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Rauf und runter vom Sockel! In Bonn erlebt die Komödie mit Musik „Marx in London“ eine umjubelte Uraufführung.

Karl Marx, Mark Morouse, arnt vor der Gefahr des Kapitals! Foto: Thilo Beu

Karl Marx, Mark Morouse, warnt vor der Gefahr des Kapitals! Foto: Thilo Beu

Das war nicht vorhersehbar: ein prall gefülltes burleskes Musiktheater über Karl Marx begeistert das Publikum! Obwohl die Komödie nach einem Libretto von Charles Hart vorrangig Details seines nicht unbescholtenen Privatlebens pointiert. Aber der britische Komponist Jonathan Dove öffnet eine eklektizistische Wundertüte an Musik, präsentiert die Charaktere durch wirkungsvolle Stimmpartien, die in Bonn vom eigenen Ensemble auch hervorragend besetzt sind. Und das Stück-Szenario von Jürgen R. Weber, der auch Regie geführt hat, verquirlt virtuos banale bis hysterische Situationen mit kommunistischen Ideologiephrasen. Marx geht rauf und runter vom Ikonensockel! (Von Sabine Weber)

(8. Dezember 2018, Oper Bonn) Das Bühnenbild besteht aus zusammengeschobenen Wandteilen. Die wiederum aus Kästen voller Holzfundstücke, die zu Theater Bonn: MARX IN LONDONAssemblagen zusammengefügt und mit einem einheitlich dunkelbraunen Farbanstrich überzogen sind. Da hat Bühnenbildner Hank Irwin Kittel original bei der US amerikanischen Bildhauerin Louise Nevelson abgekupfert! Die Setzkästen erinnern aber auch schlüssig an Maschinenteile, die im Zeitalter der Industrialisierung das Proletariat in die Arbeitslosigkeit gestürzt haben. Es wirkt muffig und dunkel wie in einem Maschinenkeller! Immer wieder bläst eine Wolke aus einem Wandteil. The great fog. Wir sind in London. Und 24 Stunden im Leben des Karl Marx dabei. Am 14. August 1871 spielt das Stück. Ein tollkühner Spion in einer rotlackierten fliegenden Kiste, Tenor David Fischer, spioniert dessen Leben von oben aus. Tippt und singt seine Meldungen. Und dann fährt er hinein. Ein Bühnengestell auf Rädern mit Eisentreppe und oberem Geschoss ist die Wohnung der Marx-Familie. Und von Anfang bis Ende steht Ensemble-Bass-Bariton Mark Morouse mit Rauschbart und Haarmähne im Bild. Wie man ihn kennt eben. Hier geht es ja nicht um hintersinnige Entdeckungen. Sondern um eine Revue, durch die der Star tanzt. Beziehungsweise: Marx spielt Schach mit seiner Haushälterin und versucht, sie anzumachen: „Helene! Helene!“ Er erlebt, wie seine Möbel gepfändet werden und besingt seinen finanziellen Ruin. Er läuft einer Tasche mit Tafelsilber hinterher, die er seiner Frau entwendet hat, um sie zu versetzen. Sie ist ihm geklaut worden. Er steht in einer Kneipe, erklärt den trinkenden Proletariern den Kommunismus, um dann in der British Library das medizinische Phänomen des Karbunkels zu recherchieren und den großen Traum der Befreiung des entrechteten Arbeiters zu träumen. Der beginnt ja ausgerechnet in Paris mit dem Aufstand der Kommune. Ein Alptraum, der den in dreckigen Arbeitskleidern steckenden Chor um seinen Schreibtisch versammelt. Freiheitsforderungen werden mit rote Fahnen unterstrichen.

Karl Marx warnt vor den Gefahren des Kapitals! Foto: Thilo Beu

Karl Marx warnt vor den Gefahren des Kapitals! Foto: Thilo Beu

Das Stück lebt aber auch von den anderen. Von seiner unter seinen Allüren leidenden Frau Jenny von Westphalen, die Yannick-Muriel Noah stimmgewaltig ins Bild bringt, vor allem in der Wahnsinnsszene im zweiten Akt. Von Friedrich Engels, seinem ideologischen Mitstreiter, der vor allem Schulden begleicht. Mit Zylinder im Doktor Doolittle-Look verkörpert von Johannes Mertes, zusammen mit Christian Georg als Freddy einer der beiden Tenöre des Abends. Freddy ist der uneheliche Sohn von Helene, der versucht, seine verheimlichte Herkunft zu erfahren. Anspielungsreich turnt er mit Tussy auf einem riesigen reingeschobenen Revolver. Spione, Mord und Revolver, Willkommen in der Stadt von Sherlock Holmes! Und Schuss oder „bring mir das Schießen bei!“ ist ja banal zweideutig. Marie Heeschen hat als jüngste Tochter Tussy vielleicht die dankbarste und lebendigste Partie, mit sage und schreibe einer Minimalmusic-Koloraturarie. Sie stemmt Spitzentöne und singt und spielt einfach hinreißend, ist der Star des Abends. Natürlich hat es mit den hervorragenden Sängern zu tun, dass der Abend am Rande des Banalen, was das Vorantreiben der Handlung und auch die Wiederholung von Handlungsmotiven angeht, packend im Fluss bleibt. Das hat auch mit der Wucht zu tun, die da unter Leitung von David Parry aus dem gefüllten Orchestergraben fährt. Das Beethoven Orchester Bonn hat sich mit Philip Glass’ „Echnaton“ in diesen Stil wohl eingegrovt. Und die Requisiteure, als Arbeiter verdreckt wie Kohleschipper, bringen die Räder der Bühnenwagen unentwegt ins Rollen. Revue, Musical oder Oper? So genau ist das nicht auszumachen. Jonathan Dove hat auf einem englischen Libretto bestanden, obwohl das Projekt in Deutschland gestartet wurde. Genau: in Chemnitz, der alten Karl-Marx-Stadt. Dort war der jetzige Bonner Intendant Bernhard Helmich nämlich vorher Chef. Zusammen mit Regisseur Jürgen Weber und Komponist Jonathan Dove ist die Projektidee weitergewandert und zum 200. Marx-Jubiläum 2018 in Bonn angekommen. Auch das passt, denn in Bonn hat Marx studiert, konnte sich dem Junghegelianer Bruno Bauer anschließen, war Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln, bis er Berufsverbot bekommt und nach London flieht. Das Bonner Happy-End von Jonathan Doves Musikkomödie gibt allerdings jeglichen Realismus auf. Nachdem die Londoner Polizei, wie sie bei Räuber Hotzenplotz auftreten würde, tatsächlich noch ins Bild kommt, Jenny ihr wiederaufgetauchtes Tafelsilber in der Hand hält, gibt sie ihrem Mann doch glatt einen Kuss zu den berühmten Holzbläserakkorden des Mendelssohn’schen Sommernachtstraum!
Theater Bonn: MARX IN LONDON
Ein Plastikbaum wird reingeschoben, mit Licht geht die Sonne auf der bis jetzt dunklen Bühne auf, und alle feiern die Erlösung des Proletariats in der Natur und im größten Kitsch! Was für eine Utopie: Karl Marx glücklich umringt – vom Starring seines Bühnenlebens. So etwas Hymnisches ans Ende zu setzen und dann noch gekonnt aus dem Hut zu zaubern können wohl nur Queen-bewährte Briten! Für den Abend gab es stehende Ovationen! Begeisterung in Bonn. Das hätte doch niemand für möglich gehalten. Eine Komödie über Karl-Marx funktioniert!

http://www.theater-bonn.de/oper/spielplan/monatsspielplan/event/marx-in-london

Sturmtief Penthesilea rast durch die Oper Bonn! Peter Konwitschny inszeniert Othmar Schoeck Frau gegen Mann

THEATER BONN: PENTHESILEA
Hinten oben spielt sich das Orchester locker. Ziemlich viel Gebläse. Kaum Streicher. Ein Streichquartett mittig links. Dafür ziemlich viele Kontrabässe ganz rechts. Immer wieder schlagen die heftig ihre Bögen mit dem Holz gegen die Instrumente. Als müsse etwas aufplatzen. Ein Orchesterinspizient protokolliert. Darunter das Podium. Mit zwei Flügeln – rechst und links, sonst nichts! Keine Requisiten. Kein Bühnenbild. Sieht nach einer Chorprobe aus. Hier soll Oper stattfinden? Dann geht das Licht aus…

(29.10.2017, dritte Vorstellung, Oper Bonn) Und es bricht herein. Das Beethoven Orchester unter Dirk Kaftan. Laut? Leise? Weiß ich nicht mehr. Nur, dass hinter uns ein Chor wie aus allen Lautsprechern aufdreht. Wir drehen uns irritiert herum. Nein, keine Lautsprecher. Die Chorleute sitzen im Publikum. Und ihr Röhren hört nicht mehr auf. „Ahh, ohh“, später „Penthesilea“. Kommentare der Verzweiflung. Aber dann: Verlachen, Anheizen, Wut, Abwinken. Stellen Sie sich das verlautet in Comic-Sprechblasen vor. Überall Chormeute, die sich einmischt. Die sitzt sogar oben und springt um die Bühne herum. Oder beobachtet mit Armen auf der Bühne das Geschehen als wärs in einem Boxring. Frau – Mann in einem Konflikt auf Augenhöhe! Sie haben gleich viel Kraft, sind Heldin und Held, Anführerin und Anführer. Und beide ineinander verliebt. Prima! Bloss, dass für die Liebe etwas aufgegeben werden müsste. Die Erinnerung, Tradition, Allmachtsfantasien..? Was auch immer. Das kann keine(r). Jede(r) will doch nur gewinnen und in jedem Moment! Aber so geht Liebe nicht! Der Mann-Held versucht es sogar mit einem „ich will mich doch unterwerfen“- Spielchen. Fordert einen Kampf, um zu verlieren und kommt deshalb ohne Waffen. Leider unterschätzt er die Instinkte einer „Kampf-Amazone“. Da dockt keine Domina-Unterwürfigkeit als Spielvorschlag an. Diese Frau ist nicht patriarchalisch domestiziert, missversteht das Angebot. Und zerfleischt den strahlenden Held mit langer blonder Mähne und Goldkettchen.
THEATER BONN: PENTHESILEA
Was immer Heinrich von Kleist uns mit diesem „Küsse und Bisse reimt sich“ sagen wollte – ein Spruch der Penthesilea zum Schluss, Liebe ist vor allem eine kulturelle Vereinbarung. Und löst interkulturell Konflikte aus, wenn Rollenmuster nicht erfüllt werden. In Bonn rast der Konflikt wie ein Orkan durch das Parkett zur Bühne und wieder zurück in den Zuschauerraum. Ziemlich viele Klarinetten blasen und zwei Klaviere spielen.
Die Pianistin und den Pianisten bezieht Regisseur Konwitschny als Konflikt-Stellvertreter auf der Bühne ein.

 Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu


Achilles, Christian Miedl, und Penthesilea, Dshamilja Kaiser, umringt von ihren Meuten Foto: Thilo Beu

Alles, was polarisieren kann tut es in dieser Inszenierung. Die Flügel werden auseinander, gegeneinander und ineinander zusammen geschoben oder dienen als Podest oder als Versteck. Schoecks Comicartige Klangwolken wehen immer wieder über die Bühne. Dissonante Cluster für Gefährdung, Nerven-aufreibende Klangbänder stehen für Angst und legen sich unter gesungenes oder melodramatisch gesprochenes Wort. Schoeck ist auch kitschig, nur für kurze Momente, in denen Liebesgefühle mal Raum bekommt. Ein Liebesduett liefert Schoeck auf Anraten eines Freundes dann aber doch nach. Gemetzel lässt Schoeck wie bei Kleist auch angelegt, aus der Reportagehaltung vermitteln. Konwitschny lässt keinen dieser musikalischen Aspekte ungenutzt. Manchmal ist es die überbordende Musik, dann ein Sprachausdruck, der lächerlich kommt. Und schonungslos deckt er auch unfreiwillige Komik in diesem Clash auf. Achilles, Bariton Christian Miedl, kommt als gockeliger Thomas Gottschalk-Verschnitt daher, der meint, wenn die Hose fällt liegt ihm auch die weibliche Welt zu Füßen… Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser geht als im Zweikampf verletzte Penthesilea an den Start und agiert fast von Anfang an am Rande des Wahnsinns nur im Unterrock. Smoking bei den Herren, schwarzes Irgendwas bei den Frauen. Nichts außer der menschlichen Auseinandersetzung zählt in dieser Oper. Und die krakeelenden Chorleute hält man wirklich für Publikum, das nicht an sich halten kann. Genial hat Schoeck sein Libretto auf den Punkt fokussiert und mit Musik dramatisiert. Das komprimierte Kleist-Trauerspiel in einem Akt, soll laut Selbstaussage auch „vorüberrauschen… wie ein Sturmwind.“ Dafür liefert Schoeck mit seiner Partitur die beste Vorlage. Und das setzen alle Beteiligten, Solisten, Chor, Orchester um! Atemlose eindreiviertel Stunde Tumult reißen alle mit. Ein Beweis, dass sich die Wiederentdeckung des Komponisten Othmar Schoeck in Bonn absolut gelohnt hat. 60 Jahre ist er nun tot.