Bilder und ihr Schicksal – vertont und vertanzt! Am MIR in Gelsenkirchen feiert die Ballettoper Charlotte Salomon ihre Uraufführung

Kusha Alexi als Charlotte

Kusha Alexi als Charlotte. Foto: Costin Radu

Ein Kunstkosmos kann rätselhaft sein. Das ist Charlotte Salomons biografischer Text- und Bilderzyklus „Leben? oder Theater?“ mit dem Untertitel „Ein Singespiel“. Er ist autobiografisch. Dennoch in seinem ästhetischen Ausdrucksgehalt weit über ein persönliches Schicksal hinausweisend. Die ausdrucksstarken 769 Gouachen sind in weniger als zwei Jahren von einer erst 23jährigen jüdischen Berlinerin im südfranzösischen Exil abgeschlossen worden. Sie sind comicartig mit Kommentaren und Erklärungen versehen. Zahlreiche Musikverweise gibt es außerdem. Musikwerke, die Charlotte Salomon gehört hat als sie ein Bild gemalt hat oder in einem bestimmten in den Bildern dokumentierten Lebensmoment. Alle in dem Bildzyklus vorkommende Personen tragen Künstlernamen. Charlotte Salomon hat sie auf einem Theaterzettel mit gemaltem Schriftzug vorangestellt. Dieser Stoff gehört auf die Bühne! Fand Komponist Marc-André Dalbavie und hat letztes Jahr seine Charlotte Salomon-Oper bei den Salzburger Festspielen herausgebracht. Die Gefahren einer musikalischen Umsetzung liegen auf der Hand. Die vielen konkreten Musikverweise lösen eine Zitationsverpflichtung aus. So auch in der aktuellen Vertonung zu der Ballettoper „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ am Musiktheater im Revier. Aber der Tanz profitiert von den suitenhaften Versatzstücken der USamerikanischen Theater- und Filmkomponistin Michelle DiBucci.
Von Sabine Weber

(Gelsenkirchen, 14.02.2015) Ein Bild mit schwarz blauen Wellen ist auf einen riesigen Staffeleirahmen gespannt. Und füllt den Bühnerahmen komplett aus. Davor eine Rampe bis in die ersten Reihen des Zuschauerraums. Dort liegt Charlotte in einem himmelblauen Kleid. Mit ihren Händen und ihrem Körper sucht sie etwas, greift nach etwas. Sie erwacht. Plötzlich ändert sich das Bild im Riesenrahmen. Es löst sich in Farbschlieren auf, die wie von Blut durchzogen sind. Charlotte springt auf, zerreißt wütend das Bild und dringt in ihre Vergangenheit ein.
Jetzt beginnt auf der Bühne Charlottes Kampf mit dem Tod! Und nicht etwa, weil sie gegen ihr jüdisches Schicksal aufbegehrt. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Tante – alle Frauen in der Familie haben Selbstmord begangen. Immer auf die gleiche Weise. Das erfährt sie erst im südfranzösischen Exil. Sie sind aus dem Fenster gesprungen. „Entweder ich bringe mich um oder ich mache etwas ganz Verrücktes. Ich male mein Leben“. Und sie malt. Malt sich frei! Auf eines ihrer Bilder schreibt Charlotte mit dickem Pinselstrich. „Den Tod und das Mädchen will ich auch haben!“
Dieser Kommentar liefert Michelle DiBucci die Idee zum Titel ihrer Ballettoper. Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich die Komponistin mit Charlottes Bildwerk. 1990 ist ihr Charlottes Oeuvre in Buchform in die Hände gefallen. Ein symbolistisch durchdrungenes Werk, dessen Bilder und Texte erst zu verstehen seien, wenn die angegebene Musik dazu hörbar würde. Eine Oper will Michelle DiBucci komponieren. Und findet auch eine Produzentin. Die designierte Ruhrtriennale-Intendantin Marie Zimmermann will diese Oper als zentrales Werk ihrer 2007 beginnenden Spielzeit präsentieren. Doch kurz vorher begeht sie tragischer Weise Selbstmord. Eine Aufführung zerschlägt sich. Ein Mann im Hintergrund dieser Planungen behält das Projekt aber im Auge. Zimmermanns Musikdirektor Aytan Pessen macht eine gute Freundin namens Bridget Breiner auf Charlottes Bilderkosmos und die Komponistin aufmerksam. Und die Ballettchefin vom Revier mailt Michelle DiBucci und bittet sie, eine Ballettoper zu komponieren. Sänger sind eine Bedingung, die Michelle DiBucci stellt. Es gibt eine Sopranpartie. Charlottes geliebte Schwiegermutter ist Opernsängerin gewesen und mit berühmten Arien in Charlottes Bildwelt verewigt. Da reizt es, ihr einen großen Auftritt mit der Habanera aus Carmen zu geben. Ein Männerquintett tönt wie ein Madrigalconsort oder die Comedian Harmonists zumeist aus dem Orchestergraben, hat aber auch szenische Einsätze. Musikalisch habe sie aus Charlotte keinen sentimentalen Charakter machen wollen. So Michelle DiBucci. Sattem Streicherklang zieht sie elektronische Soundsamples vom Keyboard vor. Außerdem gibt es viel Perkussion, Blasinstrumente und immerhin drei Streicher, Violine, Violoncello und Bass. Die sorgen dann auch für ausreichend gefühligen Schmelz. Mit Stilen und Zitaten jongliert die an der Juilliard School Tonsatz lehrende Komponistin revueartig. Das Akkordeon wird für eine großen Liebesszenen-Tango gebraucht. Denn in Charlottes Bilderwelt spielt ein Mann mit schwarzer Brille eine große Rolle. Charlotte nennt ihn Daberlohn. Im wahren Leben Charlottes heißt er Alfred Wolfsohn, ist der Gesangspädagoge der Schwiegermutter, hat aber die junge Malerin künstlerisch bestärkt und sie mit Fantastereien angeregt.

Daberlohn und Paulinka Klimbim (die Schwiegermutter)

Daberlohn und Paulinka Klimbim (die Schwiegermutter). Foto: Costin Radu


In ihren Bildern stilisiert sie ihn zum Geliebten. Seine Ideen als Schriftzüge finden sich in vielen Bildern. DiBucci verarbeitet sie in Musikcollagen, die über Lautsprecher kommen.
Die Szenenfolge hat die Choreografin Bridget Breiner aus den Bildern abgeleitet. Elemente aus dem Hintergrund oder Vordergrund werden auf drei Leinwände im Bühnenhintergrund projiziert. Viele Bilder sind in Tanz umgesetzt worden. Manchmal verschwindet eine Figur aus dem Bild und taucht auf der Bühne auf! Ein Bild mit dem manisch wiederholten orangefarbenen Kopf von Daberlohn gerät mit acht tanzenden Männern in Bewegung. Sie jonglieren mit Bällen wie mit Köpfe zu einer Minimalmusic-Collage. Zum 30. Januar 1933 malt Charlotte eines der seltenen tagesaktuellen Bilder mit aufmarschierenden Soldaten unter der Hakenkreuzfahne. Die Schrecken der sogenannten Reichskristallnacht macht ein vor Angst erstarrtes Ensemble und Glasharfenmusik fühlbar. Das sind die einzigen dezenten politischen Aussagen des Abends. Choreografin Bridget Breiner hat die Künstlerin nicht als Opfer sehen wollen. Charlotte habe sie Leben, nicht den Tod geben wollen. Man sei außerdem vom Werk ausgegangen, so die Ballettchefin. In den 769 Bilder gibt es außerdem gerade mal 20 Bilder, die mit Nationalsozialismus zu tun haben.
Pas de Deux mit dem Tod

Pas de Deux mit dem Tod Foto: Costin Radu


Doch der Tod holt sie am Ende – in einem bewegenden Pas de Deux. Davor hat ihr Solotänzerin Kusha Alexi fast 2 Stunden lang ein Bühnenleben gegeben! Das Ballettcorps hat in beglückendem Zusammenspiel und hervorragenden Solisten ihre Bilder bewegt. Michelle DiBucci liefert trotz ihrer vielen stilistischen Versatzstücke einen spannenden Musikverlauf, der auch dem Humor, der Komik und dem Freudigen in Charlottes Werk eine Entsprechung schafft. Vielleicht wird der Verfremdungseffekt manchmal überstrapaziert. Anerkennung verdient, wie das Theater im Revier mit dieser Uraufführung das Werk einer vergessenen Künstlerin in Erinnerung ruft. Im Foyer stellt darüber hinaus eine virtuelle Schau zentrale Bildwerke vor. Es kommen auch Zeitzeugen in Interviews zu Wort. Unter anderem Charlottes Eltern. Sie haben den Holocaust nämlich überlebt. Das Tragischste an Charlottes Geschichte ist, dass sie das Familientrauma überwunden hat, aber dennoch viel zu früh sterben musste. In Nizza wird sie 1943 denunziert und nach Auschwitz transportiert.

Noch eine etwas andere Nachlese zu den Uraufführungen in Heidelberg

Wie geht eine junge Sängerin damit um, eine völlig neue Rolle zu kreieren und mit den Anforderungen Neuer Musik, die ein Regisseur wie Peter Konwitschny inszeniert? Irina Simmes ist seit der letzten Spielzeit am Heidelberger Theater. Der Operndirektor Heribert Germeshausen hat sie vom Studium weg an den Neckar geholt. Es ist ihr Erstengagement. Studiert hat sie an der Folkwanghochschule in Essen. Noch während des Studiums hat sie aber erste Bühnenerfahrungen im Jungen Opernstudio am Theater im Revier in Gelsenkirchen sammeln können.
Über Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen von Neuem Musiktheater!
Fotografie von Philipp Ottendoerfer


Foto: Philipp Ottendörfer

Der Hamburger Johannes Harneit ist Dirigent und Komponist. Seine Dirigentenstationen waren Stadttheater in Oldenburg, Wuppertal, das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Und immer ist er auch ein Sachwalter Neuer Musik gewesen und hat Komponistenkollegen unterstützt. Als Musikdirektor in Hannover hat er in Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny Luigi Nonos Il gran Sole auf die Bühne gebracht. Am Theater und Orchester in Heidelberg – so der offizielle Name der Oper Heidelberg – stellt er sich als Dirigent und als Opernkomponist vor und bekennt sich zusammen mit Peter Konwitschny zur politischen Oper!
Welchen Anspruch darf man an die Zeitoper oder das aktuelle Musiktheater stellen?
Johannes Harneit_c_Barbara Auermüller

Abend am Fluss: Die Gier nach Dollarnoten! Foto Annemone Taake

Abends am Fluss und Hochwasser. Zwei Uraufführungen in Heidelberg

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, in dem Fall die Oper Heidelberg. Das Opernhaus Leipzig bestellt eine Oper. Der Hausregisseur soll inszenieren. Kein geringerer als Peter Konwitschny, bekannt für polarisierende, politisch ambitionierte und für Diskussionsstoff sorgende Inszenierungen. Konwitschny wählt auch den Librettisten und den Komponisten aus. Doch dann steigt der Generalmusikdirektor des Hauses zum Intendanten auf. Es kommt zum Überwürfnis zwischen neuem Intendant und altem Regisseur. Der Regisseur kündigt. Und die vom Hamburger Komponisten Johannes Harneit inzwischen fertiggestellte Oper, eigentlich zwei Opern – liegen in der Schublade. Nicht lange. Denn das Theater und Orchester Heidelberg, beziehungsweise der umtriebige dortige Operndirektor Heribert Germeshausen erkennt die Chance in diesen unerhörten Entwicklungen. Die Uraufführung von Johannes Harneits beiden Opern mitsamt Regisseur holt er an den Neckar. Johannes Harneit wird zum Komponisten der Saison ausgerufen. Ein ambitioniertes Symposium über den Ist-Zustand und die Zukunft der politischen Zeitoper wird angezettelt, das mit der Uraufführung der beiden Opern Abends am Fluss und Hochwasser einen fulminanten Auftakt und reichlich Diskussionsstoff liefert. Aber zunächst für einen unvergesslichen Abend sorgt.
Von Sabine Weber

(06.02.2015 Heidelberg) Wie aus einer anderen Welt steht Peter Konwitschny auf der großen Bühne. Der Mann mit grauem Pferdeschwanz in gelber Hose mit Hosenträgern. Neben ihm ein schmächtig wirkender Mitstreiter mit schütter abstehendem Grauhaar. Helmut Brade, Konwitschnys langjähriger Bühnen- und Kostümbildner und der noch schmächtigere Gero Troike mit Theologenbart. Freunde und Überlebenskünstler aus DDR Zeiten, wo das unbotmäßige Hinterfragen keine Tugend sein konnte. Aber jetzt, hier im Heidelberger Theater, kommen alle drei noch einmal so richtig zum Zug. Polit-Musik-Regietheater von Alt-86ern. Das Regieteam, verstärkt um den Komponisten Johannes Harneit, schöpft für diesen Uraufführungsakt aus dem Vollen. Ihr ganze widerständige Apologetik bringen sie auf die Bühne. Sie wollen politische Überzeugungstäter sein. Und das auf einer Opernbühne in einem städtischen Theater einer Kleinstadt. In Heidelberg! Ob das die angeblich so unpolitisch gewordene Jüngeren verstehen oder ein bildungsbürgerliches Publikum so etwas goutiert, interessiert nicht. Hier wird gewagt und versucht. Die redundanten und bedeutungschwangeren Wortfetzen und Sentenzen des Librettos zu Abend am Fluss, der ersten uraufgeführten Oper sind ja auch herrlich deutungsoffen. Gero Troike hat sie wie ein zufälliger Beobachter aufnotiert, dann aufgelistet. Er schreibe, was gesagt werden muss! Sagt Troike. Wann und zu welchem Zeitpunkt lässt er offen. „Wir reden mit einer Stimme“.- „Wir haben keinen Standpunkt!“ wird gefolgt von „geschlossene Augen. Geschlossener Mund. Zahngold.“ Der als Bühnenarbeiter im off vieler Theaterhäuser Beschäftigte scheint ein Publikum zu fokussieren. In dieser Art fährt der Text fort, den Peter Konwitschny unbedingt inszenieren wollte. Die zweite Textvorlage, die zu diesem Opernabend im Doppelpack gehört, handelt von zwei im Keller vergessenen Schicksalen. Unter der Überschrift Hochwasser geht es um einen schweren und einen leichten Koffer, die davon träumen zu reisen und im Hochwasser absaufen. DDR Schicksale möglicherweise. Aber auf jeden Fall Hoffnungslosigkeit als das menschliche Drama an sich – hier in Form einer schwarzen Komödie gegossen. Beide Stücke unterfüttert der Hamburger Komponist Johannes Harneit im gewissen Sinne mit klanglichen Utopien. Denn der konsumorientierten Tonalität erklärt er den Krieg. Tonalität sei pure Abmachung, eine Abmachung eigentlich wider die Natur! Sagt Harneit. Er leitet sein Tonmaterial aus natürlichen Obertonreihen bis in Extrembereiche hineingehend ab. Es haucht in der Höhe. Es wummert in der Tiefe. Und reine Töne können herrlich verstimmt sein. Aber vor allem löst seine Musik die dramaturgische Bedingung ein, Spannungsverläufe zu kreieren. Die Klangflächen vibrieren in Abends am Fluss und werden entsprechend des Dramas attakiert, aufgelöst und zersetzt. Auch von der Galerie schallt es in den Zuschauerraum des großen Marguerre-Saals der Heidelberger Oper. Und einige Male drängt sich der Gedanke an Bruckner, Wagner oder Bach auf. Ganz anders klingt und wirkt die Kammerkomödie nach der Pause. In Leipzig sollte Hochwasser im Opernkeller spielen. In Heidelberg sitzen die 10 Instrumentalisten inklusive zweier im Vierteltonabstand gestimmter Klaviere und einem von den Schlagzeugern selbst gebauten chromatischen Flaschenorgel auf Tuchfühlung, umringt vom Publikum auf der Bühne im kleinen cremeweiß-goldenen alten Saal. Die beiden Säle sind über die Bühne verbunden. Ein Teil des Publikums sitzt sogar auf der Bühne und darf auf der Hebebühne mit dem leichten weißen Koffer in den Keller fahren.

Hochwasser: schwerer und leichter Koffer Foto: Annemone Taake

Hochwasser: schwerer und leichter Koffer Foto: Annemone Taake


Die beiden Kofferdarsteller verfügen über je einen Zuschauerraum, wirbeln aber auch durch die Instrumentalisten, die in kleinen Aktionen auch mitbeteiligt sind. Putzstücke – ein Regiegag – krachen hautnah um die verstimmten ‘Kellerinstrumente’ von der Decke. Als Musikdirektor an verschiedenen deutschen Opernhäusern ist Johannes Harneit immer schon ein Sachwalter Neuer Musik und offen für Experimente gewesen. Selbstverständlich hat er in dieses Doppelopernprojekt Jahrelange Vorarbeit investiert. Das hat der erste kryptische Text von Troike auch nötig gehabt. Noch vor dem Komponieren hat der Hamburger Harneit mit dem Regieteam die Wortfetzen und Sätze aus Abends am Fluss durchforstet, bis eine szenischen Abfolge erkennbar wurde.
Abends am Fluss: Die Frau und der Greis Foto: Annemone Taake

Abends am Fluss: Die Frau und der Greis Foto: Annemone Taake

Vier Charaktere manifestierten sich in den Wortfluten Troikes und der Musik Harneits. Ein Greis, eine tote Frau, ein Wunderkind und ein Hund. Sie entsteigen einem Kanaldeckel oder werden tot angeschwemmt. Beobachtet von zwei Kommentatoren in zwei Schilderhäuschen rechts und links, die sich bewaffnet mit iPad und Tschenlampe immer wieder einmischen. Der Fluss ist ein wogender Menschenchor auf Hebebühnen, der in Riesenwellen auf und abfährt. Alle haben viele Leben, die Masse, die Individuen. In immer neuen Konstellationen reagieren sie aufeinander. Klischees, Alltags- und Schlüsselsituationen passieren vor geschichtsträchtiger Kulisse. In einem Meer von numerierten weißen Kreuzen liegen sie mit Gasmasken im Nebel. Unter trügerischem Sternenhimmel stürzt sich die von „Abendstille überall“ singende Chormasse – das deutsche Volk – auf ein Liebespaar und lyncht es. Vor dem Ährenkranz mit Hammer und Zirkel giert sie nach Dollarnoten, in einer Ramschmeile nach Billigangeboten. Sätze wie „das darf man nicht!“ fallen in einer spießigen Familienidylle und rufen sicherlich bei jedem im Publikum Erinnerungen wach. Und darum geht es hier: Reaktionen zuzulassen auf die sich oftmals widersprechenden Wort- und geschichtsträchtigen Bildfluten. Was als schön verkauft wird, ruft hässliche Auseinandersetzungen hervor. Geschichtsträchtige Momente kreieren Verlierer. Idyllen sind Höllen. Die Liste solcher Widersprüche sind lang, die hier ernst, aber auch mit Zynismus und Sarkasmus an der deutschen Geschichte andoggen. Unglaublich, mit welcher Dichtigkeit Musik und Szenenfolgen sich durchdringen. Wie das Heidelberger Ensemble sich einbringt. Irina Simmes als Frau mit einer weich temperierten, dennoch kraftvollen Sopranstimme, Angus Wood, ein Radames-Tenor als Wunderkind oder Namwon Huh, der mit seiner agilen Tenorstimme und asiatischer Behendigkeit den toten Hund wiederbelebt. Im Mittelpunkt aber steht Gastsänger Tomas Möwes als Greis. Er changiert vom militanten Alten mit schlechtem Gewissen zum Marktschreier, Dollargott, zum eiskalten deutschen Professor und endet nach anderthalb Stunden als Großvater im Rollstuhl. Mit beteiligt ist auch ein exzellenter Chor inklusive eines Kinderchores unter der Leitung von Anna Töller. Auch die beiden Kofferdarsteller Ipča Ramanović und der Bass Wilfried Staber leisten sängerisch und schauspielerisch hervorragende Leistungen. Und sie erhalten am Ende eines dreieinhalbstündigen wirklich fordernden Abend tosenden Beifall. Hier schreibt ein Stadttheater Musiktheatergeschichte. Das Wagnis einer politischen Oper ist aufgegangen. Ob sie zeitgemäß ist, findet das Heidelberger Symposioum noch heraus. Aber nocheinmal sind die Errungeschaften der 68er Jahre hautnah zu erleben gewesen. Nicht einfach Hinnehmen, sondern Hinterfragen und Widersprüche aufdecken! Das konnte die Oper schon immer und kann es immer noch!