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Oh là là und Aïe aïe aïe! Das Gürzenich-Orchester läutet in einem musikalisch überschäumenden Neujahrskonzert das Offenbachjahr 2019 in Köln ein und hebt einen verschollenen Einakter halbszenisch aus der Taufe!

Inseklkönigin Oyayaye und Racle-à-Mort. Hagen Matzeit (Countertenor) und Matthias Klink (Tenor); Foto: Thomas Kost

Inseklkönigin Oyayaye und Racle-à-Mort.
Hagen Matzeit (Countertenor) und Matthias Klink (Tenor); Foto: Thomas Kost

Es gibt ja kaum etwas, das Jacques Offenbach nicht auf die Bühne gebracht hat. Wurzelgemüse, das ein Königreich usurpiert wie in „König Karotte“. Ein Hund, der besser regiert als alle Männer zusammen, wenn er von einer Frau geführt wird, wie in „Barkouf“. Nicht zu vergessen das in damals erstaunlich aktuellen Gesellschaftsintrigen verstrickte antike Götterpersonal! Da wundert es kaum, dass sein erster Einakter für Paris von der Inselkönigin Oyayaye handelt, die einem bei ihr gestrandeten Kontrabassisten droht, ihn in den Kochtopf zu werfen, sobald ihm der Esprit ausgeht. Das Gürzenich-Orchester hat dieser rund halbstündigen „Menschenfresserei in einem Akt“ in seinem Neujahrskonzert eine köstliche Wiederaufführung beschert, hat unter dem französischen Dirigenten Alexandre Bloch aber auch hören lassen, wie grandios Offenbach für das solistische Violoncello komponiert und wie Wiener Bearbeiter schon zu Lebzeiten voller Begeisterung Offenbachs Bühnenmusik für Wiener Konzerte aufgerüstet haben. (Von Sabine Weber)
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(06.01.2019 Kölner Philharmonie) Es war ein gelungener Rundumschlag an diesem Sonntagmorgen! Vor allem für diejenigen, die von Jacques Offenbach noch nie gehört haben. So es solche überhaupt in Köln noch gibt! Denn die junge Kölner Offenbach-Gesellschaft rührt unter dem Motto „Yes we Cancan!“ seit Dezember äußerst tatkräftig die Werbetrommel. Am Rhein hatte man jahrzehntelang vergessen, dass Jacques Offenbach am 20. Juni 1819 in Köln geboren worden ist. 2019 also vor 200 Jahren. Dieses Offenbachjahr soll nicht glanzlos verstreichen. Es wurde bereits eine kleine Wanderausstellung mit historischem Bildmaterial im Kölner Rathaus eröffnet und Veranstaltungen mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Stadtführungen übers Jahr angesetzt. Und unbekanntes musikalisches Repertoire soll in Köln und Umgebung in verschiedenen Konzerten wiederentdeckt werden. An der Kölner Oper wird beispielsweise die Opéra bouffe „Barkouf“ im Oktober ihre Deutsche Erstaufführung in einer Koproduktion mit der Opera du Rhin in Strasbourg zu erleben sein.

Das Neujahrskonzert des Gürzenich-Orchesters hat schon einmal die Erwartungen geschürt und und einen fulminanten Eindruck von der klanglichen Vielfältigkeit des deutsch-französischen Meisters geliefert. Mit der Ouvertüre zu den „Rheinnixen“ gab es an diesem Morgen zu allererst eine erstaunlich romantische Farbgebung. Die dazugehörigen Melodien wusste Dirigent Alexandre Bloch gefühlvoll auszukosten, sodass das heutzutage nur mehr aus „Hoffmanns Erzählungen“ bekannte, weil dort wiederverwendete Barcarolenthema wunderbar entspannt durch die Philharmonie schweben konnte. Gern würde man auch mal die gesamte Rheinnixen-Oper in einem der Opernhäuser hier am Rhein hören. Der anschließende Walzer aus „Barkouf“ hat immerhin einen Hinweis auf eine kommende Opernpremiere gegeben, die übrigens ohne die Vorarbeiten der Offenbach-Edition Keck (OEK) im Boosey & Hawkes Verlag gar nicht möglich wäre. Seit 30 Jahren ist der Dirigent und Offenbachspezialist Jean-Christophe Keck den verschollenen Offenbach-Manuskripten hinterher. Und seit 20 Jahren steht ihm Chefverleger Frank Harders-Wuthenow von Boosey & Hawkes, Berlin, als ebenso fanatischer Offenbach-Mitstreiter zur Seite, der die teilweise mühsamen Recherchen mit Editionen belohnt. Ein solches überzeitliches Engagement kann man nur beglückwünschen. Nicht zuletzt hat Keck auch den Offenbach-Nachlass im Kölner Stadtarchiv vor seinem Untergang gesichtet und zum Großteil – Gott sei Dank – kopiert und damit mit gerettet. Den charmanten Barkouf-Walzer hat Keck allerdings in dem Konvolut einer Bibliothek in New York entdeckt und als letztes Fundstück der aus zahlreichen Quellen rekonstruierten Barkouf-Oper hinzugefügt, die ebenfalls erstmals ediert wurde. Auch die „Introduction, Priére und Boléro“ für Violoncello und Orchester, einer der Höhepunkte in diesem Konzert, ist eine Erstedition der neuen OEK. Offenbach hat dieses Werk 1840 in Köln komponiert. Das Werk sprüht nur so vor spanischem Exotismus, der in Frankreich ja einen gewaltigen musikalischen Modetrend ausgelöst hat, dem auch Konzertkomponisten wie Saint-Saëns oder Ravel gefolgt sind. Offenbach greift den Trend mit untrüglichem Klangsinn für die cellistischen Möglichkeiten auf – er war ja Cellist. Wobei er das humoristische Element seiner späteren Bühnenwerke mit kleinen Flageolett-Kunststückchen und Duetten im „Flötenregister“ mit der Flöte vorwegnimmt und wahnwitzige Virtuosität mit Melodienseligkeit paart. Der junge Spanier Pablo NeujahrkOffenbachiade_0382Ferrández kostete den Solopart auf seinem Stradivarius-Cello derart aus, dass man gar nicht anders kann, als diesem wieder entdeckten Cellokonzert eine Repertoire-Zukunft vorher zu sagen. Die Zugabe mit dem Solocellisten Bonian Tian wurde zu einem weiteren besonderen Offenbach-Cello-Moment genutzt. Die beiden bewiesen ihre Verbundenheit seit gemeinsamen Studiumszeiten mit Offenbachs Polonaise aus den „Trois duos très difficiles“ op. 54 für zwei Celli. Da war gar nicht auszumachen, wer den schwereren Part zu bewältigen hatte.

Mit „Oyayaye oder die Königin der Inseln“, Menschenfresserei in einem Akt, landete das Neujahrskonzert im zweiten Teil sozusagen am Startpunkt Offenbachs in Paris. Dieser burlesk-groteske Einakter mit zwei Tenören – die Königin ist eine Travestierolle – ist das erste Werk, das Offenbach für eine Pariser Bühne je geschrieben hat. Es war bei seiner Uraufführung am Théatre Folies-Nouvelles 1855 auch gleich erfolgreich, sodass Offenbach den Entschluss, in dieser Art fortzufahren, bestärkt umsetzte und sein eigenes Théâtre des Bouffes-Parisiens ins Leben rief. Offenbach parodiert den italienischen Belcanto, wobei die Königin von höchsten Koloraturlinien im Kopfregister in tiefste brummige Bassregister abstürzt. Eine Rolle, die der kurzfristig eingesprungene Hagen Matzeit bewunderungswürdig stemmte, auch wenn er im karnevalsroten Damenkostüm mit strohblonder Perücke das in Oyayaye steckende Oh la là sehr wörtlich nahm und ein bisschen viel die Tunte gab. An dem Kontrabassisten Racle-à-mort, zu Deutsch: Schrubbdichwund, hätte Patrick Süßkinds Kontrabassist seine Freude gehabt. Zumal Matthias Klink sogar Töne aus dem Instrument heraus bekam. Und im absoluten Offenbach-Modus mit “Aïe aïe aïe”- Schmwerzensrufen zur Sache ging. Seine unglückliche Vorgeschichte hat er nicht nur erzählt und besungen. Während der NeujahrkOffenbachiade_0634Ouvertüre hat er bereits links in der Kontrabassgruppe im Orchester gesessen, schläft über seinem Instrument schnarchend ein, sodass der Dirigenten ihn genervt fortjagt. (Szenische Gestaltung: Sabine Hartmannshenn). Die Ouvertüren-Musik erinnerte dabei im Gestus an eine Schreckensoper im Stile Cherubinis, was zur anschließenden stürmischen Seereise mit Schiffbruch durchaus passte. Musikalisch scheint in der Partitur im weiteren schon alles da zu sein, was den späteren Offenbach auszeichnet. Über weite Stellen ist sie allerdings auch eine Rekonstruktion. Jean-Christophe Keck hat vom überlieferten Libretto und den einzig überlieferten Melodielinien Oyayayes ausgehend im Offenbachstil und für ein Orchester mit doppeltem Holz, Streicher und Blech, wie Offenbach sie für spätere Einakter benutzte, die Partitur nachkomponiert. Der Plot ist auch bemerkenswert. Es geht um den Künstler, der zu unterhalten hat. Wenn er versagt, wird er vom Publikum oder den Kritikern gefressen. Im Kontrabassisten könnte Offenbach also seine eigenen Zukunftsängste formuliert und gleich mal auf die Schippe genommen haben. Auf jeden Fall hat Matthias Kling mit Kontrabass im Arm schwer geschuftet, musste sogar einige Male zu einer Tür hinaus, im Off um die Bühne laufen und zur anderen Tür wieder hinein, machte mal eben einen halben Handstand auf dem Stuhl eines Bratschers, schmetterte sein Auftrittscouplet und stammelte in der Romance, als ihm nix mehr einfiel und er dem dampfenden Kessel hinter den Posaunen gefährlich näher kam. Ganz ausgereift ist dieses Werk nicht. Die Farce bricht nach einem Tanz der Wilden auf Kazoos gespielt – einzig original überliefertes Stücks in dieser Oper – eher unvermittelt ab. Aber das Publikum fühlte sich köstlich amüsiert und applaudierte begeistert. Und dann kamen auch noch die unvermeidlichen Zugaben. Natürlich der Cancan aus „Orpheus in der Unterwelt“, allerdings in einer Konzertouvertürenbearbeitung vom Wiener Carl Binder, der einzelnen Instrumenten aus dem Orchester wunderbare Solopassagen zukommen ließ. Schon die Ouvertüre zu der „Belle Hélène“ im ersten Teil erinnerte an diese Wiener Tradition zu Offenbachs Zeiten. Auch Franz Lehner hat aus den schönsten Themen zur „Belle Hélène“ eine Konzertouvertüre entwickelt. Und das Gürzenich-Orchester ließ wunderbar hören, wie bei Offenbach das Tragische mit dem Ausgelassenen Hand in Hand geht. Dass es dann im Karneval enden musste, ist zum Thema Offenbach in Köln wohl unvermeidbar. Kabarettistin Biggi Wanninger von der Stunksitzung lieferte Hans Styx’ Couplets über den einstigen Prinzen von Arkadien – ebenfalls aus Offenbachs Orpheus. Jedenfalls war es ein überschäumender Sonntagmorgen, eine Offenbachiade, die einer Offenbachjahr-Eröffnung absolut gerecht geworden ist! Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat in ihrer Ansprache dann auch gleich Offenbach zum Erfinder der Operette überhaupt hoch gelobt. Und Ministerpräsident Armin Laschet konnte mit Offenbach, angesichts populistischer Fremdenfeindlichkeit, auf die um so wichtiger gewordene Europa-Achse Deutschland-Frankreich schwören, die gerade durch einen neuen Élysée-Vertrag ausgehandelt wird, und es wird sogar der französische Premierminister höchstpersönlich im Rheinland erwartet. Vergessen wir nicht, ein Franzose ist Chefdirigent in Köln, und ein Franzose hat auch hier am Pult gestanden. Die Wahl des derzeitigen Chefdirigenten aus Lille, Alexandre Bloch, war ein Glücksgriff in jeder Hinsicht. Musikalisch, und auch mit dem nötigen Humor und Witz hat Bloch mitgespielt und dem mitklatschenden Publikum Einsätze gegeben und sie auch – wenn nötig – mal beendet! Zudem hat er in einer Hinsicht auch an Offenbachs Herkunft erinnert. Bloch hatte nämlich nicht nur seine Eltern dabei. Auch sein Großvater saß im Publikum, mit Kippa auf dem Kopf, und hat mitgeklatscht.

Die Staatsoper Hannover eröffnet das Jacques-Offenbach-Jahr mit König Karotte. Und zeigt, dass märchenhaftes Ausstattungstheater auf einer deutschen Bühne glänzend funktioniert!

Prinz Fridolin (Eric Laporte) wird von König Karotte (Sung-Keun Park) in die Knie gezwungen. Dahinter Chor der Staatsoper Hannover Foto: Jörg Landsberg

Prinz Fridolin (Eric Laporte) wird von König Karotte (Sung-Keun Park) in die Knie gezwungen. Dahinter Chor der Staatsoper Hannover. Foto: Jörg Landsberg

Auch das geht auf das Konto des Pariser Opernspötters Jacques Offenbach! Eine Opéra-Bouffe-Féerique, in der sich eine Möhre zum Tyrannen eines Königreiches aufschwingt. Begleitet von Rettich, Kartoffel und Roter Beete übernimmt er das Regime. Das Riesenspektakel von Theaterschriftsteller Victorien Sardou und Jacques Offenbach bricht bei seiner Aufführung 1872 am Pariser Theatre Gaité alle Rekorde. 200 Personen wimmeln für eine sechsstündige Aufführung in Kostümen, für die drei Kostümbildner über 1000 Kostüme schneidern. Ein Riesenerfolg, der Offenbach in den Ruin treibt, nur wenige Male nachgespielt, dann vergessen und nie ediert wird. In der von Jean-Christophe Keck betreuten kritischen Erstausgabe ist dieses Werks für Boosey & Hawkes/Bote & Bock Berlin 2015 in Lyon über die Bühne gegangen. Mit der Erstaufführung in deutscher Sprache hat die Staatsoper Hannover jetzt das Offenbachjahr 2019 eingeläutet. In der deutschen Neuübersetzung von Jean Abel, die pfiffig vor allem perfekt den Couplets und Rondeaus angepasst und erstaunlich aktuell rübergekommen ist. Ein großer Coup ist gelungen. Das Publikum war zu Recht aus dem Häuschen! (Von Sabine Weber)

(04.11.2018 Staatsoper Hannover) Bühnenbildnerin Susanne Hubrich hat mit ihren Barock-Fantasy-Casual-Wear oder verfremdeten Dress-Codes im Vorfeld allerhand zu tun gehabt. Und die Kostümassistenz muss am Abend geschwitzt haben. Sandra Maria Paluch und Rosa Ungerer, die hier mal sofort genannt werden müssen, haben nämlich den Chor immer wieder und rasant schnell neu eingekleidet. In Verbindungsuniformen für ein studentisches Bier-Gelage, für die wankelmütige Hofgesellschaft in verkürzten Stehreifröcken oder Gehrock mit gepuderter Allongé-Perücke. Oder in Toga-umwickelte antike Römer. Dieses fantastische perspektivenverzerrende Theater im Theater, von Bühnenbildner Matthias Fischer Dieskau angedeutet durch verspiegelten Bühnenrahmen mit Prospekten eines Theaterraums sozusagen vis-à-vis zum Publikum dahinter, verändert sich immer wieder. Auch mithilfe von Projektionen. Spektakulär ist der Ameisenhaufen, in dem schwarz bewährte Gestalten mit stroboskopisch leuchtenden Stäben in der Hand durch ein projiziertes Stabgewimmel laufen. Alles wuselt! Die Geschichte des Prinzen Fridolin durchläuft viele Stadien. Geführt von Robin, der Playmakerin in Hosenrolle, mit präzis und ausdrucksstark geführter Stimme von Mareike Mohr, muss sich der Prinz ähnlich wie Voltaires Candide auf einer Reise läutern und zum guten Herrscher werden. Eric Laporte gibt dabei einen sympathischen Bad Boy mit abstehenden Locken, der sich mit agilem, stets tragendem Tenortimbre mal schlau, mal verliebt, mal reingelegt fühlt. Seine erste Flamme heißt Cunégunde. Stella Motina erscheint als exaltierter Teenie-Popstar mit Rastalocken, Bustier-Minirock und Strapsen, macht Selfies, fragt, ob der Prinz so gut sänge wie Justin Bieber, und schmettert dann selbstbewusst ihre Auftrittsarie. Später ist sie eine der ersten, die Fridolin stehenlässt und zum Wurzeltyrannen überläuft. Die Knollen werden übrigens in einem gespenstisch auskomponierten Melodram von der Hexe Kalebasse unter viel Theaternebel heraufbeschworen. Die Sprechrolle kostet Daniel Drewes im Transenkostüm mit Zigarettenspitze als Zauberstab spöttisch bis leicht überheblich ganz wunderbar aus. Unter krächzendem „Bracatacrois“ – wohl die französische Abrakadabra-Formel – wird das Gemüse auf den Plan gerufen. Die Unterwelt soll sich an denen da oben rächen. All die Verwicklungen zu erklären, die hier zu- und voneinander wegführen, ist selbst in dieser konzis verdichteten Fassung schlicht unmöglich. Dramaturgin Swantje Köhnecke in Zusammenarbeit mit Dirigent Valtteri Rauhalammi und Regisseur Matthias Davids haben das 140 Seiten lange Libretto jedenfalls auf eine den Handlungsstrang sinnvoll durchführende Länge von weniger als drei Stunden eingedampft. Und es waren, anders als in Lyon, wieder neue Episoden zu erleben. Der Zauberer Quiribiri, den Drewes auch gegeben hat. Oder die Affen-Episode. Eindrucksvoll vor allem ist, mit welcher Leichtigkeit Offenbach die Politik, Diplomaten oder Herrscherprofile auf die Schippe nimmt. Wenn beispielsweise Polizeichef Pipertrunk, mit kölschem bis berlinerischem Akzent, in seinen Couplets du diplomate erklärt, dass das Prinzip gelte, immer für den Stärkeren zu sein. Natürlich gibt es auch hier den bekannten Offenbach-Ton. Das Auftritts-Couplet „Jawohl ich bin König Karotte“ des mit einigen unflätigen Ticks aufwartenden Usurpators ist sogar ein regelrechter Ohrwurm. Märsche, Galopps, witzig das Eisenbahnrondo. Zu erwähnen wäre noch ein ganz exquisites Damenensemble, das um König Karotte wirbt, der aber nur Marmelade schlecken will. Aber es gibt auch eine andere Seite zu bewundern. Auf das politische Theater haben Offenbach und Sardou noch eine romantische Liebesgeschichte gesetzt. Athanasia Zöhrer verkörpert Rosée-du soir als wahre Geliebte des Prinzen als eine Art Pipi-Langstrumpf-Verschnitt, wobei sie einiges an Koloratur bis zu ihrem Ziel zu bewältigen hat. Außergewöhnlich aber ist das Nocturne im zweiten Akt, ein romantisches vierstimmiges Gesangsquartett, ein Traum! Was immer man „König Karotte“ an politischer Aktualität abgewinnt – in dem sehr informativen Programmheft wird auf aktuelle Karotten-Usurpatoren in Nordkorea, Polen oder Lateinamerika hingewiesen, wobei der amtierende US amerikanische Präsident unter allen Karotten-Königen hervorsteche – die Wiederentdeckung dieses Werks für die deutschen Bühnen ist eingeleitet. Musikalisch wunderbar, bis auf ein paar kleine Wackler zwischen Stimme, Chor und Orchester. Manchmal war es auch des Aerobic-Gehüpfes etwas zu viel. Aber die vielen kleinen Gags und Witze, die absolut authentische Theatersprache mit „Ihr habt wohl ne Meise“ oder „das ist voll daneben!“ gelingen hervorragend. Das Gesangsensemble ist ne Wucht! Intendant Michael Klügl hat sich in seiner letzten Saison in Hannover also einen letzten Wunsch mit größtmöglichen Anspruch verwirklichen können. Als Offenbach-Experte – er ist über ein Offenbach-Thema promoviert worden – dieses Offenbach-Schwergewicht zu stemmen.