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Mit Richard Wagners Tannhäuser eröffnet Köln die Opern Saison

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt. © Bernd Uhlig

Bild: David Pomeroy (Tannhäuser) und Dalia Schaechter (Venus), die auf die heilige Maria blickt.
© Bernd Uhlig

Das Pilgerlied, überhaupt, Melodien schwirren einem noch Tage später durch den Kopf. Wagners Tannhäuser ist voll davon. Mit so eindringlicher Intensität, vor allem im kammermusikalisch Leisen vom Gürzenich Orchester begleitet, dass die Musik zum nachhaltigen Ereignis wird!
Von Sabine Weber

(24. September 2017, Staatenhaus/ Oper Köln) „Dich, teure Halle, grüße ich wieder, … froh grüß’ ich dich, geliebter Raum. In dir erwachen seine Lieder und wecken mich aus düst’rem Traum …“ Das schmettert Elisabeth zu Anfang des zweiten Aufzugs in ihrer großen Arie. Angesichts der hinausgeschobenen Eröffnung der zu sanierenden Oper jetzt auf das 4. Quartal 2022, ein Gruß mit bitterem Beigeschmack. Diese Halle grüßen wir noch viele Jahre! Nach dieser Saisonpremiere! Bühnenbildner Darko Petrovic hat für diese Inszenierung allerdings eine fürs Orchester geniale Lösung im riesigen Saal 2 der Ausweichspielstätte im Staatenhaus gefunden. Ein rundum Bühnenboden öffnet in der Mitte eine Schlucht. In der sitzt das Orchester omnipräsent und meist hinter den Sängern, die nicht hinter dem Orchester singen müssen. Fast noch besser als Bayreuth! Denn die Musiker im Orchester und der unermüdlich die Arme schwingende Dirigent François-Xavier Roth sind optisch präsente Hauptakteure im Geschehen.
Und das sind sie absolut! Erst Tags zuvor hat das Gürzenich Orchester mit der französischen Erstaufführung des 2016 für Köln komponierten orchestralen Ring von Philippe Manoury das neue Musikfestival Musica in Strasbourg eröffnet. Und überzeugen am nächsten Abend mit Wagner-Klängen in Köln, die aufhorchen lassen. Die Streicher begleiten Vibrato-los wie ein Gambenconsort mit satt dunklem Timbre. Die Celli formen eine verzweifelt schöne Kantilene am Beginn des dritten Aufzugs, für die sie in der zweiten Pause auch extra noch einmal üben! Verdis Don Carlo haben sie an ihren Bögen. Und die Holzbläser erinnern daran, dass Mendelssohns Sommernachtstraum nicht spurlos an Wagners Ohren vorübergezogen ist. Auch Rossini grüßt mit einigen prickelnd hüpfenden Begleitfiguren. An diesem Abend ist zu hören, woher Wagner kommt. Aber auch, was er daraus ganz eigenständig zu entwickeln vermochte. Und das Blech ist Wagner! David Pomeroy als Tannhäuser setzt in den ersten beiden Aufzügen zwar etwas steif nur auf Lautstärke, legt im letzten Aufzug aber eine Herzergreifende Rom-Erzählung mit feinen und verzweifelten Nüancen hin, die alles vergessen macht. Kristiane Kaiser als verkaufte Braut Elisabeth kostet berückende Piano-Momente aus und jubelt, wie schon erwähnt, mit mächtigem Organ der Halle zu. Miljenko Turk, der bereits im letzten Kölner Tannhäuser den zwischen Freundschaft zu Tannhäuser alias Heinrich und geliebter Elisabeth hin und her gerissenen Eschenbach gegeben hat, breitet beglückend romantische Nachtstimmung mit seinem Abendsternlied aus. Ein weiterer Melodien-Ohrwurm, der nachwirkt. Karl-Heinz Lehner, als Landgraf, greift immer zur echten Zigarette und pafft und gebietet über seine allesamt in Smoking oder Frack steckende Männergesellschaft mit autoritär-dunklem Timbre. Auch Nebenrollen sind Entdeckungen. Die Bassstimme von Lucas Singer als Biterolf, und Tenor Dino Lüthy als Walther von der Vogelweide. Er ist Mitglied des Internationalen Opernstudios der Kölner Oper. Ebenso wie Maria Isabel Segarra, die mit schlanker Sopranstimme den jungen Hirten gibt. Irritierender Weise steckte der im Kleider-Outfit der Venus-Grotten-Verführerinnen. Schwarzes Kleid mit Mönchskapuze (Kostüme:Annina von Pfuel). Die Regie von Patrick Kinmonth setzt auf den Venus-Maria/ Hure-Heiligen Konflikt, und bleibt eindimensioniert. Venus, ganz in schwarz, soll wohl eine Domina sein, hat mit Dalia Schächter aber leider zuviel Mutti-Effekt. 5Und klingt in der Höhe überfordert schrill. Bereits in der Ouvertüre tanzen ihre schwarzen Liebesdienerinnen mit roter Perücke einen gestischen Tanz auf Stühlen vor liegenden Smokingmännern auf Tischen, die teilweise in ihre Laptops starren. Das bliebe ziemlich blutleer, wäre da nicht die Musik. Auch wenn Venus auf ihre Gegenspielerin in stummer Aktion trifft. Auf eine Maria-Figur im weißen „Gegenkostüm“ mit Himmelblau gefütterter Kapuze, die meist irgendwo steht. Alles stört irgendwann nicht mehr, denn die Musik ist der Hauptakteur.
Und wenn der Chor als Pilgerschar von hinter der Bühne, hinter der Podiumstribühne singt, oder auf der Bühne – ebenfalls im Smoking, allerdings mit Hut und Langstab mit Kreuzchen oben – sein Pilgerlied schmettert, pilgert jeder mit Wagner mit. Denn dieser Wagner klingt!

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Kunst oder Leben! Benvenuto Cellini von Hector Berlioz eröffnet am letzten Wochenende die diesjährige Spielzeit an der Kölner Oper. Und die Opernkunst hat in Köln eine neue Ausweichspielstätte. Das Staatenhaus!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire


„Kommt und applaudiert der neuen Oper!“ schmettert der Feierchor im Finale des ersten Aktes. Wie hätte dieses Zitat doch gut gepasst! Hätte die Premiere im fertig sanierten Opernhaus wie geplant stattfinden können. Und erst der von Berlioz beschworene Karneval als Gesellschaftszustand … Die Komödie wird in Köln aber mal wieder zur Tragödie. In Benvenuto Cellini enden die Ausschweifungen sogar mit der päpstlichen Drohung: „Kunst oder Leben“. Der Papst will von Goldschmied Benvenuto Cellini die Perseus-Statue. Die beiden Akte gehen gut aus. Die Kunst siegt. Trotz einiger Abstriche. Und das ist vor allem François-Xavier Roth zu verdanken. Benvenuto!
(Von Sabine Weber)

(Köln, 15.11.2015). Mit keiner anderen Oper hätte Generalmusikdirektor François-Xavier Roth seinen Kölner Operneinstand so anspielungsreich geben können. Das üppig instrumentierte Werk ist zudem Musikdramaturgisch einzigartig. Voller Aufregung, spielt mit Theater im Theater, mit Personenbezogenen leitmotivähnlichen idées fixes ist es durchzogen, wartet mit einem großen Sängerpersonal, mit Stadtbürgern, einer heiß umkämpften Bürgertochter, mit Rittern, Papst, Wirt und Karnevalsgesellschaft auf. Ein fulminanter Chor dominiert über weite Strecken, und zum Schluss streiken auch noch die Metallverarbeiter. Alles dreht sich um einen widerspenstigen genialischen Künstler, der eine künstlerische Heldentat vollbringen soll! „Kunst oder Leben!“ ist die Losung, die Hector Berlioz in seinem Opernerstling Benvenuto Cellini ausgibt. Leider ist Berlioz damals mit seiner Kunst an der Pariser Oper nicht angekommen. Er ist kein Benvenuto, kein Willkommen Geheißener geworden. François-Xavier Roth gibt in Köln gleich zu Beginn der Premiere dem „Kunst oder Leben“ eine unerwartete Deutung. Mit Intendantin Birgit Meyer stellt er sich vors Mikrofon, verurteilt die Terroranschläge in Paris und widmet den Opfern des Anschlages, was wohl, Kunst! Die Marseillaise in der Instrumentierung von Héctor Berlioz. Danach eine Schweigeminute! Bei einer Marseillaise kann Gott sei Dank keine falsche Rührung aufkommen. Aber die Botschaft sitzt. „Vive la liberté, la fraternité…“ Die Kunst sorgt für Zusammenhalt.

Und dann bricht dieser üppige Berlioz im Staatenhaus herein. Das Orchester sitzt tief hinten im Raum hinter schwarzer Gaze. Die Wucht der Berliozschen Partitur ist in Reihe 8 aber noch zu spüren. Zur Ouvertüre wird auf laufenden Spruchbändern die Vita Benvenuto Cellinis erzählt. „Der Mensch, der etwas Löbliches vollbracht hat, sollte seine Memoiren schreiben“, steht da zu lesen. Und Cellini steht auf dem Podium und schreibt. Umgeben von Fleischfarbenen Gestalten, die einzelne Episoden aus seinem Leben pantomimisch andeuten. Wie er zum Künstler wird. Zu einem Liebenden, der nur eine begehrt. Teresa. Die Liebe ist gegenseitig. Die Handlung beginnt mit einer Vater-Tochter-Auseinandersetzung. Und mit Requisitenaufbauten, die hörbar durch die Halle geschoben werden. Eine ballonartige mit weißen Kissen ausgestopfte Halbkugel ist Teresas Kammer. Herum gedreht bekommt sie die Konturen eines Halbkopfes. Rote Pappnase und Gesichter werden drauf projiziert. Riesige Schlauchkonstruktionen werden hinter den Kopf geschoben. Sie sehen wie Blutbahnen aus. Und zum Schluss wird er als ein Glühbirnenbesetzten Totenkopf hineingeschoben, der Revueartig aufleuchtet, wenn der Papst als goldener Popanz auf einem Gestell Ablass für die Sünden spendet und mit dem Tod drohend die Skulptur fordert. Grotesk überzeichnete Bilder liebt Carlos Padrissa. Damit spielt und jongliert seine Regie. Die Handlung begleitet er mit Spontantheater. Emotionale Tiefenschärfen interessieren in diesem Konzept nicht. Alles zielt auf Plakatives, auf komische Effekte, vor allem die spektakulär bewegte Masse. Die Luftakrobaten von La Fura dels Baus wirbeln Angsterregend durch die Luft im Geschirr an Seilen von Bühnenarbeitern gezogen. Und das geht mit der Wucht der Berliozschen Klänge durchaus zusammen. Beispielsweise in einer deftige Wirtshausszene. Aus Riesenschläuchen fließt der Wein und krabbeln die Fleischfarbenen. Der Männerchor gibt die florentinischen Saufkumpanen. In rotweiß gestreiften Kurzpumphöschen mit Kopfkappe rutschen sie eine Schräge hinunter. Eine Feiergesellschaft in niedlichen Quallenkostümen warten auf das Pantomimentheater. Dann gibt es einen Ophekleiden-Vortrag auf der Bühnen-Bühne. Sie verleiht einem der Pantonimen eine ungewöhnliche Stimme! Und rennt dem Orchester davon! Überdreht sind die Szenen mit Fieramosca, dem Gegenspieler Cellinis. Als Fechtmeister mit Fliege auf dem Brustpanzer – Mosca = Fliege – fuchtelt er mit dem Degen herum. Nach einem herzzerreißenden Liebesduett gibt es eine durchtrieben und witzig auskomponierte Trionummer mit den rivalisierenden Liebhabern und Teresa. Da wird auf Lücke und präzise genau gesungen. Gut gelingt das Umkippen des Komödiantischen ins Tragische am Ende des ersten Aktes. Das ist aber vor allem der genialen Musik Berlioz zuzuschreiben, die aus einem Komödiantischen Tonfall in Nullkommanix schwarzes Pathos hervorzaubert. Der Chor ist durch das ganze Stück hindurch eigentlich das Stimmungsbarometer. Permanent in die Handlung involviert, muss er nicht nur jubeln, sondern auch rasant schnell parlieren. Schnell hat man das merkwürdige Pärchen entlarvt, das vor der ersten Zuschauerreihe an einem Tisch sitzt. Die winkende Nonne mit schwarzem Kopfkapuze als Souffleuse und den älteren Mann mit schwarzer Mütze daneben als Chorleiter Andrew Ollivant, der lebenswichtige Einsätze gibt. Dirigent Roth ist ja hinter der schwarzen Gaze weit weg. Wie das alles funktioniert und zusammenspielt, ist das Wunder des Abends. Das Sängerpersonal überzeugt, auch wenn der Münchner Tenor Ferdinand von Bothmer als Cellini mit Nervosität kämpft und einige Male auf Schonhaltung setzt. Fein und leicht im Timbre Emily Hindrichs als Teresa, tollpatschig durchtrieben Vincent Le Texier. Als ihr Vater verfügt er über erstklassiges Französisch. Überzeugend die beiden Fechtbrüder, Nikolay Borchev und Wolfgang Stefan Schwaiger als Fieramosca und Pompeo. Das Husarenstück gelingt an diesem Abend Katrin Wundsam. In der Hosenrolle des Ascanio spielte und singt die Mezzosopranistin alle an die Wand. Mit ihrer „Alles ist langweilig“- Arie im Walzerrhythmus persifliert sie die Auseinandersetzung zwischen Cellini und Papst noch einmal. Eigentlich keine große Nummer. Aber mit Wundsam wird sie zu einem richtigen Bravurnummer! Das Staatenhaus als kleines Tollhaus feiert den Künstler und die Kunst. Und endlich den Beginn der Saison in Köln. Mit einem Krachen leuchten zwei Neonröhren auf. Die Staute ist entstanden. Das Kunstwerk vollendet. Die richtige Liebesverbindung geschmiedet. Und nächste Woche gibt es hier schon die nächste Premiere!

Neu-Zeit für das Gürzenich-Orchester und die klassische Musik in Köln!

Der Chef François-Xavier Roth in seiner neuen Residenz! Foto: Martina Govert

Der Chef François-Xavier Roth in seiner neuen Residenz! Foto: Martina Govert


Der neue Kölner GMD heißt François-Xavier Roth und verrät in einer Pressekonferenz, was er in der kommenden Konzertsaison vorhat!
Von Sabine Weber

(Köln, 22. April 2015) Die Kölner Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach lächelt. Und auch der geschäftsführende Direktor des Gürzenich-Orchesters Patrick Schmeing. Der Mann, der neben ihnen sitzt, ist ein Hautpgewinn! Nicht nur für das Orchester. Auch für Köln! Er wird als Generalmusikdirektor (GMD) ja auch die Oper in eine neue Ära führen. François-Xavier Roth springt auf! Bei ihm ist eine Menge Energie im Spiel! Für diese Pressekonferenz im Foyer der Kölner Philharmonie ist ihm vorsorglich ein Halsband-Mikrofon umgelegt worden. Und mit Charme spielt er sein mehr als französisch eingefärbtes Deutsch aus. „Danke schön, chère Süsann… Herzlich Willkommen, darf ich jetzt sagen! Ich bin sehr bewegt, die erste Arbeitszeit anzukündigen…“ Und schon wird er ernst. Zeichen will er setzen. An die Geschichte des Orchesters erinnern mit Werken, die es uraufgeführt hat. Und damit zeigen, dass er sich auf seine neue Wirkungsstätte einlassen will! Nicht nur Richard Strauss’ oft gespieltes Tonpoem Till Eulenspiegel, sondern auch Bartoks Der Wunderbare Mandarin als Suite will er zu Gehör bringen. Die Referenz an die Kölner Oper, wenn das Stück in der Adenauer-Ära auch einen handfesten Skandal entfesselt hat, hört die Crew um Opernintendantin Birgit Meier sicherlich gern. Das Opernteam ist bei diesem Auftritt anwesend und von François-Xavier Roth auch explizit begrüßt worden. Der neue Kölner-Franzose setzt auf diplomatische Zusammenarbeit! Und FXR – wie er sich in der neuen Jahresübersicht nennt – liebt es, in Konzerten Bekanntes mit radikal Neuem zu konfrontieren. Sein Statement im ersten Abokonzert gilt dem seiner Meinung nach wichtigsten noch lebenden Komponisten Pierre Boulez. Notation trifft auf die Kammersinfonie von Schönberg und Bruckners Romantische 4. Sinfonie. Orte in Köln will er musikalisch entdecken. Die Frage nach Kirche und Gott mittels drei so unterschiedlicher französischer Komponisten wie Messiaen, Poulenc und Faurés berühmten Requiem im Kölner Dom aufwerfen. Wo das “City live” Experiment stattfindet ist noch nicht ausgemacht. Das Orchester verschlankt sich dann zu einem Kammerorchester und trifft auf Laptop-, Synthesizer- und Computermusiker der Kölner Szene. Musikmachen darf für Roth nie etwas mit „!musealer Kunst“ zu tun haben (siehe Interview weiter unten). Aber Musik ins Museum will er schon bringen. Ein Konzert leitet er im Museum Ludwig im Rahmen einer Fernand Léger Ausstellung. Georges Antheils Ballet mécanique wird dann vom Orchester wahrscheinlich erstmals gespielt werden! Berlioz und seine Generation ist im Oktober in den Philharmoniekonzerten ein Aufmacher. Denn mit dessen Oper Benvenuto Cellini will François-Xavier Roth das fertig sanierte Opernhaus im November eröffnen. „Sprechen sie Cellini nur ja französisch ‘Sellini’ aus!“ Franzosen spielen eine wichtige programmatische Rolle in Roths erster Spielzeit. Da Vorgänger Markus Stenz eher anglophil ausgerichtet war, ist das ein guter Ausgleich. Populäres wie Ravels Ma mère l’oye und dessen Klavierkonzert in G-dur füllen ein Abokonzert. Aber auch ein neues Werk von Philippe Manoury hat er bestellt. Das hat sich Roth von seinem Landsmann für seine erste Spielzeit gewünscht. Ein Werk, das auf das spezielle Kölner Orchester und seinen besonderen Konzertsaal eingehen soll. Debüts junger Künstler und Dirigenten wird es beim Gürzenich-Orchester geben. Pianist Steven Osborne, Dirigent Louis Langrée gehören dazu. Aber auch unbekannte Namen wie Pablo González tauchen auf. Oder Jean-Fréderic Neuburger, ein junger französischer Dirigent und Komponist, der wie er ein eigenes Orchester für spezielle Projekte gegründet hat. „Ein Genie…„ ein Mozart dieser Zeit!“ schwärmt Roth. Das alles macht neugierig! Erster Gastdirigent James Gaffigan und Ehrendirigent Dmitri Kitaenko werden auch wieder vor dem Orchester stehen. Vermissen wird der ein oder andere vielleicht die CD nach dem Konzert zum Mitnehmen. An die Stelle des GO-Live-Projekts tritt ein neues Online-Projekt, so Patrick Schmeing, das Konzerte im Internet zur Verfügung stellen will. Eine digital concert hall? Man darf auch diesbezüglich gespannt sein!
Detaillierte Informationen unter www.guerzenich-orchester.de/konzerte/

François-Xavier Roth in Köln! Ein Gesprächsportrait

François-Xavier Roth wurde 1971 in Paris geboren. Sein Vater stammt aus dem Elsass und war Organist an St. Sulpice in Paris. Roth studiert Flöte, später auch Traversflöte und Dirigieren u.a bei Janos Fürst und Jorma Panula auf. Seine Aufmerksamkeit als Musiker und Dirigent gilt gleichermaßen der Neuen wie der Alten Musik. 2003 gründet er das auf historischen Instrumenten spielende Projektorchester Les Siècles. Seinen wichtigstens Dirigierposten bekommt er 2011 als Chefdirigent beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Ab September 2015 wird er als Gürzenichkapellmeister und GMD von Köln antreten. Sein erstes Konzert in Köln als bereits designierter neuer Kölner Chef hat er im letztes Jahr im Rahmen des Achtbrückenfestivals für Musik der Moderne in der Kölner Philharmonie geleitet. Am 11. Mai 2014 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mit Werken von Boulez, Ligeti und Debussy. Da gab es Gelegenheit zu einem Interview, in dem er einiges über seine Einstellung zu neuer und alter Musik und zu zukünftigen Plänen hier verraten hat. Und ein Bekenntnis abgelegt hat für das Gürzenich-Orchester, das er in der Rolle eines Kölner Schauspielers sieht, für die Kölner Oper und für das Kölner Achtbrückenfestival, das ja nächste Woche wieder seine Tore öffnet!
Interview v. 11. Mai 2014 mit Sabine Weber

François-Xavier Roth heißt der neue Kölner Generalmusikdirektor!

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Gestern hat er im historischen Rathaus unterschrieben, im Beisein vom Kölner Oberbürgermeister und der Beigeordneten für Kultur. Der Sohn des Organisten Daniel Roth an der Pariser Saint Sulpice, studierter Querflötist und hat seine Dirigentenkarriere als Assistent von John Eliot Gardiner begonnen. Seit 2011 ist er Chef beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden/ Freiburg und das noch bis 2016. Ab dem 1. September 2015 steht er auch am ersten Pult beim Kölner Gürzenichorchester. Außerdem wird er musikalischer Chef der Kölner Oper. François-Xavier Roth ist sowohl in der historischen Aufführungspraxis zuhause – mit dem von ihm selbst gegründeten Projektorchester Les Siècles, als auch in der Neuen Musik.
In Köln ist er auf dem Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik und Musik der Moderne ein alter Bekannter. Seit der ersten Ausgabe ist er mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden/ Freiburg dabei gewesen und hat in der diesjährigen Ausgabe das Abschlusskonzert am 11. Mai gestaltet. Das Konzert wird heute Abend ab 20.05 Uhr auf WDR3 ausgestrahlt und ist noch weitere 30 Tage im WDR3 Konzertplayer im Netz zuhören. In der Sendung kommt auch François-Xavier Roth ausgiebigst zu Wort!