Matthew Shaw als Giro Lamento und der Alptraum-Tunnel Foto: Christian Kleiner

Eine Installation der hervorsprudelnden Klänge und Bewegungen Achim Freyer inszeniert Un esame di mezzanotte von Lucia Ronchetti für Mannheim. Im Nationaltheater ist am 29.05. Uraufführung

(Foto: Christian Kleiner) Italienisches Musiktheater sorgt derzeit für Bewegung. Ob Giorgio Battistellis CO2 Oper in Mailand – oder Lucia Ronchettis Un esame di mezzanotte – jetzt in Mannheim. Das Libretto hat der italienische Autor Ermanno Cavazzoni nach einem eigenen Buch für Ronchetti angefertigt. Der originale Titel I tentazioni di Girolamo wurde in der deutschen Übersetzung zu Mitternachtsabitur. Der deutsche Titel taucht leicht verändert im Titel des neuen italienischen Librettos wieder auf. Und ein weiteres, ungewöhnliches sogar ungemütliches Thema erlebt am Freitag eine Opernweltpremiere. Alles dreht sich um eine Prüfung! Ein schwindelig machender Alptraum erfasst den Prüfling – nomen est omen – Giro Lamenti in der Nacht. Eine Autorität hat sein Abitur annulliert und befohlen, eine neue Prüfung gleich am nächsten Morgen abzulegen. In den Labyrinthen und Keller einer Nacht-Bibliothek macht er die merkwürdigsten Erfahrungen. Der inzwischen 81jährige Achim Freyer wollte das vom Nationaltheater in Mannheim in Auftrag gegebene Werk unbedingt inszenieren. Und zwar in der Rolle des Regisseurs, Bühnen- und Kostümbildners und als Chef der Lichtregie. Da werden Proben anstrengend. Dennoch war er bereit, vor einer der letzten Proben ein kleines Interview zu geben.
Mit Achim Freyer sprach Sabine Weber

Von Frauen, Männern und Freiheit, die keine ist! In der Premiere der Wiederaufnahme von Christoph Loys Inszenierung von Georges Bizets Carmen in Köln geht’s in den Nachtclub!

Katrin Wundsam als Carmen in kleinem Schwarzen Foto: Klaus Levebvre

Katrin Wundsam als Carmen in kleinem Schwarzen Foto: Klaus Levebvre

(Kölner Oper am Dom, 23.05.2015, Autorin: Lina-Marie Dück)
In der Inszenierung von Christof Loy steht die Auseinandersetzung mit den Rollenbildern von Mann und Frau im Vordergrund, zugespitzt in der Konfrontation der Protagonisten: Carmen und Don José, Carmen und Micaela, Don José und Escamillo. Loy präsentiert sämtliche Klischeebilder, beginnend mit Prahlerei und Beschützerinstinkt der Soldaten in der Kaserne. Macho-Gehabe von Männern in Uniform und natürlich dem Torrero Escamillo, der in paillettenbesetztem Anzug und mit Gefolge auf der Bühne einmarschiert. Geschwellte Brust und Prügelei – die Männlichkeit läuft zu Hochform auf. Die Frauen kokettieren, umgarnen, sind brave Schulmädchen oder hysterisch zankender Mob. Nur Carmen setzt sich ab. Die klassische Rolle des Weibchens empfindet sie als Zwang. Die romantisierte Vorstellung vom gemeinsam Leben des Liebespaares ist für sie nur „Schall und Rauch“. Sie will frei und unabhängig bleiben, das tun worauf sie Lust hat. Der Gegensatz zur biederen braven Micaela könnte nicht deutlicher sein. Und Don José ist gehemmt, verunsichert. Hin und Hergerissen zwischen Mutters Schoß und dem Wunsch nach Abenteuer.

Zum Symbol der Freiheit wird ein mehrmals im Hintergrund erscheinendes Bergpanorama. Die Schmugglerbande mit Carmen zieht sich tatsächlich in die Berge zurück, ihrem Schlachtruf „La Liberté“ folgend. Don José, hoffnungslos verliebt, wird mitgerissen.
Doch auch im Schmugglernest sind die Rollenbilder nicht abzuschütteln. Loy inszeniert seiner Konzeption treu die zweite Hälfte nicht historisierend als Bergdorf fern ab der Stadt, der Gesellschaft, sondern als Nachtclub mit roten Polstersesseln und Kronleuchter über dem Flügel. Weibliche Klischees begegnen erneut, wenn Frasquina und Mercedes in Burlesque-Kostümen von ihren Zukunftsträumen singen. Von einem Witwenleben in ererbtem Reichtum und Überfluss oder der romantischen Entführung im Sturm durch einen Don Juan!
Das Liebespaar Carmen und Don José scheitert jedenfalls, belastet durch solche Klischees, die nicht abzuschütteln sind.

Für die junge Österreicherin Katrin Wundsam ist das Debüt als Carmen eine große Herausforderung. Ihr klarer, zarter Gesang ertönt wie ein Glockenspiel. Bei den großen Arien wie der Habanera fehlt es ihr aber doch noch an Kraft und Durchsetzungsvermögen. Ihre Stimme wirkt sogar stellenweise müde. Auch schauspielerisch füllt Wundsams Interpretation die Rolle der Carmen nicht immer aus. Eindrücklich mimt sie zwar die von Carmen stets vorgespielte überhebliche Distanz zu den anderen. Ein spöttisches Lächeln prägt ihr Spiel, so wie die Widerspenstigkeit, die sich fast schon im kindlichen Trotz gipfelnd den von der Gesellschaft aufgezwängten Frauenrollen widersetzt. Aber Carmens erotische, feurige Seite schlägt zu wenig durch. Etwas mehr Leidenschaft und emotionale Wucht hätte auf der Bühne gut getan, um das rebellische Streben nach Freiheit auf der einen und die von exzessiver Liebeslust getriebene und ihre Erotik ausspielende Frau als Verführerin auf der anderen Seite mehr hervorzukehren. Spätestens für die Carmen in der finalen Szene im glitzernden Abendkleid, die Don Josés Wahnsinn und dem Tode ins Auge blickt, reicht ein spöttischer Ausdruck nicht mehr aus.
Lance Ryan verkörpert ganz passend den zugeknöpften, spießig-schüchternen Soldaten Don José. Sein Gesang zunächst etwas flach und gehemmt, steigert sich aber in der zweiten Hälfte kraftvoll zu einer gewaltigen, Tod-bringenden Raserei.
Claudia Rohrbach als Micaela füllt den weiblichen Gegenpart zu Carmen mit großer Präsenz und enormem stimmlichen Unterbau aus. Rohrbachs Micaela ist nicht nur die heimliche, sondern auch überlebenden Protagonistin. Und an diesem Abend sorgt sie vielleicht sogar für den Höhepunkt. Nicht Carmens tragischer Tod, sondern Micaelas verzweifelter – letzter – Versuch Don José zurück zu gewinnen rührt ungemein. Die Rohrbach gibt die feurige Verführerin, die weibliche Matadorin und ist mit Mimik und Gestik in diesem musikalischen Zwischenpart so überzeugend und eindrücklich, dass man ihr Scheitern auf schmerzliche Weise mitempfindet.
Das Sängerensemble wird vom Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von Claude Schnitzler einfühlsam begleitet, mit behutsamer Zurückhaltung während der Arien unterstützt. In den Entre-Actes spielt es glänzend auf. Kleinere Patzer bei den Bleichbläsern, insbesondere gleich zum Auftakt der Ouvertüre, vergisst man da schnell. Herausragend vor allem die Celli, die bis auf eine leicht schiefe Carmen-Melodie im 3. Akt mit ihren gefühlvoll schmachtenden Bögen die Leidenschaft der Femme fatale auf der Bühne nie vergessen lassen…
Lina-Marie Dück

Klimawandel in der Oper! Die Mailänder Scala bereichert die Expo 2015 um einen musiktheatralischen Beitrag! Am 16. Mai wird Battistellis CO2-Oper uraufgeführt

Giorgio Battistellis jüngste Partitur: CO2 (Ricordi Verlag)

Giorgio Battistellis jüngste Partitur: CO2 (Ricordi Verlag)


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Klimagase, Klimwandel, Erderwärmung – Lässt sich darüber eine Oper schreiben? Unbedingt, findet Giorgio Battistelli. Er gehört mit Salvatore Sciarrino zu den wichtigsten italienischen Komponisten der Gegenwart. Während der in Palermo 1947 geboren Sciarrino ein Meister der leisen, feinen Klänge am Rande der Unhörbarkeit ist, türmt der fünf Jahre jüngere Battistelli aus Albano bei Rom mit einem Faible für Orchesterwucht Klangmassen zu großen Spannungsbögen auf. Und er liebt das Experiment. Battistellis „Experimentum Mundi“ von 1981 fordert ‘echte’ Handwerker auf der Bühne. Sie sollen lautstark ihrem Geschäft nachgehen, während Schlagzeuger die Hammer- Meißel -oder Stechbeitelrhythmen aufgreifen. Gut 20 Musiktheaterwerke hat er verwirklicht. Für seine Opernstoffe hat Battistelli zu berühmten literarischen Vorlagen gegriffen. Zu Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – 1997 in Bremen uraufgeführt. Oder Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“, das die Uraufführung in Mannheim 2002 erlebt hat. Für die Modestadt Düsseldorf hat er eine fesche, „krachende“ Modeoper entworfen. Sein aktuelles Musiktheaterprojekt für die Modestadt Mailand könnte auch krachend ausfallen. Die Scala erhebt im Rahmen der Expo 2015 den Anspruch auf ein global relevantes Thema! Klimawandel! Die Oper soll zum Weltausstellungsthema passen: „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Das hätte unbequem werden können, denn für die Texte sollte sich Librettist J. D. McClatchy aus Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ bedienen. Das war jedenfalls der Plan noch vor drei Jahren, als in Münster im Rahmen des Festivals KlangZeit orchestrale Ausschnitte vorab konzertant uraufgeführt wurden. Da hieß die Oper auch noch „Pacha Mama“. Doch Filmregisseur William Friedkin (Der Exorzist, Cruising…) sollte in der Scala Regie führen. Und lehnte das Libretto kategorisch ab. Vor allem die Personalie Al Gore, die in der ursprünglichen Fassung auch eine Rolle bekommen sollte. Alles kommt anders. Jetzt inszeniert Robert Carson! Mit seiner Umweltinszenierung von „Der Ring des Nibelungen“ (2000) hat er in Köln gezeigt, dass er ein Händchen hat für diese aktuelle Problematik auf der Bühne. Und ist Richard Wagners Ring nicht auch die erste Umweltoper? Da geht es um die Zerstörung der Welt aus Profitgier. Statt korrumpierte Götter und verzweifelte Heroen werden in Battistellis Oper Wissenschaftler und Ökologen auf Erzengel treffen und über CO2 Emissionen diskutieren. Orte sind ein Flughafen und der Supermarkt. Orkane und Tsunamis bringen das Orchester in Aufruhr. Für das neue Libretto hat Robert Carsen seinen langjährigen Dramaturgen Ian Burton ins Spiel gebracht. Bei diesem neu-zusammengefundenden Regie/Bühnenteam scheint die Chemie überhaupt zu stimmmen. Das haben sie bereits in Wien 2011 mit einer aufregenden Britten-Inszenierung am Theater an der Wien bewiesen. Zum Team damals gehörte auch der schottische Videokünstler Finn Ross. Für Battistellis neues Werk ist er um den Globus gereist und hat gigantische Umweltsünden ins Visier genommen. Und auch Dirigent Cornelius Meister gehört zu diesem Team, dem es zuzutrauen wäre, für einen Mentalitätswechsel bei einem so konservativen Publikum, wie dem an der Mailänder Scala zu sorgen. Der gebürtige Hannoveraner gibt im Orchestergraben der Scala am 16. Mai jedenfalls sein Debüt.
(Sabine Weber)

Eine Uraufführung von Olga Neuwirth auf dem Kölner Achtbrückenfestival. Masaot/ clocks without hands am 6. Mai in der Kölner Philharmonie!

Foto: Priska Ketter

Foto: Priska Ketter

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth ist neugierig. Sie lässt sich von Betrachtungen, Bildern oder Prozessen wie organisches Wuchern oder galaktischen Nebeln inspirieren. Sie geht unkonventionell mit Klängen und Instrumenten um. Die können schon einmal präpariert oder elektronisch manipuliert sein. Ihre Musik erinnert an Naturlaute, durchaus menschlichen Äußerungen ähnlich, nähert sich dem Geräuschhaften an. Oder entpringen einer geräuschhaften Umgebung. Lange Pausen gibt es. Das Nichts? Aus dem plötzlich eruptiv etwas hervorbricht. Ihre Musik steckt voller Überaschungen und passt in keine Schublade. Am 6. Mai wird “Masaot/ Clocks without hands” von den Wiener Philharmonikern uraufgeführt. Und der Titel und auch das Stück ist wieder ein typischer Neuwirth. Voller Überraschungen!

Das 5. Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik öffnet seine Tore mit einem fulminant aufspielenden New York Philharmonic!

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonic begeistert in der Kölner Philharmonie

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonics begeistert in der Kölner Philharmonie. Foto: Chris Lee


Musik. Politik? Lautet das Motto in diesem Jahr. Musik kann bewusst oder unbewusst ins Fahrwasser einer politischen Aussage rücken. Komponisten nehmen eine politische Haltung ein. So der niederländische Komponist Louis Andriessen in den 1970ern. Ihm ist eine kleine Werkschau gewidmet. Mit 23 Uraufführungen, darunter eine Serie von 11 Hymnen für ein nicht existierendes Land wird aber auch aktuell zu Stellungnahmen aufgefordert!
Von Sabine Weber

(Köln, 4. Mai) Köln ist im Aufruhr. Achtbrücken läuft rund um die Uhr. In der Traumnacht vom 2. auf den 3. Mai sind im Foyer der Kölner Philharmonie und der Kölner Musikhochschule Utopieentwürfe zu musikalisch artikulierten besseren Welten 24 Stunden lang gefragt gewesen. Über die Kölner Philharmonie hinaus lockt das Festival bis zum 10. Mai an verschiedene Orte. In die Industriebrache im Kalker Depot, wo derzeit das Schauspiel seine Interimsstätte unterhält. Das Kölner Rathaus wird erobert. Neue Musik, die nach neuen Formaten sucht und experimentiert, sucht ihre eigenen Szenarien. Und findet sie in Köln! Im On@Acht Brücken Vorprogramm in der Hochschule für Medien, der Trinitatiskirche und der Kunststation Sankt Peter. Es gibt junge Ensembles zu entdecken. Manche punkten zwar mehr mit ihrem Namen und elektronisch aufgemucktem Equipment als mit ihrer Darbietung. Andere wie das Ensemble BruCH, ein Flötentrio plus Stimme, überrascht mit einem exquisit ausgefeilten Programm. Hans Zenders Naturmediation Muji no Kyō zu kalligraphisch projizierten Bilder vermittelt Sängerin Maria Heeschen in Haiku-artig reduzierten Einwürfen von der Empore der Trinitatiskirche aus. Die Flötistin bläst von der Kanzel. In Helmut Lachenmanns temA wird erlebbar, was Stimme und Instrumente am Klangansatz vermögen. Und die erste Hymnenuraufführung von Julien Jamet zu einem ziemlich verkopften Text von Jacques Roubab spielt mit leisen Echoeffekten im Kirchenraum.
Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche

Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche


Kräftige Live-Elektronik gibt es anschließend in der Kunststation Sankt Peter, wo das Publikum um eine Installation von riesigen Erdwürfeln sitzt. Posaunist Matthias Muche, Improvisationskünstler Simon Rummel mit Sven Hahne am Laptop und Dominik Sustek an der Orgel inszenieren Vinko Globokars Ensembleimprovisation Individuunm – Continuum. Der Einsatz von optischen Plexiglas-Schalltrichter, an die sich Blechbläser „anschlauchen“, fällt in der Uraufführung von Matthias Muches Beller allerdings eher optisch auf. Was politische Musik sein kann machen an diesem Vorabend Werke des Altmeisters Luigi Nono deutlich. Für die Live-Elektronik und die Tonbänder zu Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz von 1966 oder das unerträgliche Arbeitsbedingungen anprangernde La fabbrica illuminata von 1964, ist eigens das Experimentalstudio des SWR angereist.
Der offizielle Auftakt in der Philharmonie am 1. Mai gehört dem New York Philharmonic. Das Achtbrückenfestival ist ja 2011 aus der MusikTriennale Köln hervorgegangen, das große Orchester in den heimischen Konzertsaal gelockt hat. Das New York Philharmonic zählt zu den Big Five. Chefdirigent Alan Gilbert ist ein Zögling des Orchesters, denn beide Eltern spielten mit. Und unter seiner Leitung versteht sich das Orchester auch ganz vorzüglich auf Neue Musik. Wie orchestrale Wucht sich nahtlos in ein Solo verflüchtigen kann, führen die New Yorker in dem schwelgerischen Eröffnungsstück mit sechs Hörnern von Esa-Pekka Salonen vor. Nyx aus dem Jahr 2011 handelt von einer Nachtgöttin. Und da geben sich nicht nur Celesta und Harfe ein perfektes Stelldichein. Selten hat man so einen weich zeichnenden Klarinettisten gehört, wie an diesem Abend. Dann bringen die New Yorker den Kölnern mit der Konzersuite zu Der wunderbare Mandarin ein altes Skandalstück mit grandios umgesetzter Bartok’sche Wucht in Erinnerung. Großartig wieder die Soli der Holzbläser, allen voran des Klarinettisten und auch der jaulenden Posaunen und Tuba. Die Uraufführung von Peter Eötvös’ Senza Sangue für zwei Sänger und Orchester nach der Pause könnte man als Geschenk des Orchesters an das Festival bezeichnen. Die Initialzündung zu dieser Uraufführung hat in New York stattgefunden, wie Eötvös in einem Artikel im Programmbuch berichtet. Der in einer New York–Köln-Kooperation gestemmte Operneinakter nach einer Novelle von Alessandro Baricco ist ein sich um Rache drehender Psychokrimi! Anne Sofie von Otter und der kanadische Bariton Russell Braun begegnen sich als Opfer und Täter. Zunächst in einer banalen Szene. Dann tauchen sie in die Vergangenheit ab. Sie entlarven sich freiwillig-unfreiwillig in ein politisches Verbrechen verstrickt, wobei sich das traumatisierte Opfer zu einer akut gefährlichen Rächerin verwandelt. Es bleibt aber offen, ob sich das ehemalige Opfer auch an diesem letzten Schuldigen rächt oder dem Stockholmsyndrom folgend mit dem einstigen Täter vereint … Eötvös begleitet den rein dialogisch vermittelten “Psychotripp” in eine traumatisierende Vergangenheit mit einer teilweise an Eötvös’ Landsmann Bartok erinnernden Musik. Eötvös hat diesen Einakter ja auch als abendfüllendes Ergänzungsstück zu Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg komponiert – ebenfalls ein Psychostück mit sich enthüllenden grauenvollen Geheimnissen zwischen Mann und Frau. Eötvös’ Musik hat von Anfang an etwas psychophobes und infiltriert das Unbehagen ins Unterbewusstsein, wobei sie fast filmmusikalisch die Spannung bis zum letzten Moment hält. Manches Mal vielleicht etwas zu lautstark für die Mezzosopranistin. Die Inszenierung hat man jedenfalls nicht vermisst! Großen Applaus gab es für die Solisten und das Orchester. Und für den auf die Bühne tretenden Komponisten, der ja lange Zeit in Köln gewirkt hat, als die Neue Musik hier besondere Bahnen gebrochen hat!