Clash der Geschlechter und das Rad hämmert immer schneller!

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren Foto: Tommy Hetzel

Der Kapitalismus lässt die Hämmer rotieren
Foto: Tommy Hetzel

Im Staatenhaus bricht Peter Konwitschny Wolfgang Rihms „Die Eroberung von Mexicos“ zum letzten Mal auf Sex-Klischees herunter. Intendant-Regisseur Stefan Bachmann hat für den weiblichen Anteil der Lehman Brothers im Schauspiel-Depot nur Männer übrig. Am Wochenende hat es heftig gewittert!
(Von Sabine Weber)

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma Foto: Paul Leclaire

Das Weibliche trinkt sich Mut an. In der Mitte Ausrine Stundyte als Montezuma
Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez. Foto: Paul Leclaire

Männer rotten sich und halten zusammen! Ganz vorne Miljenko Turk als Cortez.
Foto: Paul Leclaire


(Köln, 27.05. und 29.05.2016). Manchmal lohnt es sich in Kölner Opern-Dernieren zu gehen und sie als Teil eines großen Ganzen zu erleben! So beginnt die letzte Vorstellung von Wolfgang Rihms Die Eroberung von Mexico mit zwei Perkussionisten links und rechts außen. Das Orchester ist im Staatenhaus weitläufig auseinandergezogen ganz vorn aufgebaut. Dahinter überall schrottreife Autos. Darüber eine Puppenstube geklatscht. Spießig weiß gelackt. Und die beiden Perkussionisten trommeln wie die Teufel. Derweil unterhält sich das bereits sitzende Publikum noch entspannt. Bis am Ende der ersten Salve beim Abschlagen von Dirigent Alejo Pérez doch etwas auffällt. Die letzten Mobilfunktelefone neben mir werden hastig ausgeschaltet. Es hat schon begonnen! Das ist seit der Uraufführung vom konzertanten Köln Ring von Philipp Manoury voriges Wochenende in der Köln Philharmonie wohl neuer Standard. Auch dort hat die Musik schon den Raum von allen sichtbaren und unsichtbaren Seiten her erfasst. Während einige noch auflaufen: auch einige Musiker des Gürzenich-Orchesters sind noch nicht angekommen, Zuhörer, Publikum. Der Kölner GMD François-Xavier Roth fällt vorn auf dem Dirigierpodium, zusammengefaltet wie er da sitzt, kaum auf. Wann ist er denn hinein geschlichen? In Köln ist Musik eben immer schon da! Ein klingender Urzustand. Bei Manoury im Raum. Energetisch aufgeladen bei Rihm wie der Konflikt, den Peter Konwitschny verstörend im Staatenhaus ins Bild setzt. Frau – Mann, nichts als eine Geschichte sexistischer Klischees. Sie will reden und auf Beziehung machen. Er will harten Sex. Sie schmeißt ihn raus, er kommt mit einer ganzen Horde geiler Männer – einem grölenden Raumchor zurück. Sie bekommt Unterstützung von zwei Frauen und prügelt sich mit ihm. Alles in der gelackten Puppenstube vor Ikea-Regal. Die Männer machen Selfis vor blutender Nase und stoßen an mit Bierflaschen. Mann: Eroberer Cortez. Frau: Montezuma. Der unterlegene Atztekenherrscher als Frau? Die Verlierer in der Weltgeschichte sind ja meist Frauen. So kann Weltgeschichte oder die Eroberung eines Kontinents von Europa aus dann auch begriffen werden. Als permanente Grenzverletzung, mit der bestenfalls nach dem Tod Frieden gemacht wird. Deren Altlasten freilich den Nachgeborenen überlassen bleiben. Beindruckend, wie Konwitschny zu verschwurbelt kryptisch anmutenden Sentenzen des Librettos (Textpassagen von Antonin Artaud und Ocatvio Paz) seinen heftigen Bilderbogen erfindet. Konwitschny bricht den lyrischen Ausdruck gnadenlos runter. Und passgenau zu einzelnen Reizwörtern und zu der energetisch klanggewaltigen Musik. Wie Rihm perkussiv-rhythmische Urkraft entfesselt ist seit seinem Tutuguri- Ballett Anfang der 1980er bekannt. Als die Männerhorde in die Puppenstube einfällt und die Frau massenvergewaltigt wird, rennt das junge Pärchen vor mir entsetzt raus! Später auch noch zwei betagte Damen. Aggressionen und Gewalt können wir wohl nicht mehr! Obwohl es eine Realität, der wir ins Auge schauen müssten. Konwitschny hat bei seiner Regie wohl kaum an die Kölner Silvesterereignisse gedacht. Und auch nicht an die Massenvergewaltigung einer 16jährigen in Rio de Janeiro, wovon die Zeitungen heute berichten. Die beteiligten Jugendlichen haben ein Video davon ins Internet gestellt, lese ich. Da müssen wir uns doch überlegen, wie wir uns dazu verhalten. Auch wenn Konwitschnys knallroter Porsche mit quasi nackten Prostituierten gefüllt – spärlich goldene Körperbemalung sind wohl ein Hinweis auf das erbeutete mexikanische Gold der Spanier – dagegen geradezu spießig Gartenzwergenhaft wirkt. Nicht-los lässt der musikalische Spannungsbogen Dank der auch im Raum verteilten Musiker, eine ihre Rolle als Frau auch Samttönig verteidigende Ausrine Stundyte verstärkt durch die grell-hysterische Koloratursopranistin Susann Andersson und Altistin Kismara Pessatt. Sowie Miljenko Turk als Macho-Mann mit den hechelnden und röchelnden Sprechern Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz auf seiner Seite.
Geradezu moderat sind die zwei Stunden Musik im Vergleich zu den 3einviertel Stunden, die die Lehman Brothers. im Kölner Depot 1 zwei Tage zuvor verlangen, um das Rad ihrer Geschichte zu überdrehen und in einer Finanzblase unterzugehen. Einzig ein sich drehendes Eisenrad mit Hämmern füllt die Bühne. Und dreht sich, je nach dem wie schnell die Lehmans es in Alabama oder New York anwerfen. Zum Schluss so schnell, dass die Altgwordenen kaum mehr durch die wild schlagenden Hämmer nach vorne durch kommen. Auch diese Eroberer – namens Lehman – kommen ursprünglich aus Europa. Sogar aus Deutschland, aus dem tiefsten Bayern. Dort wurden sie natürlich noch mit zwei „n“ geschrieben. Und das Unwetter in Deutschland hat über und in dieser grandios wie subtil inszenierten, vor allem von der schauspielerischen Virtuosität aller Beteiligten gespeisten Inszenierung getobt. Passgenau, als wäre das sich entladende Gewitter Teil der Regie! In Köln ist viel zu haben!