Blindheit als schicksalsverhafteter Seinszustand! Lydia Steier inszeniert einen Doppelabend mit Strawinskys Oedipus Rex und Tschaikowskys Jolanthe für Frankfurt und bringt Bewegung in die Dramen!

Asmik Grigorian  als Jolanthe und Robert Pomakov als König Renésowie Ensemble in der Puppenstube. Foto: Barbara Aumüller

Asmik Grigorian als Jolanthe und Robert Pomakov als König René, sowie Ensemble in der Puppenstube. Foto: Barbara Aumüller

Als sich der Vorhang nach der Pause hebt, gibt es erst einen Aufschrei, dann Szenenapplaus! Eine grell pinke Riesenpuppenstube ist mit Blondinenpüppchen bis unters Dach in Reih und Glied auf Regalen an den Wänden ausgestattet. Jolanthe sitzt blind und hilflos im Barbielook auf dem Bett, umringt von ihren Dienerinnen im gleichen Outfit. Diese phobische Kinder-Traumwelt von Bühnenbildnerin Barbara Ehnes hätte keinen größeren Kontrast zu der gestrengen grau-weiß gehaltenen Bühnenarchitektur vor der Pause darstellen können. In einer Nachbildung des Weimarer Reichstags steht der antike Ödipus und wird von seiner Vergangenheit grausam eingeholt. Umzingelt von einer grauen Herrengesellschaft. Einzig Jokaste im grell roten Abendkleid setzt einen kurzen, aber magischen Kontrapunkt, bevor die ausgestochenen Augen bluten!
(Von Sabine Weber)

Peter Marsh  als Ödipus und Gary Griffiths als Kreon dahinter, sowie Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Peter Marsh als Ödipus und Gary Griffiths als Kreon dahinter, sowie Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

(28.10.2018 Oper Frankfurt) Diametral entgegengesetzt sind die Ansätze, die sich Lydia Steier für ihr Regiedebüt in Frankfurt ausgesucht hat. Tschaikowskys Jolanthe war gesetzt. Strawinskys Oedipus Rex hat sich die US amerikanische Regisseurin, die in Berlin lebt, ausdrücklich für diesen Doppelabend gewünscht. Auch musikalisch hätte da nicht mehr Unterschied sein können. Strawinsky begleitet antikisierend skandierenden Gesang in lateinischer Sprache distanziert, anti-emotional, so, als würde die Musik über weite Strecken eiskalte Schlieren durch einen wirren Alptraum ziehen. Jolanthe wartet mit einer zuckersüßen, fast kitschigen Sehnsuchtsmusik auf, die zum Schluss triumphal und verklärend auffährt. Und genau das hat diesen Abend so spannend gemacht. In beiden Werken wird auf ganz unterschiedliche Art Blindheit verhandelt. Selbstverordnete Blindheit! Bei Jolanthe ist es eine psychopathogene Blindheit, wohl ausgelöst durch ein Kindheitstrauma. Oedipus verstümmelt sich am Ende der Tragödie selbst. Er ist zwar ein gefeierter Retter, er hat die Stadt von einer großen Bedrohung befreit und ist König geworden. Aber jetzt droht die Pest, die laut Orakel nur angesichts grausamer Enthüllungen abgewendet werden kann. Wobei nach Steiers Lesart Oedipus unterbewusst bereits weiß, dass er der Verantwortliche ist. Seine Ahnungen kreisen als geflüsterte innere Stimmen gleich am Anfang über Lautsprecher durch den Raum. Die Texte des Erzählers sind zu Wahnvorstellungen von Oedipus umfunktioniert. Oedipus als Politiker in Anzug und Weste ist von Anfang an ein Gefangener im Parlamentsrund dieser Debatte, die auch von Machtkämpfen gegen Kreon, einem Militär in Tarnflecken, geprägt ist. Das Plenum, der Chor, ist hier nicht nur für Zustandsbeschreibungen zuständig, sondern kommentiert. Gestikuliert aufgeregt, als Kreon mit einem Radiorekorder erste Beweise mitbringt. Gegen den Seher Teiresias wird zerknülltes Papier geworfen, weil er zunächst Beweise zurückhalten will. Steier spart nicht mit Drastik. Ein von Pestbeulen entstellter Kranker wird von zwei Männern im weißen Kittel mit Gasmasken im Gesicht herein geführt.

Tanja Ariane Baumgartner und Peter Marsh als Jokaste und Oedipus, und Gary Griffiths als Kreon dahinter sowie Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Tanja Ariane Baumgartner und Peter Marsh als Jokaste und Oedipus, und Gary Griffiths als Kreon dahinter sowie Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Jokaste tritt als Diva auf, von Tanja Ariane Baumgartner mit Grandezza und erotischem Timbre in Szene gesetzt. Ihr magischer Anti-Orakeltanz setzt den Enthüllungsdruck für einen Moment außer Kraft. Mit einem freudigen „Gloria“ ist sie vom Chor begrüßt worden, das Steier unterbricht, um die Sprechstimme dazwischen flüstern zu lassen. Auf der Fassadenwand sind verzerrte Bilder zu sehen (fettFilm). Oedipus saugt mit blutverschmiertem Mund an der Brust Jokastes und eine erschlagene Figur mit blutendem Kopf liegt auf den Steinen. Alles Indizien für die Schandtaten, die aufgedeckt werden müssen. Und dann bricht das jubelnde Gloria von vorne los. Will sagen, dass das Individuum bereits deutlich von der Gruppe abgespalten seinen Untergang begreift. Strawinskys Instrumentalsätze lassen über weite Strecken seltsam kalt. Liegt es an der Spielweise des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters oder an der Akustik, die den transparenten Partitursatz trocken und unmotiviert klingen lässt? Großartig aber der Männerchor der Oper Frankfurt und die Sängerdarsteller, auch wenn Peter Marsh als Oedipus mit den deklamierten, teilweise lang gezogenen Tönen anfangs seine Mühe hatte. Am Ende dreht sich die Bühne und hinter dem Plenarsaal baumelt Jokaste an einem Seil. Sie hat sich erhängt. Oedipus wankt, geführt von seiner kleinen Tochter, mit blutenden Augenhöhlen aus der Geschichte hinaus.

Die zweite Oper endet unblutig. Ein Inzest verstört aber auch die Barbiewelt. Diesmal geht es um eine problematische Vater-Tochter-Beziehung. Diese letzte Oper Tschaikowskys, zwischen fünfter und sechster Sinfonie entstanden, wird oft als persönlicher Wunschtraum gedeutet, die gesellschaftliche Scheinwelt einzureißen, in der der Komponist zeitlebens die eigenen homophilen Neigungen unterdrücken musste. Roman Pomakov als König René im blauen Anzug und mit rotbraunem Bart (Kostüme von Alfred Mayerhofer) sieht im ersten Moment Tschaikowsky sogar verblüffend ähnlich. Für Lydia Steier spielt er allerdings eine zwiespältigere Rolle. Seine Tochter zwingt er in die Kinderwelt, nicht nur, um sie zu schützen, sondern auch, um sie als kindliche Geliebte zu besitzen. Wohl bei jedem Besuch stellt er eine Puppe ins Regal, für die die Manufaktur unter der Puppenstube schuftet! Asmik Grigorian eilt seit ihrer Salzburger Salomé dieses Jahr ein Ruf voraus. Den bestätigt sie an diesem Abend in Frankfurt auch in der Rolle einer zerbrechlichen und sehnsüchtigen Jolanthe mit Hellblondperücke. Schon mit dem ersten Arioso wirft sie die Fragen ihres Seins mit berückenden Tönen auf, die einem die Tränen in die Augen treiben. Gegen ihr Volumen verblassen alle anderen Stimmen. Und dennoch fügt sich alles zu einem teilweise auch witzigen gemeinsamen Spiel. Mit und gegen diese wunderbar überzeichnete Scheinwelt.

Asmik Grigorian als Jolanthe und Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Asmik Grigorian als Jolanthe und Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Riesige Papierblumen werden von unten durchgeschoben und verwandeln Jolanthes Zimmer in einen Garten. Der Chor muss zur Unterhaltung in grellen Babuschka-Kostümen tanzen. Einige Tänzer büchsen genervt aus, um mal eben eine Zigarette zu rauchen… Und Graf Vaudémont, der sich in die abgeschirmte Kinderzone verirrt hat, bekommt von Jolanthe eine Schnullerflasche kredenzt. Natürlich wird bei Tschaikowsky zum Schluss mit Gottvertrauen geheilt. Wobei es ein maurischer Gelehrter ist, der König René den Marsch bläst. Im Ton einer fremdartigen Litanei erklärt er, dass Jolanthe eigentlich sehen könnte und er das Problem sei. Unter dem Druck der anwesenden Beobachter gibt König René sie zur Heilung frei. Und Jolanthe sieht, ist verwirrt, reißt sich die Perücke herunter, wütet gegen ihre Barbiewelt und wirft sich in die Arme des Vaters, der sich den Revolver in den Mund steckt und… ? Ende offen!
Das Orchester unter der Leitung von GMD Sebastian Weigle hat sich mit den Tschaikowsky-Perlen deutlich wohler gefühlt. Beglückend auch wieder die Sängerdarsteller, die allesamt hier ihr Rollendebüt gegeben haben. In Frankfurt ist diese Oper auch zum ersten Mal über die Bühne gegangen. Und Lydia Steier hat wieder einmal bewiesen, dass ihre fantasievolle und durchdachte Sicht aufs Bühnengeschehen auch die unterschiedlichsten Dramen verlebendigt!

Rheinromantik im Untergang! Dietrich Hilsdorf vollendet Wagners Ring mit einer Götterdämmerung auf einer Rheinfähre!

Das MS Wodan auf dem Bug ist kaum zu erkennen. Alles verrostet. Der Lack abgeblättert. Aber die Rheinfähre von Bühnenbildner Dieter Richter bewegt sich, korrigiert sogar immer wieder den Kurs. Ein gelungenes Bühnenbild. Denn der Schlingerkurs ist in der Geschichte allgegenwärtig. Siegfried schwört Brünnhilde ewige Liebe. Dann verlässt der jugendliche Kraftmeier sie schnöde für eine andere vom Burgunderhof. Die Rheintöchter klettern über die Reling. Brünnhilde klagt an, Siegfried leistet einen Meineid, Hagen richtet ihn hin. Siegfried wird an Deck verbrannt, eingehüllt in sämtliche Flaggen der deutschen Geschichte. Und das Rheinufer zieht in Projektionen romantisch verklärt oder im zeitgeschichtlichen Industrierealismus vorbei. Es war ja von Anfang an die Rede davon, dass in Hilsdorfs Ring der Rhein eine Rolle spielen solle!
(Von Sabine Weber)

Zwei fatale Hochzeitspaare werden der Roten Funken Garde präsentiert! Auf der Brücke: Gutrune und Siegfried (Sylvia Havasi, Michael Weinius), Gunther und Brünnhilde rechts (Bogdan Baciu, Linda Watson), Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Hans Jörg Michel

Zwei fatale Hochzeitspaare werden der Roten Funken Garde präsentiert! Auf der Brücke: Gutrune und Siegfried (Sylvia Hamvasi, Michael Weinius), Gunther und Brünnhilde rechts (Bogdan Baciu, Linda Watson), Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Hans Jörg Michel

(27.10.2018 Oper am Rhein, Düsseldorf) In keiner der Ring-Opern wird der Rhein so oft erwähnt, wie in der Götterdämmerung! Eine Steilvorlage also für die Oper am Rhein. Der lokale Rhein-Realismus in der aktuellen Düsseldorfer Inszenierung zielt auf Wiedererkennungswert für die Rheinländer. Wer sich mit der Rheinschifffahrt auskennt, der oder dem stechen auch sofort das rote Backbord- und grüne Steuerbord-Peilmastlicht rechts und links im Bühnenrahmen ins Auge. Der oder die weiß, in welche Richtung die Fähre unterwegs sein müsste. Das Führerhäuschen, hier mit Aussichtsturm, ist immer im Heck. Also fährt sie Rhein-auf. Nach Worms? Aber warum ist dann später die Düsseldorfer Südbrücke im Panorama? Und eigentlich müsste das Fährgastschiff den Rhein kreuzen und die Ufer verbinden. Die MS Wodan (Wodan, wohl eine alte Form für Wotan) läuft längst aus dem Ruder! Es fließt also auch nicht rheinab, sondern dem Untergang entgegen! Und das gleich zu Anfang vor Mittelrhein-Panorama!

Foto: Hans Jörg Michel

Foto: Hans Jörg Michel

Die drei Nornen des Vorspiels (Sarah Ferede, Morenike Fadayomi, und mit sattem Mezzosopran Susan Maclean) treffen sich wie die Wilmersdorfer Witwen zum Kaffee-Klatsch auf einer Rheinterrasse mit Blick auf den Rolandsbogen linksrheinisch, den Drachenfels rechtsrheinisch (laut Regieanweisung Wagners müsste das der Walkürenfelsen sein). Angesichts der Götterzustände bangen sie allerdings. Wotan hat die Weltesche gefällt und zu Scheiten um Walhall aufgerichtet! Das Ende der Götter dämmert auf ewig. Dann reißen sie den Panoramavorhang weg. Brünnhilde sitzt auf der Fähre vor einem Deko-Weihnachtsbaum und strickt. Und horcht nach Siegfrieds Hornsignal, das bereits zu hören ist.

Das Schiff wird verlassen und wieder betreten. Auch wenn das Bild des schlingernden Fährkurs gut getroffen ist, einige Male verwirren die Szenenwechsel im Einheitsbühnenbild. Auch dass die Rostbeule als glänzender Gibichungenhof (Burgunder) ausgegeben wird. Logik-Brüche gibt es schon in Wagners Libretto. Die erste Liebesszene mit Brünnhilde und Siegfried ist trotz narkotischer Wagnermusik lang. In der Übertitelleiste erscheint ein „sie wiederholen und wiederholen sich…“ Gedanken des Regisseurs? Wie schnell sich dann aber Siegfried in Gutrune verliebt! Und in Hilsdorfs Regie kippt Gutrune den von Hagen ins Spiel gebrachten Zaubertrank für Siegfried, damit er alle bisherigen Beziehungen vergisst, sogar aus. Hier soll kein Zauber im Spiel sein. Siegfried wird für seine Spontangefühle kompromittiert.
Was in dieser Inszenierung besticht, ist die Personenregie in den zentralen Auseinandersetzungen. Immer wieder gibt es

Gunther und Siegfried schließen Blutsbruderschaft Foto: Hans Jörg Michel

Gunther und Siegfried schließen Blutsbruderschaft
Foto: Hans Jörg Michel

Dreierkonstellation, die wunderbar im Raum zueinander stehen, sozusagen Spannungsdreiecke bilden. Die drei Nornen an Land, drei Männer auf dem Schiff oder das Mordkomplott Hagen, Gunther und Brünnhilde, die den Tod Siegfrieds beschließen. Die Charaktere sind deutlich gezeichnet. Gunther ist emotional labil. Und mit Flasche in der Hand ist er Hagens willenloser Spielball. Stimmlich und spielerisch überzeugend dargestellt von Bariton Bogdan Baciu. Die Rolle Hagens ist der gewaltigen

Hagen brütet in der Nacht (Hans-Peter König) Foto Hans Jörg Michel

Hagen brütet in der Nacht (Hans-Peter König)
Foto Hans Jörg Michel

Bassstimme Hans-Peter Königs wie auf den Leib geschneidert. Die Wucht der Stimme hält er allerdings für den düster brütenden fast statischen Beobachter im Hintergrund oft zurück. Das lässt ihn umso gefährlicher erscheinen. In einer magischen Traumszene ist ihm Alberich erschienen, der ihn zum Sohn erklärt und zum Erben seines Hasses. Der zweite Akt ist ein hoch dramatisches Ereignis, denn da prallen die Charaktere in einer Massenszene aufeinander. Hagen ist der Spielmacher, der jede Wendung sofort für seine Intrige auszunutzen gedenkt. Und den Rache-Speer hält er bereits in der Hand. An Brünnhilde scheitert der Verrat. Verkörpert von Linda Watson, die zur Hochform aufläuft. In diesem Ring eine alte Bekannte aus früheren Folgen. Von Anfang an stemmt sie die Wuchtpartie und hält sie bis zu ihrem Monolog am Ende auf großer Höhe. Auch im Mezzoforte phrasiert sie mit schöner Stimme, bringt Enttäuschung und Verachtung durch den Mundwinkel zum Ausdruck. „Undank ist ein schmählicher Lohn!“ Und beweist in exzessiven Verzweiflungsausbrüche ihre Stimmgewalt. Michael Weinius ist ihr ein ebenbürtiger Siegfried. In der Betrugsszene trägt er Gunthers Kleidung und erobert Brünnhilde unter einer täuschenden Maske. Die Stimme klingt dann verzerrt, was dieser Vexiergestalt etwas Unheimliches verleiht. Warum die Burgunder, oder Gibichungen wie sie bei Wagner heißen, in stahlblau gekleidet (Kostüme: Renate Schmitzer) von den Roten Funken in rut-wieß mitsamt Funkenmariechen begleitet werden, will wohl sagen, dass am Rhein von der kölschen Spaßgesellschaft gelernt werden könnte. Über die mittels Betrug geschmiedeten Hochzeitspaare Gunther-Brünnhilde und Siegfried-Gutrune machen sie sich sofort unbotmäßig lustig und entlarven sie.
Im Rückblick bleibt jetzt aber doch die Frage, was der rote Inszenierungsfaden dieses Hilsdorf Ringes sei? Der havarierte Helikopter in den ersten drei Folgen ist also zu einer rostigen Rheinfähre geworden. Der Varieté-Rahmen aus bunten Glühbirnchen ist immer noch da und hat weit entfernt an das Theater als magischen Versuch erinnert. Hilft das gegen die Angst der Zeit? Eine zentrale Aussage lässt sich eigentlich nicht so richtig fassen. „Mein Theater sieht so aus: Wo eine Ideologie auftaucht, muss Theater dagegen halten“, hat Hilsdorf in einem Interview zu seinem Ringprojekt geäußert. Bevor Siegfried verbrannt wird, werden Flaggen gehisst, von der Fahnenstange abgerissen und auf Siegfried geworfen: das Banner des Heiligen Römischen Reiches, der Doppeladler auf gelben Untergrund, später auch die Flagge des deutschen Bundes, die deutsche Reichsflagge, die Reichskriegsflagge, das schwarz-rot-gold der Weimarer Republik wird erst einmal auf den Boden gelegt, denn es kommt zuvor noch die Flagge des Dritten Reichs und die DDR Flagge, bevor das schwarz-rot-gold aufgehoben und als letztes auf Siegfried landet. Werden damit die deutschen Nationalstaaten und der Nationalismus begraben?
Als die Scheite brennen, steht Brünnhilde wieder im kriegerischen Mantel und auf der Kommandobrücke der Fähre mit dem Rücken zum Publikum. Sie springt also nicht nach Wagners Regieanweisung ins Feuer. Sie sieht als einzige in eine ferne Zukunft. Ändert das die Sicht auf Wagners Bühnenfrauen, die Hilsdorf ebenfalls „furchtbar“ findet? „In Opern mit Erlösungscharakter würde zum Schluss immer eine Frau geopfert. So könne das aber nicht verhandelt werden“, laut Hilsdorf. Aber hat er wirklich die Sicht auf die Frauen verändert? Wagners Aussage, die er Brünnhilde zum Schluss in den Mund legt, wirkt da eher noch nach. „Ich musste verraten werden, um zu wissen“, also um weise zu werden …
Musikalisch ist der gesamte Ring jedenfalls eine Wucht, mit der die Oper am Rhein punktet. Generalmusiker Axel Kober präsentiert hier mit viel tiefem Blech ein grandioses Finale. Begeisternder Applaus für ihn, sobald er vor seine Düsseldorfer Sinfoniker im Graben steht. Auch für die Sänger nach jedem Akt. Und dann der gar nicht enden wollende Applaus am Ende! Stehende Ovationen! Wieder Sonderapplaus für Kober. Das Regieteam will gar nicht auftreten. Als es endlich kommt gibt es tumultuarische Schreie: Buhs und Bravos durcheinander. Aber ich bin sicher. Nach dieser Premiere ist keiner unzufrieden nach Hause gegangen!