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Mit Richard Wagners Tannhäuser eröffnet Köln die Opern Saison

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt. © Bernd Uhlig

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt.
© Bernd Uhlig

Das Pilgerlied, überhaupt, Melodien schwirren einem noch Tage später durch den Kopf. Wagners Tannhäuser ist voll davon. Mit so eindringlicher Intensität, vor allem im kammermusikalisch Leisen vom Gürzenich Orchester begleitet, dass die Musik zum nachhaltigen Ereignis wird!
Von Sabine Weber

(24. September 2017, Staatenhaus/ Oper Köln) „Dich, teure Halle, grüße ich wieder, … froh grüß’ ich dich, geliebter Raum. In dir erwachen seine Lieder und wecken mich aus düst’rem Traum …“ Das schmettert Elisabeth zu Anfang des zweiten Aufzugs in ihrer großen Arie. Angesichts der hinausgeschobenen Eröffnung der zu sanierenden Oper jetzt auf das 4. Quartal 2022, ein Gruß mit bitterem Beigeschmack. Diese Halle grüßen wir noch viele Jahre! Nach dieser Saisonpremiere! Bühnenbildner Darko Petrovic hat für diese Inszenierung allerdings eine fürs Orchester geniale Lösung im riesigen Saal 2 der Ausweichspielstätte im Staatenhaus gefunden. Ein rundum Bühnenboden öffnet in der Mitte eine Schlucht. In der sitzt das Orchester omnipräsent und meist hinter den Sängern, die nicht hinter dem Orchester singen müssen. Fast noch besser als Bayreuth! Denn die Musiker im Orchester und der unermüdlich die Arme schwingende Dirigent François-Xavier Roth sind optisch präsente Hauptakteure im Geschehen.
Und das sind sie absolut! Erst Tags zuvor hat das Gürzenich Orchester mit der französischen Erstaufführung des 2016 für Köln komponierten orchestralen Ring von Philippe Manoury das neue Musikfestival Musica in Strasbourg eröffnet. Und überzeugen am nächsten Abend mit Wagner-Klängen in Köln, die aufhorchen lassen. Die Streicher begleiten Vibrato-los wie ein Gambenconsort mit satt dunklem Timbre. Die Celli formen eine verzweifelt schöne Kantilene am Beginn des dritten Aufzugs, für die sie in der zweiten Pause auch extra noch einmal üben! Verdis Don Carlo haben sie an ihren Bögen. Und die Holzbläser erinnern daran, dass Mendelssohns Sommernachtstraum nicht spurlos an Wagners Ohren vorübergezogen ist. Auch Rossini grüßt mit einigen prickelnd hüpfenden Begleitfiguren. An diesem Abend ist zu hören, woher Wagner kommt. Aber auch, was er daraus ganz eigenständig zu entwickeln vermochte. Und das Blech ist Wagner! David Pomeroy als Tannhäuser setzt in den ersten beiden Aufzügen zwar etwas steif nur auf Lautstärke, legt im letzten Aufzug aber eine Herzergreifende Rom-Erzählung mit feinen und verzweifelten Nüancen hin, die alles vergessen macht. Kristiane Kaiser als verkaufte Braut Elisabeth kostet berückende Piano-Momente aus und jubelt, wie schon erwähnt, mit mächtigem Organ der Halle zu. Miljenko Turk, der bereits im letzten Kölner Tannhäuser den zwischen Freundschaft zu Tannhäuser alias Heinrich und geliebter Elisabeth hin und her gerissenen Eschenbach gegeben hat, breitet beglückend romantische Nachtstimmung mit seinem Abendsternlied aus. Ein weiterer Melodien-Ohrwurm, der nachwirkt. Karl-Heinz Lehner, als Landgraf, greift immer zur echten Zigarette und pafft und gebietet über seine allesamt in Smoking oder Frack steckende Männergesellschaft mit autoritär-dunklem Timbre. Auch Nebenrollen sind Entdeckungen. Die Bassstimme von Lucas Singer als Biterolf, und Tenor Dino Lüthy als Walther von der Vogelweide. Er ist Mitglied des Internationalen Opernstudios der Kölner Oper. Ebenso wie Maria Isabel Segarra, die mit schlanker Sopranstimme den jungen Hirten gibt. Irritierender Weise steckte der im Kleider-Outfit der Venus-Grotten-Verführerinnen. Schwarzes Kleid mit Mönchskapuze (Kostüme:Annina von Pfuel). Die Regie von Patrick Kinmonth setzt auf den Venus-Maria/ Hure-Heiligen Konflikt, und bleibt eindimensioniert. Venus, ganz in schwarz, soll wohl eine Domina sein, hat mit Dalia Schächter aber leider zuviel Mutti-Effekt. 5Und klingt in der Höhe überfordert schrill. Bereits in der Ouvertüre tanzen ihre schwarzen Liebesdienerinnen mit roter Perücke einen gestischen Tanz auf Stühlen vor liegenden Smokingmännern auf Tischen, die teilweise in ihre Laptops starren. Das bliebe ziemlich blutleer, wäre da nicht die Musik. Auch wenn Venus auf ihre Gegenspielerin in stummer Aktion trifft. Auf eine Maria-Figur im weißen „Gegenkostüm“ mit Himmelblau gefütterter Kapuze, die meist irgendwo steht. Alles stört irgendwann nicht mehr, denn die Musik ist der Hauptakteur.
Und wenn der Chor als Pilgerschar von hinter der Bühne, hinter der Podiumstribühne singt, oder auf der Bühne – ebenfalls im Smoking, allerdings mit Hut und Langstab mit Kreuzchen oben – sein Pilgerlied schmettert, pilgert jeder mit Wagner mit. Denn dieser Wagner klingt!

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

François-Xavier Roth in Köln! Ein Gesprächsportrait

François-Xavier Roth wurde 1971 in Paris geboren. Sein Vater stammt aus dem Elsass und war Organist an St. Sulpice in Paris. Roth studiert Flöte, später auch Traversflöte und Dirigieren u.a bei Janos Fürst und Jorma Panula auf. Seine Aufmerksamkeit als Musiker und Dirigent gilt gleichermaßen der Neuen wie der Alten Musik. 2003 gründet er das auf historischen Instrumenten spielende Projektorchester Les Siècles. Seinen wichtigstens Dirigierposten bekommt er 2011 als Chefdirigent beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Ab September 2015 wird er als Gürzenichkapellmeister und GMD von Köln antreten. Sein erstes Konzert in Köln als bereits designierter neuer Kölner Chef hat er im letztes Jahr im Rahmen des Achtbrückenfestivals für Musik der Moderne in der Kölner Philharmonie geleitet. Am 11. Mai 2014 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mit Werken von Boulez, Ligeti und Debussy. Da gab es Gelegenheit zu einem Interview, in dem er einiges über seine Einstellung zu neuer und alter Musik und zu zukünftigen Plänen hier verraten hat. Und ein Bekenntnis abgelegt hat für das Gürzenich-Orchester, das er in der Rolle eines Kölner Schauspielers sieht, für die Kölner Oper und für das Kölner Achtbrückenfestival, das ja nächste Woche wieder seine Tore öffnet!
Interview v. 11. Mai 2014 mit Sabine Weber

Spätromantischer Exzess! Markus Stenz führt die Gurrelieder von Arnold Schönberg in Köln auf!

Zum Abschluss eine volle Philharmonie Foto Paul Leclair

Zum Abschluss eine volle Philharmonie
Foto Paul Leclair

Das instrumentale und vokale Massenaufgebot in diesem Kantate betitelten Sondergenre zwischen Liederzyklus und Chorsinfonie ist ein Superlativ der klassischen Konzertgeschichte! Daher auch nicht oft zu erleben. Das Podium in der Kölner Philharmonie musste für die sechs Gesangssolisten, die 260 Chorsänger und die 130 Orchestermusiker bis über die fünfte Parkettreihe hinaus erweitert werden! Für den scheidenden Generalmusikdirektor von Köln war diese Realisation ein letzter großer Wunsch!
Von Sabine Weber

(Köln, 2. Juni) Da wird das Orchestergeschehen zum großen Theater! Vier Harfen ganz links, acht Hornisten davor, vier griffen immer wieder auch zu den tenoral klingenden Wagnertuben, vierfaches Holz – neben den vier Querflötisten sitzen noch zwei Piccolospieler, die auch zu quietschenden Flageolettpfeifen greifen – sechs Posaunen hinten, inklusive einer Bassposaune, sechs Trompeten daneben, zwei Kontrafagotte vor der Tuba und Schlagzeuger, die auch über dem Orchester in den höchsten Balkonen Merkwürdiges treiben. Zum Beispiel in einer Schüssel mit Blechteilen wühlen und erratische Rasselgeräusche verursachen. Zum Schluss, wenn nach Sehnsuchtsseufzern, Liebesschmerz, Liebestod, Begräbnisszene und wilden Jagden sechs Becken gegeneinander schlagen, wird spätestens klar, dass dieser musikalische Weg am Ende ist. Weiter geht es beim besten Willen nicht mehr. Die Klangmöglichkeiten akustischer Orchesterinstrumente sind ausgereizt. Mehr kann im konzertanten Aufführungsbetrieb nicht geleistet werden. Auch der erst 26jährige Arnold Schönberg hat gespürt, dass mit seinem apotheotisch inszenierten finalen Sonnenaufgang die Romantik eigentlich ihren Todesstoß erfährt. Und bald fühlt er ja auch die Luft von anderen Planeten. Seinem Kollegen Franz Schreker überantwortet er im Februar 1913 die vom Publikum begeistert gefeierte Uraufführung im Wiener Musikvereinssaal. Schönberg, der die Partitur zwei Jahre zuvor abgeschlossen hatte, war bereits mit seinen Dodekaphonischen Experimenten in ein neues Universum unterwegs. Ließ sich aber dennoch für „den Schnee von gestern“ gerne bejubeln.

Dieser konzertante Superlativ ist an vielen Stellen erstaunlich kammermusikalisch differenziert und transparent komponiert und fordert vom Gürzenich-Orchester in allen Extremen intensiven Einsatz. Das ist ein mehr als zweistündiges irre spannendes Erlebnis, so krude und verworren die literarische Vorlage der Gurre-Lieder vom dänischen Botaniker Jens Peter Jacobsen auch scheinen. Der Gedichtzyklus „Gurresang“ stammt aus einer Erzählung, die nie fertig wurde. Es gibt dennoch allerhand zu beschreiben: Die Sehnsüchte eines Königs zu seiner auf dem Gurre-Schloss sitzenden Geliebten. Die Tenorpartie mit Brandon Jovanovich steht im Mittelpunkt. Der Tod der Geliebten, mit Barbara Haveman ebenfalls hervoragend besetzt, die nach einem letzten ekstatischen Kuss, vergiftet von der eifersüchtigen Königin, zuzsammenbricht. Der König, der mit Gott hadert, sich in einen wild wütenden Jäger verwandelt und mit seinen Mannen naturgewaltig durch die Lande zieht. Ein Narr, der kommentiert und ein Sprecher, der verkündet, dass trotz allem Leid zum Schluss die Sonne wieder scheint. Immer wieder scheint vor allem der berühmte Tristan-Akkord auf. Das todgeweihte Liebespaar erinnert auch an Pelleas et Melisande. Deutliche Debussy-Anklänge gibt es in der Einleitungsmusik. Oder eine in den Holzbläsern sommernachtstauglich quirrlige Johannisnacht. Überraschend immer wieder, wie Schönberg durch rhythmische Überlagerungen oder Koppelung von Instrumenten Klangbilder erzeugt. Da sucht man mitunter im Orchester, das zu großen Teilen schweigt, wer denn da spielt und an diesem Klang beteiligt sein könnte. Einmal greift der erste Trompeter nur für einige Takte zu einer Piccolotrompete, um eine witzige Fanfare hinein zu trällern. Zum Begräbnis der Geliebten gibt es natürlich einen Siefriedischen Trauermarsch. Als der Männerchor in den Balkonen hinter dem Podium sich erhebt und zur Jagd aufbricht, ist das Getümmel ohrenbetäubend. Die Ohren sind für diesen Moment einfach zu klein! Aber es gibt auch die kleinen Fingerzeige in die Zukunft. Die melodramatische Szene weist in die Richtung neuer theatralischer Möglichkeiten, die im Pierrot lunaire noch entwickelt werden. Johannes Martin Kränzle, ein hier bereits vielfach gefeierter Solist und Kölner Opernpreisgewinner 2011 erweist sich auch als ein überraschend klangsprachmächtiger Frühlingsbote. Markus Stenz behält die Oberhand über sämtliche Klanggewalten und -finessen stets sicher in Händen zusammen. Kaum einer der vielen heiklen Einsätze misslingt. Das Orchester will und macht offenkundig seinem scheidenden Chef das größtmögliche Geschenk. Ein glückliches Lächeln zieht in den Gesichtern im Frauenchor auf, als zum letzten feurigen Sonnenaufgang nach anderthalb Stunden auch sie ihren Einsatz bekommen. Das ist ein musikalisch fulminanter Schlussstrich, den Markus Stenz mit seinem offiziell so genannten Abschlusskonzert als Gürzenich-Kapellmeister hier in Köln zieht. Aber noch ein kleines Festkonzert für Richard Strauss am 15. Juni in der Kölner Philharmonie liegt vor ihm!