Radu Lupu gibt einen Klavierabend im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck


Seit Jahrzehnten hält der rumänische Weltstar Radu Lupu diesem einmaligen Konzertort zwischen Bonn und Remagen die Treue. Und ist kurz vor seinem Klavierabend zum Ehrenmitglied der Johannes-Wasmuth-Gesellschaft ernannt worden, die ihrem Namensgeber zu Ehren auch dieses Konzert veranstaltet hat.
(Sabine Weber)

(16. Februar, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Wie ein Brahms sitzt er am Flügel. Natürlich nicht so massig, aber fast unbeweglich, leicht zurückgelehnt. Der Klavierhocker ist ein Stuhl mit Lehne. Der Kopf ist in Trance, die Arme sind weit nach vor gestreckt. Und die Finger bewegen sich fast unmerklich durch eigenartige Variationen. Das Andante f-moll Hob XVII:16 von Joseph Haydn ist Melancholie pur. Sphärisch setzt die Themenmelodie mit der hin und her pendelnden Bassbegleitung ein. Für das Andante-Thema hat Haydn auf eine Arie aus seiner Oper L’anima del filosofo zurück gegriffen, „Perduto un’ altra volta“. Noch einmal verloren sein! Todesgedanken. Auch wer das nicht weiß, der oder dem teilen sich Trauergefühle sofort mit. Daran ändern im Verlaufe des Stücks die „Scarlattischen“ Vertracktheiten wie das Übergreifen der Hände auch nichts. Immer wieder chromatische Linien. Und Lupu hält jeden Ton wie beherrscht zurück. Jeder Ton wird würdevoll durchmessen, jedes Detail soll klingen wie es ist. Das Pedal ist über weite Strecken nicht vorhanden. Das hat etwas stoisches aber ist ungemein berückend, weil so wahrhaftig. Lupu setzt nichts auf und dran. Höchstens seine Stimme, die mitsummt, singt und brummt. Versunken im kontrollierten Gefühl, das in der Coda kurz ahnen lässt, wie viel Kraft dieser rumänische Pianist Anfang 70 entfesseln kann. Und immer wieder rauscht ein Zug durch seine Parade. Und erinnert daran, dass dieser Festsaal ein ehemaliger Bahnhofswartesaal ist.
Radu Lupu ist nicht von ungefähr hier zu Gast, in diesem Sonderkonzert anlässlich des 80. Geburtstags von Johannes Wasmuth. Der 1997 verstorbene Visionär Wasmuth hat diesen Bahnhof in den 1960ern mit großen Namen wie Marcel Marceau oder Stefan Askenase wütigen Stadtplanern entrissen, die ihn abreißen lassen wollten. Und hat ihn zu einem einzigartigen Künstlertreff am Rhein gemacht – bis auf den heutigen Tag. Künstler waren zu Gast, die man niemals hier vermutet hätte. Martha Argerich soll sich unter anderem hier auf ihren großen Chopinwettbewerb vorbereitet haben. Radu Lupu und Elisabeth Leonskaja, die den zweiten Sonderkonzertklavierabend zu Ehren Wasmuth am 14. März geben wird, sind ihm lebenslange Freunde gewesen.
Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.

Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.


So ist zu verstehen, dass ein Weltklassekünstler wie Lupu den Weg hier hin ganz selbst verständlich gefunden hat. Sich in diesem immer heißer werdenden Saal an ein hörbar älteres Steinway-Modell setzt und in der C-Dur Fantasie op 17 von Robert Schumann hingebungsvoll Stürme entfesselt, für das ihn dicht umringende Publikum. Diese Fantasie ist ein geniales Frühwerk, das das Tor in die romantischen Ideenwelten eines Schumanns weit öffnet. Einfache Melodien treffen auf verrückte Rasereien. Ständige Aufschwünge, Ausbrüche, ein Schmelztiegel, in denen Chopineske Begleitmustern ebenso wie getragene Beethovenklavierthemen aus langsamen Sätzen fantastisch aufscheinen. Lupu durchpflügt diesen das Gedächtnis in seiner Sprunghaftigkeit strapazierenden Kosmos wie ein weitblickender Souverän mit Blick auf das Ganze. Gewaltig, eckig, bizarr, alles hat er im ruhigen, dennoch mächtigen Griff. Im mittleren Satz schichtet Schumann wie Mussorgksy in den Bildern seiner Ausstellung Akkorde unter das Eröffnungsthema. Lupu liebt es, zu Arpeggieren. Liszt wird auch begrüßt, dem Schumann dieses Werk auch verehrt hat. Zum Schluss geht’s Barcarolenmäßig mit Mondschein auf den Rhein… in ein vielleicht etwas zu lautes Finale. An Schumanns Vortragsweise „durchweg leise zu halten“ mag sich Radu Lupu an diesem Abend nicht halten.
Mit den Jahreszeiten op. 37 von Peter Tschaikowsky füllt Lupu den zweiten Teil. Und gereicht den Miniaturen zu großer Ehre. Es sind einfache, aber wirkungsvolle, den Monaten zu geordnete Poesiestücke. “Im schlichten Volkston” hätte ein Schumann drüber geschrieben. Der Verleger hat den Monaten nachträglich Gedichtzeilen hinzugefügt. Tschaikowsky hat die Charakterstücke aber ohne Programmhintergedanken frei erfunden. Und Lupu spinnt feine Zusammenhänge, zeichnet liebevoll die Linien und bringt diese Stücke ganz uneitel zum Klingen. Traumhaft geht dieser Rolandseck-Abend zuende. Auch der letzte Blick von der mit Kerzen erleuchteten Bahnhofsterrasse über den vernebelten Rhein hinweg in Richtung Siebengebirge gehört dazu…

Schicksal trifft auf Staatsmacht. Gian Carlo Menottis Der Konsul bringt am Großen Haus in Mönchengladbach das menschliche Leid von Asylbewerbern nahe

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld


Die Realität hat die Neuproduktion in Mönchengladbach unverhofft eingeholt. Das Dekret der US-Regierung, muslimischen Staatsbürgern vorläufig die Einreise zu verweigern, bezieht sich auf ein restriktives Einwanderungsgesetz der McCarthy-Ära. Genau in diesem zeitlichen Umfeld entsteht Gian Carlo Menottis Der Konsul. Staatsbürger aus sieben Ländern könnte in den US amerikanischen Konsulaten also blühen, was Magda Sorel derzeit auf der Bühne in Mönchengladbach erlebt. Das sollten wir alle miterleben, um zu verstehen, um was es geht!
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 8. Februar, 5. März, 14. März, 24. März, 26. Mai, 10. Juni jeweils 19.30 Uhr
weitere Infos unter: http://theater-kr-mg.de/spielplan/inszenierung/der-konsul/

(Großes Haus in Mönchengladbach, Premiere am 4. Februar 2017) „Es steht dem amerikanischen Präsidenten zu, jeder ‘Gruppe’, deren Einreise er als ‘schädlich für die Interessen der Vereinigten Staaten’ ansieht, diese zu verweigern. Sagt das Einwanderungsgesetz von 1950. Heute morgen sind die Titelseiten voll davon, dass sich ein Bundes-Richter der aktualisierten Neuauflage dieser Restriktion durch Donald Trump widersetzt. Aber das US-Justizministerium hat bereits Berufung gegen diesen Richter eingelegt. Der Kampf geht weiter!
Was sich wie ein Kampf der Giganten in den Zeitungen mitteilt, ist im Alltag vieler Menschen grausame Härte. Darum geht es Gian Carlo Menotti in diesem Musikalischen Drama von 1952. Und miterlebt hat er es in der McCarthy Ära bei Freunden oder am Flughafen. Wie man Menschen durch die Verweigerung eines Visum, einer Ausreise-, Einreisegenehmigung, Meldebescheinigung und ohne Geburtsurkunde oder gültigen Pass zu rechtlosen Menschen macht! Sie stehen auf der Bühne vor dem übergroßen Schreibtisch der Konsulats-Sekretärin. Ausgeliefert einer Schickse mit grell blond gefärbten Haaren, grellrotem Lippenstift und im grauen Kostüm übt sie ihre Amtsmacht aus. Die Bittsteller stehen eingeschüchtert vor ihr in einer Schlange. Wenn sie drankommen, fehlt immer ein Papier. Oder sie müssen noch ein weiteres Papier ausfüllen – und wiederkommen. ‘Es kann zwei drei Monate dauern’, bis alle Papiere da sind, bekommt eine Italienerin zu hören, die zu ihrer todkranken Tochter will. ‘Da kann ich nichts tun’, ist der Sekretärin liebste Antwort. Schlimm ergeht es der vom Geheimdienst verfolgten Familie Sorel. Der Vater taucht unter, die Frau bleibt bei dem kranken Sohn. Vergeblich läuft sie gegen die Mauern des Riesenschreibtischs an. Bis sie aus Verzweiflung Selbstmord begeht.

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Oma und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Mutter und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Regisseurin Katja Bening kommt mit zwei Bühnenbilder aus, entworfen von Bühnenbildner Udo Hesse. Das ist einmal die farblose und kärgliche Dachwohnung der Sorels, die immer wieder von Geheimagenten durchsucht wird. In Melone und Kamelhaarmantel erinnern die Agenten an Sherlock-Holmes-Filme. Zuhause läuft man im Bademantel und auf Socken herum! Dann die knallrote Amtstube der Konsulatssekretärin mit Riesenschreibtisch und Riesenschubladen im Hintergrund, aus denen sogar Gestalten aussteigen können. Beide Bühnenbilder rücken im Verlauf der zwei Akte ineinander. Die Szenerie wird ein einziger Alptraum. Die Kostüme – ebenfalls von Udo Hesse, sind unauffällig. Ein Antragsteller scheint Jude zu sein, er trägt ein rundes Käppi. Die Italienerin einen Berry, Magda Sorel tritt im Trenchcoat und weiß-schwarzen Oma-Schuhen ihren Behördengang an. Gesprochen, rezitiert oder gesungen werden die Fälle vorgetragen. „Wo soll ich denn hin?“ Die Antwort der Sekretärin berührt aktuell ganz unangenehm: „gehen Sie doch dahin zurück, wo Sie herkommen!“ Klingt wie ein hämisches Echo aus dem politischen Umgang mit Flüchtlingen im hier und jetzt. Wen interessieren die Umstände, die zu diesen Schicksalen geführt haben? Sie sind übrigens auch kein Thema in diesem Drama. Der Amtsgang ist hier die Handlung. Selbst wenn einer dem anderen in der Schlange mal beisteht oder hilft, bleibt doch alles schemenhaft. Und fast pädagogisch! „Eine Anklage gegen Tyrannei in jeder Form!“, so Menotti.
Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Dramaturgisch merkwürdig ist ein Zauberer, der die Warteschlange mit Tricks unterhält und sich musikalisch zu einer Kabarett-Nummer auswächst. Hat Menotti etwa für den Erfolg seiner Anklage in den Staaten vorsorglich Entertainment eingebaut? Die Musik Menottis geriert sich überhaupt in Stilkopien und Illustrationen. Sie übernimmt nie die Regie, sondern geht mit kurzen Floskeln oder Kommentaren dazwischen, wirft einen Blick aufs Spannungsbaromenter und bleibt insgesamt Filmmusikalisch begleitend. Während der Umbauten werden Bilder einem Bühnenentwurf von 1952 projiziert. Bereits im Uraufführungsjahr ist Menottis Der Konsul nämlich in Mönchengladbach bereits das erste Mal inszeniert worden! Das soll Erwähnung finden! Klänge dazu liefern perfekt abgepasst und eingeworfen die Niederrheinischen Sinfonikern unter ihrem ersten Kapellmeister Diego Martìn-Etxebarría. Es klingt nach Bernhard Herrmanns Hitchcock-Filmmusik, oder wiegende Siciliano-Rhythmen im relativ kleinbesetzten Orchester, dann, wenn es mal um „beruhige dich!“ geht. Ein Lamento für Trauer, einen pompösen Trauermarsch. Hier und dort auch leicht jazzige Allüren. Oder das Klavier fällt mit jagenden Rhythmen ein, weil die Geheimpolizei wieder vor der Tür steht. Alle Beteiligten bringen sich mit Engagement ein. Allen voran das Ensemble mit der aus Krakau stammende Izabella Matula, mit großer Stimme stattet sie die Magda Sorel aus. Satik Tumyan hat als vermittelnde Oma im ersten Teil viel zu singen. Ihr unfreiwilliger Akzent könnte immerhin daran erinnern, dass es sich um Asylanten handelt. Der hilfsbereite Jude Kofner, Hayk Deinyan, oder Rolf Giesen, der den Geheimpolizisten und dem Zauberer seine Stimme leiht. Das englische Libretto von Menotti selbst vefasst ist ins Deutsche übersetzt worden. Schade vielleicht nur, dass das Sprechen vor allem am Anfang, an die künstliche „Opern-Spreche“ erinnert. Die Apotheose am Schluss, wenn Magda Sorel sich am Gasofen vergiftet hat und alle Gestalten tot oder lebendig sich um sie wie im Jenseits scharen, hat etwas sehr melodramatisch Überzogenes. Da reagiert die Regie vielleicht allzu sehr auf Menottis Musik, die wie in einer Nino Rota Filmmusik zu einem Visconti-Historiendrama aufdreht. Licht wirbelt durch das Dachkammer-Sekretariat. Verklärung durch Tod? Insgesamt ist das aber eine wunderbare und couragierte Produktion, mit Umsicht und Weitsicht. Die sollten sich keiner entgehen lassen. Und vor allem nicht die Mönchengladbacher selbst, die wohl aus Angst vor Neuer Musik bei der Premiere zurück geschreckt sind. Das sollten sie an den folgenden Aufführungstagen wettmachen! Das ist keine Neue Musik! Das ist eine gut durchhörbare und spannende Inszenierung…

Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ am Musiktheater im Revier! Eine eindrückliche Konfrontation mit dem Auschwitz-Horror – ohne Baracken!

Lisa und Marta, Hanna Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster

Lisa und Marta, Hannah Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster


Der wahre Horror steckt nämlich in den Köpfen! Und kann die Normalität überlagern, sie zersetzen, dann, wenn Erinnerungen wach werden. Darauf setzen Regisseurin Gabriele Rech und ihr Bühnenbildner Dirk Becker in ihrer Neu-Produktion in Gelsenkirchen.
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 5. Februar 18 Uhr, 18. Februar, 2. März, 17. März 19.30 Uhr; 2. April, 23. April, 18 Uhr
Weitere Infos unter: https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2016-17/die-passagierin

(Gelsenkirchen, 28. Januar 2017) Kann man überhaupt monströse Barbarei für die Bühne bebildern? Wirkt das opernhaft-manieristische Tun in diesem Grauen nicht zwangsläufig verharmlosend? Bei der Frankfurter Inszenierung 2015 haben die in Auschwitz spielenden Barackenszenen irgendwie schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Fast anderthalb Jahre später in Gelsenkirchen gibt es keinen Stacheldraht oder Suchscheinwerfer. Was Mieczysław Weinberg laut Szenenbeschreibung in seiner 1968 vollendeten Oper Die Passagierin in mehreren Bildern tatsächlich in den Lagerbaracken von Auschwitz gespielt wissen will, verlegt Regisseurin Gabriele Rech in die Möglichkeit der Wahrnehmung. Der Holocaust bricht durch die Vorstellung in die Normalität ein! Lisa, eine ehemalige Oberaufseherin aus Auschwitz, trifft während der Überfahrt auf einem Hochseeschiff auf die tot geglaubte KZ-Insassin Marta. Und personifiziert dringen ihre Erinnerungen in die Schiffslounge ein. In Gelsenkirchen ein Einheitsbühnenbild im 50er Jahre Ambiente: zwei hintereinander stehende aber gegeneinander verrutschte Rahmen-Perspektiven. Rechts die Bar mit Bedienung. Tische mit Stühlen. Hinten ein Podium mit Flügel für die Tanzband. Die Wohlstandsdame Lisa, die sich mit ihrem Diplomaten-Mann Walter im weißen Dinnerjacket wie wie auf einer zweiten Hochzeitsreise fühlt, sieht Marta. Marta sitzt an einem Tisch. Und während Walter um Lisa herum-swingt und galant um ein Tänzchen bittet, trifft ihr Blick auf Martas Blick. Ein ostentativer Ton hämmert aus dem Orchestergraben. Alles steht still und kehrt sich um. Ein ganz starker Moment an diesem Abend. Der noch viele starke Momente bereit hält. Der schwarze Vorhang schließt sich und Zahlen erscheinen. Die berüchtigten fünfstelligen Tätowierungsnummern werden auch über Lautsprecher durchgegeben. Vorhang hoch: und KZ-Insassinnen haben die Lounge übernommen. Sie werden drangsaliert von SS-Schergen. Lisas Mann blättert in einer Zeitung an der Bar. Er sieht und hört ja nicht, was Lisa sieht und hört. Marta beruhigt Neuankömmlinge. „Wie schmerzhaft ist es Mensch zu sein!“, singt eine Französin. „… in dieser Hölle!“ antwortet der Chor. Und immer wieder „die schwarze Todeswand…“ Es wird eine Kerze angezündet. Eine Russin hat im Kontor gestohlen und beschwört ihren Gott – auf russisch – und bittet, um einen Rest von Menschlichkeit. Die Frauenbaracken-Szene ist allerdings schon sehr lang. Und verlangt auch einiges dem Publikum ab. Der Nacken wird mit Blick auf die Übertitel etwas steif. In dem kammerspielartigen Psychogramm verzichtet Rech auf Szenenzauber, beziehungsweise Horror. Rech lässt die Menschen ganz natürlich spielen, agieren und singen, vermeidet aber allzu viel Menschelndes, das das Grauen verniedlichen könnte. Genial, wie Lisa plötzlich in ihre Vorstellung eindringt,mitmacht und sie real

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

werden lässt. Erst noch im Kleid, später in Uniform. Alles fließt, changiert und überlagert sich. So ist das mit Erinnerungen. Das gibt auch die Musik vor. Es gibt Collage-ähnliche Strecken, in denen sich verschieden tonale Schichten überlagern. Wie bei Charles Ives. Die swingig-jazzigen Passagen aus den 50er Jahren wechseln über in den Kirchenton, wenn Bronka betet. Der groteske Walzer nach der Pause ist Dmitri Schostakowitschs Jazz-Walzer abgelauscht. Schostakowitsch ist ein großer Förderer Weinbergs gewesen. Oder die innigen kammermusikalischen Streichquartettmomente, die Marta begleiten. Mindestens vier Mal bricht das Trommelfeuer der Pauken ein und setzt ein Ausrufungszeichen. Die Neue Philharmonie Westfahlen unter Valtteri Rauhalammi ist absolut präsent und wunderbar transparent. Wenn die Streicher in ihren eigenartig an Benjamin Brittens Oper Peter Grimes erinnernden aufsteigenden großen Terzenketten im unisono mal ein wenig auseinander geraten, klingt es wie beabsichtigt. Hanna Dora Sturludóttir als Lisa und Ilia Papandreou als Marta mit ihrem großen Monolog am Schluss und dem Appell, Nicht-zu-Vergeben, beziehungsweise Nicht-zu-Vergessen sind optisch wie stimmlich perfekte Antipoden. Kor-Jan Dusseljee als Walter scharwenzelt wunderbar leichtfüßig und im Tenor-Ton Dominanz-spielend herum. Dass Bariton Piotr Prochera als Häftling Tadeusz tatsächlich Bachs Chaconne auf der Bühne geigt, bevor er von den SS-Offizieren zusammen geschlagen wird, das wird man sicherlich nicht so schnell vergessen. Ein Lob an die Lagerfrauen und auch an den Chor in dieser in jeder Hinsicht lohnenden zweiten oder dritten szenischen Produktion in Deutschland. Natürlich war wie in Frankfurt auch Zofia Posmysz da, auf deren Hörspiel das Libretto dieser Oper zurück geht. Die hochbetagte inzwischen über 90jährige ist noch eine der wenigen Zeitzeuginnen, die die Hölle in Auschwitz erlebt haben. Diese Auschwitz-Oper sollte jeder gesehen haben. Das Musiktheater im Revier bietet auch ein Rahmenprogramm an.

Staatsoper Mainz: Die Gierlust des Barocken verschluckt die wahre Liebe in Christoph Willibald Glucks Oper Armide

Fette Bäuche, bebende Busen, gepuderte Fratzen – die barocke Hofgesellschaft ist in der Lesart von Regisseurin Lydia Steier und ihrem kongenialen Kostümbildner Gianluca Falaschi eine absurde Gesellschaft, die gierig völlt, an blutigen Menschengliedern knabbert, hurt und sich grotesk verrenkt.
Von Sabine Weber

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

(Mainz, 14. Januar 2017) Das Bühnenbild gestaltet Katrin Kersten als eine Halbarena. Begrenzt aus meterhoch gestapelten Truhen und Schränken im Gelsenkirchner Barockstil, weißlackiert wie Meissner Porzellan. Aus den Türen treten die grotesken Gestalten wie aus Fellinis Satyricon-Film entsprungen hervor und klettern sich in der Möbelarena halsbrecherisch ab. Oder die Bühne dreht sich und gibt die im dunklen Kontrast stehende Hinterseite gestützt durch ein Gerüst frei, sozusagen als dunkle Gegenwelt. Die Zauberin Armide und ihr Geliebter Renauld setzen sich mit dunklen Farben davor ab.

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Sie in schwarzem Seidenrock mit engem Taillenmieder und eleganter Frisur. Groß und schön ist Nadja Stefanoff, und eine wirklich beeindruckende femme forte. Ferdinand von Bothmer als Renaud im grauen Overallkampfanzug Soldatenstiefel ist dem Augenschein nach eher ein etwas weichlich wirkenden Kreuzritter. Die Gestalten stammen aus Torquato Tassos Das befreite Jerusalem, ein Versepos, das zahlreiche Opern im 17. und 18. Jahrhundert mit Figuren und Geschichten versorgt hat. Jean-Baptiste Lullys Tragédie lyrique Armide ist übrigens eine seiner besten Opern. Lully vertonte das von Philippe Quinault in ein elegantes Französisch übersetzte Libretto. Und hier setzt auch das Problem der aktuellen Opernproduktion an. Gluck greift auf eben dieses französische Libretto zurück. Er hat seine Armide-Oper ja ebenfalls für die Académie Royale in Paris komponiert, wo sie 1777 auch uraufgeführt wurde. Und da steht der akademisch verteidigte „style pur français“ vielleicht nicht mehr so noch hoch im Kurs wie zu Lullys Zeiten ungefähr 100 Jahre früher. Das perfekte Gleichgewicht von Wort und Musik war Diktat! Ein Phänomen in der Geschichte der westlichen Kultur, die ja ansonsten immer die Musik über dem Wort, über allem stehen lässt. Aber eben nicht in den Theaterstücken der französischen Klassiker Corneille, Racine oder Quinault. Nadja Stefanoff mit zwar klarem Ton und schön geformt, sie hat vielleicht nur etwas zu viel Vibrato, egal, aber ist überhaupt nicht zu verstehen! Kein Wort artikuliert sie. Konsonanten existieren für sie nicht, ebensowenig eine Phrasengestaltung als Sprechmelodie. Ferdinand von Bothmer scheint mit der Höhe seiner Partie Probleme zu haben. In Frankreich waren die Haute-Contres angesagt, die Tenöre, die extrem tief und mit Kopfstimme extrem hoch singen konnten. Bothmer scheint in der Höhe immer im Brustregister zu schreien, was seine Liebesbekundungen wohl nicht gewollt verzerrt. Das mit schönem Klang und sogar Naturtrompeten musizierende Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Clemes Schuldt klingt im Ton nicht schlecht barock – jedenfalls für ein Opernorchester, pointiert allerdings zu wenig die musikalischen Höhpunkte und könnte weit mehr Kontraste setzen in der Agogik, im Tempo und in den musikalischen Überraschungen, die Gluck durchaus serviert. Das ist keine ganz leichte Aufgabe in Glucks ungewöhnlicher Formgestalung. Alles scheint nämlich ineinander überzugehen. Fast wie in einer durchkomponierten Oper: vom Rezitativ geht’s ins Arioso und wieder in die zahlreichen Ballett-Tanzsätze. In Frankreich damals unverzichtbar.
Der Chor singt und agiert großartig. Allerdings als grotsek überbordende Lustgesellschaft mit Bubsies und Pipsis – viele der Herren hatten aus ihrem Goldröckchen einen Riesenphallus hervorstehen – wirkt auf Dauer doch ermüdend. Vor allem weil die Musik im Gestus fast immer ernst und dramatisch ist. Völlig übergangen wird, dass die angeblich überbordende Barockzeit doch auch das Zeitalter der Vernunft und des philsosophischen wie naturwissenschaftlichen Diskurses gewesen. Und die emotional erstaunlich berührende Geschichte einer Frau, die sich endlich traut zu lieben und dann nicht lieben darf, weil ihr Geliebter schlussendlich doch für die Gloire, sprich, den Kriegsruhm wieder abzieht, ist aktueller denn je! Gelungen ist die Matapher des Käfigs, in dem erst die Herren als Opfer stecken, eine Beute der nicht-lieben-wollenden Armide, der später hereingeschoben wird, damit Armide im Schlussbild darin eingesperrt wird.
Die Lustdame in Aktion. Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Die Lustdame in Aktion.
Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Großartig gelingt auch das Plaisir-Quartett im zweiten Teil nach der Pause mit den beiden Lustdamen. Witzig gespielt von Maren Schwier und vor allem Alexandra Samouilidou, die mit perfekter Aussprache auffällt. Als fesche Lolas mit Zylinder bezirzen sie abwechselnd einen der Begleiter Renauds, der vom jeweils anderen männlichen Partner wieder zur Raison gerufen wird. Das ist eine von Gluck richtig komödiantisch angelegte Szene und geht in der Regie von Lydia Steier auf. Über weiter Strecken laufen ihre grotesken Bilder allerdings ins Leere. Zu einer Gesellschaftskritik taugt ihr Klamauk diesmal wenig. Aber das Publikum reagierte beteistert mit großem Applaus. Seit der großartigen Pérelà-Inszenierung vor drei Jahren haben Steier und Falaschi hier Kultstatus!

Clash der Geschlechter und das Rad hämmert immer schneller!

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren Foto: Tommy Hetzel

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren
Foto: Tommy Hetzel

Im Staatenhaus bricht Peter Konwitschny Wolfgang Rihms „Die Eroberung von Mexicos“ zum letzten Mal auf Sex-Klischees herunter. Intendant-Regisseur Stefan Bachmann hat für den weiblichen Anteil der Lehman Brothers im Schauspiel-Depot nur Männer übrig. Am Wochenende hat es heftig gewittert!
(Von Sabine Weber)

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma Foto: Paul Leclaire

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma
Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez. Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez.
Foto: Paul Leclaire


(Köln, 27.05. und 29.05.2016). Manchmal lohnt es sich in Kölner Opern-Dernieren zu gehen und sie als Teil eines großen Ganzen zu erleben! So beginnt die letzte Vorstellung von Wolfgang Rihms Die Eroberung von Mexico mit zwei Perkussionisten links und rechts außen. Das Orchester ist im Staatenhaus weitläufig auseinandergezogen ganz vorn aufgebaut. Dahinter überall schrottreife Autos. Darüber eine Puppenstube geklatscht. Spießig weiß gelackt. Und die beiden Perkussionisten trommeln wie die Teufel. Derweil unterhält sich das bereits sitzende Publikum noch entspannt. Bis am Ende der ersten Salve beim Abschlagen von Dirigent Alejo Pérez doch etwas auffällt. Die letzten Mobilfunktelefone neben mir werden hastig ausgeschaltet. Es hat schon begonnen! Das ist seit der Uraufführung vom konzertanten Köln Ring von Philipp Manoury voriges Wochenende in der Köln Philharmonie wohl neuer Standard. Auch dort hat die Musik schon den Raum von allen sichtbaren und unsichtbaren Seiten her erfasst. Während einige noch auflaufen: auch einige Musiker des Gürzenich-Orchesters sind noch nicht angekommen, Zuhörer, Publikum. Der Kölner GMD François-Xavier Roth fällt vorn auf dem Dirigierpodium, zusammengefaltet wie er da sitzt, kaum auf. Wann ist er denn hinein geschlichen? In Köln ist Musik eben immer schon da! Ein klingender Urzustand. Bei Manoury im Raum. Energetisch aufgeladen bei Rihm wie der Konflikt, den Peter Konwitschny verstörend im Staatenhaus ins Bild setzt. Frau – Mann, nichts als eine Geschichte sexistischer Klischees. Sie will reden und auf Beziehung machen. Er will harten Sex. Sie schmeißt ihn raus, er kommt mit einer ganzen Horde geiler Männer – einem grölenden Raumchor zurück. Sie bekommt Unterstützung von zwei Frauen und prügelt sich mit ihm. Alles in der gelackten Puppenstube vor Ikea-Regal. Die Männer machen Selfis vor blutender Nase und stoßen an mit Bierflaschen. Mann: Eroberer Cortez. Frau: Montezuma. Der unterlegene Atztekenherrscher als Frau? Die Verlierer in der Weltgeschichte sind ja meist Frauen. So kann Weltgeschichte oder die Eroberung eines Kontinents von Europa aus dann auch begriffen werden. Als permanente Grenzverletzung, mit der bestenfalls nach dem Tod Frieden gemacht wird. Deren Altlasten freilich den Nachgeborenen überlassen bleiben. Beindruckend, wie Konwitschny zu verschwurbelt kryptisch anmutenden Sentenzen des Librettos (Textpassagen von Antonin Artaud und Ocatvio Paz) seinen heftigen Bilderbogen erfindet. Konwitschny bricht den lyrischen Ausdruck gnadenlos runter. Und passgenau zu einzelnen Reizwörtern und zu der energetisch klanggewaltigen Musik. Wie Rihm perkussiv-rhythmische Urkraft entfesselt ist seit seinem Tutuguri- Ballett Anfang der 1980er bekannt. Als die Männerhorde in die Puppenstube einfällt und die Frau massenvergewaltigt wird, rennt das junge Pärchen vor mir entsetzt raus! Später auch noch zwei betagte Damen. Aggressionen und Gewalt können wir wohl nicht mehr! Obwohl es eine Realität, der wir ins Auge schauen müssten. Konwitschny hat bei seiner Regie wohl kaum an die Kölner Silvesterereignisse gedacht. Und auch nicht an die Massenvergewaltigung einer 16jährigen in Rio de Janeiro, wovon die Zeitungen heute berichten. Die beteiligten Jugendlichen haben ein Video davon ins Internet gestellt, lese ich. Da müssen wir uns doch überlegen, wie wir uns dazu verhalten. Auch wenn Konwitschnys knallroter Porsche mit quasi nackten Prostituierten gefüllt – spärlich goldene Körperbemalung sind wohl ein Hinweis auf das erbeutete mexikanische Gold der Spanier – dagegen geradezu spießig Gartenzwergenhaft wirkt. Nicht-los lässt der musikalische Spannungsbogen Dank der auch im Raum verteilten Musiker, eine ihre Rolle als Frau auch Samttönig verteidigende Ausrine Stundyte verstärkt durch die grell-hysterische Koloratursopranistin Susann Andersson und Altistin Kismara Pessatt. Sowie Miljenko Turk als Macho-Mann mit den hechelnden und röchelnden Sprechern Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz auf seiner Seite.
Geradezu moderat sind die zwei Stunden Musik im Vergleich zu den 3einviertel Stunden, die die Lehman Brothers. im Kölner Depot 1 zwei Tage zuvor verlangen, um das Rad ihrer Geschichte zu überdrehen und in einer Finanzblase unterzugehen. Einzig ein sich drehendes Eisenrad mit Hämmern füllt die Bühne. Und dreht sich, je nach dem wie schnell die Lehmans es in Alabama oder New York anwerfen. Zum Schluss so schnell, dass die Altgwordenen kaum mehr durch die wild schlagenden Hämmer nach vorne durch kommen. Auch diese Eroberer – namens Lehman – kommen ursprünglich aus Europa. Sogar aus Deutschland, aus dem tiefsten Bayern. Dort wurden sie natürlich noch mit zwei „n“ geschrieben. Und das Unwetter in Deutschland hat über und in dieser grandios wie subtil inszenierten, vor allem von der schauspielerischen Virtuosität aller Beteiligten gespeisten Inszenierung getobt. Passgenau, als wäre das sich entladende Gewitter Teil der Regie! In Köln ist viel zu haben!

Nie mehr Kundry! Auf den Berliner Festtagen verabschiedet sich Waltraud Meier von ihrer Lebensrolle

von Sabine Weber

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli © Ruth Walz


(Berliner Staatsoper im Schiller Theater, 25.3.2016) Mit Weihe und Karfreitagsallüre empfiehlt sich Richard Wagners Parsifal ja als die Karfreitags-Oper. Entschuldigung: Bühnenweihfestspiel! Seit dem Fall des Bayreuther Verbots, den Parsifal nicht anderweitig aufführen zu dürfen – das war 1914 – folgen auf Wagner setzende Opernhäuser dieser Empfehlung weidlich. Auf den diesjährigen Berliner Festtagen läuten die Karfreitagsglocken wieder heftig. Es tönt unter Maestro Barenboim auch äußerst weihevoll aus Graben. Das Publikum wird mit den ersten fragend, klagend, schmerzhaft geformten Unisono-Gesten der Partitur sofort auf sich selbst zurück geworfen, den tieferen Sinn von Mitleid, Wissen und „Zeit wird hier zu Raum“ in sich zu erforschen. Wenn der Vorhang andernorts beim Vorspiel hoch geht, damit pantomimisches Spiel Deutungshoheit bekommt, wird in Berlin der Vorhang erst mal wieder geschlossen. Wissen im demütig verinnerlichten Hörvollzug! Eine romanische Krypta als konspirativer Treff der Gralsritter von Regisseur Dmitri Tcherniakov gestaltet, die sieht man ja auch noch lang genug in den folgenden Akten. Auch die wirre Rasputin-Gefolgschaft oder sind es die Bauern aus Die Brüder Karamasow? Sicherlich hat der ein oder andere sowieso die Premiere dieser Parsifal-Inszenierung bereits auf den letzten Berliner Festtagen im vergangenen Jahr erlebt, mit fast identischer Besetzung. Fast. Denn an diesem Karfreitag singt Waltraud Meier die Kundry. Die große Wagnersängerin Waltraud Meier!
Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Eine schöne Frau mit Schmerz und Aussage im Gesicht, mit betörenden Weichheit und Wucht in der Stimme. Die lange Pause nach ihrem erschütternden Geständnis, dass sie den Gekreuzigten verlacht hat, prägt sich als einer der prägendsten Momente an diesem Abend überhaupt ein. Wie sie diese Rolle als 60jährige souverän im Griff hat! Es ist ihre Lebensrolle. Mit dieser Partie ist die Mezzosopranistin aus Würzburg 1983 in ihre Weltkarriere von Bayreuth aus gestartet. 1993 wechselt sie zur Isolde in der Bayreuther Heiner Müller Inszenierung. Daniel Barenboim steht im Graben! Mit ihm als Dirigenten verbindet sie eine lange fruchtbare Zusammenarbeit. Wie sie ihm vertraut, sich von ihm mitreißen und tragen lässt, ist an diesem Abend offenkundig. Das ist ein glänzender Abschied von der Rolle einer geschundenen Frau. Geächtet, büßend, instrumentalisiert, verführerisch. Und nach Erlösung schmachtend. In Tcherniakovs Inszenierung steht im dritten Akt ihre Wiederbegegnung mit Parsifal im Zentrum und unausgesprochene – vergeistigte? – Liebe im Mittelpunkt. Der Hüne René Pape, als Gurnemanz zu einem Harry Rowohlt veraltet, steht mit all seinen Erklärungen hilflos im Hintergrund, hinter dem sich liebend anblickenden Paar, auf das sich alle Augen richten. Andreas Schager als Parsifal hat seinen Pumuckellook mit Kapuzenpulli über Shorts auch endlich abgelegt. Die Kostümierung als jugendlich Torenhafter Draufgänger ist ja sinnreich. Aber irgendwie widerspricht der Anblick doch dem, was seine gewaltige Stimme die ganze Zeit zu bieten hat. Ein rundes Volumen, das die Staatskapelle mühelos übertönt, dabei aber immer Klangrundheit behält. Sonor gestalteten Kantilenen in der Mittellage und auch noch tragend im piano. Kundry und Parsifal, ein Jahrhundertliebespaar! Zum ersten und zum letzten Mal an diesen Berliner Festtagen. Aber der Senkrechtstarter Andreas Schager hat sich für die internationale Wagnerbühne einmal mehr empfohlen. Und ist bereits für den Berliner-Festtagen-Parsifal im nächsten Jahr gebucht. Waltraud Meiers Kundry wird endgültig Legende. Ihre großartige Stimme bleibt uns fürs Liedrepertoire und vielleicht doch noch in der ein oder anderen Wagnerrolle erhalten.

Richard Strauss-Segen in Dortmund und in Viersen!

Die Dortmunder Oper feiert den 50. Geburtstag ihres Opernhauses mit dem Rosenkavalier. In der Festhalle in Viersen glänzt das WDR Sinfonieorchester Köln mit der Rosenkavaliersuite und Hanna-Elisabeth Müller mit den Vier letzten Liedern.
Von Sabine Weber

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!


(Viersen, Dortmund 11./12. März 2016) Mit 10 Cent gehört er Ihnen! Der grell orangefarbenen Spintschrank. Einmalig in einem Opernhaus… Seit über 32 Jahren verzichtet die Dortmunder Oper auf Garderobieren wie mir die Servicefrau hinter dem Bartresen versichert. Solange bedient sie nämlich hier schon. Ob das von Anfang an so war, konnte ich nicht herausfinden. Aber soviel ist klar: im Montan–geprägten Dortmund gehören Spinte nicht nur in die Zeche, sondern auch ins Opernhaus. Seit 1966 steht es. Die Betonkuppel, die auf drei Punkten balanciert und den Zuschauerraum schildkrötenartig überwölbt. Und der mächtige Querbaukasten dahinter. Das Bühnenhaus mit typischen Nachkriegs-Reliefplatten, wie man sie von Hortenkaufhäusern her kennt.
Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Viel Kunst am Bau gibt es innen: Milchstraßenbeleuchtungen auf goldenen Wandreliefs, Eisentüren vom Kunstschlosser.
Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Joseph Beuys hat sogar einen Skulpturentwurf für den Vorplatz eingereicht. Aber er ist schon in der ersten Runde raus gefallen. Da ärgert sich heute so mancher. Kann doch das Theater im Revier heute mit Yves-Klein-Blau-Bildern protzen. Den damals ebenfalls noch unbekannten Franzosen gewinnt der für Gelsenkirchen arbeitende Architekt Ruhnau als Mitarbeiter. Aber der anstelle von Beuys errichtete Gliederturm über Brunnen von Günter Ferdinand Ris ist auch nicht mehr da. Er hat Wasserschäden in der darunterliegenden Tiefgaragen verursacht. Fott damit! Anekdoten über eine Nachkriegsarchitektur aus der NRW-Opernhaussammlung. Die Entstehungsgeschichte ist derzeit übrigens in einer mit vielen interessanten Bild und Zeitzeugendokumenten versehenen Ausstellung im Opernhausfoyer nach zu verfolgen. Zur Feier von 50 Jahre Dortmunder Opernhaus ist außerdem eine riesige Opernhaustorte ins Foyer gefahren und vom Publikum goutiert worden. Danach gab’s Richard Strauss’ Rosenkavalier. Das Haus hat am 3. März 1966 mit dem Rosenkavalier, Elisabeth Grümmer als Marschallin und Liselotte Hammes als Sophie, seine Nachkriegsgeschichte begonnen. Das 50 Jahre Jubiläums Ensemble, dasselbe, das auch bei der Premiere im letzten Jahr gesungen hat, darf sicherlich auch als Glücksfall bezeichnet werden. Fürstlich und mit warmem Timbre zum Nachdenken einladend Emily Newton als Marschallin. Wie ein „Bub“ zwar aber mit einnehmendem Charme Ileana Mateescu in der Hosenrolle des Octavian, ein bisschen jugendlich schrill Ashley Thouret als mädchenhafte Sophie und ganz wunderbar mit wienerischem Schmäh-Akzent Karl-Heinz Lehner als sexgeiler Lederhosen-Ochs. Die Inszenierung von Intendant Jens-Daniel Herzog mit Milchstraßengeflimmer im Hintergrund in der ersten und der letzten Szene zeichnet sich vor allem durch spielfreudige Personenregie aus. Der Orchesterklang leider a bisserl trocken, wie oft in diesen Nachkriegsopernhäusern – auch wenn die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz beherzt aufspielen. Ganz wunderbar auch die Instrumentalsolisten. Aber es hat im Tutti dann doch ein wenig die nötige Elastizität gefehlt, die es für den Strauss’schen Walzertakt braucht.
Das ist vergessen, wenn Celesta und Harfen die verrückten Silberklänge im Schlussbild nur so regnen lassen.
Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Nach dem Damenterzett schwebt jeder sowieso schon im Himmel.
Und vielleicht haben in meinen Ohren ja noch die Rosenkavaliersuiten-Töne vom WDR Sinfonieorchester Köln vom Abend davor fest gehangen. Die haben soviel intensiver im Ohr geklungen. Das hat sicherlich mit der einmaligen Akustik der Festhalle in Viersen zu tun. 1913 haben sich die Viersener Bürger dieses Festhalle gebaut.
Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Glücklicherweise in Schuhkartonform. Bis auf den heutigen Tag die beste Garantie für ideale akustische Verhältnisse.
Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum

Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum


Das ist mit ein Grund gewesen, warum in der Nachkriegszeit alle großen Orchester in der Festhalle Viersen Station gemacht haben. Die Berliner Philharmoniker sind sogar nach Viersen gereist, um hier aufzunehmen. Die Festhalle ist ja auch eine der wenigen deutschen Opern- und Konzerthäuser gewesen, die im Krieg nicht in Trümmer versunken sind. Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller ist der Star des Abends. Mit ungemein dramatischem Timbre weiß die Anfang 30jährige ihre Stimme dennoch leicht und lyrisch zu führen. Das brauchen diese mit Licht durchfluteten melancholischen Gesänge. Da tut sogar eine leichte Unbeteiligtkeit gut, wenn Tonlinien wie in Trance gestaltet werden. Aber die Stimme darf nie im Orchester versinken. Eine Balance, die in Viersen zwischen Hanna-Elisabeth Müller und dem Orchester geradezu traumhaft gelingt. Das WDR Sinfonieorchester Köln unter Dirigent Eivind Aadland begleitet hinreißend. Der erste Hornist ist eine Wucht, aber auch die anderen Solisten, das ganze Orchester. Auch Mozarts Titus-Ouvertüre ist ein Aufmacher mit Paukenschlag. Oder Mozarts Sinfonie Nummer 29 in A-Dur nach der Pause. Die Streicher sind exakt zusammen. Und kein Kiekser bei den beiden Hörnern! Die Hornpartien sollen extrem heikel sein. Und dann zum Riesen-Nachtisch die Rosenkavaliersuite – ein einziger Gesang – wie Filmmusik zu einer Liebesgeschichte mit Walzern und, ja, diesen einmaligen Silberklängen. So etwas konnte sich nur ein Richard Strauss einfallen lassen. Allerdings fehlen auch in Viersen die allerletzten 5 Prozent an Flexibilität, sodass die Walzer mit Verzögerungen und Accelarandi unangestrengt spielend auch wirklich schwingen können. Die fast 1000 Viersener applaudieren in der ausverkauften Festhalle restlos begeistert. Vielleicht sind die restlichen 5 Prozent im Konzert am nächsten Tag in Duisburg da gewesen?

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

Handwerker als Musiker? In der Sinfonia da Experimentum mundi in Münster von Giorgio Battistelli

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Ein Experiment-Konzert im Theater Münster
von Sabine Weber

Das hatte also nichts mit Karneval zu tun, dass da am 9. Februar, Karnevalsdienstag einige Musiker inmitten des Sinfonieorchester Münsters in Bäckerschürze und Holzfällerhemd über Arbeitshose gestanden haben. Das sind Handwerksmusiker gewesen! 1981 hat Giorgio Battistelli sein Experimentum mundi mit 16 Handwerker, einem Schlagzeuger, einem Schauspieler und rezitierende Stimmen auf der Bühne des Teatro Olympico in Rom uraufgeführt. Die Idee: Handwerker gehen lautstark ihrem Gewerk nach und machen mit ihren Rhythmen Musik. Das Stück ist so erfolgreich, dass Giorgio Battistelli es in den letzten gut 35 Jahren weltweit immer wieder aufgeführt hat. Selbstverständlich mit den Handwerkern aus seinem Heimatort Albano Laziale, für die er dieses Stück auch konzipiert hat. Und wenn an deren Werkstätten “Geschlossen” steht, sind die Handwerker wieder auf Musiktournee. Doch damit könnte Schluss sein. Denn für die Neufassung für Orchester, die jetzt in Münster uraufgeführt wurde, sind HandwerkerInnen aus Münster und Umgebung angefragt worden. Nur die Küfer mussten aus Italien eingeflogen werden. Und ihr 1000 Literfass.
Was deutsche Handwerker davon halten, dass sie musikalisch in einem Sinfonieorchester auftreten, das habe ich sie auf vor der Generalprobe gefragt.

CD Favoriten!

Dass sich wunder alle Welt. Lieder zum Advent mit Les Escapades. Christophorus CHR77287.
Himmlische Weyhnacht. Festliche Gesänge von Luther bis Bach mit Bell’Arte Salzburg. Berlin Classics 0300687BC
(von Sabine Weber)

Am Wochende ist erster Advent! Und die Weihnachtsmärkte puffen diese Botschaft schon mächtig durch die Luft. Tee-, Glühwein-, Wurst- und so allerlei Fressständen durchziehen bereits die Plätze. Zu überhören ist es auch nicht. In Popversion dudeln die klassischen Weihnachtslieder im schlimmsten und häufigsten Fall verkitscht vorgetragen von Rudi Carell- oder Nico Haak – Klonen. Jedenfalls ist das so in der Kölner Innenstadt. Da scheint es geboten daran zu erinnern, was es mit den klassischen Advents- und Weihnachtsliedern eigentlich auf sich hat. Wann und vor allem wie sie auch klingen können. Diese Zeit hat einen musikalisch reichhaltigen Klangschatz über Jahrhunderte geprägt.
Dass sich wunder alle Welt
Das süddeutsche Ensemble Les Escapades durchzieht seine Adventsmusik mit sanft säuselnden Gambenklängen. Die vier Damen sind im Andachtsfundus von Renaisance und Frühbarock aber auch in der Gregorianik fündig geworden. Vom Norddeutschen bis in die frankoflämischen Kulturzonen reicht das hier präsentierte Repertoire. Und weil es im Advent heilsgeschichtlich um das Wachen, Warten und Erwarten geht, wird hier die Zeit mit kleinen feinen Suitensätzen vom Violinvirtuosen Johann Schop oder mit einer Paduan und einer Canzone vom norddeutschen Organisten Johann Crabbe, einem Studienkollegen von Heinrich Schütz, versüßt. Die Klänge eines Orgelportativs unterstützen den sakralen Charakter dieser zur Einkehr einladenden Übung. Die Orgel bekommt auch zwei kleine solistische Auftritte. In die Andachtsthematik führt natürlich vor allem die wortgebundene Musik ein. Das Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland liefert gleich in der ersten Strophe auch den CD Titel. Es ist eines der berühmtesten und beliebtesten um 1600. Selbst Johann Sebastian Bach greift ein letztes Mal auf die eigenartig archaisch klingende dorische Melodie zurück und verarbeitet sie zu einer Kirchenkantate (BWV 61). Längst haben Lukas Osiander, ein Balthasar Resinarius oder Andreas Raselius den protestantischen Advents-Hit mit eigenen mehrstimmige Begleitsätzen unterfüttert. Les Escapades lässt sie abwechselnd klingen und begleitet Sopranistin Miraim Feuersinger – Schade, dass sie trotz der einfachen Melodie so Textunverständlich singt – und Tenor Daniel Schreiber. Die Strophen werden auch durch reine Instrumentalfassungen abgewechselt. Ein abwechslungsreiches Konzept auch beim Zuhören. Dieses Lied ist in Leipzig an allen vier Adventssonntagen gesungen worden. Les Escapades ordnet es dem ersten Adventssontag zu, der wie die drei folgenden mit einer gregorianischen Choralzeile beginnt. Das auch bekannte Renaissance-Hits in die protestantische Adventsliedkultur hineingeschleus tworden sind, ist die Überraschung im zweite Block. Das Adventslied Mit Enrst, O Menschenkinder zitiert die berühmte La Monica oder La Monaca – Melodie. Mit dem Booklet-Text kann sich weiter in die geistlichen Bedeutungen der einzelnen Adventsthematiken vertieft werden. Ein feines und gelungenes Adventstprojekt in jeder Hinsicht. Es lädt vor allem dazu ein das zu tun, wozu die Adventszeit ihrer Bedeutung nach dienen sollte, zur Einkehr, Besinnung und Vorbereitung auf ein Wunder mit großer heilsgeschichtlicher Bedeutung. Himmlische Weynacht Annegret Siedel und Bell’Arte Salzburg greifen in die Vollen und haben im Hinblick auf das Wunder des Weihnachtsfest hauptsächlich festliche Gesänge in Barock-Bearbeitungen ausgesucht.Im Mittelpunkt steht der Martin Luther-Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her. Also die Engelserscheinung oder Verkündigung der Frohen Botschaft an die Hirten. Sie wird in verschiedenen hier vorgestellten Bearbeitungen von virtuosem Violinspiel begleitet. In einigen Stücken ergänzt um eine zweite Violine, eine Tenorviola und eine Barocktrompete. Letzteres sorgt für eine strahlende, festliche Note! Auch hier singt die Sopranistin Marie Luise Werneburg mit schöner schlanker Stimme aber leider wieder völlig Textunverständlich. Das ist vor allem sehr Schade beim Magnificat von Heinrich Schütz SWV 344. Dazu erklärt auch noch der CD-Booklettext, dass Schütz eine natürlich betonte, gut verständliche Sprache und die konsequente musikalische Ausdeutung der Textaussage gefordert habe! Dagegen strahlt Bassist Klaus Mertens umso mehr in Wort und Ton und Koloratur in Nicolaus Bruhns Mein Herz ist bereit. Wenn er das „Wache auf“ schmettert, dürfte jeder Zuhörer aufschrecken. Diese Psalmenvertonung wird von einem virtuosen Violinsolo eingeleitet, ganz im Stile der Wiener Schmelzer-Biber Tradition. Das liegt Annegret Siedel natürlich, die ja bereits Heinrich Ignaz Franz Bibers schwindelerregend virtuose Rosenkranzsonaten aufgenommen hat. In Fürchtet euch nicht von dem in Dresden wirkenden Christoph Bernhard schwingt der Basso continuo mit Orgel und Viola da gamba im wiegenden Siciliano-Rhythums unter der Violine und dem Sopran. Eine sehr französisch klingende Chaconne eines Anonymus lädt zu einer fast zwanzig Minuten dauernden Meditation über die vier absteigenden Basstöne ein. Der Choral Wie schön leuchtet uns der Morgenstern wird in Zwischenteilen hineingespielt und zwar in Bearbeitungen von Thomas Selle, Heinrich Scheidemann oder Jan Peterson Sweelinck. Die festlichen Klänge enden dann doch besinnlich. Die letzten Strophen von Vom Himmel hoch sind das Schlusswort. Sie kommen in Trio-Versionen von Johann Walter und Johann Pachelbel, die die Melodie als Cantus firmus nutzen für Streicherornamentierungen. Eine sehr homogene Ensembleleistung mit kleinen hochvirtuosen Geigeneinsätzen und weihnachtlichem Esprit in Pralinendosierung!