Das 5. Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik öffnet seine Tore mit einem fulminant aufspielenden New York Philharmonic!

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonic begeistert in der Kölner Philharmonie

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonics begeistert in der Kölner Philharmonie. Foto: Chris Lee


Musik. Politik? Lautet das Motto in diesem Jahr. Musik kann bewusst oder unbewusst ins Fahrwasser einer politischen Aussage rücken. Komponisten nehmen eine politische Haltung ein. So der niederländische Komponist Louis Andriessen in den 1970ern. Ihm ist eine kleine Werkschau gewidmet. Mit 23 Uraufführungen, darunter eine Serie von 11 Hymnen für ein nicht existierendes Land wird aber auch aktuell zu Stellungnahmen aufgefordert!
Von Sabine Weber

(Köln, 4. Mai) Köln ist im Aufruhr. Achtbrücken läuft rund um die Uhr. In der Traumnacht vom 2. auf den 3. Mai sind im Foyer der Kölner Philharmonie und der Kölner Musikhochschule Utopieentwürfe zu musikalisch artikulierten besseren Welten 24 Stunden lang gefragt gewesen. Über die Kölner Philharmonie hinaus lockt das Festival bis zum 10. Mai an verschiedene Orte. In die Industriebrache im Kalker Depot, wo derzeit das Schauspiel seine Interimsstätte unterhält. Das Kölner Rathaus wird erobert. Neue Musik, die nach neuen Formaten sucht und experimentiert, sucht ihre eigenen Szenarien. Und findet sie in Köln! Im On@Acht Brücken Vorprogramm in der Hochschule für Medien, der Trinitatiskirche und der Kunststation Sankt Peter. Es gibt junge Ensembles zu entdecken. Manche punkten zwar mehr mit ihrem Namen und elektronisch aufgemucktem Equipment als mit ihrer Darbietung. Andere wie das Ensemble BruCH, ein Flötentrio plus Stimme, überrascht mit einem exquisit ausgefeilten Programm. Hans Zenders Naturmediation Muji no Kyō zu kalligraphisch projizierten Bilder vermittelt Sängerin Maria Heeschen in Haiku-artig reduzierten Einwürfen von der Empore der Trinitatiskirche aus. Die Flötistin bläst von der Kanzel. In Helmut Lachenmanns temA wird erlebbar, was Stimme und Instrumente am Klangansatz vermögen. Und die erste Hymnenuraufführung von Julien Jamet zu einem ziemlich verkopften Text von Jacques Roubab spielt mit leisen Echoeffekten im Kirchenraum.
Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche

Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche


Kräftige Live-Elektronik gibt es anschließend in der Kunststation Sankt Peter, wo das Publikum um eine Installation von riesigen Erdwürfeln sitzt. Posaunist Matthias Muche, Improvisationskünstler Simon Rummel mit Sven Hahne am Laptop und Dominik Sustek an der Orgel inszenieren Vinko Globokars Ensembleimprovisation Individuunm – Continuum. Der Einsatz von optischen Plexiglas-Schalltrichter, an die sich Blechbläser „anschlauchen“, fällt in der Uraufführung von Matthias Muches Beller allerdings eher optisch auf. Was politische Musik sein kann machen an diesem Vorabend Werke des Altmeisters Luigi Nono deutlich. Für die Live-Elektronik und die Tonbänder zu Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz von 1966 oder das unerträgliche Arbeitsbedingungen anprangernde La fabbrica illuminata von 1964, ist eigens das Experimentalstudio des SWR angereist.
Der offizielle Auftakt in der Philharmonie am 1. Mai gehört dem New York Philharmonic. Das Achtbrückenfestival ist ja 2011 aus der MusikTriennale Köln hervorgegangen, das große Orchester in den heimischen Konzertsaal gelockt hat. Das New York Philharmonic zählt zu den Big Five. Chefdirigent Alan Gilbert ist ein Zögling des Orchesters, denn beide Eltern spielten mit. Und unter seiner Leitung versteht sich das Orchester auch ganz vorzüglich auf Neue Musik. Wie orchestrale Wucht sich nahtlos in ein Solo verflüchtigen kann, führen die New Yorker in dem schwelgerischen Eröffnungsstück mit sechs Hörnern von Esa-Pekka Salonen vor. Nyx aus dem Jahr 2011 handelt von einer Nachtgöttin. Und da geben sich nicht nur Celesta und Harfe ein perfektes Stelldichein. Selten hat man so einen weich zeichnenden Klarinettisten gehört, wie an diesem Abend. Dann bringen die New Yorker den Kölnern mit der Konzersuite zu Der wunderbare Mandarin ein altes Skandalstück mit grandios umgesetzter Bartok’sche Wucht in Erinnerung. Großartig wieder die Soli der Holzbläser, allen voran des Klarinettisten und auch der jaulenden Posaunen und Tuba. Die Uraufführung von Peter Eötvös’ Senza Sangue für zwei Sänger und Orchester nach der Pause könnte man als Geschenk des Orchesters an das Festival bezeichnen. Die Initialzündung zu dieser Uraufführung hat in New York stattgefunden, wie Eötvös in einem Artikel im Programmbuch berichtet. Der in einer New York–Köln-Kooperation gestemmte Operneinakter nach einer Novelle von Alessandro Baricco ist ein sich um Rache drehender Psychokrimi! Anne Sofie von Otter und der kanadische Bariton Russell Braun begegnen sich als Opfer und Täter. Zunächst in einer banalen Szene. Dann tauchen sie in die Vergangenheit ab. Sie entlarven sich freiwillig-unfreiwillig in ein politisches Verbrechen verstrickt, wobei sich das traumatisierte Opfer zu einer akut gefährlichen Rächerin verwandelt. Es bleibt aber offen, ob sich das ehemalige Opfer auch an diesem letzten Schuldigen rächt oder dem Stockholmsyndrom folgend mit dem einstigen Täter vereint … Eötvös begleitet den rein dialogisch vermittelten “Psychotripp” in eine traumatisierende Vergangenheit mit einer teilweise an Eötvös’ Landsmann Bartok erinnernden Musik. Eötvös hat diesen Einakter ja auch als abendfüllendes Ergänzungsstück zu Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg komponiert – ebenfalls ein Psychostück mit sich enthüllenden grauenvollen Geheimnissen zwischen Mann und Frau. Eötvös’ Musik hat von Anfang an etwas psychophobes und infiltriert das Unbehagen ins Unterbewusstsein, wobei sie fast filmmusikalisch die Spannung bis zum letzten Moment hält. Manches Mal vielleicht etwas zu lautstark für die Mezzosopranistin. Die Inszenierung hat man jedenfalls nicht vermisst! Großen Applaus gab es für die Solisten und das Orchester. Und für den auf die Bühne tretenden Komponisten, der ja lange Zeit in Köln gewirkt hat, als die Neue Musik hier besondere Bahnen gebrochen hat!

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