Staatsoper Mainz: Die Gierlust des Barocken verschluckt die wahre Liebe in Christoph Willibald Glucks Oper Armide

Fette Bäuche, bebende Busen, gepuderte Fratzen – die barocke Hofgesellschaft ist in der Lesart von Regisseurin Lydia Steier und ihrem kongenialen Kostümbildner Gianluca Falaschi eine absurde Gesellschaft, die gierig völlt, an blutigen Menschengliedern knabbert, hurt und sich grotesk verrenkt.
Von Sabine Weber

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

(Mainz, 14. Januar 2017) Das Bühnenbild gestaltet Katrin Kersten als eine Halbarena. Begrenzt aus meterhoch gestapelten Truhen und Schränken im Gelsenkirchner Barockstil, weißlackiert wie Meissner Porzellan. Aus den Türen treten die grotesken Gestalten wie aus Fellinis Satyricon-Film entsprungen hervor und klettern sich in der Möbelarena halsbrecherisch ab. Oder die Bühne dreht sich und gibt die im dunklen Kontrast stehende Hinterseite gestützt durch ein Gerüst frei, sozusagen als dunkle Gegenwelt. Die Zauberin Armide und ihr Geliebter Renauld setzen sich mit dunklen Farben davor ab.

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Sie in schwarzem Seidenrock mit engem Taillenmieder und eleganter Frisur. Groß und schön ist Nadja Stefanoff, und eine wirklich beeindruckende femme forte. Ferdinand von Bothmer als Renaud im grauen Overallkampfanzug Soldatenstiefel ist dem Augenschein nach eher ein etwas weichlich wirkenden Kreuzritter. Die Gestalten stammen aus Torquato Tassos Das befreite Jerusalem, ein Versepos, das zahlreiche Opern im 17. und 18. Jahrhundert mit Figuren und Geschichten versorgt hat. Jean-Baptiste Lullys Tragédie lyrique Armide ist übrigens eine seiner besten Opern. Lully vertonte das von Philippe Quinault in ein elegantes Französisch übersetzte Libretto. Und hier setzt auch das Problem der aktuellen Opernproduktion an. Gluck greift auf eben dieses französische Libretto zurück. Er hat seine Armide-Oper ja ebenfalls für die Académie Royale in Paris komponiert, wo sie 1777 auch uraufgeführt wurde. Und da steht der akademisch verteidigte „style pur français“ vielleicht nicht mehr so noch hoch im Kurs wie zu Lullys Zeiten ungefähr 100 Jahre früher. Das perfekte Gleichgewicht von Wort und Musik war Diktat! Ein Phänomen in der Geschichte der westlichen Kultur, die ja ansonsten immer die Musik über dem Wort, über allem stehen lässt. Aber eben nicht in den Theaterstücken der französischen Klassiker Corneille, Racine oder Quinault. Nadja Stefanoff mit zwar klarem Ton und schön geformt, sie hat vielleicht nur etwas zu viel Vibrato, egal, aber ist überhaupt nicht zu verstehen! Kein Wort artikuliert sie. Konsonanten existieren für sie nicht, ebensowenig eine Phrasengestaltung als Sprechmelodie. Ferdinand von Bothmer scheint mit der Höhe seiner Partie Probleme zu haben. In Frankreich waren die Haute-Contres angesagt, die Tenöre, die extrem tief und mit Kopfstimme extrem hoch singen konnten. Bothmer scheint in der Höhe immer im Brustregister zu schreien, was seine Liebesbekundungen wohl nicht gewollt verzerrt. Das mit schönem Klang und sogar Naturtrompeten musizierende Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Clemes Schuldt klingt im Ton nicht schlecht barock – jedenfalls für ein Opernorchester, pointiert allerdings zu wenig die musikalischen Höhpunkte und könnte weit mehr Kontraste setzen in der Agogik, im Tempo und in den musikalischen Überraschungen, die Gluck durchaus serviert. Das ist keine ganz leichte Aufgabe in Glucks ungewöhnlicher Formgestalung. Alles scheint nämlich ineinander überzugehen. Fast wie in einer durchkomponierten Oper: vom Rezitativ geht’s ins Arioso und wieder in die zahlreichen Ballett-Tanzsätze. In Frankreich damals unverzichtbar.
Der Chor singt und agiert großartig. Allerdings als grotsek überbordende Lustgesellschaft mit Bubsies und Pipsis – viele der Herren hatten aus ihrem Goldröckchen einen Riesenphallus hervorstehen – wirkt auf Dauer doch ermüdend. Vor allem weil die Musik im Gestus fast immer ernst und dramatisch ist. Völlig übergangen wird, dass die angeblich überbordende Barockzeit doch auch das Zeitalter der Vernunft und des philsosophischen wie naturwissenschaftlichen Diskurses gewesen. Und die emotional erstaunlich berührende Geschichte einer Frau, die sich endlich traut zu lieben und dann nicht lieben darf, weil ihr Geliebter schlussendlich doch für die Gloire, sprich, den Kriegsruhm wieder abzieht, ist aktueller denn je! Gelungen ist die Matapher des Käfigs, in dem erst die Herren als Opfer stecken, eine Beute der nicht-lieben-wollenden Armide, der später hereingeschoben wird, damit Armide im Schlussbild darin eingesperrt wird.
Die Lustdame in Aktion. Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Die Lustdame in Aktion.
Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Großartig gelingt auch das Plaisir-Quartett im zweiten Teil nach der Pause mit den beiden Lustdamen. Witzig gespielt von Maren Schwier und vor allem Alexandra Samouilidou, die mit perfekter Aussprache auffällt. Als fesche Lolas mit Zylinder bezirzen sie abwechselnd einen der Begleiter Renauds, der vom jeweils anderen männlichen Partner wieder zur Raison gerufen wird. Das ist eine von Gluck richtig komödiantisch angelegte Szene und geht in der Regie von Lydia Steier auf. Über weiter Strecken laufen ihre grotesken Bilder allerdings ins Leere. Zu einer Gesellschaftskritik taugt ihr Klamauk diesmal wenig. Aber das Publikum reagierte beteistert mit großem Applaus. Seit der großartigen Pérelà-Inszenierung vor drei Jahren haben Steier und Falaschi hier Kultstatus!

Clash der Geschlechter und das Rad hämmert immer schneller!

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren Foto: Tommy Hetzel

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren
Foto: Tommy Hetzel

Im Staatenhaus bricht Peter Konwitschny Wolfgang Rihms „Die Eroberung von Mexicos“ zum letzten Mal auf Sex-Klischees herunter. Intendant-Regisseur Stefan Bachmann hat für den weiblichen Anteil der Lehman Brothers im Schauspiel-Depot nur Männer übrig. Am Wochenende hat es heftig gewittert!
(Von Sabine Weber)

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma Foto: Paul Leclaire

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma
Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez. Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez.
Foto: Paul Leclaire


(Köln, 27.05. und 29.05.2016). Manchmal lohnt es sich in Kölner Opern-Dernieren zu gehen und sie als Teil eines großen Ganzen zu erleben! So beginnt die letzte Vorstellung von Wolfgang Rihms Die Eroberung von Mexico mit zwei Perkussionisten links und rechts außen. Das Orchester ist im Staatenhaus weitläufig auseinandergezogen ganz vorn aufgebaut. Dahinter überall schrottreife Autos. Darüber eine Puppenstube geklatscht. Spießig weiß gelackt. Und die beiden Perkussionisten trommeln wie die Teufel. Derweil unterhält sich das bereits sitzende Publikum noch entspannt. Bis am Ende der ersten Salve beim Abschlagen von Dirigent Alejo Pérez doch etwas auffällt. Die letzten Mobilfunktelefone neben mir werden hastig ausgeschaltet. Es hat schon begonnen! Das ist seit der Uraufführung vom konzertanten Köln Ring von Philipp Manoury voriges Wochenende in der Köln Philharmonie wohl neuer Standard. Auch dort hat die Musik schon den Raum von allen sichtbaren und unsichtbaren Seiten her erfasst. Während einige noch auflaufen: auch einige Musiker des Gürzenich-Orchesters sind noch nicht angekommen, Zuhörer, Publikum. Der Kölner GMD François-Xavier Roth fällt vorn auf dem Dirigierpodium, zusammengefaltet wie er da sitzt, kaum auf. Wann ist er denn hinein geschlichen? In Köln ist Musik eben immer schon da! Ein klingender Urzustand. Bei Manoury im Raum. Energetisch aufgeladen bei Rihm wie der Konflikt, den Peter Konwitschny verstörend im Staatenhaus ins Bild setzt. Frau – Mann, nichts als eine Geschichte sexistischer Klischees. Sie will reden und auf Beziehung machen. Er will harten Sex. Sie schmeißt ihn raus, er kommt mit einer ganzen Horde geiler Männer – einem grölenden Raumchor zurück. Sie bekommt Unterstützung von zwei Frauen und prügelt sich mit ihm. Alles in der gelackten Puppenstube vor Ikea-Regal. Die Männer machen Selfis vor blutender Nase und stoßen an mit Bierflaschen. Mann: Eroberer Cortez. Frau: Montezuma. Der unterlegene Atztekenherrscher als Frau? Die Verlierer in der Weltgeschichte sind ja meist Frauen. So kann Weltgeschichte oder die Eroberung eines Kontinents von Europa aus dann auch begriffen werden. Als permanente Grenzverletzung, mit der bestenfalls nach dem Tod Frieden gemacht wird. Deren Altlasten freilich den Nachgeborenen überlassen bleiben. Beindruckend, wie Konwitschny zu verschwurbelt kryptisch anmutenden Sentenzen des Librettos (Textpassagen von Antonin Artaud und Ocatvio Paz) seinen heftigen Bilderbogen erfindet. Konwitschny bricht den lyrischen Ausdruck gnadenlos runter. Und passgenau zu einzelnen Reizwörtern und zu der energetisch klanggewaltigen Musik. Wie Rihm perkussiv-rhythmische Urkraft entfesselt ist seit seinem Tutuguri- Ballett Anfang der 1980er bekannt. Als die Männerhorde in die Puppenstube einfällt und die Frau massenvergewaltigt wird, rennt das junge Pärchen vor mir entsetzt raus! Später auch noch zwei betagte Damen. Aggressionen und Gewalt können wir wohl nicht mehr! Obwohl es eine Realität, der wir ins Auge schauen müssten. Konwitschny hat bei seiner Regie wohl kaum an die Kölner Silvesterereignisse gedacht. Und auch nicht an die Massenvergewaltigung einer 16jährigen in Rio de Janeiro, wovon die Zeitungen heute berichten. Die beteiligten Jugendlichen haben ein Video davon ins Internet gestellt, lese ich. Da müssen wir uns doch überlegen, wie wir uns dazu verhalten. Auch wenn Konwitschnys knallroter Porsche mit quasi nackten Prostituierten gefüllt – spärlich goldene Körperbemalung sind wohl ein Hinweis auf das erbeutete mexikanische Gold der Spanier – dagegen geradezu spießig Gartenzwergenhaft wirkt. Nicht-los lässt der musikalische Spannungsbogen Dank der auch im Raum verteilten Musiker, eine ihre Rolle als Frau auch Samttönig verteidigende Ausrine Stundyte verstärkt durch die grell-hysterische Koloratursopranistin Susann Andersson und Altistin Kismara Pessatt. Sowie Miljenko Turk als Macho-Mann mit den hechelnden und röchelnden Sprechern Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz auf seiner Seite.
Geradezu moderat sind die zwei Stunden Musik im Vergleich zu den 3einviertel Stunden, die die Lehman Brothers. im Kölner Depot 1 zwei Tage zuvor verlangen, um das Rad ihrer Geschichte zu überdrehen und in einer Finanzblase unterzugehen. Einzig ein sich drehendes Eisenrad mit Hämmern füllt die Bühne. Und dreht sich, je nach dem wie schnell die Lehmans es in Alabama oder New York anwerfen. Zum Schluss so schnell, dass die Altgwordenen kaum mehr durch die wild schlagenden Hämmer nach vorne durch kommen. Auch diese Eroberer – namens Lehman – kommen ursprünglich aus Europa. Sogar aus Deutschland, aus dem tiefsten Bayern. Dort wurden sie natürlich noch mit zwei „n“ geschrieben. Und das Unwetter in Deutschland hat über und in dieser grandios wie subtil inszenierten, vor allem von der schauspielerischen Virtuosität aller Beteiligten gespeisten Inszenierung getobt. Passgenau, als wäre das sich entladende Gewitter Teil der Regie! In Köln ist viel zu haben!

Nie mehr Kundry! Auf den Berliner Festtagen verabschiedet sich Waltraud Meier von ihrer Lebensrolle

von Sabine Weber

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli © Ruth Walz


(Berliner Staatsoper im Schiller Theater, 25.3.2016) Mit Weihe und Karfreitagsallüre empfiehlt sich Richard Wagners Parsifal ja als die Karfreitags-Oper. Entschuldigung: Bühnenweihfestspiel! Seit dem Fall des Bayreuther Verbots, den Parsifal nicht anderweitig aufführen zu dürfen – das war 1914 – folgen auf Wagner setzende Opernhäuser dieser Empfehlung weidlich. Auf den diesjährigen Berliner Festtagen läuten die Karfreitagsglocken wieder heftig. Es tönt unter Maestro Barenboim auch äußerst weihevoll aus Graben. Das Publikum wird mit den ersten fragend, klagend, schmerzhaft geformten Unisono-Gesten der Partitur sofort auf sich selbst zurück geworfen, den tieferen Sinn von Mitleid, Wissen und „Zeit wird hier zu Raum“ in sich zu erforschen. Wenn der Vorhang andernorts beim Vorspiel hoch geht, damit pantomimisches Spiel Deutungshoheit bekommt, wird in Berlin der Vorhang erst mal wieder geschlossen. Wissen im demütig verinnerlichten Hörvollzug! Eine romanische Krypta als konspirativer Treff der Gralsritter von Regisseur Dmitri Tcherniakov gestaltet, die sieht man ja auch noch lang genug in den folgenden Akten. Auch die wirre Rasputin-Gefolgschaft oder sind es die Bauern aus Die Brüder Karamasow? Sicherlich hat der ein oder andere sowieso die Premiere dieser Parsifal-Inszenierung bereits auf den letzten Berliner Festtagen im vergangenen Jahr erlebt, mit fast identischer Besetzung. Fast. Denn an diesem Karfreitag singt Waltraud Meier die Kundry. Die große Wagnersängerin Waltraud Meier!
Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Eine schöne Frau mit Schmerz und Aussage im Gesicht, mit betörenden Weichheit und Wucht in der Stimme. Die lange Pause nach ihrem erschütternden Geständnis, dass sie den Gekreuzigten verlacht hat, prägt sich als einer der prägendsten Momente an diesem Abend überhaupt ein. Wie sie diese Rolle als 60jährige souverän im Griff hat! Es ist ihre Lebensrolle. Mit dieser Partie ist die Mezzosopranistin aus Würzburg 1983 in ihre Weltkarriere von Bayreuth aus gestartet. 1993 wechselt sie zur Isolde in der Bayreuther Heiner Müller Inszenierung. Daniel Barenboim steht im Graben! Mit ihm als Dirigenten verbindet sie eine lange fruchtbare Zusammenarbeit. Wie sie ihm vertraut, sich von ihm mitreißen und tragen lässt, ist an diesem Abend offenkundig. Das ist ein glänzender Abschied von der Rolle einer geschundenen Frau. Geächtet, büßend, instrumentalisiert, verführerisch. Und nach Erlösung schmachtend. In Tcherniakovs Inszenierung steht im dritten Akt ihre Wiederbegegnung mit Parsifal im Zentrum und unausgesprochene – vergeistigte? – Liebe im Mittelpunkt. Der Hüne René Pape, als Gurnemanz zu einem Harry Rowohlt veraltet, steht mit all seinen Erklärungen hilflos im Hintergrund, hinter dem sich liebend anblickenden Paar, auf das sich alle Augen richten. Andreas Schager als Parsifal hat seinen Pumuckellook mit Kapuzenpulli über Shorts auch endlich abgelegt. Die Kostümierung als jugendlich Torenhafter Draufgänger ist ja sinnreich. Aber irgendwie widerspricht der Anblick doch dem, was seine gewaltige Stimme die ganze Zeit zu bieten hat. Ein rundes Volumen, das die Staatskapelle mühelos übertönt, dabei aber immer Klangrundheit behält. Sonor gestalteten Kantilenen in der Mittellage und auch noch tragend im piano. Kundry und Parsifal, ein Jahrhundertliebespaar! Zum ersten und zum letzten Mal an diesen Berliner Festtagen. Aber der Senkrechtstarter Andreas Schager hat sich für die internationale Wagnerbühne einmal mehr empfohlen. Und ist bereits für den Berliner-Festtagen-Parsifal im nächsten Jahr gebucht. Waltraud Meiers Kundry wird endgültig Legende. Ihre großartige Stimme bleibt uns fürs Liedrepertoire und vielleicht doch noch in der ein oder anderen Wagnerrolle erhalten.

Richard Strauss-Segen in Dortmund und in Viersen!

Die Dortmunder Oper feiert den 50. Geburtstag ihres Opernhauses mit dem Rosenkavalier. In der Festhalle in Viersen glänzt das WDR Sinfonieorchester Köln mit der Rosenkavaliersuite und Hanna-Elisabeth Müller mit den Vier letzten Liedern.
Von Sabine Weber

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!


(Viersen, Dortmund 11./12. März 2016) Mit 10 Cent gehört er Ihnen! Der grell orangefarbenen Spintschrank. Einmalig in einem Opernhaus… Seit über 32 Jahren verzichtet die Dortmunder Oper auf Garderobieren wie mir die Servicefrau hinter dem Bartresen versichert. Solange bedient sie nämlich hier schon. Ob das von Anfang an so war, konnte ich nicht herausfinden. Aber soviel ist klar: im Montan–geprägten Dortmund gehören Spinte nicht nur in die Zeche, sondern auch ins Opernhaus. Seit 1966 steht es. Die Betonkuppel, die auf drei Punkten balanciert und den Zuschauerraum schildkrötenartig überwölbt. Und der mächtige Querbaukasten dahinter. Das Bühnenhaus mit typischen Nachkriegs-Reliefplatten, wie man sie von Hortenkaufhäusern her kennt.
Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Viel Kunst am Bau gibt es innen: Milchstraßenbeleuchtungen auf goldenen Wandreliefs, Eisentüren vom Kunstschlosser.
Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Joseph Beuys hat sogar einen Skulpturentwurf für den Vorplatz eingereicht. Aber er ist schon in der ersten Runde raus gefallen. Da ärgert sich heute so mancher. Kann doch das Theater im Revier heute mit Yves-Klein-Blau-Bildern protzen. Den damals ebenfalls noch unbekannten Franzosen gewinnt der für Gelsenkirchen arbeitende Architekt Ruhnau als Mitarbeiter. Aber der anstelle von Beuys errichtete Gliederturm über Brunnen von Günter Ferdinand Ris ist auch nicht mehr da. Er hat Wasserschäden in der darunterliegenden Tiefgaragen verursacht. Fott damit! Anekdoten über eine Nachkriegsarchitektur aus der NRW-Opernhaussammlung. Die Entstehungsgeschichte ist derzeit übrigens in einer mit vielen interessanten Bild und Zeitzeugendokumenten versehenen Ausstellung im Opernhausfoyer nach zu verfolgen. Zur Feier von 50 Jahre Dortmunder Opernhaus ist außerdem eine riesige Opernhaustorte ins Foyer gefahren und vom Publikum goutiert worden. Danach gab’s Richard Strauss’ Rosenkavalier. Das Haus hat am 3. März 1966 mit dem Rosenkavalier, Elisabeth Grümmer als Marschallin und Liselotte Hammes als Sophie, seine Nachkriegsgeschichte begonnen. Das 50 Jahre Jubiläums Ensemble, dasselbe, das auch bei der Premiere im letzten Jahr gesungen hat, darf sicherlich auch als Glücksfall bezeichnet werden. Fürstlich und mit warmem Timbre zum Nachdenken einladend Emily Newton als Marschallin. Wie ein „Bub“ zwar aber mit einnehmendem Charme Ileana Mateescu in der Hosenrolle des Octavian, ein bisschen jugendlich schrill Ashley Thouret als mädchenhafte Sophie und ganz wunderbar mit wienerischem Schmäh-Akzent Karl-Heinz Lehner als sexgeiler Lederhosen-Ochs. Die Inszenierung von Intendant Jens-Daniel Herzog mit Milchstraßengeflimmer im Hintergrund in der ersten und der letzten Szene zeichnet sich vor allem durch spielfreudige Personenregie aus. Der Orchesterklang leider a bisserl trocken, wie oft in diesen Nachkriegsopernhäusern – auch wenn die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz beherzt aufspielen. Ganz wunderbar auch die Instrumentalsolisten. Aber es hat im Tutti dann doch ein wenig die nötige Elastizität gefehlt, die es für den Strauss’schen Walzertakt braucht.
Das ist vergessen, wenn Celesta und Harfen die verrückten Silberklänge im Schlussbild nur so regnen lassen.
Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Nach dem Damenterzett schwebt jeder sowieso schon im Himmel.
Und vielleicht haben in meinen Ohren ja noch die Rosenkavaliersuiten-Töne vom WDR Sinfonieorchester Köln vom Abend davor fest gehangen. Die haben soviel intensiver im Ohr geklungen. Das hat sicherlich mit der einmaligen Akustik der Festhalle in Viersen zu tun. 1913 haben sich die Viersener Bürger dieses Festhalle gebaut.
Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Glücklicherweise in Schuhkartonform. Bis auf den heutigen Tag die beste Garantie für ideale akustische Verhältnisse.
Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum

Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum


Das ist mit ein Grund gewesen, warum in der Nachkriegszeit alle großen Orchester in der Festhalle Viersen Station gemacht haben. Die Berliner Philharmoniker sind sogar nach Viersen gereist, um hier aufzunehmen. Die Festhalle ist ja auch eine der wenigen deutschen Opern- und Konzerthäuser gewesen, die im Krieg nicht in Trümmer versunken sind. Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller ist der Star des Abends. Mit ungemein dramatischem Timbre weiß die Anfang 30jährige ihre Stimme dennoch leicht und lyrisch zu führen. Das brauchen diese mit Licht durchfluteten melancholischen Gesänge. Da tut sogar eine leichte Unbeteiligtkeit gut, wenn Tonlinien wie in Trance gestaltet werden. Aber die Stimme darf nie im Orchester versinken. Eine Balance, die in Viersen zwischen Hanna-Elisabeth Müller und dem Orchester geradezu traumhaft gelingt. Das WDR Sinfonieorchester Köln unter Dirigent Eivind Aadland begleitet hinreißend. Der erste Hornist ist eine Wucht, aber auch die anderen Solisten, das ganze Orchester. Auch Mozarts Titus-Ouvertüre ist ein Aufmacher mit Paukenschlag. Oder Mozarts Sinfonie Nummer 29 in A-Dur nach der Pause. Die Streicher sind exakt zusammen. Und kein Kiekser bei den beiden Hörnern! Die Hornpartien sollen extrem heikel sein. Und dann zum Riesen-Nachtisch die Rosenkavaliersuite – ein einziger Gesang – wie Filmmusik zu einer Liebesgeschichte mit Walzern und, ja, diesen einmaligen Silberklängen. So etwas konnte sich nur ein Richard Strauss einfallen lassen. Allerdings fehlen auch in Viersen die allerletzten 5 Prozent an Flexibilität, sodass die Walzer mit Verzögerungen und Accelarandi unangestrengt spielend auch wirklich schwingen können. Die fast 1000 Viersener applaudieren in der ausverkauften Festhalle restlos begeistert. Vielleicht sind die restlichen 5 Prozent im Konzert am nächsten Tag in Duisburg da gewesen?

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

Handwerker als Musiker? In der Sinfonia da Experimentum mundi in Münster von Giorgio Battistelli

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Ein Experiment-Konzert im Theater Münster
von Sabine Weber

Das hatte also nichts mit Karneval zu tun, dass da am 9. Februar, Karnevalsdienstag einige Musiker inmitten des Sinfonieorchester Münsters in Bäckerschürze und Holzfällerhemd über Arbeitshose gestanden haben. Das sind Handwerksmusiker gewesen! 1981 hat Giorgio Battistelli sein Experimentum mundi mit 16 Handwerker, einem Schlagzeuger, einem Schauspieler und rezitierende Stimmen auf der Bühne des Teatro Olympico in Rom uraufgeführt. Die Idee: Handwerker gehen lautstark ihrem Gewerk nach und machen mit ihren Rhythmen Musik. Das Stück ist so erfolgreich, dass Giorgio Battistelli es in den letzten gut 35 Jahren weltweit immer wieder aufgeführt hat. Selbstverständlich mit den Handwerkern aus seinem Heimatort Albano Laziale, für die er dieses Stück auch konzipiert hat. Und wenn an deren Werkstätten “Geschlossen” steht, sind die Handwerker wieder auf Musiktournee. Doch damit könnte Schluss sein. Denn für die Neufassung für Orchester, die jetzt in Münster uraufgeführt wurde, sind HandwerkerInnen aus Münster und Umgebung angefragt worden. Nur die Küfer mussten aus Italien eingeflogen werden. Und ihr 1000 Literfass.
Was deutsche Handwerker davon halten, dass sie musikalisch in einem Sinfonieorchester auftreten, das habe ich sie auf vor der Generalprobe gefragt.

CD Favoriten!

Dass sich wunder alle Welt. Lieder zum Advent mit Les Escapades. Christophorus CHR77287.
Himmlische Weyhnacht. Festliche Gesänge von Luther bis Bach mit Bell’Arte Salzburg. Berlin Classics 0300687BC
(von Sabine Weber)

Am Wochende ist erster Advent! Und die Weihnachtsmärkte puffen diese Botschaft schon mächtig durch die Luft. Tee-, Glühwein-, Wurst- und so allerlei Fressständen durchziehen bereits die Plätze. Zu überhören ist es auch nicht. In Popversion dudeln die klassischen Weihnachtslieder im schlimmsten und häufigsten Fall verkitscht vorgetragen von Rudi Carell- oder Nico Haak – Klonen. Jedenfalls ist das so in der Kölner Innenstadt. Da scheint es geboten daran zu erinnern, was es mit den klassischen Advents- und Weihnachtsliedern eigentlich auf sich hat. Wann und vor allem wie sie auch klingen können. Diese Zeit hat einen musikalisch reichhaltigen Klangschatz über Jahrhunderte geprägt.
Dass sich wunder alle Welt
Das süddeutsche Ensemble Les Escapades durchzieht seine Adventsmusik mit sanft säuselnden Gambenklängen. Die vier Damen sind im Andachtsfundus von Renaisance und Frühbarock aber auch in der Gregorianik fündig geworden. Vom Norddeutschen bis in die frankoflämischen Kulturzonen reicht das hier präsentierte Repertoire. Und weil es im Advent heilsgeschichtlich um das Wachen, Warten und Erwarten geht, wird hier die Zeit mit kleinen feinen Suitensätzen vom Violinvirtuosen Johann Schop oder mit einer Paduan und einer Canzone vom norddeutschen Organisten Johann Crabbe, einem Studienkollegen von Heinrich Schütz, versüßt. Die Klänge eines Orgelportativs unterstützen den sakralen Charakter dieser zur Einkehr einladenden Übung. Die Orgel bekommt auch zwei kleine solistische Auftritte. In die Andachtsthematik führt natürlich vor allem die wortgebundene Musik ein. Das Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland liefert gleich in der ersten Strophe auch den CD Titel. Es ist eines der berühmtesten und beliebtesten um 1600. Selbst Johann Sebastian Bach greift ein letztes Mal auf die eigenartig archaisch klingende dorische Melodie zurück und verarbeitet sie zu einer Kirchenkantate (BWV 61). Längst haben Lukas Osiander, ein Balthasar Resinarius oder Andreas Raselius den protestantischen Advents-Hit mit eigenen mehrstimmige Begleitsätzen unterfüttert. Les Escapades lässt sie abwechselnd klingen und begleitet Sopranistin Miraim Feuersinger – Schade, dass sie trotz der einfachen Melodie so Textunverständlich singt – und Tenor Daniel Schreiber. Die Strophen werden auch durch reine Instrumentalfassungen abgewechselt. Ein abwechslungsreiches Konzept auch beim Zuhören. Dieses Lied ist in Leipzig an allen vier Adventssonntagen gesungen worden. Les Escapades ordnet es dem ersten Adventssontag zu, der wie die drei folgenden mit einer gregorianischen Choralzeile beginnt. Das auch bekannte Renaissance-Hits in die protestantische Adventsliedkultur hineingeschleus tworden sind, ist die Überraschung im zweite Block. Das Adventslied Mit Enrst, O Menschenkinder zitiert die berühmte La Monica oder La Monaca – Melodie. Mit dem Booklet-Text kann sich weiter in die geistlichen Bedeutungen der einzelnen Adventsthematiken vertieft werden. Ein feines und gelungenes Adventstprojekt in jeder Hinsicht. Es lädt vor allem dazu ein das zu tun, wozu die Adventszeit ihrer Bedeutung nach dienen sollte, zur Einkehr, Besinnung und Vorbereitung auf ein Wunder mit großer heilsgeschichtlicher Bedeutung. Himmlische Weynacht Annegret Siedel und Bell’Arte Salzburg greifen in die Vollen und haben im Hinblick auf das Wunder des Weihnachtsfest hauptsächlich festliche Gesänge in Barock-Bearbeitungen ausgesucht.Im Mittelpunkt steht der Martin Luther-Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her. Also die Engelserscheinung oder Verkündigung der Frohen Botschaft an die Hirten. Sie wird in verschiedenen hier vorgestellten Bearbeitungen von virtuosem Violinspiel begleitet. In einigen Stücken ergänzt um eine zweite Violine, eine Tenorviola und eine Barocktrompete. Letzteres sorgt für eine strahlende, festliche Note! Auch hier singt die Sopranistin Marie Luise Werneburg mit schöner schlanker Stimme aber leider wieder völlig Textunverständlich. Das ist vor allem sehr Schade beim Magnificat von Heinrich Schütz SWV 344. Dazu erklärt auch noch der CD-Booklettext, dass Schütz eine natürlich betonte, gut verständliche Sprache und die konsequente musikalische Ausdeutung der Textaussage gefordert habe! Dagegen strahlt Bassist Klaus Mertens umso mehr in Wort und Ton und Koloratur in Nicolaus Bruhns Mein Herz ist bereit. Wenn er das „Wache auf“ schmettert, dürfte jeder Zuhörer aufschrecken. Diese Psalmenvertonung wird von einem virtuosen Violinsolo eingeleitet, ganz im Stile der Wiener Schmelzer-Biber Tradition. Das liegt Annegret Siedel natürlich, die ja bereits Heinrich Ignaz Franz Bibers schwindelerregend virtuose Rosenkranzsonaten aufgenommen hat. In Fürchtet euch nicht von dem in Dresden wirkenden Christoph Bernhard schwingt der Basso continuo mit Orgel und Viola da gamba im wiegenden Siciliano-Rhythums unter der Violine und dem Sopran. Eine sehr französisch klingende Chaconne eines Anonymus lädt zu einer fast zwanzig Minuten dauernden Meditation über die vier absteigenden Basstöne ein. Der Choral Wie schön leuchtet uns der Morgenstern wird in Zwischenteilen hineingespielt und zwar in Bearbeitungen von Thomas Selle, Heinrich Scheidemann oder Jan Peterson Sweelinck. Die festlichen Klänge enden dann doch besinnlich. Die letzten Strophen von Vom Himmel hoch sind das Schlusswort. Sie kommen in Trio-Versionen von Johann Walter und Johann Pachelbel, die die Melodie als Cantus firmus nutzen für Streicherornamentierungen. Eine sehr homogene Ensembleleistung mit kleinen hochvirtuosen Geigeneinsätzen und weihnachtlichem Esprit in Pralinendosierung!

Schön gestorben ist die halbe Oper! Puccinis La Bohème im Kölner Staaten(Opern-)haus

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeongki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeonki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire


Großartige Stimmung im Saal 2 des Staatenhauses! Die Kölner sind glücklich, dass es mit ihrer Spielzeit doch noch etwas wird. Das Gürzenich-Orchester durfte diesmal auch vor der Puppenkleinen Bühne sichtbar spielen. Die wird in jedem Akt zweimal umgebaut. Das geschieht aber mit Überraschungseffekt, sodass das Publikum entzückt wie nach einem Zauberakt „Ah, Oh!“ ausruft. Die Sänger sind allesamt überzeugend. Mimi und Rudolfo als frisch Verliebte überzeugen weniger, dafür um so mehr im Liebeskummer und Liebestod.
(Von Sabine Weber)

(Köln, 22.11.2015). „Mi chiamano Mimi!“ Singt Jacquelyn Wagner wie eine kleines hilfloses Mädchen. Unvorteilhafter hätte sie allerdings nicht gekleidet sein! Das spielt bei einer großen Frau schon eine Rolle. Die kann man nicht klein machen. Vor allem nicht, wenn es um Liebe auf den ersten Blick geht! Und dann steht sie einen Kopf größer vor dem Koreaner Jeongki Cho, der ihr relativ steif, dafür mit viel Schmelz in der Kehle Rampensingend sofort verfällt. Das glaubt, wer der herzbewegenden Musik lauscht. Das Orchester sicher geführt von Francesco Angelico trägt die Stimmen und ist in vielfach feinen Nuancen dabei, manchmal aber auch ein bisschen zu laut. Aber was macht es, wenn die Stimme immer ganz oben mitschwimmt, mal von Streichern oder sogar von den drei Posaunen und einer Cimbasso, einer Kontrabassposaune begleitet! Dann wird es ernst und bedeutsam. Das ist wunderbare Filmmusik. Oder doch eher Operettenanklang an Franz Léhar? Es wird auch immer mal wieder kammermusikalisch leise und fein. Die Solo-Violine spielt auf, nur begleitet von einem ihr in allem folgenden Violoncellobass. Puccini versteht sich auf Rührung aber auch herrlich auf Komödie. Da vergisst man, dass die Studentenscherze und Dialoge in der Dachkammer für heutige Verhältnisse verstaubt daher kommen. Das Studentenquartett geht auf in seiner Rolle unter einem schrägen Riesenfenster vor projizierter Pariskulisse mit Eifelturm. Also vom Montmartre aufgenommen. In bestimmten Momenten erscheinen noch Chagall-Motive im Himmel. Statt Ouvertüre führen die vier Bohemiens in hungriges frierendes Studentenleben nach 1900 ein. Miljenko Turk ist der herrlich frivole Maler Marcello. Wolfgang Stefan Schwaiger als Dandy-Schaunard mit Hut überragt sie alle und liefert sich mit Kihwann Sim als Colline ein Degenfechten mit Gehstock und Schürhaken. Aber erst einmal vertreiben sie mit viel Theater den Vermieter, der die Miete eintreiben will. Im Straßenkaffe angekommen fährt Musetta in einem Oldtimer-Rolls Royce herein – auch das geht auf einer Puppenbühne! Und alles ist da, was ein Pariser Weihnachtsmarkt so braucht: Leute, Kinder, Marketender. Aoife Miskelly steigt aus dem Wagen und mischt rotgekleidet das graue Pariser Straßenleben erst einmal tüchtig auf.
Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Im Musette-Dreivierteltakt ihrer Arie Quando m’en vò zieht sie alle Register. Ist eine exzentrische Diva und reizt mit leicht beweglichen Stimme sowohl ihren steifen Gönner als auch ihren Verflossenen, kein anderer als Marcello. Im zweiten Akt kommt dann die Tragödie pur. Es liebt sich aber will nicht zusammenhalten. Weder Musetta und Marcello, noch Mimi und Rudolfo. Sie leiden unterschiedlich, und wie Puccini dieses Leid überkreuzt und in Ensembleszenen verzahnt ist wieder ganz heutig. Sinnlose Eifersucht. Trennung, weil hilflos, mit Herzschmerz unter verschneiten Bäumen in der kalten Nacht. Das Bühnenbild aus Scherenschnittartig räumliche Requisiten mit Bildprojektionen verschmolzen liefert einen fast naive Bildentwurf. Versöhnung kommt, wenn es zu spät ist. Im letzten und vierten Bild – wieder die Dachkammer. Mimi ist Tuberkulose-krank und will im Arm Rudolfos sterben. Sterbend versucht sie noch Musetta und Marcello zu versöhnen. Es wird gebetet. Letzte Wünsche werden erfüllt. Das letzte veräußert, um Mimi einen Muff, Medizin und einen Arzt zu besorgen. Da hält die WG zusammen. Wem das nicht zu Herzen geht, dem ist nicht zu helfen! Das ist großartige Oper!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Kunst oder Leben! Benvenuto Cellini von Hector Berlioz eröffnet am letzten Wochenende die diesjährige Spielzeit an der Kölner Oper. Und die Opernkunst hat in Köln eine neue Ausweichspielstätte. Das Staatenhaus!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire


„Kommt und applaudiert der neuen Oper!“ schmettert der Feierchor im Finale des ersten Aktes. Wie hätte dieses Zitat doch gut gepasst! Hätte die Premiere im fertig sanierten Opernhaus wie geplant stattfinden können. Und erst der von Berlioz beschworene Karneval als Gesellschaftszustand … Die Komödie wird in Köln aber mal wieder zur Tragödie. In Benvenuto Cellini enden die Ausschweifungen sogar mit der päpstlichen Drohung: „Kunst oder Leben“. Der Papst will von Goldschmied Benvenuto Cellini die Perseus-Statue. Die beiden Akte gehen gut aus. Die Kunst siegt. Trotz einiger Abstriche. Und das ist vor allem François-Xavier Roth zu verdanken. Benvenuto!
(Von Sabine Weber)

(Köln, 15.11.2015). Mit keiner anderen Oper hätte Generalmusikdirektor François-Xavier Roth seinen Kölner Operneinstand so anspielungsreich geben können. Das üppig instrumentierte Werk ist zudem Musikdramaturgisch einzigartig. Voller Aufregung, spielt mit Theater im Theater, mit Personenbezogenen leitmotivähnlichen idées fixes ist es durchzogen, wartet mit einem großen Sängerpersonal, mit Stadtbürgern, einer heiß umkämpften Bürgertochter, mit Rittern, Papst, Wirt und Karnevalsgesellschaft auf. Ein fulminanter Chor dominiert über weite Strecken, und zum Schluss streiken auch noch die Metallverarbeiter. Alles dreht sich um einen widerspenstigen genialischen Künstler, der eine künstlerische Heldentat vollbringen soll! „Kunst oder Leben!“ ist die Losung, die Hector Berlioz in seinem Opernerstling Benvenuto Cellini ausgibt. Leider ist Berlioz damals mit seiner Kunst an der Pariser Oper nicht angekommen. Er ist kein Benvenuto, kein Willkommen Geheißener geworden. François-Xavier Roth gibt in Köln gleich zu Beginn der Premiere dem „Kunst oder Leben“ eine unerwartete Deutung. Mit Intendantin Birgit Meyer stellt er sich vors Mikrofon, verurteilt die Terroranschläge in Paris und widmet den Opfern des Anschlages, was wohl, Kunst! Die Marseillaise in der Instrumentierung von Héctor Berlioz. Danach eine Schweigeminute! Bei einer Marseillaise kann Gott sei Dank keine falsche Rührung aufkommen. Aber die Botschaft sitzt. „Vive la liberté, la fraternité…“ Die Kunst sorgt für Zusammenhalt.

Und dann bricht dieser üppige Berlioz im Staatenhaus herein. Das Orchester sitzt tief hinten im Raum hinter schwarzer Gaze. Die Wucht der Berliozschen Partitur ist in Reihe 8 aber noch zu spüren. Zur Ouvertüre wird auf laufenden Spruchbändern die Vita Benvenuto Cellinis erzählt. „Der Mensch, der etwas Löbliches vollbracht hat, sollte seine Memoiren schreiben“, steht da zu lesen. Und Cellini steht auf dem Podium und schreibt. Umgeben von Fleischfarbenen Gestalten, die einzelne Episoden aus seinem Leben pantomimisch andeuten. Wie er zum Künstler wird. Zu einem Liebenden, der nur eine begehrt. Teresa. Die Liebe ist gegenseitig. Die Handlung beginnt mit einer Vater-Tochter-Auseinandersetzung. Und mit Requisitenaufbauten, die hörbar durch die Halle geschoben werden. Eine ballonartige mit weißen Kissen ausgestopfte Halbkugel ist Teresas Kammer. Herum gedreht bekommt sie die Konturen eines Halbkopfes. Rote Pappnase und Gesichter werden drauf projiziert. Riesige Schlauchkonstruktionen werden hinter den Kopf geschoben. Sie sehen wie Blutbahnen aus. Und zum Schluss wird er als ein Glühbirnenbesetzten Totenkopf hineingeschoben, der Revueartig aufleuchtet, wenn der Papst als goldener Popanz auf einem Gestell Ablass für die Sünden spendet und mit dem Tod drohend die Skulptur fordert. Grotesk überzeichnete Bilder liebt Carlos Padrissa. Damit spielt und jongliert seine Regie. Die Handlung begleitet er mit Spontantheater. Emotionale Tiefenschärfen interessieren in diesem Konzept nicht. Alles zielt auf Plakatives, auf komische Effekte, vor allem die spektakulär bewegte Masse. Die Luftakrobaten von La Fura dels Baus wirbeln Angsterregend durch die Luft im Geschirr an Seilen von Bühnenarbeitern gezogen. Und das geht mit der Wucht der Berliozschen Klänge durchaus zusammen. Beispielsweise in einer deftige Wirtshausszene. Aus Riesenschläuchen fließt der Wein und krabbeln die Fleischfarbenen. Der Männerchor gibt die florentinischen Saufkumpanen. In rotweiß gestreiften Kurzpumphöschen mit Kopfkappe rutschen sie eine Schräge hinunter. Eine Feiergesellschaft in niedlichen Quallenkostümen warten auf das Pantomimentheater. Dann gibt es einen Ophekleiden-Vortrag auf der Bühnen-Bühne. Sie verleiht einem der Pantonimen eine ungewöhnliche Stimme! Und rennt dem Orchester davon! Überdreht sind die Szenen mit Fieramosca, dem Gegenspieler Cellinis. Als Fechtmeister mit Fliege auf dem Brustpanzer – Mosca = Fliege – fuchtelt er mit dem Degen herum. Nach einem herzzerreißenden Liebesduett gibt es eine durchtrieben und witzig auskomponierte Trionummer mit den rivalisierenden Liebhabern und Teresa. Da wird auf Lücke und präzise genau gesungen. Gut gelingt das Umkippen des Komödiantischen ins Tragische am Ende des ersten Aktes. Das ist aber vor allem der genialen Musik Berlioz zuzuschreiben, die aus einem Komödiantischen Tonfall in Nullkommanix schwarzes Pathos hervorzaubert. Der Chor ist durch das ganze Stück hindurch eigentlich das Stimmungsbarometer. Permanent in die Handlung involviert, muss er nicht nur jubeln, sondern auch rasant schnell parlieren. Schnell hat man das merkwürdige Pärchen entlarvt, das vor der ersten Zuschauerreihe an einem Tisch sitzt. Die winkende Nonne mit schwarzem Kopfkapuze als Souffleuse und den älteren Mann mit schwarzer Mütze daneben als Chorleiter Andrew Ollivant, der lebenswichtige Einsätze gibt. Dirigent Roth ist ja hinter der schwarzen Gaze weit weg. Wie das alles funktioniert und zusammenspielt, ist das Wunder des Abends. Das Sängerpersonal überzeugt, auch wenn der Münchner Tenor Ferdinand von Bothmer als Cellini mit Nervosität kämpft und einige Male auf Schonhaltung setzt. Fein und leicht im Timbre Emily Hindrichs als Teresa, tollpatschig durchtrieben Vincent Le Texier. Als ihr Vater verfügt er über erstklassiges Französisch. Überzeugend die beiden Fechtbrüder, Nikolay Borchev und Wolfgang Stefan Schwaiger als Fieramosca und Pompeo. Das Husarenstück gelingt an diesem Abend Katrin Wundsam. In der Hosenrolle des Ascanio spielte und singt die Mezzosopranistin alle an die Wand. Mit ihrer „Alles ist langweilig“- Arie im Walzerrhythmus persifliert sie die Auseinandersetzung zwischen Cellini und Papst noch einmal. Eigentlich keine große Nummer. Aber mit Wundsam wird sie zu einem richtigen Bravurnummer! Das Staatenhaus als kleines Tollhaus feiert den Künstler und die Kunst. Und endlich den Beginn der Saison in Köln. Mit einem Krachen leuchten zwei Neonröhren auf. Die Staute ist entstanden. Das Kunstwerk vollendet. Die richtige Liebesverbindung geschmiedet. Und nächste Woche gibt es hier schon die nächste Premiere!

Musik und Astronomie – Die SWR2 Musikstunde ab dem 9. bis zum 13. November mit Sabine Weber

Die Erde aus Satellitenperspektive. Foto: ESA

Die Erde aus Satellitenperspektive. Foto: ESA

Jetzt sind im klaren Nachthimmel die Sternbilder des Orion,der Sternhaufen der Plejaden oder die W-förmige Cassiopeia wieder deutlich zu erkennen. Und geben wir es ruhig zu, wenn wir die Chance haben, der überleuchteten Großstadtnacht zu entkommen und ins Sternenmeer einzutauchen, dann vermittelt uns das auch heute noch Erhabenheit. Göttliche Ordnungskraft steht in den Himmel geschrieben! Und auch die Musik ‘blickt’ seit Jahrhunderten ehrfürchtig horchend himmelwärts. Die Sphärenharmonie als harmonisch klingender Himmel ist ein viel beschworenes musikalisches Bild. Musikalische Zahlenverhältnisse bekommen kosmologische Dimensionen. Komponisten blicken durch Riesenteleskope! Johannes Kepler deutet astronomische Winkelmessungen der Planetengeschwindigkeiten zueinander als klingende Intervalle. Sie sind vermutlich für Instrumenten-Stimmungen herangezogen worden. Wenn es Sie interessiert, die SWR2 Musikstunden greifen ab dem 9.11. bis zum 13.11. jeweils um 9.05 Uhr nach den Sternen. Und sie spekulieren nicht nur. Sie suchen nach der Möglichkeit von Transpositionen unseres Planetensystems in den hörbaren Bereich. Und bringen – natürlich – auch Planeten in Charakterdarstellungen und mythologischen Bildern zum Klingen. Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon ziemlich lange. Und habe dafür auch mal mit einem Astronomen telefoniert. Freimut Börngen hat nämlich mit musikalischen Ambitionen Komponistennamen in den Himmel versetzt. Wie man Planetoiden entdeckt – diese Himmelskartoffeln kurven zwischen Mars und Jupiter um die Sonne – und wie man als Taufpate im Kosmos für musikalische Ehre sorgen kann, das habe ich von ihm erfahren. Und einen Teil des Telefonats, damals im Dezember 2002, habe ich aufgenommen.
Der Planetoiden-Entdecker Freimut Börngen am Apparat!