Schlagwort-Archiv: Sabine Weber

Ein Prachtweib mit scharfer Zunge und ein bisschen proletarisch! Katrin Wundsam als Lola Blau in Köln!

Pianist/Leo (Rainer Mühlbach), Lola Blau (Katrin Wundsam) Foto: Paul Leclaire

Pianist/Leo (Rainer Mühlbach), Lola Blau (Katrin Wundsam) Foto: Paul Leclaire


(Sabine Weber, Köln 10.4.2015) Ihr erstes Theaterengagement soll sie in Linz bekommen. Erzählt Lola Blau. Und das ist natürlich auf die österreichische Mezzosopranistin Katrin Wundsam gemünzt. Die Hauptdarstellerin des Abends. Zwischen Passau und Linz auf dem Land geboren und man könnte fast sagen durch Zufall auf die Opernbühne geraten – siehe das Interview unten – hat die Wundsam tatsächlich in Linz ihre ersten Engagements bekommen. Die ganze Revue an diesem Abend ist ihr auf den Leib geschneidert. Und natürlich auch dem Pianisten und künstlerischen Leiter Rainer Mühlbach. So kommt der Korrepetitor als Leo aus dem off-Stage der Kölner Bühnen auch mal ins Rampenlicht. Zu recht! Beide nützen die Chance in vollen Zügen aus. Auch wenn es eine kleine Bühne ist, im „rot plüschig“ eingerichteten Varieté des Kölner Opernfoyers. Das reicht der Wundsam, um ihren ganzen Charme auszuleben, im Marlene Dietrich Hosenlook vor oder im schwarzen Glitzermieder und schwarzem Feinstrumpf auf dem Flügel. Die Songs von Georg Kreisler füllt sie aus als fesche Lola, die Männer durchschaut (Die Wahrheit können sie nicht vertragen). Dann tut sie wieder ganz „liab“, bejubelt das Bühnenleben (Im Theater ist was los!) oder verflucht das sexsüchtige easy-going Schauhaus in den USA (Der Herr ist mir fremd), nachdem sie ihr Sternchendasein in vollen Zügen genossen hat (Sex is a wonderful habit). Das Ganze endet in einer Depression (Im Theater ist nichts los). Denn um Glanz und Elend einer Sängerin geht es und ihre Abhängigkeit von Engagements, von Rollen und disponierenden Theaterdirektoren! Den wienerischen Schmäh bedient die Wundsam ebenso überzeugend wie sie eine Lotte Lenya mit Zigarette im Mundwinkel mimt oder eine Ungarin mit Gulasch im Blut. Freilich fragt man sich irgendwann schon, worin der Mehrwert dieser Unterhaltung jenseits der Unterhaltung liegen könnte. Na klar ist das noch aktuell, hat sich das Bühnenleben trotz Gewerkschaftsjahrhundert nicht wirklich verbessert, leben freiberufliche Künstler oder junge Sänger im Ensemble – wie die Wundsam – mit Zweijahresverträgen immer auf dem Sprungbrett. Aber der Witz eines Georg Kreislers ist doch irgendwie antiquitiertes Kabarett. Es kommt auch nicht wirklich eine politische Note herein. Obowohl die Revue die Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs streift. Aber der Abend funktioniert, weil die Wundsam ihre Revue-Mission mit großem weiblichen Charme bis in die letzte Pore glaubhaft verkörpert und das auf Tuchfühlung zum Publikum. Die beste Vorwerbung für ihr Carmen-Debüt am 23. Mai! Die Lola Blau Abende sind alle ausverkauft! Es passen auch nur geschätzte 200 Besucher ins Varieté!

Seit 2009/10 ist Katrin Wundsam Mitglied im Kölner Opernensemble. 2012 ist sie mit dem Preis der Opernfreunde ausgezeichnet worden. Und im letzten Silvesterkonzert mit dem WDR Sinfonieorchester ist Katrin Wundsam als Solistin engagiert worden. Für Luciano Berios Folk Songs. Und auch da konnte sie ihr schauspielerisches Talent voll einbringen. In diesen 11 Folksongs des Zyklusses von 1964 verlangt Berio nicht nur verschiedene Sprachen, sondern auch italienische und französische Dialekte. Ich hatte die Gelegenheit, vor dem Konzert mit Katrin Wundsam zu sprechen, war auch neugierig darauf, etwas über ihren doch ziemlich ungewöhnlichen Werdegang zu erfahren.
Aber zu aller erst wollte ich wissen, wie sie mit den Dialekten umgegangen ist?

Die Amazonen kämpfen im königlichen Brüsseler Opernhaus. Die Oper Penthesilea nach Heinrich von Kleist von Pascal Dusapin ist dort uraufgeführt worden!

Georg Nigl (Achilles) und Penthesilea (Natascha Petrinskiy. Foto: La Monnaie/ De Munt

Georg Nigl (Achilles) und Penthesilea (Natascha Petrinskiy). Foto: La Monnaie/ De Munt


(Sabine Weber, Brüssel 31.3.2015) Einsame Harfenklänge stehen am Anfang. Töne eines Wiegenliedes. Dazu ein dunkler drohender Unterton. Auf der leeren Bühne liegen Gestalten. Sie erwachen wie aus einer Ohnmacht. Das ist ein Schlachtfeld! Weil die Amazonenkönigin Penthesilea nach dem Gesetz ihres Volkes nur lieben darf, wen sie auf dem Schlachtfeld besiegt hat und Achill ein Macho ist, gibt es diesen Krieg! Es kommt dennoch zu einer ‘normalen’ Liebesszene. Denn Achill spielt der nach einem Zweikampf aus der Ohnmacht erwachenden Penthesilea vor, er sei besiegt worden. Als der Betrug auffliegt, dreht Penthesilea durch. Aus ihrem System kommt sie nicht raus. Das versteht wiederum Achill nicht. Er nähert sich der Liebsten waffenlos, um sich endgültig zu ergeben. Sie zerfleischt ihn!

„Diese Geschichte ist der blanke Horror!“ So der Komponist Pascal Dusapin. Über 30Jahre hat ihn das Penthesilea-Drama verfolgt. Seit ihn ein Musikwissenschaftler gefragt hat, ob er nicht über diesen Stoff komponieren wolle. Damals war er 24 Jahre alt. Jetzt hat Duspin die Klänge gefunden. Erstaunlich durchhörbare und transparente Klänge. Vielschichtige Flächen bauen sich auf oder ab. Meist zentriert um pulsierende Töne. Sie rufen durchaus das innere Grauen hervor, teilweise von heftigen Akzenten durchsetzt. Auch elektronische Klänge wabern über Lautsprecher durch den Zuschauerraum. Und als exotische Klangnote hämmert ein orientalisches Hackbrett mit.

Kein Deutscher hat es bisher gewagt, sich an Kleists Literatur-Monument zu wagen. Vielleicht auch, weil Kleist mit einer griechischen Sage statt an Vernunft und Humanität zu appellieren, Hysterie und Wahnsinn entfesselt. Er lässt viel Blut fließen. Die erzählten Kampfszenen sind enorm brutal. Dusapin hat sie aus dem Libretto seiner Oper gestrichen. Der Konflikt ist auf die Liebe der beiden Hauptfiguren und ihrer Gefährten konzentriert. Prothoë, Penthesileas Waffengefährtin, hat allerdings eine gewichtigere Rolle als Odysseus. Im Unterschied zu Othmar Schoecks Penthesilea von 1927, die nur originalen Kleist verwendet, hat Dusapin die Sprache von Beate Haeckl modernisieren lassen. Da wirken beim Lesen Wörter wie “Stahlgewitter” oder “Weichei” irritierend. Auf der Bühne allerdings gehen sie im Klang auf.

Für Dusapin ist Kleists Penthesilea auch nicht nur eine antike Geschichte. „Das ist eine moderne Geschichte! Das ist das Libyen von heute, bezogen auf die Massaker. Es geht um die Frage der Liebe und einzwängender Traditionen und Gesetze“. (siehe Interview weiter unten.)
Das sind wiederkehrende existentielle Themen, die Menschen zutiefst verletzen können! Menschliche Verletzungen sind das Thema der belgischen Künstlerin Berlinde de Bruyckere. Auf der Biennale in Venedig hat sie mit der Installation „Krüppelholz“ für Furore gesorgt. Und es ist ein Coup, sie als Bühnenbildnerin für diese Produktion gewonnen zu haben. Immer experimentiert sie mit natürlichen Materialien. In Venedig mit knorrigem Ulmenholz. Jetzt mit Tierhäuten. Sie senken sich von oben wie Leichen an Stangen. Oder liegen wie Kadaver geschichtet auf der Bühne. Gefunden hat Berlinde de Bruyckere die Felle in einer Gerberei in Anderlecht. Und die Fotografin Mirjam Devrient hat noch einige eindrückliche Fotos von dort fürs Bühnenbild beigesteuert. Gerber mit Messer in der Hand. Tropfen, die wie Tränen von den letzten Tierhaaren fallen. Das korrespondiert mit Grausamkeit und Schmerzen. Menschen ihres Schutzes beraubt sind wie gehäutet! Sie werden zu Bestien …

Wie große Raubkatzen bewegen sich die Amazonen. Das hat durchaus auch eine erotische Note hat. Im Verlauf der 90 Minuten wird man allerdings mit der Geschichte nicht warm. Das liegt zum Teil an der mit viel „slow motion“ auf Beziehungslosigkeit setzende Personenregie von Pierre Audi. Wenn Achill die bewusstlose Penthesilea im Arm halten sollte, läuft er herum. Bei einem angedeuteten Orgasmus-Schrei stehen Achill und Penthesilea teilnahmslos hintereinander … Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Dialoge im dem handlungsarmen Libretto nicht ausreichen, um die Entwicklungen der Personen nachvollziehbar zu machen. Und bei allen Vorbehalten gegen Voyeurismus, der dramatische Tod des Achill, der Höhepunkt, ist sekundenkurz! Das ist zu wenig für die Katastrophe!
Der Abend ist dennoch ein Erfolg. Daran haben die Solisten großen Anteil. Die Mezzosopranistin Natascha Petrinsky als traumatisierte Penthesilea wartet mit einem warmen dennoch dramatischem Timbre auf. Die Koloratursopranistin Marisol Montalvo als ihre agile Gefährtin Prothoe bewältigt zerklüftete Gesangslinien in müheloser Höhe. Der etwas holzschnittartige fast karikaturhafte Macho-Achill von Georg Nigl ist gewollt. Für den Bariton ist diese Partie bereits die vierte, die Dusapin ihm widmet. Und Dusapin ist ein Komponist, der die Sänger gut bedient. Das Orchester und der Chor der La Monnaie-Oper klingen unter dem Neue Musik-Spezialisten Franck Ollu überzeugt.
Aber Penthesilea bleibt – auch mit dieser Oper – ein entsetzlicher Stoff!

Der Komponist Pascal Dusapin

Pascal Dusapin Foto: Brüssel De Munt

Pascal Dusapin Foto: Brüssel De Munt

„Varèse, Xenakis und der Jazz hätten die elementaren Kräfte in seiner Musik in Bewegung gebracht.“ So erklärt der Musikwissenschaftler Harry Halbreich das Phänomen Dusapin. Keiner Schule lässt er sich zuschreiben. Aber der 1955 in Nancy geborene Komponist ist derzeit erfolgreich. Nicht nur in Frankreich. Fast alle seine Werke kommen auch in Deutschland an. 2002 hat das Beethovenfest sein Klavierkonzert A quia uraufgeführt. Seine Oper Faustus, nicht nach Goethe, sondern nach dem Shakespearezeitgenossen Christopher Marlowe, ist 2006 an der Staatsoper unter den Linden uraufgeführt worden. Dusapins Opernballett Passion über die von der antiken Unterwelt verschluckte Eurydike hat die Berliner Choregraphin Sascha Waltz für ihr Ensemble und Aufführungen in Paris und Lille 2012 choreographiert und inszeniert. Dusapins Medea nach Heiner Müllers Medeamaterial hat das Vocalconsort Berlin im Repertoire. Uraufgeführt wurde das Werk 1992 an der Brüsseler Oper. Am 31. März wird in der belgischen Metropole eine weitere Dusapin-Oper aus der Taufe gehoben. Dusapin hat sich an Heinrich von Kleists Tragödie Penthesilea gewagt. Vor der Deutschlandpremiere von Dusapins Oper Perelà, uomo di fumo am 16. Januar dieses Jahres konnte ich mit ihm ein Gespräch führen. Da ging es natürlich um die ungewöhnliche literarische Vorlage von Perelà, um literarische Vorlagen überhaupt und natürlich auch um Penthesilea, für die bereits am Bühnenbild in Brüssel gearbeitet wurde.
Von Sabine Weber

Bilder und ihr Schicksal – vertont und vertanzt! Am MIR in Gelsenkirchen feiert die Ballettoper Charlotte Salomon ihre Uraufführung

Kusha Alexi als Charlotte

Kusha Alexi als Charlotte. Foto: Costin Radu

Ein Kunstkosmos kann rätselhaft sein. Das ist Charlotte Salomons biografischer Text- und Bilderzyklus „Leben? oder Theater?“ mit dem Untertitel „Ein Singespiel“. Er ist autobiografisch. Dennoch in seinem ästhetischen Ausdrucksgehalt weit über ein persönliches Schicksal hinausweisend. Die ausdrucksstarken 769 Gouachen sind in weniger als zwei Jahren von einer erst 23jährigen jüdischen Berlinerin im südfranzösischen Exil abgeschlossen worden. Sie sind comicartig mit Kommentaren und Erklärungen versehen. Zahlreiche Musikverweise gibt es außerdem. Musikwerke, die Charlotte Salomon gehört hat als sie ein Bild gemalt hat oder in einem bestimmten in den Bildern dokumentierten Lebensmoment. Alle in dem Bildzyklus vorkommende Personen tragen Künstlernamen. Charlotte Salomon hat sie auf einem Theaterzettel mit gemaltem Schriftzug vorangestellt. Dieser Stoff gehört auf die Bühne! Fand Komponist Marc-André Dalbavie und hat letztes Jahr seine Charlotte Salomon-Oper bei den Salzburger Festspielen herausgebracht. Die Gefahren einer musikalischen Umsetzung liegen auf der Hand. Die vielen konkreten Musikverweise lösen eine Zitationsverpflichtung aus. So auch in der aktuellen Vertonung zu der Ballettoper „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ am Musiktheater im Revier. Aber der Tanz profitiert von den suitenhaften Versatzstücken der USamerikanischen Theater- und Filmkomponistin Michelle DiBucci.
Von Sabine Weber

(Gelsenkirchen, 14.02.2015) Ein Bild mit schwarz blauen Wellen ist auf einen riesigen Staffeleirahmen gespannt. Und füllt den Bühnerahmen komplett aus. Davor eine Rampe bis in die ersten Reihen des Zuschauerraums. Dort liegt Charlotte in einem himmelblauen Kleid. Mit ihren Händen und ihrem Körper sucht sie etwas, greift nach etwas. Sie erwacht. Plötzlich ändert sich das Bild im Riesenrahmen. Es löst sich in Farbschlieren auf, die wie von Blut durchzogen sind. Charlotte springt auf, zerreißt wütend das Bild und dringt in ihre Vergangenheit ein.
Jetzt beginnt auf der Bühne Charlottes Kampf mit dem Tod! Und nicht etwa, weil sie gegen ihr jüdisches Schicksal aufbegehrt. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Tante – alle Frauen in der Familie haben Selbstmord begangen. Immer auf die gleiche Weise. Das erfährt sie erst im südfranzösischen Exil. Sie sind aus dem Fenster gesprungen. „Entweder ich bringe mich um oder ich mache etwas ganz Verrücktes. Ich male mein Leben“. Und sie malt. Malt sich frei! Auf eines ihrer Bilder schreibt Charlotte mit dickem Pinselstrich. „Den Tod und das Mädchen will ich auch haben!“
Dieser Kommentar liefert Michelle DiBucci die Idee zum Titel ihrer Ballettoper. Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich die Komponistin mit Charlottes Bildwerk. 1990 ist ihr Charlottes Oeuvre in Buchform in die Hände gefallen. Ein symbolistisch durchdrungenes Werk, dessen Bilder und Texte erst zu verstehen seien, wenn die angegebene Musik dazu hörbar würde. Eine Oper will Michelle DiBucci komponieren. Und findet auch eine Produzentin. Die designierte Ruhrtriennale-Intendantin Marie Zimmermann will diese Oper als zentrales Werk ihrer 2007 beginnenden Spielzeit präsentieren. Doch kurz vorher begeht sie tragischer Weise Selbstmord. Eine Aufführung zerschlägt sich. Ein Mann im Hintergrund dieser Planungen behält das Projekt aber im Auge. Zimmermanns Musikdirektor Aytan Pessen macht eine gute Freundin namens Bridget Breiner auf Charlottes Bilderkosmos und die Komponistin aufmerksam. Und die Ballettchefin vom Revier mailt Michelle DiBucci und bittet sie, eine Ballettoper zu komponieren. Sänger sind eine Bedingung, die Michelle DiBucci stellt. Es gibt eine Sopranpartie. Charlottes geliebte Schwiegermutter ist Opernsängerin gewesen und mit berühmten Arien in Charlottes Bildwelt verewigt. Da reizt es, ihr einen großen Auftritt mit der Habanera aus Carmen zu geben. Ein Männerquintett tönt wie ein Madrigalconsort oder die Comedian Harmonists zumeist aus dem Orchestergraben, hat aber auch szenische Einsätze. Musikalisch habe sie aus Charlotte keinen sentimentalen Charakter machen wollen. So Michelle DiBucci. Sattem Streicherklang zieht sie elektronische Soundsamples vom Keyboard vor. Außerdem gibt es viel Perkussion, Blasinstrumente und immerhin drei Streicher, Violine, Violoncello und Bass. Die sorgen dann auch für ausreichend gefühligen Schmelz. Mit Stilen und Zitaten jongliert die an der Juilliard School Tonsatz lehrende Komponistin revueartig. Das Akkordeon wird für eine großen Liebesszenen-Tango gebraucht. Denn in Charlottes Bilderwelt spielt ein Mann mit schwarzer Brille eine große Rolle. Charlotte nennt ihn Daberlohn. Im wahren Leben Charlottes heißt er Alfred Wolfsohn, ist der Gesangspädagoge der Schwiegermutter, hat aber die junge Malerin künstlerisch bestärkt und sie mit Fantastereien angeregt.

Daberlohn und Paulinka Klimbim (die Schwiegermutter)

Daberlohn und Paulinka Klimbim (die Schwiegermutter). Foto: Costin Radu


In ihren Bildern stilisiert sie ihn zum Geliebten. Seine Ideen als Schriftzüge finden sich in vielen Bildern. DiBucci verarbeitet sie in Musikcollagen, die über Lautsprecher kommen.
Die Szenenfolge hat die Choreografin Bridget Breiner aus den Bildern abgeleitet. Elemente aus dem Hintergrund oder Vordergrund werden auf drei Leinwände im Bühnenhintergrund projiziert. Viele Bilder sind in Tanz umgesetzt worden. Manchmal verschwindet eine Figur aus dem Bild und taucht auf der Bühne auf! Ein Bild mit dem manisch wiederholten orangefarbenen Kopf von Daberlohn gerät mit acht tanzenden Männern in Bewegung. Sie jonglieren mit Bällen wie mit Köpfe zu einer Minimalmusic-Collage. Zum 30. Januar 1933 malt Charlotte eines der seltenen tagesaktuellen Bilder mit aufmarschierenden Soldaten unter der Hakenkreuzfahne. Die Schrecken der sogenannten Reichskristallnacht macht ein vor Angst erstarrtes Ensemble und Glasharfenmusik fühlbar. Das sind die einzigen dezenten politischen Aussagen des Abends. Choreografin Bridget Breiner hat die Künstlerin nicht als Opfer sehen wollen. Charlotte habe sie Leben, nicht den Tod geben wollen. Man sei außerdem vom Werk ausgegangen, so die Ballettchefin. In den 769 Bilder gibt es außerdem gerade mal 20 Bilder, die mit Nationalsozialismus zu tun haben.
Pas de Deux mit dem Tod

Pas de Deux mit dem Tod Foto: Costin Radu


Doch der Tod holt sie am Ende – in einem bewegenden Pas de Deux. Davor hat ihr Solotänzerin Kusha Alexi fast 2 Stunden lang ein Bühnenleben gegeben! Das Ballettcorps hat in beglückendem Zusammenspiel und hervorragenden Solisten ihre Bilder bewegt. Michelle DiBucci liefert trotz ihrer vielen stilistischen Versatzstücke einen spannenden Musikverlauf, der auch dem Humor, der Komik und dem Freudigen in Charlottes Werk eine Entsprechung schafft. Vielleicht wird der Verfremdungseffekt manchmal überstrapaziert. Anerkennung verdient, wie das Theater im Revier mit dieser Uraufführung das Werk einer vergessenen Künstlerin in Erinnerung ruft. Im Foyer stellt darüber hinaus eine virtuelle Schau zentrale Bildwerke vor. Es kommen auch Zeitzeugen in Interviews zu Wort. Unter anderem Charlottes Eltern. Sie haben den Holocaust nämlich überlebt. Das Tragischste an Charlottes Geschichte ist, dass sie das Familientrauma überwunden hat, aber dennoch viel zu früh sterben musste. In Nizza wird sie 1943 denunziert und nach Auschwitz transportiert.

Schwule Cowboys auf der Opernbühne in Aachen!

 Jack Twist (Mark Omvlee) beobachtet Ennis del Mar (Christian Tschelebiew) im "Zelt". Foto: Wil van Iersel Jack Twist (Mark Omvlee) beobachtet Ennis del Mar (Christian Tschelebiew) im “Zelt”. Foto: Wil van Iersel

Charles Wuorinen hat die Erfolgsstory Brokeback Mountain vertont. In Aachen wurde am Wochenende die deutsche Erstaufführung gefeiert!
Von Sabine Weber

(Theater Aachen, 07.12.2014) „Ich bin so normal wie andere auch“ schleudert Jack seinem Gegenüber Ennis ins Gesicht. Über 20 Jahre, von 1963 bis 83 zieht sich das Drama der beiden Cowboys hin. Der Brokeback Montain – nomen est omen – bricht ihnen das Genick. Kennen und lieben gelernt haben sie sich auf diesem Berg. Zurückgekehrt in die kleinstädtische Zivilisation von Wyoming im mittleren Westen scheitert diese versteckt gehaltene Liebe an gesellschaftlichen Normen. An fehlenden Freiräumen, zuletzt an ihnen selbst, weil der Mut fehlt, über den Schatten zu springen und das Wagnis einer gemeinsamen Zukunft einzugehen. Der Berg ist bis zuletzt omnipräsent. Als Wunsch, als Erinnerung, als Bedrohung prunkt er auf einem Gerüst der von Wellblech- und Lattenelementen eingezäunten Einheitsbühne in Aachen (Bühne: Christin Vahl). Das weiße Bergmodell wird mit fortlaufender Handlung eingefriedet. Ein spießiges Häuschen lehnt seine Giebel an und baut seine Fassade um ihn. Ein treffendes Bild für die Möchtegern-Normalität, die aber Schein bleibt. Die Ehen der ehemaligen Cowboys scheitern. Als Ennis zum Schluss von Jacks Tod erfährt, gesteht er sich in einem großen Monolog das Ausmaß seiner verzweifelten Liebe ein. Im Dachgeschoss auf dem Modellberg liegend. Menschen, die ihre Liebe nicht leben können, zu Außenseitern abgestempelt werden und an unerfüllter Liebe zerbrechen, das ist wirklich richtig guter Opernstoff! Annie Proulx, Autorin der Kurzgeschichte, die auch die Vorlage für den 2006 mit drei Oscars ausgezeichneten Film von Ang Lee geliefert hat, war sofort bereit, das Opernlibretto zu verfassen. Die Uraufführung hat im Januar dieses Jahres in Madrid stattgefunden. Der renommierte USamerikanische Komponist Charles Wuorinen hat die zwei Akte mit gewaltigen und scharf konturierten Klängen ausgestattet, die unentwegt im wahrsten Sinne die Last des Berges spürbar machen. Der Mythos vom Cowboy im Wilden Westen, der doch für die Freiheit steht, verendet buchstäblich in der Enge. Die Musik ist ein einziger Schrei und ein um sich schlagen mit bedrohlichen Klangmassen, die von harten Staccati abgewechselt werden. Nur selten und kurz gibt es lyrische Lichtblicke. Gott sei Dank keine Sentimentalitäten, Aufweichungen und Endlösungsverklärungen. Und keine Filmmusik! Wuorinen gibt bis zuletzt nicht nach. Die wie im Film erzählte Operngeschichte packt auch ohne einen depressiven Heath Leader im Bild. Der in Stuttgart ausgebildete Bassist Christian Tschelebiew als trotziger Ennis de Mar und der holländische Tenor Mark Omvlee als Jack Twist bewältigen ihre großen Partien überzeugend und spielen in der Regie von Ludger Engels um ihr Leben. Im ersten Akt ist ihre Gestik manchmal etwas maniriert. Das ist vielleicht der für einsilbige Cowboys erstaunlichen Wortflut geschuldet. Wenn es Längen im Stück gibt, dann, weil erstaunlich viel Text sängerisch verarbeitet werden muss. Es kommt einem trotz der vielen instrumentalen Zwischenspiele jedenfalls so vor. Im Film bleiben die Helden ja eher wortkarg. Die Andeutungen aus den gezeigten Blickwinkeln der beiden Protagonisten aufeinander sprechen dafür Bände. Und auch die Kurzgeschichte arbeitet mit Aussparungen, die Assoziationen Freiraum gibt. An diesem Abend ist es die Musik, die in der Verweigerung auf gefühliger Register dem harten Drama von vorne herein seinen Ton verleiht. Ein bisschen überflüssig vielleicht die neu erfundene Brautkleidkaufszene von Alma mit Mutter und Verkäuferin. Aber auch sie finden als Gescheiterte ihrer Lebensträume hier Beachtung. Zu erwähnen sind die hervorragend aus dem Aachener Ensemble besetzten Rollen, Alma und Lureen, die Cowboy-Frauen, mit Antonia Bourvé und Polina Artsis, die Mutter von Jack, mit Ceri Williams. Das Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Kazem Abdullah, der wohl durch seine USA-Kontakte die Erstaufführung nach Aachen geholt hat, lässt nichts zu wünschen übrig. Auch der Opernchor hat noch einen kurzen Auftritt zum Schluss. Er gibt der sich dieser männlichen Liebe verweigernden Gesellschaft Gesichter und Stimmen. Der american dream of freedom ist hier chancenlos. Das ist sicherlich noch heute in ländlichen Regionen des weiten Landes Realität. Das macht nachdenklich. Ein zu recht bejubelter Abend!

Weitere Vorstellungen: 12./21./27.Dezember 2014; 04./11./14./22.Januar 2015

Atemberaubendes Pianissimo und großartige Spannungsbögen!

Die Wiener Symphoniker

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses Foto Lukas Beck

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses, Foto: Lukas Beck

starten unter ihrem neuen Chefdirigenten Philippe Jordan in ihre erste gemeinsame Tournee mit Franz Schuberts Unvollendeter, Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier und Trompete und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7
Von Sabine Weber

Der neue Musikdirektor Foto: Johannes Ifkovits

Der neue Musikdirektor, Foto: Johannes Ifkovits

(Kölner Philharmonie, 24.11.2014) Auf der Domplatte über der Kölner Philharmonie lockt der gerade eröffnete Weihnachtsmarkt. An diesem Montagabend strömt davon unbeirrt das Kölner Publikum in sein Konzert. Warum er dieses Konzert ausgewählt hat, kann mir mein lächelnder Nachbar in Anzug, Krawatte mit Gattin unmittelbar vor Konzertbeginn allerdings nicht erklären. Spannende Programme, klingende Orchesternamen und namhafte Dirigenten werden in der Kölner Philharmonie wohl einfach vorausgesetzt! Wobei Franz Schuberts Unvollendete und Ludwig van Beethovens Siebte hier in diesem Jahr bereits gelaufen sind. Auch Schostakowitschs kurioses Konzert für Klavier mit Trompetenbegleitung in der tragischsten aller Tonarten c-moll. Das Auditorium füllende Publikum wird an diesem Abend dennoch überrascht. Schon der Anfang: das Mysterium der tiefen Celli und Kontrabässe am Anfang der Unvollendeten setzt wie aus dem Nichts ein. Zur ersten Oboen-Klarinettenmelodie macht die Streicherbegleitung ein kleines Crescendo in nur einem Takt. Gleich wieder zurückgenommen wird das programmatische Spannungsverhältnis von Drängen und Verhalten in dieser Sinfonie in nur wenigen Sekunden verdeutlicht. Das zweite Thema in den Celli kommt nicht naiv fröhlich, sondern so delikat, dass die Holzbläserrepetitionen dazu fast zu laut erscheinen. Auch hier hat Schubert, wie beim ersten Thema, ein Pianissimo gefordert. Es wird ernst genommen. Jede Kantilene singt, spannt Bögen. Übergänge, selbst mit Registerwechsel, kommen bruchlos. Aber Brüche mit doppeltem Fortissimo Sforzato-Akzent kommen schroff. So, wie auch Rhythmisierungen auf den Punkt scharf sind. „Das ist gut, …sehr gut!“ zischt der Nachbar auf der anderen Seite ohne Lippen- und Kopfbewegung. Und schaut mit seinen Hängebacken weiter stur nach vorn, so, als würde er gleich am liebsten jemanden beißen. Aber er hört zu, bis zur letzten Sekunde gebannt, wie alle hier. Beeindruckend heute sind die Momente des „noch nie so gehört“! Das Klarinettensolo im zweiten Satz etwa, einfach zum Dahinschmelzen! Oder eine Fagottkantilene, ebenfalls im zweiten, die vorher noch nie aufgefallen ist. Mit seinen Händen massiert Philippe Jordan den Klang aus seinen Musikern und skulptiert ihn transparant in der Vertikalen, fließend in der Horizontalen. Und so schwungvoll der Dirigent aufs Podium springt, so wohltuend gemäßigt weiß er das Tempo auch zurück zuhalten. Bei Schubert noch ohne Taktstock. Für das witzig-spritzige Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch dann ist der Stock nötig, um das Orchester immer wieder in das über jegliche Tempovorstellungen frei verfügende Klavierspiel von Khatia Buniatishvili hinein zu führen. Die georgische Pianistin kann aberwitzig loslegen, bringt aber auch tiefe Empfindung, Nachdenlichkeit und Abgründigkeit ein. Charmant lockern die Orchesterviolinen immer mal wieder mit einem neckisches Saitenglissando auf. Dramatisch gelingt das Mahlerische Ersterben vor dem letzten grotesken Einsatz der Trompete im Finale, begleitet von auf die Saiten trommelnden Streicherbögen. Rainer Küblböck, Solotrompeter bei den Wienern, füllt diesen Part mit mehreren Dämpfern zur Hand auf den Punkt aus. Mit Final-Bravour in einer Parodie über Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ spielt Buniatishvili ihre Virtuosität aus! Kein Wunder, dass das euphorisierte Publikum von der Pianistin eine Zugabe verlangt. Mit einem Menuett von Georg Friedrich Händel spielt sie dann wieder ihre emotionalen Qualitäten aus. Was bei Schostakowitsch wie geordnetes Durcheinander klingt, weicht bei Beethoven, wie schon bei Schubert, dem Mut zum Ausspielen. Zum Hörbarmachen. Der Liebe zum Detail. Und immer noch ein Strudel mehr quirlt auf im Scherzo und im Finalsatz, wo Jordan zeigt, dass er und die Wiener auch ans Tempolimit gehen, wenn sie wollen. Was am meisten fasziniert bei den Wiener Philharmonikern mit den “Wiener” Hörnern neben den Kontrabässen hinten rechts, den Trompeten hinten links bei den Pauken und den Celli inmitten der Streicher, ist ihr plastisch durchhörbarer Klang, ihr atemberaubendes Pianissimo, und der absolute Wille, Musik zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Chef funktioniert diesbezüglich ohrenkundig. Jordan ist wohl auch der erste vom Orchesterkollektiv gewählte Chef. Nomen est omen. Sein Vater Armin, 2006 sozusagen im Orchestergraben verstorben, gilt ja als der bedeutendste Schweizer Dirigent nach Ernest Ansermet. Der in Zürich geborene Sohn ist in Frankreich längst oben angekommen, ganz oben, als Musikdirektor der Opéra national de Paris. Gestartet in diese Karriere ist er übrigens von Deutschland aus als Korrepetitor und Kapellmeister am Ulmer Theater. Dass er jetzt auch einem Konzertorchester verpflichtet ist, das jenseits des stets mit Unwägbarkeiten und Kompromissen behafteten Opernbetriebs sich nur der Verwirklichung der Partiur widmet, wird ihm helfen, auch jenseits der Opernhäuser und in Deutschland seinen Ruf zu festigen. Jedenfalls mit Konzerten wie diesem!

Angrittstournee Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan: 24.11. Kölner Philharmonie; 25.11. Luxemburger Philharmonie; 26.11. Brüssel Palais Beaux-Arts; 28.11. Paris Salle Pleyel, Konzertbeginn jeweils 20 Uhr. Die Konzerte in Luxemburg und Brüssel mit anderem Repertoire, siehe dazu: http://www.wienersymphoniker.at/aktuell/newsid/104

Gidon Kremer meldet sich zu Wort !

Gidon Kremer meldet sich zu Wort! In Riga ist der lettische Geiger geboren, in Moskau hat er bei Igor Oistrach studieren dürfen, 1980 ist er in den Westen emigriert. Ein Jahr später gründet er sein eigenes Kammermusikfestival in Lockenhaus. Als künstlerischer Leiter eines eigenen Streichorchesters bleibt er aber stets seiner künstlerischen Heimat, der Musik Russlands und natürlich des Baltikums verpflichtet. Vielleicht ist seine „offene“ persönliche Nachricht die richtige Erwiderung auf die kriegsrasselnden Schlagzeilen über Putin in den Tageszeitungen heute morgen! Und ein bisschen Werbung natürlich in eigener Sache. Heute Abend tritt die Kremerata Baltica in der Semperoper auf. Das ursprüngliches Programm “All about Gidon” hat er in “Mein Russland” umgewidmet.

Persönliche_Nachricht_von_Gidon_Kremer

“Auch die Musiker müssen auf die Berge”, hat Reinhold Messner gefordert!

 

Foto: Andreas Panzenberger

Foto: Andreas Panzenberger

Sie könnten die Höhenerfahrung in Musik umsetzen! Es müssen ja auch nicht die Achttausender sein. Die Erstbesteigung aller Achttausender hat ihn weltberühmt gemacht. Und den höchsten Gipfeln dieser Erde, der großen Vertikale, hat er auch noch die Extreme der Horizontalen hinzu gefügt, nördlichste und südlichste Polkappen. Er ist ein Meister der Schrecken aber auch der Schönheiten dieser wildesten Eisregionen, die in unserem Bewusstsein den Stachel des Bedrohlichen noch immer nicht ganz verloren haben. In Büchern hat Reinhold Messner seine Erfahrungen dokumentiert. Zur Zeit arbeitet er fieberhaft an der Eröffnung seines sechsten und letzten Bergmuseums in seiner Heimat Südtirol auf dem Kronplatz. Montain Corones soll es heißen, soll sein Bergmuseums-Projekt „krönen“, das höchste in Südtirol werden, gräbt sich aber nach den Vorgaben von Star-Architektin Zaha Hadid auch unterirdisch tief in den Felsen ein. Superlative gehören bei Reinhold Messner schon immer dazu. Auch wenn er den „Zahlenalpinismus“ längst ad acta gelegt hat. Seit Jahrzehnten interessiert den in Brixen geborene Messner, der am 17. September seinen 70. Geburtstag feiert, auch das Verhältnis Berg-Mensch, und warum der Berg schon immer Philosophen, Dichter, Künstler und auch Musiker angeregt hat.

Ein Interview mit Sabine Weber anlässlich der Expo 2000, wo Reinhold Messner im Auftrag einer Liftfirma seine erste Begegnungsstätte Berg-Mensch „Yeti – Mount and Mystery“ konzipiert hat. Zwei Jahre, bevor er sein erstes richtiges Museum auf dem Monte Rite mit Blick auf die Dolomiten eröffnet hat.

„Then no sound!“… Foto: Stephan Glagla

Ruhrtriennale! Absurdes, groteskes, großartiges Musiktheater! Romeo Castelluccis spektakuläre und experimentelle Sicht auf Morton Feldmans Oper Neither in der Bochumer Jahrhunderthalle

Der Librettist bleibt meistens eine Schattengestalt. Der Komponist geht in die Annalen ein. Im Fall der Oper Neither von Morton Feldman, 1977 in Rom uraufgeführt, ist der Librettolieferant Samuel Beckett vielleicht der bekanntere. Der Protagonist des absurden Theaters (Warten auf Godot aus dem Jahr 1953) lieferte allerdings nicht mehr und nicht weniger als 16 Zeilen mit 87 Wörter! Absurd? Grotesk? Sicherlich! Aber die aphoristisch angerissenen abstrakten Bilder, die mit Paradoxien der Wahrnehmung spielen, korrespondierten exzellent mit der Idee einer abstrakten Musik von Morton Feldman. Klänge im Fluss, die immer in neuen Möglichkeiten aufscheinen, die weder so noch so, immer gleich sind und doch anders aufscheinen. 

Von Sabine Weber

(Bochumer Jahrhunderthalle, 06.09.2014) Becketts Wörter, die von „inneren Schatten“ sprechen, die „äußere“ sind, von „undurchdringlichem selbst“, die zu einem ebensolchen „selbst“ durch das Wörtchen „weder“ finden wollen oder von Türen, die sich schließen, wenn man sich ihnen nähert und öffnen, wenn man sich entfernt – dieses Bild diente meistens als Rettungsanker bisheriger Inszenierungen – hat Morton Feldman in einer Sopranpartie so verarbeitet, dass sie unverständlich bleiben, und als Vokalisen oder Tonrepetitionen über den Orchesterklängen schweben. Der 1960 in Cesena geborene italienische Theatermacher Romeo Castellucci braucht aber keine Rettungsanker. In seinen Bildern stechen sich Männer gegenseitig ab, fahren Autos und Lokomotiven aus einer schwarzen Giebelwand heraus, lauern Gangster in Mäntel und Hüten einer Frau (die Sopranstimme) auf, entführen ein Kind, das von Ärzten auf einem Op-Tisch ausgeweidet wird, verschwindet die Frau auf mysteriöse Weise und ist im Raum nur noch als Stimme zu hören, bis sie am Ende nur noch mit einem Bein auf dem Boden sitzt und den Mund zu einem wortlosen Schrei geöffnet hat. In seinem Krimi in Film noir Ästhetik der 1940er Jahre geht es nicht wirklich um Tatmotive, auch nicht um die Erzählung einer tatsächlichen Geschichte. Es geht um den Schein und Assoziationen, die ausgelöst das eben Wahrgenommen sofort wieder anders scheinen lassen. Übrig bleibt der Schauer und die Spannung im Erlebnis dessen, was immer wieder Überraschungen bietet. Das Unvereinbare einer vieldeutigen Wahrnehmung, der wir oft genug ausgesetzt sind, wenn wir vernunftgeleitete Regelkorsette abwerfen. Das bringt der radikale und innovative Regisseur in anschauliche Bilder! Dass er dabei auch die Jahrhunderthalle mit ihrem unglaublichen Hallentief und auch noch die Oberlichter – mittels eines außen aufgestellten Krans und darüber gehievten Scheinwerfern mit einbezieht, die ins Dunkel fahren und die einmalige Eisenkonstruktion ausleuchten, ist großartig. In der Halle gerät alles unter Verdacht und in bewegte Unsicherheit! Die Möbel, die von der schwarzen Giebelwand vor sich hergeschoben und wie von Geisterhand bewegt tanzen, bis hin zur Tribüne, die von einer Lok in schwenkenden Lichtkegeln nach hinten geschoben wird, bis die vorderen Reihen aufbrechen, sie in die Tribüne hineinfährt und sich und die Zuschauer mit Dampf einhüllt.

Da muss man dann an das Bild der Lok denken, die 1885 in Paris die Wand des Gare Montparnasse durchbrach, ein Bild, das den Surrealisten als Fanal für einen möglichen Durchbruch in andere Realitäten diente. Beindruckend ist, wie Castellucci auch einzelne Textaussagen visualisiert. „Ungehörte Tritte einziger Laut“: graue Kumpels mit Stirnlampen marschieren mit einem fleischrosaroten Bein lautlos nach vorne und stellen es vor ein Mikrofon. Ein unglaubliches Schlussbild. „Dann kein Laut“ heißt es ja auch in der viertletzten Zeile von Becketts Libretto. Unglaublich auch, wie die Musik Feldmans stellenweise wie eine Bernard Hermann Psycho Musik zu einem Hitchcockfilm mit Castelluccis Bildern verschmilzt. Und diesen Psychozustand, der sich in dem Wort „Neither“ verbirgt, in einem nie sich gewiss sein können, „weder so noch so“ oder „weder noch“ zitiert Castellucci ganz am Anfang als Prolog vor dem Beginn der Oper mit Erwin Schrödingers Katze. Das war eine Versuchsanordnung von 1935 mit Kiste und einer Katze drin, die eine philosophische Erkenntnis der Quantentheorie veranschaulichen sollte, nämlich die, dass unvereinbare Zustände, festgemacht an Beobachtungen von Atomen, übertragen auf das Beispiel von tot und lebendig, gleichzeitig möglich sind. Und sowohl tote als auch eine lebendige Katze geistern durch den Abend! Zu erwähnen ist auch unbedingt, dass die Sopranistin Laura Aikin ihre hohe Sopranpartie bravourös gemeistert hat. Begleitet haben die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung des Neuen Musik Spezialisten Emilio Pomarico, die den differenzierten Klängen und Motivspielen Morton Feldmans Leben eingehaucht haben.

Natürlich ist Neither keine Oper, in der es um menschliche Konflikte, tränenrührige Liebesgeschichten oder Eifersuchtsdramen oder Tugenden geht, die herausgestellt werden. Aber das hatte Heiner Goebbels ja auch für sein letzten Triennalejahr angesagt, eine Art Theater der Abwesenheit, also Oper mal ohne die ewig abgehandelten emotionalen Auseinandersetzungen. Und das kann funktionieren! Mit diesem Opernereignis ist jedenfalls dass Alleinstellungsmerkmal des Ruhrtriennalen-Konzept als ein Festival mit unkonventionellen Bühnenumsetzungen unter Einbezug der einmaligen Industriedenkmäler, man müsste besser Industriekathedralen sagen, dick unterstrichen worden. Und so konsequent wie kaum ein Intendantenvorgänger vor ihm, hat Heiner Goebbels sich dem Avantgarde Musiktheater verschrieben – ohne gemütliche Zugeständnisse zu machen. Das ist mutig und großartig zugleich.

Die französische Regisseurin Béatrice Lachaussée erhält den Studio-Preis der Götz-Friedrich-Stiftung!

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie französische Regisseurin Béatrice Lachaussée erhält den Studio-Preis der Götz-Friedrich-Stiftung für ihre Inszenierung von Wolfgang Rihms Kammeroper »Jakob Lenz«, die am 22. März 2014 in der Trinitatiskirche in Köln Premiere gefeiert hat! Und inszeniert erneut an der Oper Köln!

Es ist nur ein kleiner Preis, was die Dotierung über 2.500 Euro angeht, aber ein großer Anerkennungspreis für die junge französische Regisseurin Béatrice Lachaussée. Diese Inszenierung war nämlich ihr deutsches Regiedebüt.
In der Inszenierung (Bühne & Kostüme: Nele Ellegiers) mit Bariton Miljenko Turk in der Titelpartie des schizophrenen, hochbegabten Dichters Jakob Lenz – es musizierte das Gürzenich-Orchester Köln unter der Alejo Pérez- hob die Presse mehrheitlich hervor, wie kunstvoll die Regisseurin Akustik und Atmosphäre des Kölner Kirchenschiffs mit der sich steigernden Dramatik des von inneren Stimmen geplagten Protagonisten verdichtet hat.
Béatrice Lachaussée wird auch in der aktuellen Saison wieder für die Oper Köln inszenieren, und zwar für die szenische Umsetzung von Leoš Janáceks »Tagebuch eines Verschollenen« sorgen. Am 30. Mai 2015 findet die Premiere im Kölner Kolumba-Museum statt.