CD Favoriten!

Dass sich wunder alle Welt. Lieder zum Advent mit Les Escapades. Christophorus CHR77287.
Himmlische Weyhnacht. Festliche Gesänge von Luther bis Bach mit Bell’Arte Salzburg. Berlin Classics 0300687BC
(von Sabine Weber)

Am Wochende ist erster Advent! Und die Weihnachtsmärkte puffen diese Botschaft schon mächtig durch die Luft. Tee-, Glühwein-, Wurst- und so allerlei Fressständen durchziehen bereits die Plätze. Zu überhören ist es auch nicht. In Popversion dudeln die klassischen Weihnachtslieder im schlimmsten und häufigsten Fall verkitscht vorgetragen von Rudi Carell- oder Nico Haak – Klonen. Jedenfalls ist das so in der Kölner Innenstadt. Da scheint es geboten daran zu erinnern, was es mit den klassischen Advents- und Weihnachtsliedern eigentlich auf sich hat. Wann und vor allem wie sie auch klingen können. Diese Zeit hat einen musikalisch reichhaltigen Klangschatz über Jahrhunderte geprägt.
Dass sich wunder alle Welt
Das süddeutsche Ensemble Les Escapades durchzieht seine Adventsmusik mit sanft säuselnden Gambenklängen. Die vier Damen sind im Andachtsfundus von Renaisance und Frühbarock aber auch in der Gregorianik fündig geworden. Vom Norddeutschen bis in die frankoflämischen Kulturzonen reicht das hier präsentierte Repertoire. Und weil es im Advent heilsgeschichtlich um das Wachen, Warten und Erwarten geht, wird hier die Zeit mit kleinen feinen Suitensätzen vom Violinvirtuosen Johann Schop oder mit einer Paduan und einer Canzone vom norddeutschen Organisten Johann Crabbe, einem Studienkollegen von Heinrich Schütz, versüßt. Die Klänge eines Orgelportativs unterstützen den sakralen Charakter dieser zur Einkehr einladenden Übung. Die Orgel bekommt auch zwei kleine solistische Auftritte. In die Andachtsthematik führt natürlich vor allem die wortgebundene Musik ein. Das Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland liefert gleich in der ersten Strophe auch den CD Titel. Es ist eines der berühmtesten und beliebtesten um 1600. Selbst Johann Sebastian Bach greift ein letztes Mal auf die eigenartig archaisch klingende dorische Melodie zurück und verarbeitet sie zu einer Kirchenkantate (BWV 61). Längst haben Lukas Osiander, ein Balthasar Resinarius oder Andreas Raselius den protestantischen Advents-Hit mit eigenen mehrstimmige Begleitsätzen unterfüttert. Les Escapades lässt sie abwechselnd klingen und begleitet Sopranistin Miraim Feuersinger – Schade, dass sie trotz der einfachen Melodie so Textunverständlich singt – und Tenor Daniel Schreiber. Die Strophen werden auch durch reine Instrumentalfassungen abgewechselt. Ein abwechslungsreiches Konzept auch beim Zuhören. Dieses Lied ist in Leipzig an allen vier Adventssonntagen gesungen worden. Les Escapades ordnet es dem ersten Adventssontag zu, der wie die drei folgenden mit einer gregorianischen Choralzeile beginnt. Das auch bekannte Renaissance-Hits in die protestantische Adventsliedkultur hineingeschleus tworden sind, ist die Überraschung im zweite Block. Das Adventslied Mit Enrst, O Menschenkinder zitiert die berühmte La Monica oder La Monaca – Melodie. Mit dem Booklet-Text kann sich weiter in die geistlichen Bedeutungen der einzelnen Adventsthematiken vertieft werden. Ein feines und gelungenes Adventstprojekt in jeder Hinsicht. Es lädt vor allem dazu ein das zu tun, wozu die Adventszeit ihrer Bedeutung nach dienen sollte, zur Einkehr, Besinnung und Vorbereitung auf ein Wunder mit großer heilsgeschichtlicher Bedeutung. Himmlische Weynacht Annegret Siedel und Bell’Arte Salzburg greifen in die Vollen und haben im Hinblick auf das Wunder des Weihnachtsfest hauptsächlich festliche Gesänge in Barock-Bearbeitungen ausgesucht.Im Mittelpunkt steht der Martin Luther-Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her. Also die Engelserscheinung oder Verkündigung der Frohen Botschaft an die Hirten. Sie wird in verschiedenen hier vorgestellten Bearbeitungen von virtuosem Violinspiel begleitet. In einigen Stücken ergänzt um eine zweite Violine, eine Tenorviola und eine Barocktrompete. Letzteres sorgt für eine strahlende, festliche Note! Auch hier singt die Sopranistin Marie Luise Werneburg mit schöner schlanker Stimme aber leider wieder völlig Textunverständlich. Das ist vor allem sehr Schade beim Magnificat von Heinrich Schütz SWV 344. Dazu erklärt auch noch der CD-Booklettext, dass Schütz eine natürlich betonte, gut verständliche Sprache und die konsequente musikalische Ausdeutung der Textaussage gefordert habe! Dagegen strahlt Bassist Klaus Mertens umso mehr in Wort und Ton und Koloratur in Nicolaus Bruhns Mein Herz ist bereit. Wenn er das „Wache auf“ schmettert, dürfte jeder Zuhörer aufschrecken. Diese Psalmenvertonung wird von einem virtuosen Violinsolo eingeleitet, ganz im Stile der Wiener Schmelzer-Biber Tradition. Das liegt Annegret Siedel natürlich, die ja bereits Heinrich Ignaz Franz Bibers schwindelerregend virtuose Rosenkranzsonaten aufgenommen hat. In Fürchtet euch nicht von dem in Dresden wirkenden Christoph Bernhard schwingt der Basso continuo mit Orgel und Viola da gamba im wiegenden Siciliano-Rhythums unter der Violine und dem Sopran. Eine sehr französisch klingende Chaconne eines Anonymus lädt zu einer fast zwanzig Minuten dauernden Meditation über die vier absteigenden Basstöne ein. Der Choral Wie schön leuchtet uns der Morgenstern wird in Zwischenteilen hineingespielt und zwar in Bearbeitungen von Thomas Selle, Heinrich Scheidemann oder Jan Peterson Sweelinck. Die festlichen Klänge enden dann doch besinnlich. Die letzten Strophen von Vom Himmel hoch sind das Schlusswort. Sie kommen in Trio-Versionen von Johann Walter und Johann Pachelbel, die die Melodie als Cantus firmus nutzen für Streicherornamentierungen. Eine sehr homogene Ensembleleistung mit kleinen hochvirtuosen Geigeneinsätzen und weihnachtlichem Esprit in Pralinendosierung!

Schön gestorben ist die halbe Oper! Puccinis La Bohème im Kölner Staaten(Opern-)haus

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeongki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire

Mimi, Jacquelyn Wagner, und Rudolfo, Jeonki Cho als schüchternes Liebespaar. Foto: Paul Leclaire


Großartige Stimmung im Saal 2 des Staatenhauses! Die Kölner sind glücklich, dass es mit ihrer Spielzeit doch noch etwas wird. Das Gürzenich-Orchester durfte diesmal auch vor der Puppenkleinen Bühne sichtbar spielen. Die wird in jedem Akt zweimal umgebaut. Das geschieht aber mit Überraschungseffekt, sodass das Publikum entzückt wie nach einem Zauberakt „Ah, Oh!“ ausruft. Die Sänger sind allesamt überzeugend. Mimi und Rudolfo als frisch Verliebte überzeugen weniger, dafür um so mehr im Liebeskummer und Liebestod.
(Von Sabine Weber)

(Köln, 22.11.2015). „Mi chiamano Mimi!“ Singt Jacquelyn Wagner wie eine kleines hilfloses Mädchen. Unvorteilhafter hätte sie allerdings nicht gekleidet sein! Das spielt bei einer großen Frau schon eine Rolle. Die kann man nicht klein machen. Vor allem nicht, wenn es um Liebe auf den ersten Blick geht! Und dann steht sie einen Kopf größer vor dem Koreaner Jeongki Cho, der ihr relativ steif, dafür mit viel Schmelz in der Kehle Rampensingend sofort verfällt. Das glaubt, wer der herzbewegenden Musik lauscht. Das Orchester sicher geführt von Francesco Angelico trägt die Stimmen und ist in vielfach feinen Nuancen dabei, manchmal aber auch ein bisschen zu laut. Aber was macht es, wenn die Stimme immer ganz oben mitschwimmt, mal von Streichern oder sogar von den drei Posaunen und einer Cimbasso, einer Kontrabassposaune begleitet! Dann wird es ernst und bedeutsam. Das ist wunderbare Filmmusik. Oder doch eher Operettenanklang an Franz Léhar? Es wird auch immer mal wieder kammermusikalisch leise und fein. Die Solo-Violine spielt auf, nur begleitet von einem ihr in allem folgenden Violoncellobass. Puccini versteht sich auf Rührung aber auch herrlich auf Komödie. Da vergisst man, dass die Studentenscherze und Dialoge in der Dachkammer für heutige Verhältnisse verstaubt daher kommen. Das Studentenquartett geht auf in seiner Rolle unter einem schrägen Riesenfenster vor projizierter Pariskulisse mit Eifelturm. Also vom Montmartre aufgenommen. In bestimmten Momenten erscheinen noch Chagall-Motive im Himmel. Statt Ouvertüre führen die vier Bohemiens in hungriges frierendes Studentenleben nach 1900 ein. Miljenko Turk ist der herrlich frivole Maler Marcello. Wolfgang Stefan Schwaiger als Dandy-Schaunard mit Hut überragt sie alle und liefert sich mit Kihwann Sim als Colline ein Degenfechten mit Gehstock und Schürhaken. Aber erst einmal vertreiben sie mit viel Theater den Vermieter, der die Miete eintreiben will. Im Straßenkaffe angekommen fährt Musetta in einem Oldtimer-Rolls Royce herein – auch das geht auf einer Puppenbühne! Und alles ist da, was ein Pariser Weihnachtsmarkt so braucht: Leute, Kinder, Marketender. Aoife Miskelly steigt aus dem Wagen und mischt rotgekleidet das graue Pariser Straßenleben erst einmal tüchtig auf.
Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Aoife Miskelly als Musetta Foto: Paul Leclaire

Im Musette-Dreivierteltakt ihrer Arie Quando m’en vò zieht sie alle Register. Ist eine exzentrische Diva und reizt mit leicht beweglichen Stimme sowohl ihren steifen Gönner als auch ihren Verflossenen, kein anderer als Marcello. Im zweiten Akt kommt dann die Tragödie pur. Es liebt sich aber will nicht zusammenhalten. Weder Musetta und Marcello, noch Mimi und Rudolfo. Sie leiden unterschiedlich, und wie Puccini dieses Leid überkreuzt und in Ensembleszenen verzahnt ist wieder ganz heutig. Sinnlose Eifersucht. Trennung, weil hilflos, mit Herzschmerz unter verschneiten Bäumen in der kalten Nacht. Das Bühnenbild aus Scherenschnittartig räumliche Requisiten mit Bildprojektionen verschmolzen liefert einen fast naive Bildentwurf. Versöhnung kommt, wenn es zu spät ist. Im letzten und vierten Bild – wieder die Dachkammer. Mimi ist Tuberkulose-krank und will im Arm Rudolfos sterben. Sterbend versucht sie noch Musetta und Marcello zu versöhnen. Es wird gebetet. Letzte Wünsche werden erfüllt. Das letzte veräußert, um Mimi einen Muff, Medizin und einen Arzt zu besorgen. Da hält die WG zusammen. Wem das nicht zu Herzen geht, dem ist nicht zu helfen! Das ist großartige Oper!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Kunst oder Leben! Benvenuto Cellini von Hector Berlioz eröffnet am letzten Wochenende die diesjährige Spielzeit an der Kölner Oper. Und die Opernkunst hat in Köln eine neue Ausweichspielstätte. Das Staatenhaus!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire


„Kommt und applaudiert der neuen Oper!“ schmettert der Feierchor im Finale des ersten Aktes. Wie hätte dieses Zitat doch gut gepasst! Hätte die Premiere im fertig sanierten Opernhaus wie geplant stattfinden können. Und erst der von Berlioz beschworene Karneval als Gesellschaftszustand … Die Komödie wird in Köln aber mal wieder zur Tragödie. In Benvenuto Cellini enden die Ausschweifungen sogar mit der päpstlichen Drohung: „Kunst oder Leben“. Der Papst will von Goldschmied Benvenuto Cellini die Perseus-Statue. Die beiden Akte gehen gut aus. Die Kunst siegt. Trotz einiger Abstriche. Und das ist vor allem François-Xavier Roth zu verdanken. Benvenuto!
(Von Sabine Weber)

(Köln, 15.11.2015). Mit keiner anderen Oper hätte Generalmusikdirektor François-Xavier Roth seinen Kölner Operneinstand so anspielungsreich geben können. Das üppig instrumentierte Werk ist zudem Musikdramaturgisch einzigartig. Voller Aufregung, spielt mit Theater im Theater, mit Personenbezogenen leitmotivähnlichen idées fixes ist es durchzogen, wartet mit einem großen Sängerpersonal, mit Stadtbürgern, einer heiß umkämpften Bürgertochter, mit Rittern, Papst, Wirt und Karnevalsgesellschaft auf. Ein fulminanter Chor dominiert über weite Strecken, und zum Schluss streiken auch noch die Metallverarbeiter. Alles dreht sich um einen widerspenstigen genialischen Künstler, der eine künstlerische Heldentat vollbringen soll! „Kunst oder Leben!“ ist die Losung, die Hector Berlioz in seinem Opernerstling Benvenuto Cellini ausgibt. Leider ist Berlioz damals mit seiner Kunst an der Pariser Oper nicht angekommen. Er ist kein Benvenuto, kein Willkommen Geheißener geworden. François-Xavier Roth gibt in Köln gleich zu Beginn der Premiere dem „Kunst oder Leben“ eine unerwartete Deutung. Mit Intendantin Birgit Meyer stellt er sich vors Mikrofon, verurteilt die Terroranschläge in Paris und widmet den Opfern des Anschlages, was wohl, Kunst! Die Marseillaise in der Instrumentierung von Héctor Berlioz. Danach eine Schweigeminute! Bei einer Marseillaise kann Gott sei Dank keine falsche Rührung aufkommen. Aber die Botschaft sitzt. „Vive la liberté, la fraternité…“ Die Kunst sorgt für Zusammenhalt.

Und dann bricht dieser üppige Berlioz im Staatenhaus herein. Das Orchester sitzt tief hinten im Raum hinter schwarzer Gaze. Die Wucht der Berliozschen Partitur ist in Reihe 8 aber noch zu spüren. Zur Ouvertüre wird auf laufenden Spruchbändern die Vita Benvenuto Cellinis erzählt. „Der Mensch, der etwas Löbliches vollbracht hat, sollte seine Memoiren schreiben“, steht da zu lesen. Und Cellini steht auf dem Podium und schreibt. Umgeben von Fleischfarbenen Gestalten, die einzelne Episoden aus seinem Leben pantomimisch andeuten. Wie er zum Künstler wird. Zu einem Liebenden, der nur eine begehrt. Teresa. Die Liebe ist gegenseitig. Die Handlung beginnt mit einer Vater-Tochter-Auseinandersetzung. Und mit Requisitenaufbauten, die hörbar durch die Halle geschoben werden. Eine ballonartige mit weißen Kissen ausgestopfte Halbkugel ist Teresas Kammer. Herum gedreht bekommt sie die Konturen eines Halbkopfes. Rote Pappnase und Gesichter werden drauf projiziert. Riesige Schlauchkonstruktionen werden hinter den Kopf geschoben. Sie sehen wie Blutbahnen aus. Und zum Schluss wird er als ein Glühbirnenbesetzten Totenkopf hineingeschoben, der Revueartig aufleuchtet, wenn der Papst als goldener Popanz auf einem Gestell Ablass für die Sünden spendet und mit dem Tod drohend die Skulptur fordert. Grotesk überzeichnete Bilder liebt Carlos Padrissa. Damit spielt und jongliert seine Regie. Die Handlung begleitet er mit Spontantheater. Emotionale Tiefenschärfen interessieren in diesem Konzept nicht. Alles zielt auf Plakatives, auf komische Effekte, vor allem die spektakulär bewegte Masse. Die Luftakrobaten von La Fura dels Baus wirbeln Angsterregend durch die Luft im Geschirr an Seilen von Bühnenarbeitern gezogen. Und das geht mit der Wucht der Berliozschen Klänge durchaus zusammen. Beispielsweise in einer deftige Wirtshausszene. Aus Riesenschläuchen fließt der Wein und krabbeln die Fleischfarbenen. Der Männerchor gibt die florentinischen Saufkumpanen. In rotweiß gestreiften Kurzpumphöschen mit Kopfkappe rutschen sie eine Schräge hinunter. Eine Feiergesellschaft in niedlichen Quallenkostümen warten auf das Pantomimentheater. Dann gibt es einen Ophekleiden-Vortrag auf der Bühnen-Bühne. Sie verleiht einem der Pantonimen eine ungewöhnliche Stimme! Und rennt dem Orchester davon! Überdreht sind die Szenen mit Fieramosca, dem Gegenspieler Cellinis. Als Fechtmeister mit Fliege auf dem Brustpanzer – Mosca = Fliege – fuchtelt er mit dem Degen herum. Nach einem herzzerreißenden Liebesduett gibt es eine durchtrieben und witzig auskomponierte Trionummer mit den rivalisierenden Liebhabern und Teresa. Da wird auf Lücke und präzise genau gesungen. Gut gelingt das Umkippen des Komödiantischen ins Tragische am Ende des ersten Aktes. Das ist aber vor allem der genialen Musik Berlioz zuzuschreiben, die aus einem Komödiantischen Tonfall in Nullkommanix schwarzes Pathos hervorzaubert. Der Chor ist durch das ganze Stück hindurch eigentlich das Stimmungsbarometer. Permanent in die Handlung involviert, muss er nicht nur jubeln, sondern auch rasant schnell parlieren. Schnell hat man das merkwürdige Pärchen entlarvt, das vor der ersten Zuschauerreihe an einem Tisch sitzt. Die winkende Nonne mit schwarzem Kopfkapuze als Souffleuse und den älteren Mann mit schwarzer Mütze daneben als Chorleiter Andrew Ollivant, der lebenswichtige Einsätze gibt. Dirigent Roth ist ja hinter der schwarzen Gaze weit weg. Wie das alles funktioniert und zusammenspielt, ist das Wunder des Abends. Das Sängerpersonal überzeugt, auch wenn der Münchner Tenor Ferdinand von Bothmer als Cellini mit Nervosität kämpft und einige Male auf Schonhaltung setzt. Fein und leicht im Timbre Emily Hindrichs als Teresa, tollpatschig durchtrieben Vincent Le Texier. Als ihr Vater verfügt er über erstklassiges Französisch. Überzeugend die beiden Fechtbrüder, Nikolay Borchev und Wolfgang Stefan Schwaiger als Fieramosca und Pompeo. Das Husarenstück gelingt an diesem Abend Katrin Wundsam. In der Hosenrolle des Ascanio spielte und singt die Mezzosopranistin alle an die Wand. Mit ihrer „Alles ist langweilig“- Arie im Walzerrhythmus persifliert sie die Auseinandersetzung zwischen Cellini und Papst noch einmal. Eigentlich keine große Nummer. Aber mit Wundsam wird sie zu einem richtigen Bravurnummer! Das Staatenhaus als kleines Tollhaus feiert den Künstler und die Kunst. Und endlich den Beginn der Saison in Köln. Mit einem Krachen leuchten zwei Neonröhren auf. Die Staute ist entstanden. Das Kunstwerk vollendet. Die richtige Liebesverbindung geschmiedet. Und nächste Woche gibt es hier schon die nächste Premiere!

Musik und Astronomie – Die SWR2 Musikstunde ab dem 9. bis zum 13. November mit Sabine Weber

Die Erde aus Satellitenperspektive. Foto: ESA

Die Erde aus Satellitenperspektive. Foto: ESA

Jetzt sind im klaren Nachthimmel die Sternbilder des Orion,der Sternhaufen der Plejaden oder die W-förmige Cassiopeia wieder deutlich zu erkennen. Und geben wir es ruhig zu, wenn wir die Chance haben, der überleuchteten Großstadtnacht zu entkommen und ins Sternenmeer einzutauchen, dann vermittelt uns das auch heute noch Erhabenheit. Göttliche Ordnungskraft steht in den Himmel geschrieben! Und auch die Musik ‘blickt’ seit Jahrhunderten ehrfürchtig horchend himmelwärts. Die Sphärenharmonie als harmonisch klingender Himmel ist ein viel beschworenes musikalisches Bild. Musikalische Zahlenverhältnisse bekommen kosmologische Dimensionen. Komponisten blicken durch Riesenteleskope! Johannes Kepler deutet astronomische Winkelmessungen der Planetengeschwindigkeiten zueinander als klingende Intervalle. Sie sind vermutlich für Instrumenten-Stimmungen herangezogen worden. Wenn es Sie interessiert, die SWR2 Musikstunden greifen ab dem 9.11. bis zum 13.11. jeweils um 9.05 Uhr nach den Sternen. Und sie spekulieren nicht nur. Sie suchen nach der Möglichkeit von Transpositionen unseres Planetensystems in den hörbaren Bereich. Und bringen – natürlich – auch Planeten in Charakterdarstellungen und mythologischen Bildern zum Klingen. Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon ziemlich lange. Und habe dafür auch mal mit einem Astronomen telefoniert. Freimut Börngen hat nämlich mit musikalischen Ambitionen Komponistennamen in den Himmel versetzt. Wie man Planetoiden entdeckt – diese Himmelskartoffeln kurven zwischen Mars und Jupiter um die Sonne – und wie man als Taufpate im Kosmos für musikalische Ehre sorgen kann, das habe ich von ihm erfahren. Und einen Teil des Telefonats, damals im Dezember 2002, habe ich aufgenommen.
Der Planetoiden-Entdecker Freimut Börngen am Apparat!