht neugierig! Erster Gastdirigent James Gaffigan und Ehrendirigent Dmitri Kitaenko werden auch wieder vor dem Orchester stehen. Vermissen wird der ein oder andere vielleicht die CD nach dem Konzert zum Mitnehmen. An die Stelle des GO-Live-Projekts tritt ein neues Online-Projekt, so Patrick Schmeing, das Konzerte im Internet zur Verfügung stellen will. Eine digital concert hall? Man darf auch diesbezüglich gespannt sein!
Detaillierte Informationen unter www.guerzenich-orchester.de/konzerte/