Gestatten, Berlioz! – Ein romantischer Abend in der Provence

Emmanuel Krevin wedelt beseelt mit dem Taktstock!

Emmanuel Krivine wedelt beseelt mit dem Taktstock! Bild: Philippe Hurlin

 

Auf ihrer Jubiläumstour zum 10-jährigen Bestehen widmet die Chambre Philharmonique unter der Leitung ihres Gründers Emmanuel Krivine Hector Berlioz einen beeindruckenden Abend.
Von Lina-Marie Dück

(Aix-en-Provence, 22.05.2014) Die Ouvertüre aus dessen Oper Béatrice et Bénédicte kommt spritzig. Das leichte federnde Spiel der Streicher wird sicher geführt im präzise detailreichen Dirigat Krivines. Die Läufe der Flöten werden sogar mit klimperndem Fingerspiel angezeigt – da muss der Taktstock schon mal die Hand wechseln. Ein erster Einblick in Berlioz’ Gefühlsspektrum, dessen Bandbreite sich durch den immer wiederkehrenden Wechsel zwischen Piano und Forte, lebhaften Hüpfern, bedächtigen Schwüngen und virtuosen Stürmen der Streicher sowie großzügigem Bläsereinsatz ankündigt.
Dann folgen sechs Sommernächte. Les Nuits d’Eté. Michèle Losier erzählt uns in Worten wie „Quand auront disparu les froids“ … „Revenons rapportant des fraises“ mit klarer Mezzosopranstimme von dem wunderbaren Moment, wenn die Kälte sich verzieht und die Erdbeeren mitgebracht werden, aber auch vom Verlassensein und vom Unglück in „le malheur d’être oublié“, ein wohl zentrales Thema für Berlioz. Der angenehm unaffektierte Gesang und das fokussierte Timbre der Kanadierin hält die von Gefühlen übersättigten Versen Théophile Gautiers perfekt zusammen, die Berlioz ja mit noch einmal der gleichen emotionalen Dosis musikalisch untermalt. An manchen Stellen, wenn Krivine seine Streicher trotz Dämpfer in ihrer Lautstärke noch bremsen muss, fehlt es der Solistin aber ein wenig an der angekündigten mitreißenden Bühnenpräsenz. Ungemein präsent im Grand Théâtre ist jedenfalls mal wieder das Publikum – in den zahlreichen langsamen, behutsamen Stellen fallen die Huster besonders auf …
Die Musiker nehmen sich also zurück, begleiten die Poesie mit feinem Flüstern und glänzen immer wieder mit präzise angesetzten, aufleuchtenden Akkorden. Die vom Komponisten in Szene gesetzten Instrumente lösen hier und da den Gesang auch wunderbar solistisch ab. In der letzten Nachtszene auf der unbekannten Insel -„l’île inconnue“ – scheint die Konzentration des Orchesters jedoch nachzulassen. Die Stimmen, vor allem der Streicher, zerfließen und laufen davon. Die Satzüberschrift forte allegro spiritoso haben sie zu wörtlich genommen.
Nach der Pause kehrt die Chambre Philharmonique gestärkt auf die Bühne zurück – auch die Besetzung ist für dessen berühmte Symphonie fantastique merklich verstärkt. Fünf Perkussionisten verteilen sich im Hintergrund. Die verdoppelte Anzahl der Harfen auf vier fällt auf! Als schließlich noch antike Blasinstrumente, neben den Ophikleiden noch ein schlangenförmiges Serpent tritt, wird auch für den letzten Ahnungslosen im Publikum das besondere Engagement des Orchesters für epochengerechte Instrumente sichtbar. Diesbezüglich vollen Einsatz gibt es auch bei den Musikern. Das zeigt sich im delikaten Klang der Streicher, den wunderbar klar dazwischen aufleuchtenden kreisenden Flöten. Beim Dirigenten ist es der fliegende Taktstock, sind es impulsive Hüpfer, die das Orchester gleichermaßen anspornen. Nach sanften Träumereien bäumt sich die Leidenschaft im ersten Satz auf und wäre auch auf dem Podium um ein Haar aus dem Ruder gelaufen. Bei der Szene auf dem Lande gelingen die Einsätze der tiefen Bläser nicht immer. Punktgenau ist aber das Zusammenspiel vom Pizzicato der Bratschen sowie zweiten Geigen und der aufleuchtenden Tupfer von Querflöte und Klarinette. Die doppelte Besetzung der Harfen, auf der Bühne zwei rechts, zwei links angeordnet, verleihen der Ballszene einen Dolby Surround-Effekt. Beim Gang zum Richtplatz werden schließlich alle Orchesterregister gezogen. Kraft, Präzision, beeindruckende Dynamik. Das ganze Drama nimmt seinen höllischen Höhepunkt im Hexensabbat, mit wilden Glissandi der Holzbläser, der Pauken im Hintergrund, passend zum Gewitter, das sich draußen über der Stadt entlädt. Krivine gibt ebenfalls alles. Der Taktstock wechselt wieder mehrmals die Hand, um die Glocken- und Bläser”schläge” besser anzuzeigen. Während der einzelnen Akte dieses Drame musicale ist auch schon mal ein Kommen und Gehen der Musiker zu erleben. Der Oboist verlässt für die Szene auf dem Lande die Bühne, um aus weiter Ferne tönend mit dem Englischhorn zu konversieren. Die Perkussionisten sind rege, damit aus dem Gang zum Richtplatz ein wirklich wilder Marsch wird und verpassen dem Hexensabbat eine düstere Untermalung. Insgesamt zeigt die Chambre Philharmonique bei diesem letzten Programmpunkt ihre wirkliche Stärke. Auch wenn – als kleiner Wermutstropfen des Abends – der von Berlioz auf’s Notenpapier gebrachte Sturm der Gefühle den Zuhörer nicht in voller Stärke erreicht, beweisen die Musiker doch Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit in den Klangfarben. Virtuos, kräftig aber auch gekonnt verstummend in der Begleitung einzelner Soloinstrumente. Eine Darbietung, die das zehnjährige Bestehen gebührend feiert!

François-Xavier Roth heißt der neue Kölner Generalmusikdirektor!

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Gestern hat er im historischen Rathaus unterschrieben, im Beisein vom Kölner Oberbürgermeister und der Beigeordneten für Kultur. Der Sohn des Organisten Daniel Roth an der Pariser Saint Sulpice, studierter Querflötist und hat seine Dirigentenkarriere als Assistent von John Eliot Gardiner begonnen. Seit 2011 ist er Chef beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden/ Freiburg und das noch bis 2016. Ab dem 1. September 2015 steht er auch am ersten Pult beim Kölner Gürzenichorchester. Außerdem wird er musikalischer Chef der Kölner Oper. François-Xavier Roth ist sowohl in der historischen Aufführungspraxis zuhause – mit dem von ihm selbst gegründeten Projektorchester Les Siècles, als auch in der Neuen Musik.
In Köln ist er auf dem Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik und Musik der Moderne ein alter Bekannter. Seit der ersten Ausgabe ist er mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden/ Freiburg dabei gewesen und hat in der diesjährigen Ausgabe das Abschlusskonzert am 11. Mai gestaltet. Das Konzert wird heute Abend ab 20.05 Uhr auf WDR3 ausgestrahlt und ist noch weitere 30 Tage im WDR3 Konzertplayer im Netz zuhören. In der Sendung kommt auch François-Xavier Roth ausgiebigst zu Wort!

Le Grand Glamour au Grand Théâtre in Aix-en-Provence

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Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis fordern in Aix ihr Publikum mit zwei französischen Erstaufführungen heraus, aber begeistern es auch!
Von Lina-Marie Dück

(Aix-en-Provence, 15. Mai 2014) Eine kleine Brise, Ausläufer des berüchtigten Mistralwinds, durchkämmt die Haare an diesem Maiabend in der Hauptstadt der Provence. Die untergehende Abendsonne, der helle Sandstein der modernen Fußgängerzone führen zielsicher zum im selben Stein errichteten Grand Théâtre d’Aix-en-Provence.
Der Sommer hat auch schon in der Garderobe Einzug gehalten – luftige Kleidchen und Sandalen. Die Aixer, oder „Aixois“ wie man hier sagt, sind ein legeres Publikum, selbst Jeansjacken tauchen auf.
Und sie lieben Publikumslieblinge. Natürlich ihren Renaud Capuçon – hier bejubelt wie ein Rockstar. Aber auch eine Grande Dame wie Anne-Sophie Mutter spielt im ausverkauften Haus. Und dass das vorgestellte Programm für den Zuhörer teils etwas schwieriger ist, spielt angesichts der Diva in leuchtend rotem Kleid am Ende dann auch keine Rolle mehr.

Krzysztof Penderecki (* 1933)
La Follia für Soloviolone (Uraufführung Dezember 2013 in der Carnegie Hall, New York)

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Sonate für Pianoforte und Violine e-moll KV 304

André Previn (*1929)
Sonate n°2 für Violone und Klavier

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Sonate n°9 für Pianoforte und violine, op. 47 « Kreutzer – Sonate »

Das Programm ist kontrastreich und in sich stimmig. Typisch für die Mutter ist die Kombination aus zeitgenössischen Werken, im Programmheft als französische Erstaufführungen angekündigt, und „großen Klassikern“ der Geigen-Literatur. Selbst Zugaben – und derer drei (!) – sind perfekt ausgewählt.
Die Stücke verlangen der Geige einiges ab, und die Mutter zeigt auch, was möglich ist.
Schon im Eingangsstück, einer Follia von Krzysztof Penderecki, ist vom Pizzicato bis zum Legato, vom Spiccato bis zum Flageolett, alles gefordert. Und selbst der Dämpfer wird gebraucht. Im Dezember letztes Jahr hat sie das ihr gewidmete Stück in New York uraufgeführt. Und nicht zu überhören ist, dass der polnische Komponist in dieser Solo-Caprice die ganze Bandbreite ihres Könnens herausfordern wollte. Musikalisch nicht völlig disharmonisch, ist dieses Geigensolo doch eher schwer zugänglich. Da tat es gut, sich einfach ein Stück weit von den glitzernden Steinen am Kleidsaum der Solistin mittragen zu lassen. Trotz wunderbar melancholisch verweilender Zwischenstücke, gespielt mit einzigartig gleitendem Bogen, in denen auch die Interpretin selbst sich für den nächsten gewagten Galopp über alle Seiten mit zahlreichen Doppelgriffen gespickt zu wappnen schien, stößt die Aufmerksamkeit und die Geduld des Aixer Publikums nach gut 10 Minuten an ihre Grenzen. Der Huster werden immer mehr – angeblich haben die meisten Aixer eine starke Pollenallergie! Es kommt ein „Schht“ vom oberen Rang, eine Dame flüstert sogar „ah j’aime pas du tout, j’aime pas du tout….“

Die Sonate für Violine und Klavier von Wolfgang Amadeus Mozart kommt im Anschluss gerade Recht. Der tröpfelnd klar von Lambert Orkis vorgetragene Klavierpart bietet angenehme Abwechslung. Die leichte Unbeschwertheit einen Gegensatz, auch wenn die Sonate in e-moll KV 304 insgesamt wohl eher eine der schwermütigeren Schöpfungen Mozarts ist, starb doch seine Mutter im selben Jahr. Im ersten Satz wirkt Anne-Sophie Mutter noch ein wenig statisch, vielleicht noch im Wirbel des vorherigen Stücks verhangen. Mehr Gefühl zeigt sie dann im zweiten Satz, brillant eingeleitet von ihrem Begleiter. Beide Interpreten rücken sogar räumlich auf der Bühne zueinander. Und nicht nur die singenden Klänge der Violine, sondern vor allem die delikat und feinsinnig gefühlten Bögen des Pianisten lassen die romantische Färbung des Stücks aufleuchten. Da macht es geradezu Sinn, dass Mozart sämtliche Sonaten mit Erstnennung des pianoforte schrieb!

Vor der Pause kommt der aus meiner Sicht Höhepunkt des Konzerts. Wieder zeitgenössisch und ein Auftragswerk, doch von ganz anderer Textur als Penderecki. André Previns zweite Sonate für Violine und Klavier beginnt spritzig, lebendig wie Limonade an einem Sommerabend im Park. Das Glück ist immer nur kurzweilig. Düstere Einlagen werden nur vom wieder angenehm tröpfelnden Klavierpart etwas gemildert. Dass Geige und Klavier sich in diesem Stück gegenseitig brauchen wird selbst beim Seitenblättern deutlich – Die Mutter unterstützt Orkis beim Ringen mit den Noten und gibt ihm gleichsam den Lauf frei für eine faszinierende Soloeinlage mit geradezu jazzig klingenden Elementen. Beide Parts finden auch wieder zusammen, werden zur Einheit in kleinen und großen tonleiterähnlichen Läufen, punktgenau und treffsicher. Die Läufe kehren im zweiten Satz abgeändert wieder, dazu in sich immer wieder galoppierende, gar aufbrausenden Zirkel, abrupt zum Stillstand gebracht von Akkorden im fortissimo oder ausgebremst von krassen Ritardandi. Die Stille nach dem Sturm mit gefühlvoll wiegenden Klängen wird zur Stille vor dem Sturm. Das Klavier lässt Peitschenhiebe durch die Luft sausen, um dann wieder behutsame Streicheleinheiten zu geben. Im dritten Satz steht die Geige im Vordergrund. Die Virtuosin lässt die Finger fliegen, hüpfen und springen. Mit energischen Schwüngen werden Tonelemente verbunden. In den wiegenden Zwischenstücken Kraft geschöpft, um dann den gerade eingelullten Zuhörer mit disharmonischen Akkorden aufzurütteln. Obwohl unterschiedlich – in dem extremen Gegensatz der Dynamiken und der Stricharten ähneln sich beide modernen Werke!
Der Endspurt kurz vor dem Entracte kostet Geige und Klavier gleichermaßen Konzentration und Anstrengung. Die gemeinsamen Läufe in ihrer fast schon getriebenen Schnelligkeit fordern von beiden Solisten absolute Genauigkeit, keiner darf zu früh oder zu spät einsetzen, eine Gratwanderung am Rande des Abgrunds. Doch Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis sind seit 25 Jahren auf einander eingespielt und ergänzen sich wie Zahnräder eines Uhrwerks. Der fast schon hämmernde Schlussakkord des Pianisten landete punktgenau. Der letzte Strich der Geigerin kurz zuvor ist nicht minder kraftvoll.

Die von allen wohlverdiente Pause findet auf dem Vorplatz des Grand Théâtres statt. Der warm leuchtende Sandstein sorrgt für ein warmes Ambiente, der Mai Abend lädt zum Luftholen, zum Flanieren ein.
Und schon lockt wieder der Konzertsaal mit der gewaltigen Kreutzer-Sonate von Ludwig van Beethoven. Nach den schwermütigen Anfangsakkorden stellt Anne-Sophie Mutter erst einmal ihren Bogen weicher. Was folgt, bleibt nicht nur ein Spiel mit Gefühlen. Bald scheinen beide Instrumente in einen Wettstreit zu treten, sich gegenseitig zu immer höheren Schwüngen anzuspornen. Mit unglaublicher Energie, fast schon mit Wucht als gält’s die Geige durchzusäbeln, geht sie zu Werk. Und auch der mitnichten „begleitende“ Lambert Orkis zeigte sein Virtuosität. Und wieder, wie in den vorherigen Stücken, trifft der Zuhörer auf diese sich stets von Neuem aufbauenden Spannungsbögen, die sich mit aufgeladener Stille abwechseln. Die Stille vor dem letzten Gipfelsturm – ein intensiv gespieltes Rallentando – verheißt dem Publikum einen letzten Kraftakt. Die Aixer geben sich alle Mühe, still zu bleiben und finden schließlich Erlösung in einem wahrlich fulminanten Ende. Aber das ist erst der erste Satz. In den Variationen des zweiten Satzes erreicht Mutter mit schwebender Leichtigkeit und singendem Klang die allerhöchsten Lagen. Man fragt sich, was sie wohl in der Pause zur Erholung getan hat. Der Pianist sorgt mit perlenden Läufen und auch mit klar pointiertem Anschlag, dass keine Trillerkette zu Schmalz gerät. Und dann noch ein Presto. Jedenfalls ist sie bei den beiden Musikern immer noch da und bis zuletzt, die Luft für große, von der Geige diktierte Gesten und für spielerische, neckische Intermezzi des Klaviers. Hier sind Meister der Pausen, von Abbruch und Neubeginn am Werk. Viel Wucht zum Endpurt, sodass der Bogen schon einmal schnarrt. Der letzte Strich kommt mit großem Schwung im Arm, fast wie ein Befreiungsschlag. Tosender Applaus. Soviel Applaus, dass beide Solisten dreimal für Zugaben auf die Bühne zurückkehren: Dvořáks Humoresque Nr. 7, eine Bearbeitung von Brahms Ungarischem Tanz Nr. 1 und schließlich zum endlichen Schluss noch Kreislers „Caprice Viennois“ – nach dessen Ansage ein lautes „Danke“ (auf deutsch) aus dem Publikum ertönt. Die Aixois bewiesen letztlich noch einmal ihre Geduld – mucksmäuschenstill ist es, sämtliche Allergien mit dem Mistral Wind verflogen, ein jeder ist sich bewusst, welches Geschenk diese Zugaben sind. Standing Ovations nach diesem Abend, diesem „Kraftakt“ – eigentlich eine Selbstverständlichkeit!

Händels Tamerlano mit zwei Star-Countertenören in der Kölner Oper am Dom

Counter Xavier Sabata wirbt mit geballter Faust für die Sache Tamerlan! © Beetroot Design Group

Counter Xavier Sabata wirbt mit geballter Faust für die Sache Tamerlan!
© Beetroot Design Group

Bereits im 18. Jahrhundert war die Komponistenpersönlichkeit Georg Friedrich Händel ein Mythos. Seine Opern sind in England natürlich nie aus der Mode gekommen. Seit den 1920ern bringt Göttingen regelmäßig Händel-Opern heraus. Zu den 1931 gegründeten dortigen Festspiele kommen 1955 die in Halle, 1989 die Händel-Gesellschaft in Karlsruhe dazu. Und auch an deutschen Opernhäusern ist Händel derzeit gefragt. Denn seine Opern brauchen hohes Stimmpersonal, und gute Countertenöre sind im Moment reichlich im Angebot!
Von Sabine Weber

(Köln, 04.05.2014) Im blauen Opernzelt in Köln sorgten schon bis zu fünf Countertenöre auf einmal für Furore. Allerdings war Astaserse keine Händel-Oper. Für die einmalige konzertante Aufführung von Händels Tamerlano reichen zwei. Der glatzköpfige Katalane Xavier Sabata mit Silberlametta unterm Jackett gibt den mächtigen aber nicht unsensiblen Mongolenfürsten Tamerlan. Max Emanuel Cencic – ebenfalls glatzköpfig und mit Vollbart, übernimmt die etwas höher liegende Partie von Andronico, einem Mitstreiter des besiegten Konstantinopelfürsten Bayazid. Und natürlich ist von Anfang an klar, wer hier an der Rampe gegen wen „kämpft“! Das Silberlametta gegen rote Socken, die Cencic zwischen schwarzem Anzughosenrand und Schuh durchscheinen lässt. Denn der selbstherrliche Sieger will die Geliebte des Untergebenen, bis er zur Einsicht und „Clementia Caesaris“ gezwungen wird. Der Plot: Tamerlan beansprucht die Tochter von Bayazid. Asteria ist aber mit Andronico liiert. Und der byzantinische Fürst will natürlich auch keinesfalls irgendetwas dem mongolischen Barbaren überlassen. Lieber will er sterben, was er am Ende auch tut. Verwicklungen gibt es, weil Asteria auf eigene Rechnung – wie einst die biblische Judith – den Ursupator im Bett töten will. Sie geht also auf die Werbung ein, was Andronico vor den Kopf stößt. Und nicht zuletzt Irene, die eigentliche Verlobte Tamerlans, die verkleidet Asteria ausspioniert und ihren Plan entdeckt. Tamerlan lässt im letzten Moment Gnade walten. Er begnügt sich mit Irene. Andronico bekommt seine Asteria. Nur Bayazid muss sterben und droht im Freitod grollend noch ein bisschem mit den Furien aus der Unterwelt. Die Handlung ist hörend kaum nachvollziehbar. Nicht nur wegen des italienischen Librettos, auch wegen der Kürzungen. So endet der 1. Akt mit einer Arie Andronicos. Cencic darf aber gleich mit einem Recitativo accompagnato und einer weiteren Arie aus dem zweiten Akt weiter machen. Der Handlungsstrang dazwischen ist gekappt worden. Der Auf- und Abtritt der Sänger von rechts und links wirkt teilweise wie eine surrealistischer Choreografie. Manchmal wird bereits nach einem gesungenen Satz wieder abmarschiert. Im Hintergrund sieht man eine Bühnenskulptur, wahrscheinlich eine übrig gebliebene Requisite, die an ein U-Boot erinnert. Und das passt sogar ins Bild. Denn mit jeder Arie wird in die Tiefen menschlicher Emotionen hinab getaucht. Wut, Verzweiflung, Fluchen, herzerweichende Entschuldigungen, herzzerreißende Abschiede, Vergleiche ziehen mit Tieren oder sich Mut zu sprechen, das teilt sich durch Händels Gestaltung mit, auch wenn man nicht weiß, wieso und warum. Man fragt sich zwar schon, warum dann plötzlich ein Bass auf die Bühne kommt und darüber nachsinnt, dass Liebe zu Krieg führt und grausam ist. Eine tiefe Stimme gehört in der Oberstimmenlastige italienische Kastratenoper immer dazu. Wie es Händel schafft, in teilweise nur mit Generalbass (Cembalo plus Violoncello) begleiteten Arien, oder einer sehr einfach gesetzten Streichertextur – Violine eins und zwei im unisono, die Bratschen schweigen – nur durch die Gestaltung von Singstimme, Harmonien und Bewegungscharaktere die verschiedenen Stimmungen herauf zu beschwören, ist immer wieder verblüffend. Ein Höhepunkt ist das Terzett im dritten Akt, wo Tamerlan nach Blut schreit, und Bayazid und Asteria sich ihm mutig stellen! Intensiv und in feinen Abstufungen, nie ruppig, spielt das Barockensemble Il Pomo d’Oro unter der Leitung von Maxim Emelyanichev auf. Der blutjunge russische Ensembleleiter ist in jedem Moment bei seinen Musikern, um sie anzuspornen oder zu bremsen, soll übrigens ein großer Pianist sein, auch wenn er hier teilweise ein bisschen holzschnittartig vor einem Cembalo hüpft und tanzt und immer mal wieder mit Riesenpranken in die Tasten hineinfährt – vor allem bei den Rezitativen. Das 2012 gegründete Ensemble ist die Entdeckung des Abends, ist übrigens auch auf der brandaktuellen naïve-CD zu hören, die eine Neuaufnahme von Händels Tamerlano vorstellt, und natürlich wird mit dieser Aufführung auch dafür geworben! Geleitet wird die CD-Aufnahmen von Riccardo Minasi, aber die Countertenorbesetzung ist diesselbe. Wer von den Glatzköpfen gewinnt? Natürlich beide! Die Partie des Tamerlan ist im großen und ganzen mit kräftigeren und vielleicht effektvolleren Arien ausgestattet, auch, was die Koloraturen angeht. Das nutzt Sabata voll und ganz aus, tendiert manchmal dazu, wenn er forciert, mit der Stimme zu überschlagen. Cencic, im Stück der Mann zwischen den Stühlen, weil er zwischen Bayazid und Tamerlan vermitteln muss, hat subtilere Gefühlsauffwallungen rüber zu bringen, trägt sehr kultiviert seine Koloraturen vor, wenn er sie denn hat – mit etwas weniger Schlagkraft aber stets feinem Gusto. Tenor Daniel Behle glänzt mit einer lyrischen Tongebung, die weniger mit Kraft protzt – gut so – denn Einfühlungsvermögen und Gestaltung wirbt. Etwas steif wirkt Sophie Karthäuser als Asteria. Mit rundem Ton und viel Schmelz leiht Ruxandra Donose einer unglücklichen Irene ihre reife Stimme. Pavel Kudinovs Bass – endlich mal eine tiefe Stimme – hätte mehr Stimmvolumen gebrauchen können – in der nicht ganz einfachen Akustik der Interimsspielstätte im Opernzelt ist allerdings schwer aus zu machen, was dem Zeltsaal geschuldet ist. Das Kölner Publikum zeigt sich an diesem Abend höchst zufrieden und erreicht sogar, dass das Solistenquartett den dreistimmigen Schlusschor – wiederholt. Und im wie auf Knopfdruck alles einigenden Schlussgesang fügen sich auch die Feinde Andronico und Tamerlan ganz hübsch im unisono zusammen.

Konzertante Aufführungen gibt es noch einmal im Herbst, am 22. September in Hamburg und am 25. September in Wien.