Atemberaubendes Pianissimo und großartige Spannungsbögen!

Die Wiener Symphoniker

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses Foto Lukas Beck

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses, Foto: Lukas Beck

starten unter ihrem neuen Chefdirigenten Philippe Jordan in ihre erste gemeinsame Tournee mit Franz Schuberts Unvollendeter, Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier und Trompete und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7
Von Sabine Weber

Der neue Musikdirektor Foto: Johannes Ifkovits

Der neue Musikdirektor, Foto: Johannes Ifkovits

(Kölner Philharmonie, 24.11.2014) Auf der Domplatte über der Kölner Philharmonie lockt der gerade eröffnete Weihnachtsmarkt. An diesem Montagabend strömt davon unbeirrt das Kölner Publikum in sein Konzert. Warum er dieses Konzert ausgewählt hat, kann mir mein lächelnder Nachbar in Anzug, Krawatte mit Gattin unmittelbar vor Konzertbeginn allerdings nicht erklären. Spannende Programme, klingende Orchesternamen und namhafte Dirigenten werden in der Kölner Philharmonie wohl einfach vorausgesetzt! Wobei Franz Schuberts Unvollendete und Ludwig van Beethovens Siebte hier in diesem Jahr bereits gelaufen sind. Auch Schostakowitschs kurioses Konzert für Klavier mit Trompetenbegleitung in der tragischsten aller Tonarten c-moll. Das Auditorium füllende Publikum wird an diesem Abend dennoch überrascht. Schon der Anfang: das Mysterium der tiefen Celli und Kontrabässe am Anfang der Unvollendeten setzt wie aus dem Nichts ein. Zur ersten Oboen-Klarinettenmelodie macht die Streicherbegleitung ein kleines Crescendo in nur einem Takt. Gleich wieder zurückgenommen wird das programmatische Spannungsverhältnis von Drängen und Verhalten in dieser Sinfonie in nur wenigen Sekunden verdeutlicht. Das zweite Thema in den Celli kommt nicht naiv fröhlich, sondern so delikat, dass die Holzbläserrepetitionen dazu fast zu laut erscheinen. Auch hier hat Schubert, wie beim ersten Thema, ein Pianissimo gefordert. Es wird ernst genommen. Jede Kantilene singt, spannt Bögen. Übergänge, selbst mit Registerwechsel, kommen bruchlos. Aber Brüche mit doppeltem Fortissimo Sforzato-Akzent kommen schroff. So, wie auch Rhythmisierungen auf den Punkt scharf sind. „Das ist gut, …sehr gut!“ zischt der Nachbar auf der anderen Seite ohne Lippen- und Kopfbewegung. Und schaut mit seinen Hängebacken weiter stur nach vorn, so, als würde er gleich am liebsten jemanden beißen. Aber er hört zu, bis zur letzten Sekunde gebannt, wie alle hier. Beeindruckend heute sind die Momente des „noch nie so gehört“! Das Klarinettensolo im zweiten Satz etwa, einfach zum Dahinschmelzen! Oder eine Fagottkantilene, ebenfalls im zweiten, die vorher noch nie aufgefallen ist. Mit seinen Händen massiert Philippe Jordan den Klang aus seinen Musikern und skulptiert ihn transparant in der Vertikalen, fließend in der Horizontalen. Und so schwungvoll der Dirigent aufs Podium springt, so wohltuend gemäßigt weiß er das Tempo auch zurück zuhalten. Bei Schubert noch ohne Taktstock. Für das witzig-spritzige Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch dann ist der Stock nötig, um das Orchester immer wieder in das über jegliche Tempovorstellungen frei verfügende Klavierspiel von Khatia Buniatishvili hinein zu führen. Die georgische Pianistin kann aberwitzig loslegen, bringt aber auch tiefe Empfindung, Nachdenlichkeit und Abgründigkeit ein. Charmant lockern die Orchesterviolinen immer mal wieder mit einem neckisches Saitenglissando auf. Dramatisch gelingt das Mahlerische Ersterben vor dem letzten grotesken Einsatz der Trompete im Finale, begleitet von auf die Saiten trommelnden Streicherbögen. Rainer Küblböck, Solotrompeter bei den Wienern, füllt diesen Part mit mehreren Dämpfern zur Hand auf den Punkt aus. Mit Final-Bravour in einer Parodie über Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ spielt Buniatishvili ihre Virtuosität aus! Kein Wunder, dass das euphorisierte Publikum von der Pianistin eine Zugabe verlangt. Mit einem Menuett von Georg Friedrich Händel spielt sie dann wieder ihre emotionalen Qualitäten aus. Was bei Schostakowitsch wie geordnetes Durcheinander klingt, weicht bei Beethoven, wie schon bei Schubert, dem Mut zum Ausspielen. Zum Hörbarmachen. Der Liebe zum Detail. Und immer noch ein Strudel mehr quirlt auf im Scherzo und im Finalsatz, wo Jordan zeigt, dass er und die Wiener auch ans Tempolimit gehen, wenn sie wollen. Was am meisten fasziniert bei den Wiener Philharmonikern mit den “Wiener” Hörnern neben den Kontrabässen hinten rechts, den Trompeten hinten links bei den Pauken und den Celli inmitten der Streicher, ist ihr plastisch durchhörbarer Klang, ihr atemberaubendes Pianissimo, und der absolute Wille, Musik zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Chef funktioniert diesbezüglich ohrenkundig. Jordan ist wohl auch der erste vom Orchesterkollektiv gewählte Chef. Nomen est omen. Sein Vater Armin, 2006 sozusagen im Orchestergraben verstorben, gilt ja als der bedeutendste Schweizer Dirigent nach Ernest Ansermet. Der in Zürich geborene Sohn ist in Frankreich längst oben angekommen, ganz oben, als Musikdirektor der Opéra national de Paris. Gestartet in diese Karriere ist er übrigens von Deutschland aus als Korrepetitor und Kapellmeister am Ulmer Theater. Dass er jetzt auch einem Konzertorchester verpflichtet ist, das jenseits des stets mit Unwägbarkeiten und Kompromissen behafteten Opernbetriebs sich nur der Verwirklichung der Partiur widmet, wird ihm helfen, auch jenseits der Opernhäuser und in Deutschland seinen Ruf zu festigen. Jedenfalls mit Konzerten wie diesem!

Angrittstournee Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan: 24.11. Kölner Philharmonie; 25.11. Luxemburger Philharmonie; 26.11. Brüssel Palais Beaux-Arts; 28.11. Paris Salle Pleyel, Konzertbeginn jeweils 20 Uhr. Die Konzerte in Luxemburg und Brüssel mit anderem Repertoire, siehe dazu: http://www.wienersymphoniker.at/aktuell/newsid/104

Solaris – keine Kritik, eine besondere Nachlese!

Aoife Miskelly als Hare mit Nikolay Borchev als Kris auf der Solarisstation in Köln © Bernd Uhlig

Aoife Miskelly als Harey mit Nikolay Borchev als Kris auf der Solarisstation in Köln © Bernd Uhlig

In ihrem normalen Leben trägt die Opernsängerin Aoife Miskelly schwarze Locken. Die gebürtige Irin, Anfang 30 und bis letztes Jahr im Kölner Opernstudio, ist seit dieser Saison fest im Kölner Opernensemble. Und hat in dieser Produktion gleich die weibliche Hauptrolle übernommen. Ihre Mitbewohnerin Beatrice Faust studiert in Köln Medizin. Oder hat studiert, denn sie steckt gerade in ihrer Examensphase. Das hat sie natürlich nicht davon abgehalten, ihre Freundin in die Premiere zu begleiten. Sie im Publikum, Aoife auf der Bühne! Zwei Freundinnen, zwei Perspektiven, aber ein gemeinsames Abenteuer!
Wie sind die beiden mit diesem SciFi-Stoff als Opernplot umgegangen? Wie haben sie sich vorher darüber ausgetauscht? Was nehmen sie mit, von ihrem Bühnen- und ihrem Zuschauerraumerlebnis? Und von der jüngsten Oper Detlef Glanerts ?