Liebe finden in Ruinen – Leben schenken im Kunstobjekt! Die Kölner Oper gibt Janačeks Tagebuch eines Verschollenen und Holsts Sãvitri im Kölner Kolumba Museum

John Heuzenroeder als der Verschollene aus Janaceks Tagebuch... Foto: Klaus Levebvre

John Heuzenroeder als der Verschollene aus Janaceks Tagebuch… Foto: Klaus Levebvre


Quasi vis-à-vis der Kölner Oper befindet sich das Kolumba-Museum. Vom Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor errichtet liegt es hinter der ersten Häuserzeile auf der anderen Seite der Nord-Süd-Fahrt. Dort zu inszenieren ist eine ungemein mutige Idee. Aber eine schlüssige, wenn es die Sänger schaffen, sich so behutsam und schwindelfrei durch die Kunst zu bewegen. Und wenn eine Regisseurin wie Béatrice Lachaussée so bezugsreich mit den Räumen und dem, was darin gezeigt und ausgestellt wird, inszeniert!
Von Sabine Weber

(Köln, 30.05.2015) Für Leoš Janačeks Klavier-Oper Tagebuch eines Verschollenen klettert John Heuzenroeder in der sogenannten archäologischen Zone auf römischen Mauerresten und Fundamenten. Nur eine kleine Bühne, auf denen er mit Feldbrandsteinen etwas jüngeren Datums herum hantiert, ist eine sichere Standfläche. Aber der Tenor aus dem Kölner Ensemble ist erstaunlich behende und trittsicher auf den Wölbungen, Vorsprüngen, vor und neben einigen Abgründen. Das Publikum, etwa 100 Gäste, stehen auf einem Steg, den Zumthor für die Besichtigung über die Ausgrabungen hinweggeführt hat. Dabei wird der Raum immer wieder neu ausgeleuchtet. Und um einen Raum handelt es sich, weil Zumtor das Kunststück vollbracht hat, diese Zone mit eigens nachgebrannten römischen Ziegeln so einzufassen, dass Spalten Licht und Luft durchlassen. Und damit hat er auch der Gnadenkapelle, dem kölnischen Ruinenmahnmal nach dem Krieg, und Reste der Kolumbakirche, die auf den jetzt freiliegenden römischen Fundamenten errichtet worden war, in den Bau integriert, ohne, dass sie ihren Ruinenstatus verloren hätten. Vom Publikumssteg aus liegen die Fenster der Kapelle im Rücken. Das alles ist ein fantastischer Raum für die Sehnsuchtsfantasien eines Liebenden, der einer Zigeunerin hinter her ist, um Liebe um ihrer selbst willen – frei von allen gesellschaftlichen Vorstellungen und Zwängen – zu erfahren. Und Heuzenreuder mit Schnurrbart in Wanderschuhen mit heller Jeans und Hosenträgern stellt man sich an diesem Abend gut als einen Wiedergänger Janačeks vor, der mit diesem Liedzyklus ja eine zunächst heimlich gehaltene Liebe besungen hat. Und großartig bewältigt er diese Ein-Mannschau, kletternd-singend-ausdrückend. Bis auf den Auftritt der Zigeunerin und einigen Soloattacken vom Flügel, den man im Hintergrund irgendwo entdeckt, im Dauereinsatz. Auch ein dreistimmiger Frauenchor raunt noch von irgendwo her aus dem off in die irreale Szenerie. Die Zigeunerin mit Adriana Bastidas Gamboa nicht nur akustisch, sondern auch optisch mit einer bezaubernd hübschen ja verführerischen Dame besetzt, steigt in der Kammeroper Sãvitri von Gustav Holst zu heldenhafter Größe auf. In dieser indischen Legende, die Holst mit einem Kammermusikensemble und drei Solisten vertont hat, bringt Sãvitri den Tod dazu, ihren gerade verstorbenen Geliebten wieder ins Leben zurück zu lassen.
Adriana Batista Gamboa als Savitri in Bernhard Leitners Serpentinata. Foto: Klaus Levebvre

Adriana Batista Gamboa als Savitri in Bernhard Leitners Serpentinata. Foto: Klaus Levebvre


Für diesen geschlechtlich umgedrehten Orpheus und Eurydike Mythos geht es in die oberen Räume des Kolumba-Museums. Ein Geiger gibt das Pausenzeichen und führt das Publikum spielend die Treppen hinauf durch die Exponate hindurch. Angeblich geigt er eine Melodie aus dem Holst-Stück. Im zweiten Stock dann beginnt Holst Drama mit Bernhard Leitners Installation Serpentinata. Das ist ein im Raum aufgebautes Plastikschlauchmonstrum mit Mikrofonen wie Saugnäpfe, das erstmal Geräusche vom Publikum in ein eigenartiges Rauschklangbild überträgt. Ein zunächst verwirrendes Tönen – weil das Ensemble und der Dirigent an der einen Seite des Raums aufgebaut ja regungslos warten. Was für ein Band wird hier abgefahren? Es ist die Kolumba-Kunst, die mittut! Und wie sich Sãvitri und vor allem der Tod durch die Installation auf scheinbar ritualisierten Wegen bewegen, das Publikum sitzt in Reihen entlang den anderen drei Wänden, wie die angrenzenden Räume plötzlich tief rot leuchten, und in einem Raum die riesige schwarze Gestalt des Todes wie aus einem neben ihm hängenden Bild erst einmal zu steigen scheint, das packt ungemein. Die Räume mit ihren meterhohen Decken haben natürlich mächtig Überakustik. Aber Holst moderat moderne, eher postromantische Partitur serviert Rainer Mühlbach – der Pianist der ersten Hälfte, jetzt in der Rolle des Dirigenten – angepasst delikat. Einige Male dreht das Stück natürlich auf, und da will man sich schon die Ohren zuhalten. Was solls, dafür gibt es zum Schluss den tollen Effekt eines Fernklangs. Sãvitri mit ihrem geretteten
Glücklich von dannen im Kolumba-Museum! Foto: Klaus Levebvre

Glücklich von dannen im Kolumba-Museum! Foto: Klaus Levebvre

Gatten wandert zufrieden von dannen. Das letzte Duett tönt aus dem Foyer und zwei Etagen hinauf! Ein großartiger, einzigartiger Abend – leider auf 100 Publikumsgäste beschränkt. Und eine tolle Leistung aller Beteiligten aus dem Ensemble, aus dem Internationalen Opernstudio der Oper in Köln. Mit Instrumentalisten des Gürzenich-Orchesters und Musikstudenten. Der Korrepititor Rainer Mühlbach steht in dieser Spielzeit auch nicht zum ersten Mal im Rampenlicht. Ein besonderes Highlight, bevor es dann am 7. September die große Premiere zur Einweihung der umgebauten und rennovierten Oper gibt! Und auch der Architekt Peter Zumthor war unter den Gästen und hat sich diese Opernpremiere nicht entgehen lassen!