Radu Lupu gibt einen Klavierabend im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck


Seit Jahrzehnten hält der rumänische Weltstar Radu Lupu diesem einmaligen Konzertort zwischen Bonn und Remagen die Treue. Und ist kurz vor seinem Klavierabend zum Ehrenmitglied der Johannes-Wasmuth-Gesellschaft ernannt worden, die ihrem Namensgeber zu Ehren auch dieses Konzert veranstaltet hat.
(Sabine Weber)

(16. Februar, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Wie ein Brahms sitzt er am Flügel. Natürlich nicht so massig, aber fast unbeweglich, leicht zurückgelehnt. Der Klavierhocker ist ein Stuhl mit Lehne. Der Kopf ist in Trance, die Arme sind weit nach vor gestreckt. Und die Finger bewegen sich fast unmerklich durch eigenartige Variationen. Das Andante f-moll Hob XVII:16 von Joseph Haydn ist Melancholie pur. Sphärisch setzt die Themenmelodie mit der hin und her pendelnden Bassbegleitung ein. Für das Andante-Thema hat Haydn auf eine Arie aus seiner Oper L’anima del filosofo zurück gegriffen, „Perduto un’ altra volta“. Noch einmal verloren sein! Todesgedanken. Auch wer das nicht weiß, der oder dem teilen sich Trauergefühle sofort mit. Daran ändern im Verlaufe des Stücks die „Scarlattischen“ Vertracktheiten wie das Übergreifen der Hände auch nichts. Immer wieder chromatische Linien. Und Lupu hält jeden Ton wie beherrscht zurück. Jeder Ton wird würdevoll durchmessen, jedes Detail soll klingen wie es ist. Das Pedal ist über weite Strecken nicht vorhanden. Das hat etwas stoisches aber ist ungemein berückend, weil so wahrhaftig. Lupu setzt nichts auf und dran. Höchstens seine Stimme, die mitsummt, singt und brummt. Versunken im kontrollierten Gefühl, das in der Coda kurz ahnen lässt, wie viel Kraft dieser rumänische Pianist Anfang 70 entfesseln kann. Und immer wieder rauscht ein Zug durch seine Parade. Und erinnert daran, dass dieser Festsaal ein ehemaliger Bahnhofswartesaal ist.
Radu Lupu ist nicht von ungefähr hier zu Gast, in diesem Sonderkonzert anlässlich des 80. Geburtstags von Johannes Wasmuth. Der 1997 verstorbene Visionär Wasmuth hat diesen Bahnhof in den 1960ern mit großen Namen wie Marcel Marceau oder Stefan Askenase wütigen Stadtplanern entrissen, die ihn abreißen lassen wollten. Und hat ihn zu einem einzigartigen Künstlertreff am Rhein gemacht – bis auf den heutigen Tag. Künstler waren zu Gast, die man niemals hier vermutet hätte. Martha Argerich soll sich unter anderem hier auf ihren großen Chopinwettbewerb vorbereitet haben. Radu Lupu und Elisabeth Leonskaja, die den zweiten Sonderkonzertklavierabend zu Ehren Wasmuth am 14. März geben wird, sind ihm lebenslange Freunde gewesen.
Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.

Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.


So ist zu verstehen, dass ein Weltklassekünstler wie Lupu den Weg hier hin ganz selbst verständlich gefunden hat. Sich in diesem immer heißer werdenden Saal an ein hörbar älteres Steinway-Modell setzt und in der C-Dur Fantasie op 17 von Robert Schumann hingebungsvoll Stürme entfesselt, für das ihn dicht umringende Publikum. Diese Fantasie ist ein geniales Frühwerk, das das Tor in die romantischen Ideenwelten eines Schumanns weit öffnet. Einfache Melodien treffen auf verrückte Rasereien. Ständige Aufschwünge, Ausbrüche, ein Schmelztiegel, in denen Chopineske Begleitmustern ebenso wie getragene Beethovenklavierthemen aus langsamen Sätzen fantastisch aufscheinen. Lupu durchpflügt diesen das Gedächtnis in seiner Sprunghaftigkeit strapazierenden Kosmos wie ein weitblickender Souverän mit Blick auf das Ganze. Gewaltig, eckig, bizarr, alles hat er im ruhigen, dennoch mächtigen Griff. Im mittleren Satz schichtet Schumann wie Mussorgksy in den Bildern seiner Ausstellung Akkorde unter das Eröffnungsthema. Lupu liebt es, zu Arpeggieren. Liszt wird auch begrüßt, dem Schumann dieses Werk auch verehrt hat. Zum Schluss geht’s Barcarolenmäßig mit Mondschein auf den Rhein… in ein vielleicht etwas zu lautes Finale. An Schumanns Vortragsweise „durchweg leise zu halten“ mag sich Radu Lupu an diesem Abend nicht halten.
Mit den Jahreszeiten op. 37 von Peter Tschaikowsky füllt Lupu den zweiten Teil. Und gereicht den Miniaturen zu großer Ehre. Es sind einfache, aber wirkungsvolle, den Monaten zu geordnete Poesiestücke. “Im schlichten Volkston” hätte ein Schumann drüber geschrieben. Der Verleger hat den Monaten nachträglich Gedichtzeilen hinzugefügt. Tschaikowsky hat die Charakterstücke aber ohne Programmhintergedanken frei erfunden. Und Lupu spinnt feine Zusammenhänge, zeichnet liebevoll die Linien und bringt diese Stücke ganz uneitel zum Klingen. Traumhaft geht dieser Rolandseck-Abend zuende. Auch der letzte Blick von der mit Kerzen erleuchteten Bahnhofsterrasse über den vernebelten Rhein hinweg in Richtung Siebengebirge gehört dazu…

Schicksal trifft auf Staatsmacht. Gian Carlo Menottis Der Konsul bringt am Großen Haus in Mönchengladbach das menschliche Leid von Asylbewerbern nahe

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld


Die Realität hat die Neuproduktion in Mönchengladbach unverhofft eingeholt. Das Dekret der US-Regierung, muslimischen Staatsbürgern vorläufig die Einreise zu verweigern, bezieht sich auf ein restriktives Einwanderungsgesetz der McCarthy-Ära. Genau in diesem zeitlichen Umfeld entsteht Gian Carlo Menottis Der Konsul. Staatsbürger aus sieben Ländern könnte in den US amerikanischen Konsulaten also blühen, was Magda Sorel derzeit auf der Bühne in Mönchengladbach erlebt. Das sollten wir alle miterleben, um zu verstehen, um was es geht!
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 8. Februar, 5. März, 14. März, 24. März, 26. Mai, 10. Juni jeweils 19.30 Uhr
weitere Infos unter: http://theater-kr-mg.de/spielplan/inszenierung/der-konsul/

(Großes Haus in Mönchengladbach, Premiere am 4. Februar 2017) „Es steht dem amerikanischen Präsidenten zu, jeder ‘Gruppe’, deren Einreise er als ‘schädlich für die Interessen der Vereinigten Staaten’ ansieht, diese zu verweigern. Sagt das Einwanderungsgesetz von 1950. Heute morgen sind die Titelseiten voll davon, dass sich ein Bundes-Richter der aktualisierten Neuauflage dieser Restriktion durch Donald Trump widersetzt. Aber das US-Justizministerium hat bereits Berufung gegen diesen Richter eingelegt. Der Kampf geht weiter!
Was sich wie ein Kampf der Giganten in den Zeitungen mitteilt, ist im Alltag vieler Menschen grausame Härte. Darum geht es Gian Carlo Menotti in diesem Musikalischen Drama von 1952. Und miterlebt hat er es in der McCarthy Ära bei Freunden oder am Flughafen. Wie man Menschen durch die Verweigerung eines Visum, einer Ausreise-, Einreisegenehmigung, Meldebescheinigung und ohne Geburtsurkunde oder gültigen Pass zu rechtlosen Menschen macht! Sie stehen auf der Bühne vor dem übergroßen Schreibtisch der Konsulats-Sekretärin. Ausgeliefert einer Schickse mit grell blond gefärbten Haaren, grellrotem Lippenstift und im grauen Kostüm übt sie ihre Amtsmacht aus. Die Bittsteller stehen eingeschüchtert vor ihr in einer Schlange. Wenn sie drankommen, fehlt immer ein Papier. Oder sie müssen noch ein weiteres Papier ausfüllen – und wiederkommen. ‘Es kann zwei drei Monate dauern’, bis alle Papiere da sind, bekommt eine Italienerin zu hören, die zu ihrer todkranken Tochter will. ‘Da kann ich nichts tun’, ist der Sekretärin liebste Antwort. Schlimm ergeht es der vom Geheimdienst verfolgten Familie Sorel. Der Vater taucht unter, die Frau bleibt bei dem kranken Sohn. Vergeblich läuft sie gegen die Mauern des Riesenschreibtischs an. Bis sie aus Verzweiflung Selbstmord begeht.

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Oma und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Mutter und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Regisseurin Katja Bening kommt mit zwei Bühnenbilder aus, entworfen von Bühnenbildner Udo Hesse. Das ist einmal die farblose und kärgliche Dachwohnung der Sorels, die immer wieder von Geheimagenten durchsucht wird. In Melone und Kamelhaarmantel erinnern die Agenten an Sherlock-Holmes-Filme. Zuhause läuft man im Bademantel und auf Socken herum! Dann die knallrote Amtstube der Konsulatssekretärin mit Riesenschreibtisch und Riesenschubladen im Hintergrund, aus denen sogar Gestalten aussteigen können. Beide Bühnenbilder rücken im Verlauf der zwei Akte ineinander. Die Szenerie wird ein einziger Alptraum. Die Kostüme – ebenfalls von Udo Hesse, sind unauffällig. Ein Antragsteller scheint Jude zu sein, er trägt ein rundes Käppi. Die Italienerin einen Berry, Magda Sorel tritt im Trenchcoat und weiß-schwarzen Oma-Schuhen ihren Behördengang an. Gesprochen, rezitiert oder gesungen werden die Fälle vorgetragen. „Wo soll ich denn hin?“ Die Antwort der Sekretärin berührt aktuell ganz unangenehm: „gehen Sie doch dahin zurück, wo Sie herkommen!“ Klingt wie ein hämisches Echo aus dem politischen Umgang mit Flüchtlingen im hier und jetzt. Wen interessieren die Umstände, die zu diesen Schicksalen geführt haben? Sie sind übrigens auch kein Thema in diesem Drama. Der Amtsgang ist hier die Handlung. Selbst wenn einer dem anderen in der Schlange mal beisteht oder hilft, bleibt doch alles schemenhaft. Und fast pädagogisch! „Eine Anklage gegen Tyrannei in jeder Form!“, so Menotti.
Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Dramaturgisch merkwürdig ist ein Zauberer, der die Warteschlange mit Tricks unterhält und sich musikalisch zu einer Kabarett-Nummer auswächst. Hat Menotti etwa für den Erfolg seiner Anklage in den Staaten vorsorglich Entertainment eingebaut? Die Musik Menottis geriert sich überhaupt in Stilkopien und Illustrationen. Sie übernimmt nie die Regie, sondern geht mit kurzen Floskeln oder Kommentaren dazwischen, wirft einen Blick aufs Spannungsbaromenter und bleibt insgesamt Filmmusikalisch begleitend. Während der Umbauten werden Bilder einem Bühnenentwurf von 1952 projiziert. Bereits im Uraufführungsjahr ist Menottis Der Konsul nämlich in Mönchengladbach bereits das erste Mal inszeniert worden! Das soll Erwähnung finden! Klänge dazu liefern perfekt abgepasst und eingeworfen die Niederrheinischen Sinfonikern unter ihrem ersten Kapellmeister Diego Martìn-Etxebarría. Es klingt nach Bernhard Herrmanns Hitchcock-Filmmusik, oder wiegende Siciliano-Rhythmen im relativ kleinbesetzten Orchester, dann, wenn es mal um „beruhige dich!“ geht. Ein Lamento für Trauer, einen pompösen Trauermarsch. Hier und dort auch leicht jazzige Allüren. Oder das Klavier fällt mit jagenden Rhythmen ein, weil die Geheimpolizei wieder vor der Tür steht. Alle Beteiligten bringen sich mit Engagement ein. Allen voran das Ensemble mit der aus Krakau stammende Izabella Matula, mit großer Stimme stattet sie die Magda Sorel aus. Satik Tumyan hat als vermittelnde Oma im ersten Teil viel zu singen. Ihr unfreiwilliger Akzent könnte immerhin daran erinnern, dass es sich um Asylanten handelt. Der hilfsbereite Jude Kofner, Hayk Deinyan, oder Rolf Giesen, der den Geheimpolizisten und dem Zauberer seine Stimme leiht. Das englische Libretto von Menotti selbst vefasst ist ins Deutsche übersetzt worden. Schade vielleicht nur, dass das Sprechen vor allem am Anfang, an die künstliche „Opern-Spreche“ erinnert. Die Apotheose am Schluss, wenn Magda Sorel sich am Gasofen vergiftet hat und alle Gestalten tot oder lebendig sich um sie wie im Jenseits scharen, hat etwas sehr melodramatisch Überzogenes. Da reagiert die Regie vielleicht allzu sehr auf Menottis Musik, die wie in einer Nino Rota Filmmusik zu einem Visconti-Historiendrama aufdreht. Licht wirbelt durch das Dachkammer-Sekretariat. Verklärung durch Tod? Insgesamt ist das aber eine wunderbare und couragierte Produktion, mit Umsicht und Weitsicht. Die sollten sich keiner entgehen lassen. Und vor allem nicht die Mönchengladbacher selbst, die wohl aus Angst vor Neuer Musik bei der Premiere zurück geschreckt sind. Das sollten sie an den folgenden Aufführungstagen wettmachen! Das ist keine Neue Musik! Das ist eine gut durchhörbare und spannende Inszenierung…