Pop, Wissenschaft, Musiktheater! Philip Glass, Einstein on the Beach als futuristische Lichtshow an der Dortmunder Oper!

Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, Raafat Daboul als Hirn Foto: ©Thomas Jauk

Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, Raafat Daboul als Hirn
Foto: ©Thomas Jauk


Andy Warhol hat seinen Einstein. Philip Glass hat auch seit 1976 seinen Einstein. Zusammen mit Robert Wilson, der die Texte zu ihrem gemeinsamen Theaterprojekt Einstein on the Beach zusammengestellt hat. Einstein redet nicht, Einstein geigt, was das Zeugs hält! In Dortmund wurden die viereinhalb Stunden Dauer auf dreieinhalb gekürzt. Gefehlt hat nichts, außer den Loungesesseln, in die man sich bei den im Raum schwebenden tranceartigen Dauer-Patterns hätte zurückfallen lassen können und die Bedienung. Guten Flug wünscht uns das Dortmunder Opernteam auch per Anzeige. Der Trip mit Farben, Bilder und dMusik ist jedenfalls hinreißend. Richtig 70er Jahre Pop!
(Sabine Weber)

(23. April, Oper Dortmund) Die Dortmunder Oper mit ihrem grell orangefarbenen Spintbereich und dem dunkelbraunen Barbereich liefert schon im off-Bereich ein perfektes Ambiente. Elektronische Brummtöne dröhnen schon kurz vor Beginn aus dem Dortmunder Theaterinneren dorthin. Philip Glass’ Superformel aus den Tönen a-g-c ruft! Schön minimalistisch. Schön lang gezogenen Töne. Formeln müssen ja nicht per se so kompliziert sein wie die von Albert Einstein. Im letzten Teil füllen Zahlen-Buchstaben-Symbole-Ketten die Übertitelzeile. e =mc2 geht ja noch! Die kann mir mein Sitznachbar sofort erklären. Das ist die Voraussetzung für die Nutzung der Kernenergie. Atomic Power! Wahrscheinlich hat das auch den Kick geliefert. Phil Glass zähmt Superformelhirn mit Minimalmusic! Zusätzlich zum Geiger in weißer Perücke und Schnurrbart auf der Bühne sitzen noch vier „Einsteins“ – mit weiße Perücke und in weißem Kittel – im Orchestergraben vor acht Bildschirmen. Sie sorgen für die Lichtpower, eine gewaltige psychedelic Lichtshow. Auf dem Bildschirm hinter der Bühne pulsieren gleich zu Anfang Lichter. Und immer im Puls der Musik. Die Musiker sitzen wie eine Kombo davor. Perlonschnüre im quadratischen Bündel sind die einzigen Unterteilungselemente, die sich von der Seite nach vorne zusammen und wieder auseinander schieben. Sie bieten zusätzlich Projektionsflächen für visuellen Effekt, die die Bühne zu einem fantastischen Lichtraum machen (Bühne: Pia Maria Mackert). Zwei Schauspielerinnen in Zwangsjacke auf Plateauschuhen (hervorragend Bettina Lieder, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt) rezitieren Zahlenkolonnen und irgendwelche belanglosen Wortfetzen. Der Erzähler im Der-junge-Lord oder Toni-Erdmann-Affenkostüm, Andreas Beck, bekommt noch einen grotesken Wissenschaftsbericht aus Samuel Becketts Warten auf Godot aufgebrummt. In deutscher Sprache. Einfall von Schauspielintendant Kay Voges, der inszeniert. „Man weiß nicht, warum?“, ist ein häufig darin vorkommender Satz und passt zum Stück! Im guten Sinne! Der Chor ist der musikalische Star des Abends. Die 12 Sängerinnen und Sänger vom Chorwerk Ruhr zunächst in weißen Kitteln und mit weißer, aber nicht wie Einstein frisierten, Perücken zählen singend im Takt der Musik, one-two-three-four, two-three-four, dann plötzlich bis sieben… stolpern über keine Patternverschiebung, schaffen ihre redundanten Sprech-Gesangsformeln auf „La-li-lo“, auch wenn sie sich später als Matrix-Hominiden über und über verkabelt über die Bühne oder als behaart rosa-himmelblaue Plumpaquatsche durch den Raum bewegen. Alles ist Dreiklang, aber vertrackt versetzt! Für Chorleiter Florian Helgath ist es wahrscheinlich das höchste der Gefühle, so ein Spektakel zu leiten! Seit 2011 ist er künstlerischer Chef vom Chorwerk Ruhr und findet zeitgenössische Musik wichtig. Diese Aufführung gelingt ihm hervorragend.
Ist das jetzt Oper? Schon bemerkenswert, dass wir 2017 den Opernpionier Claudio Monteverdi feiern, der vor 450 Jahren geboren wurde und die Oper mit den Parametern einer geschlossenen Handlungsdramaturgie und den affektiven, das Wort zum Ausdruck bringenden Sologesang geboren hat. Was für ein Kontrast bereits letzte Woche mit Chaya Czernowins Uraufführung von Infinite Now in Gent. Die israelisch-amerikanische Komponistin, die am IRCAM unterrichtet, arbeitet zwar mit Geräusch-Elektronik verzichtet aber komplett auf Handlung. Philip Glass, der in diesem Januar übrigens auch ein Jubiläum, seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, verzichtet in Einstein on the Beach ebenfalls auf Handlung. Aber es gibt drei Gesangsolisten. Hasti Molavian hat die größte und auch die größte Mühe mit dem redundanten Parlando. Die Texte von Christopher Knowles, einem Autisten, den Robert Wilson sicherlich zu Kunstzwecken betreut hat, einem kurzen witzigen Text über Badekappen von Lucinda Childs und Textpassagen von Samuel Johnson… alles nicht zu verstehen. „Houston, can you hear me?“ Die Regie greift immer wieder Wörter auf. Farben zum Beispiel, die Leo Navratil in Schizophrenie und Sprache von 1966 beschreibt. Dieser Text ist auch ein Regieeinfall. Sie führen zu einer gigantischen Kleider-in-Luftstrom-Choreographie in rauschenden Farben. „Who is Einstein? I don’t know“… Doch, das ist der Geiger! Egal, die minimalistischen Klangwuchten, die Supershow, die mit ausdrücklicher Aufforderung auch verlassen werden darf, um eine Erfrischung zu nehmen, ist wie ein großartiger Rausch. Diesen spacy Trip sollte sich keiner entgehen lassen. Diese, jawohl „Oper“! ist ein Kult! Und das versteht man nur, wenn man sie so wie in Dortmund erlebt.

Ganz großes Kino! Lydia Steier inszeniert für die Oper Köln Giacomo Puccinis Turandot und landet einen Coup!

Turandot, Catherine Foster, stellt die Rätsel und Martin Muehle, Calaf, hört zu!  Foto: Bernd Uhlig

Turandot, Catherine Foster, stellt die Rätsel und Martin Muehle, Calaf, hört zu!
Foto: Bernd Uhlig


Am Ende poppt natürlich die Frage auf! Puccini hat seine letzte Oper Turandot ja nicht vollendet. Und die Finallösung von Franco Alfani lässt die Liebe in einem Schlusschor pompös siegen. Wie den plötzlichen Wandel der Männerhassenden Turandot in eine sich der Liebe unterwerfenden zahmen Gefährtin verkaufen? Er ist so unglaubwürdig, wie nur Kino sein kann. Wenn sich Calaf und Turandot im Kölner Staatenhaus küssen und umarmen, leuchten die Kinoletter orange grell über der Szene. Und während eine geläuterte Turandot im Marlene Dietrich-Outfit sich dem Volk zuwendet und Glückwünsche entgegen nimmt, unterschreibt Calaf sein nächstes Filmengagement.
(Sabine Weber)

(02. April, Staatenhaus/Oper Köln) PE-KI-NO. Kino! Passt doch zur Musik! Lydia Steiers Puccini-Kino-Idee ist nicht neu. Aber wie sie die Widersprüche dieser bösen Frauenmär auflöst, hat Klasse. Die pompösen und manchmal unerträglich larmoyanten orchestralen Großangriffe Puccinis bringt sie in ein flamboyant fließendes und wenn nötig auch groteskes Ganzes. Das kongeniale Bühnenbild-Duo fettFilm, mit Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller, hat dazu mächtige Eisenträger in Hüfthöhe über die Breite der Bühne verlegt. Sie sind eine Absperrung, in die der „Popolo Pekino“, das chinesische Volk, bei der ersten Kundgebung hinein gepfercht wird. Sie sind dann aber auch die Schienen, über die die Palastfassade von links nach rechts wie im Filmstudio ins Bild fährt. Mitsamt zwei Sklaven, die wie Conan der Barbar an einem Bewegungsmechanismus oder Folterrad drehen. Hier wird etwas bewegt. Schön und grausam. Ein knallrot goldenes
Mädchen und Knaben des Kölner Domchores. Foto: Bernd Uhlig

Mädchen und Knaben des Kölner Domchores.
Foto: Bernd Uhlig

Drachenboot fährt die Kinder des Kölner Domchores wie chinesische Tempelpriesterinnen en miniature hinein. Sie liefern den prinzlichen Todeskandidaten aus. Eine Drehscheibe am Boden fährt den Versager durch einen der beiden Eingänge rechts und links eines rätselhaften Palast-Tores zum Kopf-ab ins Dunkel. Wie im (japanischen) No-Theater maskierte Samurai fesseln ihn aber vorher noch an ein Gerüst und schneiden ihm die Finger hinter seinem Rücken ab. Völlig in Trance reagiert er nicht. Den Schmerz spürt nur der Zuschauer, der imaginiert. Grausamkeit und Bombast unterhalten in dieser Puccini-Show. Wenn das Gürzenich-Orchester hinter der Szene über die Bühne hinweg das Publikum bombardiert, mit in der Tiefe schnarrenden Kontrafagotten und Cimbassi, den Kontrabass-Ventilposaunen, die Verdi ins Opernorchester eingeführt hat, dann rottet sich der Chor zu einer gefährlichen oder lustbegierigen Masse zusammen. Mythenhafte Sinnhaftigkeit in Turandots Männerhass heraus zu stellen, darauf verzichtet Steier. Dafür nimmt sie willkürliche Gewalttätigkeit der Herrschenden aufs Korn, die foltern, Finger und Hände abschneiden. Aber ebenso den rasenden Liebhaber, der Vater und die ihn liebende Liù opfert, um nach dem Verbotenen zu greifen. Mit grotesken Bildern löst Steier die Schockstarre immer wieder auf. Ping, Pang, Pong, mit jeweils anders geformten Langnasen, werden als Popanze auf riesigen
Ping, Pang, Pong warnen Calaf, Martin Muehle. Foto: Bernd Uhlig

Ping, Pang, Pong warnen Calaf, Martin Muehle.
Foto: Bernd Uhlig

Rollgestellen von goldenen Muskelboys bewegt. “Turandot existiert nicht!” Warnen sie Calaf zu. Alles wie ein fürchterlicher Traum? Oder Kino. Mit einer Turandot als pinkes Hollywood-Bonbon oder als Stilikone Dietrich. Eine großartige Opernshow jedenfalls, die von der ersten bis letzten Minute packt. Ein Lachen geht durchs Publikum, als Calaf die eiskalte Folter-Turandot plötzlich mit “Blume” anhimmelt. Der unvermeidliche unheilbare Bruch im Stück. Aber wen kümmert’s bei diesen Sängern! Catherine Foster, seit ihrem Debüt 2013 die Walküre von Bayreuth, stellt ihr Organ gewaltmächtig in den Dienst der rätselhaften Turandot, und tut, was sie muss. Sie übertönt alle! Nessun dorma von Martin Muehle ist natürlich das Highlight des Abends. Eine einfühlsamere und authentischere Liù als die der (sic!) jungen chinesischen Sopranistin Guanqun Yu ist gar nicht
Catherine Foster als Turandot lässt sich nicht von Liù, Guanqun Yu , erweichen. Foto: Bernd Uhlig

Catherine Foster als Turandot lässt sich nicht von Liù, Guanqun Yu , erweichen.
Foto: Bernd Uhlig

vorstellbar. Wolfgang Stefan Schwaiger, seit diesem Jahr im Kölner Ensemble, sticht als Ping noch vor den ebenfalls überzeugenden Kollegen John Heuzenroeder als Pang und Martin Koch, Pong, hervor. Chinesisch-japanisch-asiatisches Flair in den Kostüme von Ursula Kudrna krönen das Märchen. Es fehlt auch nicht der debilen Kaiser, eine Mischung aus Dali und Fliegendem Mann in seiner tollkühnen Kiste. Ein komödiantischer Henker auf Stelzen schwingt seine Riesenaxt, und explodierende Goldvulkane bereits zur Pause … Das Kölner Publikum hat gejubelt. Endlich hat die Kölner Opernsaison ihr rundum gelungenes Highlight!