Das lange Sterben des G. v. Aschenbach! Die Deutsche Oper am Rhein zeigt Benjamin Brittens Death in Venice inszeniert von Immo Karaman

Raymond Very (Gustav von Aschenbach), Peter Savidge (Der Alte Gondoliere) Foto: Hans Jörg Michel

Raymond Very (Gustav von Aschenbach), Peter Savidge (Der Gondoliere) Foto: Hans Jörg Michel

Körperkult? Päderastie? Oder die Sinnsuche im ewig Schönen? Der römische Kaiser Hadrian hat seinen jungen Geliebten Antoninous vergöttert, ihm sogar Tempel gebaut. Die Knabenliebe ist bereits in der altgriechischen Kultur geheiligt worden und mit dem Gütesiegel des „pädagogischen Eros!“ geadelt worden. Heutzutage trifft die moralische Entrüsung nicht nur einen ehemaligen deutschen Abgeordneten. Auch eine Ausstellung des Malers Balthus im Folkwang-Museum ist wegen möglicher Missbrauchsvorwürfen im März diesen Jahres abgesagt worden. Vor gut 40 Jahren hat Benjamin Britten die abgöttische Verliebtheit eines alten Künstlers zu einem Jungen in einer Oper thematisiert. Thomas Manns Tod in Venedig war die Vorlage für seine letztes Bühnenwerk.
Von Sabine Weber

(Düsseldorf, 18. Juni) Im Laufe der fast 3 Stunden verlässt einen zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass sich hier einer erklären muss. Die dem Schriftsteller Gustav Aschenbach in den Mund gelegten Selbstbekenntnisse gehen über die fiktive Bühnenperson hinaus. „Leidenschaft ist Wissen … Sympathie Abgrund…“ Des öfteren blickt und hört man in düster-eratische, daher auch ermüdende Zustände einer gequälten Seele hinein. Die Oper ist ein riesiger selbstquälerischer Monolog. Scheint es am Anfang das Leid der versiegenden Schaffenskraft zu sein – dem Schriftsteller fehlen die Worte. So ist es bald die verzweifelte Leidenschaft zu Tadziu, einem Jungen, der ebenfalls im Hotel de Bain am Lido von Venedig logiert. Hat sich Britten nicht immer wieder mit jungen Sängern angefreundet, für die er auch Rollen schrieb? Eines seiner besten Werke, Young perons’s guide hat er ebenfalls für Jugendliche geschrieben. In den vorausgegangenen Opern mussten seine Jungs aber immer umkommen. Oft schon ist darüber diskutiert worden, dass Britten sich selbst mit den Opfern identifiziert haben könnte. In Peter Grimes mit dem Lehrjungen, Billy Budd, der Titelfigur oder Miles in The turn of the screw. Dieses Mal muss er als alter Mann sterben. Die anspruchsvolle Partie des Aschenbach hat Britten übrigens seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears auf den Leib geschrieben. Beide wussten, dass mit Death in Venice der Schlusspunkt unter ihre 35jährige Zusammenarbeit gesetzt würde. Drei Jahre nach Vollendung und Uraufführung in Brittens Festspielort Aldeburgh ist der Komponist tot. Death in Venice mit der vielleicht kitschigsten, weil rührselig und teilweise mit larmoyant daher kommenden Klängen durchzogen ist sein letztes Bekenntnis. In der Regie von Immo Karaman endet die Oper in einem apotheotischen Orgienstandbild aus aufgetürmten Menschen, die dem Körper des toten Jungen huldigen, von Händen in die Höhe gehoben. Das bacchantische Gewimmel ist eine Antwort auf die magisch auftrumpfende Schlussmusik. Alles ein böser Traum? Bei dem Britten-Experten Karaman liegt die Regie in mehrfacher Hinsicht in guten Händen. Ist er doch für seine vorangegangenen Britteninszenierungen an der deutschen Oper am Rhein ausgezeichnet worden. An seiner Seite auch dieses Mal: Fabian Posca. Die Selbstbezogenheit Aschenbachs bringt Karaman mit einer engen abgeschotteten Kammer zum Ausdruck. Immer wieder senkt sich die Wand mit der Kammeraussparung um den auf einem Shippendalesessel sitzenden Aschenbach, der übrgens an Dirk Borgarde aus Lucchino Viscontis Verfilmung erinnert. Alles spielt im dunkelgrün tapezierten Foyer des Hotels. Der grandiose Blick auf den Lido ist nur zu hören. Die weiteren Personen haben etwas unheimliches. Allen voran die Baritonpartie des Hotelmanagers, Dionysos, Gondoliere und Friseur in Personalunion. Wie der Leibhaftige begleiten diese Personen Aschenbach ins tödliche Verderben. Karaman führt noch die Note des Grotesken hinzu. Vier Pagen mit Hörnchen auf der Stirn tanzen mit Moreskenhaft grotesken Bewegungen durchs Hotel oder rollen einen roten Teppich aus und wieder zusammen. Der Musik, eine seismographisch genaue Psychologisierung des zu jedem Zeitpunkt ernst genommenen Seelenzustands des Protagonisten, fügt Karaman optisch den Aspekt des Lächerlichen hinzu. Denn wer würde leugnen, dass die Situation, in die sich der alte Geck immer mehr hinein steigert, etwas lächerliches hat. Die Figur des Tadzius hat Britten übrigens einem Tänzer zugedacht und damit sichergestellt, dass zumindest ein Mindestmass an körperlicher Schönheit mit der Rolle gesichert ist. Für die Düsseldorfer Bühne ist ein jugendlicher, noch nicht ausgewachsener Tänzer gefunden worden, choreographiert und inszeniert von Fabian Posca. Noch ein zweiter jugendlicher Tänzer tritt auf – eine Entsprechung für die Apollon-Dionysos Auseinandersetzung, die Britten zusammen mit seiner Librettistin Myfanwy Piper über Thomas Manns Vorlage hinausgehend eingefügt haben. Aber „muss das Streben nach Schönheit, nach Liebe ins Verderben führen?“ So fragt sich zum Schluss ein sterbender Aschenbach. Heutzutage sicherlich, wenn das Schöne in minderjährigen Körpern begehrt wird. Dass eine Oper diese Sucht drei Stunden lang zelebrieren darf, hängt damit zusammen, dass erstens Nobelpreisträger Thomas Mann eine literarisch unumstößliche Instanz ist, zweitens ebenso Britten eine musikalische, dessen 100. Geburtstag letztes Jahr die Musikwelt weltweit gefeiert hat, drittens die Musik immer noch eine der unbegrifflichsten und sich am meisten der Plakativität entziehenden Kunstform darstellt. Vom künstlerischen Standpunkt aus hat die Oper am Rhein mit Death in Venice einen fürs Publikum anstrengenden, dennoch großartigen Schlussstrich unter die Britten-Ära gesetzt. Überragend: Raymond Very, der im Dauereinsatz das lange Sterben des Aschenbach bis zuletzt mit großer und einfühlsamer Stimme verkörpert. Und Peter Savidge ständig in anderen Erscheinungen an seiner Seite. Überzeugend auch die beiden jungen Tänzer Jarod Rödel und Nikolai Petrak von der Staatlichen Ballettschule in Berlin. Der Düsseldorfer Chor, vielfach im Bühneneinsatz, und die Düsseldorfer Sinfoniker im Graben lieferten unter Gastdirigent Lukas Beikircher musikalisch ganze Arbeit.

 

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