Schlagwort-Archiv: Gelsenkirchen

Tristan und Isolde von Richard Wagner – die letzte Vorstellung im Theater im Revier in Gelsenkirchen mit Wonnen voller Tücken!

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster


Von der ersten Minute an ein ewiges und mörderisches „zu spät“! Zu spät gewusst, zu spät geliebt, zu spät für die Rettung! Dreieinhalb Stunden braucht es dennoch für den finalen Liebestod. Seit dem Tod des Uraufführungs-Tristan Ludwig Schnorr von Carolsfeld unmittelbar nach der Münchener Aufführung gilt die Partie des Tristan auch noch als mörderisch. Aber im Ruhrgebiet gibt es eine bewährte Wagner-Connection. Der Bayreuth-erfahrene Wagner-Tenor Torsten Kerl aus Gelsenkirchen durch- und überlebt das Mörderische souverän und läuft für das Theater im Revier ein letztes Mal in dieser Spielzeit zu großer Form auf. Yamina Maamar, aus den vergangenen Spielzeiten eine hier bekannte Stimme, ist eine stimmlich ebenbürtige Isolde.
(Sabine Weber)

(4. Juni, Theater im Revier) Am Ende wird gejubelt. An diesem Pfingstsonntag, der nach den Hitzetagen etwas Abkühlung gebracht hat. Zwar weniger im Theaterinneren. Aber das hält niemanden zurück. Johlen für das Protagonistenpaar, die Brangäne-Darstellerin Almuth Herbst, und den eingesprungenen Sangmin Lee als Kurwenal, der mit einer profund lautstark wohltönenden Baritonstimme sehr beeindruckt hat. Als Generalmusikdirektor Rasmus Baumann aus dem Orchestergraben auf die Bühne gelaufen kommt, stehen einige in den ersten Reihen auf und erhöhen die Klatschfrequenz. Auch wenn die Neue Philharmonie Westfalen im Vorspiel nach den ersten Tristanakkorden etwas Mühe hatte, in Schwung zu kommen. Danach präsentiert sie einen formidablen Wagnersound – „Klang gewordener Orgasmus“, so hat Dieter Schnebel in seinem Hörprotokoll von 1971 von der Tristanmusik geschwärmt. Hier ist sie in ausgespielten Bögen zu erleben, die auch kammermusikalischen Momenten den Raum öffnen. Streichersoli in der orgiastischen Liebesnachtmusik. Einsame Englischhornweisen im letzten. Musikalisch ist das ein wunderbarer Saison-Abschluss. Freilich hätte die Regie (Intendant Michael Schulz) den trotzigen Helden im ersten Akt etwas günstiger in Szene setzten können. Da steht Tristan steif im blauen Trenshcoat. (Kostüme: Renée Liesterdal) Wie ein muffiger Kommissär die Hände tief in die Taschen gedrückt. In dieser unbeholfen wirkenden Haltung läuft er auch zum ersten Gespräch zu seine Herrin auf. Die beleibte Körpferfülle durch flaches Hinlegen neben Isolde an der Bühnenrampe auszustellen mag bedingt angehen. Ist ja der Rausch einer gerade verköstigten Droge, dem das Paar sich wie Hippies hingibt. Aber die Liebesnacht mit eben diesem abtörnenden Trenshcoat am Leib, während Isolde im seidigen Nachmantel die Nacht der Liebe herbeisehnt? Der zweite Akt ist dennoch die stärkste Regieleistung! Im rotierenden Liebeslabyrinth der Bühnenbildnerin Kathrin-Susan Brose verirren sich die Berauschten im Sternenlicht um einen steinernen Mond, treffen auf ihre Kinder oder sich als Kinder, wie auf glückliche Visionen der Vergangenheit oder der Zukunft. Ihre Leidenschaft ist musikalisch mit dem Liebestodzitat musikalisch verzahnt. Durch ein kopulierendes Paar im Guckkasten wird sie leibhaftig, und plötzlich landen Tristan und Isolde von Freund Melot verraten zum Verhör bei König Marke. Das ist alles stringent verzahnt.
Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke

Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke


Der letzte Akt dann ist ein einziges schwarz-weiß. Wobei ein dreigeteilter schwarzer Vorhang immer wieder Ausschnitte verschiebt. Ein Sehen wollen, aber vergeblich Schauen. „Sehnsucht-Not“, schreit der tödlich verletzte Tristan ja auch. Und „Alle tot!“ König Marke, der zu spät vom verköstigten Liebestrank erfahren hat, und zu spät in Kerneol, dem Rückzugsort Tristans ankommt, um den Helden zu begnadigen und die Liebenden zusammenzuführen. Trotz eines fehlenden und auf eine Aussage hin angelegten Regiekonzepts, vielleicht daher auch die irritierend heterogenen Bühnebilder, ist dieser letzte Tristan im Revier gut erzählt und insgesamt ein Glücksfall. Die Wagner-Fan-Gemeinde zieht jedenfalls beglückt von dannen. Eine hartnäckige Gruppe lauert im Foyer den Protagonisten Torsten Kerl und Yamina Maamar für ein Autogramm auf. Mit Blick auf die wunderbar blauleuchtenden Schwamm- und Reliefbilder mit leichter Staubpatina von Yves Klein, die jeden Aufenthalt im Theater im Revier krönen.

Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ am Musiktheater im Revier! Eine eindrückliche Konfrontation mit dem Auschwitz-Horror – ohne Baracken!

Lisa und Marta, Hanna Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster

Lisa und Marta, Hannah Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster


Der wahre Horror steckt nämlich in den Köpfen! Und kann die Normalität überlagern, sie zersetzen, dann, wenn Erinnerungen wach werden. Darauf setzen Regisseurin Gabriele Rech und ihr Bühnenbildner Dirk Becker in ihrer Neu-Produktion in Gelsenkirchen.
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 5. Februar 18 Uhr, 18. Februar, 2. März, 17. März 19.30 Uhr; 2. April, 23. April, 18 Uhr
Weitere Infos unter: https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2016-17/die-passagierin

(Gelsenkirchen, 28. Januar 2017) Kann man überhaupt monströse Barbarei für die Bühne bebildern? Wirkt das opernhaft-manieristische Tun in diesem Grauen nicht zwangsläufig verharmlosend? Bei der Frankfurter Inszenierung 2015 haben die in Auschwitz spielenden Barackenszenen irgendwie schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Fast anderthalb Jahre später in Gelsenkirchen gibt es keinen Stacheldraht oder Suchscheinwerfer. Was Mieczysław Weinberg laut Szenenbeschreibung in seiner 1968 vollendeten Oper Die Passagierin in mehreren Bildern tatsächlich in den Lagerbaracken von Auschwitz gespielt wissen will, verlegt Regisseurin Gabriele Rech in die Möglichkeit der Wahrnehmung. Der Holocaust bricht durch die Vorstellung in die Normalität ein! Lisa, eine ehemalige Oberaufseherin aus Auschwitz, trifft während der Überfahrt auf einem Hochseeschiff auf die tot geglaubte KZ-Insassin Marta. Und personifiziert dringen ihre Erinnerungen in die Schiffslounge ein. In Gelsenkirchen ein Einheitsbühnenbild im 50er Jahre Ambiente: zwei hintereinander stehende aber gegeneinander verrutschte Rahmen-Perspektiven. Rechts die Bar mit Bedienung. Tische mit Stühlen. Hinten ein Podium mit Flügel für die Tanzband. Die Wohlstandsdame Lisa, die sich mit ihrem Diplomaten-Mann Walter im weißen Dinnerjacket wie wie auf einer zweiten Hochzeitsreise fühlt, sieht Marta. Marta sitzt an einem Tisch. Und während Walter um Lisa herum-swingt und galant um ein Tänzchen bittet, trifft ihr Blick auf Martas Blick. Ein ostentativer Ton hämmert aus dem Orchestergraben. Alles steht still und kehrt sich um. Ein ganz starker Moment an diesem Abend. Der noch viele starke Momente bereit hält. Der schwarze Vorhang schließt sich und Zahlen erscheinen. Die berüchtigten fünfstelligen Tätowierungsnummern werden auch über Lautsprecher durchgegeben. Vorhang hoch: und KZ-Insassinnen haben die Lounge übernommen. Sie werden drangsaliert von SS-Schergen. Lisas Mann blättert in einer Zeitung an der Bar. Er sieht und hört ja nicht, was Lisa sieht und hört. Marta beruhigt Neuankömmlinge. „Wie schmerzhaft ist es Mensch zu sein!“, singt eine Französin. „… in dieser Hölle!“ antwortet der Chor. Und immer wieder „die schwarze Todeswand…“ Es wird eine Kerze angezündet. Eine Russin hat im Kontor gestohlen und beschwört ihren Gott – auf russisch – und bittet, um einen Rest von Menschlichkeit. Die Frauenbaracken-Szene ist allerdings schon sehr lang. Und verlangt auch einiges dem Publikum ab. Der Nacken wird mit Blick auf die Übertitel etwas steif. In dem kammerspielartigen Psychogramm verzichtet Rech auf Szenenzauber, beziehungsweise Horror. Rech lässt die Menschen ganz natürlich spielen, agieren und singen, vermeidet aber allzu viel Menschelndes, das das Grauen verniedlichen könnte. Genial, wie Lisa plötzlich in ihre Vorstellung eindringt,mitmacht und sie real

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

werden lässt. Erst noch im Kleid, später in Uniform. Alles fließt, changiert und überlagert sich. So ist das mit Erinnerungen. Das gibt auch die Musik vor. Es gibt Collage-ähnliche Strecken, in denen sich verschieden tonale Schichten überlagern. Wie bei Charles Ives. Die swingig-jazzigen Passagen aus den 50er Jahren wechseln über in den Kirchenton, wenn Bronka betet. Der groteske Walzer nach der Pause ist Dmitri Schostakowitschs Jazz-Walzer abgelauscht. Schostakowitsch ist ein großer Förderer Weinbergs gewesen. Oder die innigen kammermusikalischen Streichquartettmomente, die Marta begleiten. Mindestens vier Mal bricht das Trommelfeuer der Pauken ein und setzt ein Ausrufungszeichen. Die Neue Philharmonie Westfahlen unter Valtteri Rauhalammi ist absolut präsent und wunderbar transparent. Wenn die Streicher in ihren eigenartig an Benjamin Brittens Oper Peter Grimes erinnernden aufsteigenden großen Terzenketten im unisono mal ein wenig auseinander geraten, klingt es wie beabsichtigt. Hanna Dora Sturludóttir als Lisa und Ilia Papandreou als Marta mit ihrem großen Monolog am Schluss und dem Appell, Nicht-zu-Vergeben, beziehungsweise Nicht-zu-Vergessen sind optisch wie stimmlich perfekte Antipoden. Kor-Jan Dusseljee als Walter scharwenzelt wunderbar leichtfüßig und im Tenor-Ton Dominanz-spielend herum. Dass Bariton Piotr Prochera als Häftling Tadeusz tatsächlich Bachs Chaconne auf der Bühne geigt, bevor er von den SS-Offizieren zusammen geschlagen wird, das wird man sicherlich nicht so schnell vergessen. Ein Lob an die Lagerfrauen und auch an den Chor in dieser in jeder Hinsicht lohnenden zweiten oder dritten szenischen Produktion in Deutschland. Natürlich war wie in Frankfurt auch Zofia Posmysz da, auf deren Hörspiel das Libretto dieser Oper zurück geht. Die hochbetagte inzwischen über 90jährige ist noch eine der wenigen Zeitzeuginnen, die die Hölle in Auschwitz erlebt haben. Diese Auschwitz-Oper sollte jeder gesehen haben. Das Musiktheater im Revier bietet auch ein Rahmenprogramm an.