Das Ende ist der Anfang! Accatone von Pier Paolo Pasolini als Musiktheater in der spektakulären Kohlenmischhalle Zeche Lohberg zum Auftakt der Ruhrtriennale 2015

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder



Wie ein riesiges umgedrehtes Boot mit Kiel zu oberst sieht die Halle aus. Geschätzte 300 Meter lang und 30 Meter hoch! Die Besucher ziehen wie Pilger zu ihr. Erst durch die backsteinerne Zentralwerkstatt. Dann über Schotterwege entlang von Bauzäunen, die Schutthaufen absperren. In denen steht ein 70 Meter hohes Fördergerüst wie ein einsamer Gigant. Bis 2005 transportierte der grün schimmernde Eisenturm mit seinen Radwinden die Kumpels in einen 1.200 Meter tiefen Schacht. Im Regen geht es weiter zur schwarzen Halle. Vorne ist sie sie offen. Vor der Öffnung liegt ein umgestürztes Motorrad. Das fällt kaum auf, denn sofort entdeckt man die riesige Tribüne im dunklen Hintergrund. Sitzt man in den ansteigenden Reihen, wird der Blick über die Steinwüste sofort wieder zurück zur Öffnung – in eben 500 Meter Tiefe – wie magisch gezogen. Ins Licht, ins Grün. Das ist Sehnsucht pur in einem spektakulären Blick. Und sie wird übermächtig in dem folgenden zweieinhalb Stunden Musiktheater. Das Licht am Ende des Hallentunnels!
Von Sabine Weber

(Dinslaken, 15.08.2015) Das Ende ist der Anfang! Pier Paolo Pasolini untermalt nicht von ungefähr den Vorspann zu seinen Film Accatone von 1961, der unter dem Titel „Wer nie sein Brot mit Tränen aß!“ nach Deutschland kommt, mit dem Schlusschor aus Bachs Matthäus-Passion. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist eine der Passionen Pasolinis gewesen. Obwohl radikal gesellschaftskritisch angelegt, tauchen in Pasolinis Filmen in den 1960ern auch immer wieder Heilige auf. Sie lösen Passionen aus, wie in Teorema von 1968. Eine messianische Lichtgestalt im Körper eines jungen Mannes lässt eine Industriellen-Familie in Mailand auseinander brechen. In Accatone ist es der Bettler und Schmarotzer Vittorio Cataldi, der in der Peripherie von Rom nach dem richtigen Weg sucht. Statt aus dem Diebes- und Zuhältermilieu heraus zu kommen, verkommt er als Nichtsnutz darin. Die staubige Vorstadtatmosphäre wird in der Halle wie in einem Höllenschlund lebendig. Und wenn sich Accatone, Steven Scharf mit großem Körpereinsatz, wie auch seine Kumpels Pio, Balilla oder der als „Das Gesetz“ betitelte fette Oberkumpel auf dem Boden wälzen, steigt dicker Staubnebel auf. Ob der Vergleich zwischen den arbeitslos gewordenen Kumpels von stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet mit den Verlierern der italienischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit zieht, darf dahingestellt bleiben. Auf den hat es Ruhrtriennalen-Chef und Regisseur Johan Simons schon angelegt. Aber eindrücklich gelingt seine Inszenierung in diesem von ihm auch für seine erste Spielzeit entdeckten Ort. Wie die Gestalten durch die Halle ziehen, Konstellationen bilden, sich Wortgefechte liefern, die beiden Prostituierten im weißen Container rechts immer mal wieder Zuflucht suchen. Wie einzelne zu Erzählern von Episoden werden, während die anderen einfrieren, die Männer in einem zwanghaften Kreistanz sich aneinander reiben oder eine Gewaltszene zwischen Mann und Frau in einem tänzerischen Pas de deux zu einem Ringen zweier Körper wird, erzeugt eine Flut von Bildern und Gefühlen. Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent streuen wohl dosiert und ausgwählt Sätze aus verschiedenen Bachkantaten dazwischen. „Wir zittern und wanken!“ trägt die Sopranistin Dorothee Mields vor, in Gelsenkirchen geboren, wohnhaft in Dinslaken und langjährige Mitstreiterin von Herreweghe. Der Schmerz, über das, was passiert ist, passiert, und noch passieren wird, ist allgegenwärtig. „Warum beklagst du dich, mein Herz“ stimmt der Altus Alex Potter an. Der Bachchoral „Jesu, deine Passion“ oder die Tenorarie „Wie zerfleischt ist meine Hoffnung, sind die Vorbereitung zu „Komm du Tod, oh Schlafes Bruder“, die der Bassist Peter Kooij in seiner Arie mit Oboensolo „Ich habe genug!“ endgültig abrundet. Der Einleitungschor aus Bachs Actus Tragicus wird als Klavierversion eingespielt. Die Musiker sitzen auf einem kleinen in den Boden eingesenkten Podium links von der Tribüne aus. Großartig haben die Soundtechniker das Problem der Hallenakustik mit Abnehmern und Verstärkung bei den Solisten und Instrumentalisten gelöst. Es klingt transparent und dennoch voll, als säße man in einem perfekten und nicht zu groß dimensionierten Konzertraum. Im Gegensatz zu Pasolinis Neigung, Bach in pathetischen romantisch aufgepumpten Einspielungen zu verwenden, die gern an Karl Richter-Interpretationen erinnern, setzt Herreweghe in seiner Interpretation auf schwingende Klarheit in den Lamenti! Herreweghe hat mit seinen Bachinterpretationen ja auch Geschichte geschrieben. Vor allem in Frankreich, wo er vor etlichen Jahrzehnten der Bachpflege mit seinen historisch informierten Aufführungen zu neuer Bedeutung verholfen hat. Die Schauspieler in ihren langen Spielpassagen deklamieren großartig textverständlich. Der niederländische Akzent einiger ist charmant. Für das internationale Publikum gibt es auf zwei Anzeigen englische Übertitel. Am Schluss klettert Vittorio oder Accatù, wie er im Dialekt gerufen wird, noch einmal aus dem Loch vorne vor der Bühne und verschwindet dennoch aus dem Leben, hinaus zur Halle und zum Licht. Glocken haben schon geläutet. Zum Schluss flattert das Geräusch auffliegender Tauben durch die Halle. Die Seele findet ihren Frieden. Irgendwo.

Auf dem Davos Festival „Young artists in concert“ geht’s rund!

Bei der Festivaleröffnung umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto. Yannick Andrea

Bei der Festivaleröffnung in Davos umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto: Yannick Andrea


Davos ist ein Wintersportort. In der Wintersaison lädt auch das World Economic Forum immer zum Wirtschaftsgipfel ein. Der legendäre Davoser Kur-Sommer ist längst keine Hochsaison mehr. Auch wenn ihn Thomas Mann in seinem Zauberberg literarisch verewigt hat. Vielleicht ist deshalb das Davos Festival „Young artists in concert“ über Musikerkreise hinaus kaum bekannt. Es findet im Juli oder August statt. Seit rund 30 Jahren verfolgt das Kammermusikfestival ein ehrenwertes Ziel. Jungen talentierten Musikern nach dem Studium beim Sprung in die Karriere zu helfen. Zwei Wochen lang bietet das Davos Festival gegen Reisespesen, Kost und Loigs ein Forum der Begegnung und Konzertmöglichkeiten vor spektakulärer Bergkulisse. Gecoacht werden die jungen Musiker von dazu geladenen Profimusikern oder Profi-Ensembles. Dieses Jahr ist das deutsche Amaryllis Quartett angereist. Auch einen composer in residence leistet sich das Festival. Marc-André Dalbavie aus Frankreich ist angereist, um mit den jungen Musikern seine jüngsten Kammermusikwerke einzustudieren. Seit letzter Saison ist Reto Bieri Intendant des Davos Festival. Und der Klarinettist aus dem Kanton Zug hat sich vorgenommen, hier einiges zu bewegen. Das bisher eher elitär wahrgenommene Festival will er öffnen, in Davos und international wahrnehmbar machen.
Von Sabine Weber

(Davos, 31.07.- 04.08.2015) Das ist natürlich Luxus pur! 70 engagierte junge Musiker aus 20 Nationen brennen darauf, aufzutreten. Sänger, Choristen, Bläser, Streicher, Pianisten und drei junge Ensembles sind angereist. Da schöpft Intendant Reto Bieri aus dem Vollen. Die Ensembles mischt er in den 24 offiziellen Programmkonzerten immer neu auf. Da geht’s rund gleich im Eröffnungskonzert: György Kurtags kreisende Glissandi aus seinem Klavierzyklus Játékok stimmen ein auf den großen naturmystischen Wasserkreislauf, den Schubert mit seinem Gesang der Geister über den Wassern mit Männeroktett und tiefen Streichern beschwört. Auf Marc-André Dalbavies Vexierspiel mit Ganztonleitern und Akzentgesten in seinem Klaviertrio folgt Sprachpoesie in Mundart. Der Berner Volksliedsänger Manni Matter lässt „Dene, wos guet geit“ um die „wos weniger guet geit“ kreisen. Worauf Steve Reichs Different Trains, Part III für Streichquartett und Zuspielband Fahrt aufnimmt mit minimalistisch wiederholten patterns. Dieser Art kreisen die Konzertideen von Reto Bieri. „Wiederholungen sind ein musikalische Ausdruck für das Kreisen!“, so Bieri. Das diesjährige Thema Kreisverkehr ist mit einem musikalischen Phänomen verknüpft. Und das Kreisen hat auch noch mit dem Leben zu tun. Solche Koinzidentien liebt Bieri. Da lässt sich Kunst mit Leben verbinden. Wobei „Kunst dem Leben dienen muss, nicht umgekehrt!“ fordert Bieri. „Hörexperiment“ bezeichnet Marc-André Dalbavie solche Konzertdramaturgien. Da könne man das Hören entdecken! Der französische Komoponist experimentiert in seinen Kammermusikwerken mit der transformation permanente – einer Musik im ständigen Übergang. Dabei sucht er das Konsonante oder Schwingende im permanenten Changieren von Klangfarben und Klanggesten. In seinem Werk Palimpseste für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier von 2002 ist sogar eine musikalische Vorlage transformiert. Das Madrigal Beltà, poi che t’assenti aus Carlo Gesualdos 2. Madrigalbuch stellen die Davos Festival Choristen auch vor. Da sind die Akkordfolgen des Recycelten Madrigals am Ende von Dalbavies Komposition als ursrprüngliche Schmerzensrufe auszumachen. Dalbavie schmunzelt auf die Bedeutung von Recycling in seinem Werk angesprochen. „Das sei ein Recycling wie beim Haus- und Industriemüll!“ Dalbavie hat nicht wie Boulez Tabula rasa mit der Vergangenheit gemacht. Er versorgt sich mit sogenannten „ready-made“ Objekten aus der Vergangenheit. Ohne stilistisch wie Gesualdo – in diesem Fall – zu komponieren. Besonders freut sich Dalbavie, dass er seine Werke mit den jungen Leuten auch einstudieren kann. „Seine Musik funktioniere wie energetische Felder. Und die Jugend hat Energie im Überangebot.“ Für Intendant Bieri schließt sich mit Dalbavie ein weiterer Kreislauf: „Bei Dalbavie sieht man, wie viel Altes im Neuen steckt, und wenn man Gesualdo hört wie viel Neues im Alten.“ Dieser Art funktionieren und zünden Bieris abgezirkelte Programmideen. Neue Musik – Alte Musik, Klassik und Volksmusik bilden für ihn keine Gegensätze. Ein Ensemble steht programmatisch auch dafür. Federspiel aus Wien. Die sieben klassisch ausgebildeten Blechbläser mischen mit volksmusikalisch aufgerauten eigenen Kompositionen und witzigen Arrangements das Festival in der Graubündener Edelstadt auf. Da dürfen auch Jodler sein. Zur Festivalsphilosophie gehört, dass sich die Musiker immer neu mischen und auch die im Ensemble angereisten Musiker sich aufteilen. So verhilft Trompeter Simon Zöchbauer vom Ensemble Federspiel mit weiteren 4 Musikern einem Werk der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja zur Aufführung. Und der Primarius vom Amaryllis Quartett Gustav Frielinghaus unterstützt als Geiger die Aufführung von Dalbavies Palimpseste. „Das ist auch nicht einfach mal so zusammengesetzt!“, so Frielinghaus. Der albanische Geiger Ilias Kadeshi und die britische Cellistin Vashti Hunter scheinen sich hier in Davos gefunden zu haben. Mit dem Schweizer Pianisten Gilles Grimaître überzeugen sie in Dalbavies Klaviertrio, und zusammen mit dem finnischen Pianisten Jonaas Ahonen brillieren sie in Brahms Trio in h-moll. Da knistert es im nüchternen aber akustisch hervorragenden Bankett- und Vortragssaal des Schweizerhofs. Dieses Hotel ist im Sommer eigentlich geschlossen und öffnet seine Tore nur für das Festival. Auch andere Hoteliers unterstützen das Festival mit Unterkünften für die Musiker. Und Reto Bieri steht inzwischen mit ihnen in Verhandlungen, um Wochenpauschalen für Festivaltouristen auszuhandeln. Bisher rekrutieren sich die meisten Besucher aus Davos. Hier überproportional aus den rund 6000 Zweitwohnungsbesitzer. „Viele Visonäre gibt es in Davos“, schwärmt Bieri. Aber auch die „Bergler“ will er einnorden. Alle sollen sich zukünftig vom Davos Festival angesprochen fühlen. Daher rücken die Musiker auch an ungewöhnliche Orte aus. Sie spielen im Bahnhof, in Kaffeehäusern und in Möbelhäusern auf. Treten in Kapellen und Kirchen auf, auch einmal in Davos-Klosters. Einmal locken sie das Publikum auch auf Alpwanderung. Es geht los mit einem Konzert auf der historischen Schatzalp, die einst Thomas Mann inspiriert hat, und endet mit einem Konzert in der Kapelle Frauenkirch. Dazwischen Naturlaut von Kuhglocke oder Wasserquell und eine Sause auf der Stafelalp.