Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ am Musiktheater im Revier! Eine eindrückliche Konfrontation mit dem Auschwitz-Horror – ohne Baracken!

Lisa und Marta, Hanna Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster

Lisa und Marta, Hannah Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster


Der wahre Horror steckt nämlich in den Köpfen! Und kann die Normalität überlagern, sie zersetzen, dann, wenn Erinnerungen wach werden. Darauf setzen Regisseurin Gabriele Rech und ihr Bühnenbildner Dirk Becker in ihrer Neu-Produktion in Gelsenkirchen.
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 5. Februar 18 Uhr, 18. Februar, 2. März, 17. März 19.30 Uhr; 2. April, 23. April, 18 Uhr
Weitere Infos unter: https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2016-17/die-passagierin

(Gelsenkirchen, 28. Januar 2017) Kann man überhaupt monströse Barbarei für die Bühne bebildern? Wirkt das opernhaft-manieristische Tun in diesem Grauen nicht zwangsläufig verharmlosend? Bei der Frankfurter Inszenierung 2015 haben die in Auschwitz spielenden Barackenszenen irgendwie schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Fast anderthalb Jahre später in Gelsenkirchen gibt es keinen Stacheldraht oder Suchscheinwerfer. Was Mieczysław Weinberg laut Szenenbeschreibung in seiner 1968 vollendeten Oper Die Passagierin in mehreren Bildern tatsächlich in den Lagerbaracken von Auschwitz gespielt wissen will, verlegt Regisseurin Gabriele Rech in die Möglichkeit der Wahrnehmung. Der Holocaust bricht durch die Vorstellung in die Normalität ein! Lisa, eine ehemalige Oberaufseherin aus Auschwitz, trifft während der Überfahrt auf einem Hochseeschiff auf die tot geglaubte KZ-Insassin Marta. Und personifiziert dringen ihre Erinnerungen in die Schiffslounge ein. In Gelsenkirchen ein Einheitsbühnenbild im 50er Jahre Ambiente: zwei hintereinander stehende aber gegeneinander verrutschte Rahmen-Perspektiven. Rechts die Bar mit Bedienung. Tische mit Stühlen. Hinten ein Podium mit Flügel für die Tanzband. Die Wohlstandsdame Lisa, die sich mit ihrem Diplomaten-Mann Walter im weißen Dinnerjacket wie wie auf einer zweiten Hochzeitsreise fühlt, sieht Marta. Marta sitzt an einem Tisch. Und während Walter um Lisa herum-swingt und galant um ein Tänzchen bittet, trifft ihr Blick auf Martas Blick. Ein ostentativer Ton hämmert aus dem Orchestergraben. Alles steht still und kehrt sich um. Ein ganz starker Moment an diesem Abend. Der noch viele starke Momente bereit hält. Der schwarze Vorhang schließt sich und Zahlen erscheinen. Die berüchtigten fünfstelligen Tätowierungsnummern werden auch über Lautsprecher durchgegeben. Vorhang hoch: und KZ-Insassinnen haben die Lounge übernommen. Sie werden drangsaliert von SS-Schergen. Lisas Mann blättert in einer Zeitung an der Bar. Er sieht und hört ja nicht, was Lisa sieht und hört. Marta beruhigt Neuankömmlinge. „Wie schmerzhaft ist es Mensch zu sein!“, singt eine Französin. „… in dieser Hölle!“ antwortet der Chor. Und immer wieder „die schwarze Todeswand…“ Es wird eine Kerze angezündet. Eine Russin hat im Kontor gestohlen und beschwört ihren Gott – auf russisch – und bittet, um einen Rest von Menschlichkeit. Die Frauenbaracken-Szene ist allerdings schon sehr lang. Und verlangt auch einiges dem Publikum ab. Der Nacken wird mit Blick auf die Übertitel etwas steif. In dem kammerspielartigen Psychogramm verzichtet Rech auf Szenenzauber, beziehungsweise Horror. Rech lässt die Menschen ganz natürlich spielen, agieren und singen, vermeidet aber allzu viel Menschelndes, das das Grauen verniedlichen könnte. Genial, wie Lisa plötzlich in ihre Vorstellung eindringt,mitmacht und sie real

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

werden lässt. Erst noch im Kleid, später in Uniform. Alles fließt, changiert und überlagert sich. So ist das mit Erinnerungen. Das gibt auch die Musik vor. Es gibt Collage-ähnliche Strecken, in denen sich verschieden tonale Schichten überlagern. Wie bei Charles Ives. Die swingig-jazzigen Passagen aus den 50er Jahren wechseln über in den Kirchenton, wenn Bronka betet. Der groteske Walzer nach der Pause ist Dmitri Schostakowitschs Jazz-Walzer abgelauscht. Schostakowitsch ist ein großer Förderer Weinbergs gewesen. Oder die innigen kammermusikalischen Streichquartettmomente, die Marta begleiten. Mindestens vier Mal bricht das Trommelfeuer der Pauken ein und setzt ein Ausrufungszeichen. Die Neue Philharmonie Westfahlen unter Valtteri Rauhalammi ist absolut präsent und wunderbar transparent. Wenn die Streicher in ihren eigenartig an Benjamin Brittens Oper Peter Grimes erinnernden aufsteigenden großen Terzenketten im unisono mal ein wenig auseinander geraten, klingt es wie beabsichtigt. Hanna Dora Sturludóttir als Lisa und Ilia Papandreou als Marta mit ihrem großen Monolog am Schluss und dem Appell, Nicht-zu-Vergeben, beziehungsweise Nicht-zu-Vergessen sind optisch wie stimmlich perfekte Antipoden. Kor-Jan Dusseljee als Walter scharwenzelt wunderbar leichtfüßig und im Tenor-Ton Dominanz-spielend herum. Dass Bariton Piotr Prochera als Häftling Tadeusz tatsächlich Bachs Chaconne auf der Bühne geigt, bevor er von den SS-Offizieren zusammen geschlagen wird, das wird man sicherlich nicht so schnell vergessen. Ein Lob an die Lagerfrauen und auch an den Chor in dieser in jeder Hinsicht lohnenden zweiten oder dritten szenischen Produktion in Deutschland. Natürlich war wie in Frankfurt auch Zofia Posmysz da, auf deren Hörspiel das Libretto dieser Oper zurück geht. Die hochbetagte inzwischen über 90jährige ist noch eine der wenigen Zeitzeuginnen, die die Hölle in Auschwitz erlebt haben. Diese Auschwitz-Oper sollte jeder gesehen haben. Das Musiktheater im Revier bietet auch ein Rahmenprogramm an.

Staatsoper Mainz: Die Gierlust des Barocken verschluckt die wahre Liebe in Christoph Willibald Glucks Oper Armide

Fette Bäuche, bebende Busen, gepuderte Fratzen – die barocke Hofgesellschaft ist in der Lesart von Regisseurin Lydia Steier und ihrem kongenialen Kostümbildner Gianluca Falaschi eine absurde Gesellschaft, die gierig völlt, an blutigen Menschengliedern knabbert, hurt und sich grotesk verrenkt.
Von Sabine Weber

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

Armide mit Lustdamen. Alexandra Samouilidou, Nadja Stefanoff, Maren Schwier Bild: Andreas Etter

(Mainz, 14. Januar 2017) Das Bühnenbild gestaltet Katrin Kersten als eine Halbarena. Begrenzt aus meterhoch gestapelten Truhen und Schränken im Gelsenkirchner Barockstil, weißlackiert wie Meissner Porzellan. Aus den Türen treten die grotesken Gestalten wie aus Fellinis Satyricon-Film entsprungen hervor und klettern sich in der Möbelarena halsbrecherisch ab. Oder die Bühne dreht sich und gibt die im dunklen Kontrast stehende Hinterseite gestützt durch ein Gerüst frei, sozusagen als dunkle Gegenwelt. Die Zauberin Armide und ihr Geliebter Renauld setzen sich mit dunklen Farben davor ab.

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Armide und Renaud. Nadja Stefanoff, Ferdinand von Bothmer. Bild: Andreas Etter

Sie in schwarzem Seidenrock mit engem Taillenmieder und eleganter Frisur. Groß und schön ist Nadja Stefanoff, und eine wirklich beeindruckende femme forte. Ferdinand von Bothmer als Renaud im grauen Overallkampfanzug Soldatenstiefel ist dem Augenschein nach eher ein etwas weichlich wirkenden Kreuzritter. Die Gestalten stammen aus Torquato Tassos Das befreite Jerusalem, ein Versepos, das zahlreiche Opern im 17. und 18. Jahrhundert mit Figuren und Geschichten versorgt hat. Jean-Baptiste Lullys Tragédie lyrique Armide ist übrigens eine seiner besten Opern. Lully vertonte das von Philippe Quinault in ein elegantes Französisch übersetzte Libretto. Und hier setzt auch das Problem der aktuellen Opernproduktion an. Gluck greift auf eben dieses französische Libretto zurück. Er hat seine Armide-Oper ja ebenfalls für die Académie Royale in Paris komponiert, wo sie 1777 auch uraufgeführt wurde. Und da steht der akademisch verteidigte „style pur français“ vielleicht nicht mehr so noch hoch im Kurs wie zu Lullys Zeiten ungefähr 100 Jahre früher. Das perfekte Gleichgewicht von Wort und Musik war Diktat! Ein Phänomen in der Geschichte der westlichen Kultur, die ja ansonsten immer die Musik über dem Wort, über allem stehen lässt. Aber eben nicht in den Theaterstücken der französischen Klassiker Corneille, Racine oder Quinault. Nadja Stefanoff mit zwar klarem Ton und schön geformt, sie hat vielleicht nur etwas zu viel Vibrato, egal, aber ist überhaupt nicht zu verstehen! Kein Wort artikuliert sie. Konsonanten existieren für sie nicht, ebensowenig eine Phrasengestaltung als Sprechmelodie. Ferdinand von Bothmer scheint mit der Höhe seiner Partie Probleme zu haben. In Frankreich waren die Haute-Contres angesagt, die Tenöre, die extrem tief und mit Kopfstimme extrem hoch singen konnten. Bothmer scheint in der Höhe immer im Brustregister zu schreien, was seine Liebesbekundungen wohl nicht gewollt verzerrt. Das mit schönem Klang und sogar Naturtrompeten musizierende Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Clemes Schuldt klingt im Ton nicht schlecht barock – jedenfalls für ein Opernorchester, pointiert allerdings zu wenig die musikalischen Höhpunkte und könnte weit mehr Kontraste setzen in der Agogik, im Tempo und in den musikalischen Überraschungen, die Gluck durchaus serviert. Das ist keine ganz leichte Aufgabe in Glucks ungewöhnlicher Formgestalung. Alles scheint nämlich ineinander überzugehen. Fast wie in einer durchkomponierten Oper: vom Rezitativ geht’s ins Arioso und wieder in die zahlreichen Ballett-Tanzsätze. In Frankreich damals unverzichtbar.
Der Chor singt und agiert großartig. Allerdings als grotsek überbordende Lustgesellschaft mit Bubsies und Pipsis – viele der Herren hatten aus ihrem Goldröckchen einen Riesenphallus hervorstehen – wirkt auf Dauer doch ermüdend. Vor allem weil die Musik im Gestus fast immer ernst und dramatisch ist. Völlig übergangen wird, dass die angeblich überbordende Barockzeit doch auch das Zeitalter der Vernunft und des philsosophischen wie naturwissenschaftlichen Diskurses gewesen. Und die emotional erstaunlich berührende Geschichte einer Frau, die sich endlich traut zu lieben und dann nicht lieben darf, weil ihr Geliebter schlussendlich doch für die Gloire, sprich, den Kriegsruhm wieder abzieht, ist aktueller denn je! Gelungen ist die Matapher des Käfigs, in dem erst die Herren als Opfer stecken, eine Beute der nicht-lieben-wollenden Armide, der später hereingeschoben wird, damit Armide im Schlussbild darin eingesperrt wird.
Die Lustdame in Aktion. Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Die Lustdame in Aktion.
Alexandra Samouilidiu, Johannes Mayer. Bild: Andreas Etter

Großartig gelingt auch das Plaisir-Quartett im zweiten Teil nach der Pause mit den beiden Lustdamen. Witzig gespielt von Maren Schwier und vor allem Alexandra Samouilidou, die mit perfekter Aussprache auffällt. Als fesche Lolas mit Zylinder bezirzen sie abwechselnd einen der Begleiter Renauds, der vom jeweils anderen männlichen Partner wieder zur Raison gerufen wird. Das ist eine von Gluck richtig komödiantisch angelegte Szene und geht in der Regie von Lydia Steier auf. Über weiter Strecken laufen ihre grotesken Bilder allerdings ins Leere. Zu einer Gesellschaftskritik taugt ihr Klamauk diesmal wenig. Aber das Publikum reagierte beteistert mit großem Applaus. Seit der großartigen Pérelà-Inszenierung vor drei Jahren haben Steier und Falaschi hier Kultstatus!