Kategorie-Archiv: Konzertkritiken

Collegium vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe setzt mit Claudio Monteverdis Marienvesper ein Ausrufungszeichen auf der Ruhrtriennale

Das ist eines der ganz seltenen Glücksmomente in einem Konzert! Eine Aufführung, die in jedem Detail gelingt. Und in einem märchenhaften Raum schwingt und verzaubert.
Sabine Weber

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern.  Foto: Volker Beushausen

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern.
Foto: Volker Beushausen


(21. August 2017, Maschinenhalle Zeche Zollern, Lütgendortmund)
Perfekte fünf Sekunden Nachhall! Und das in einer Maschinenhalle bei Dortmund. Doch die sieht anders aus als die monströsen Maschinenhallen in Duisburg oder Zweckel. Hier sind Backsteine wie Ornamente zusammen gesetzt, mit Erkern, Türmchen und Zinnen verziert, mit Jugenstilglasverzierungen an Giebel und Eingang. Das war ein Prestigeobjekt der Gelsenkirchener Bergwerk AG gewesen und sollte industrieller Vormachtstellung im späten Kaiserreich eine Traumarchitektur liefern. Die Zeche Zollern im ehemaligen Bergwerk in Dortmund ist ein „Schloss der Arbeit“, mit eleganten Hammersymbolen in Glasrosetten und mächtigen Fördertürmen als Kulisse. Aus dem Staunen kam man ja gar nicht mehr heraus, auf dem Weg zu diesem Konzert, vorbei an einer kleinen Parkanlage.

Und dann das Wunder von Claudio Monteverdis Marienvesper. Der im Mai vor 450 Jahren geborene Komponist wollte ja auch die damalige Musikwelt staunen machen. Bisher als furioser Madrigal- und Opernkomponist in Erscheinung getreten, schießt Monteverdi wie aus dem Nichts seine Vespro della beata vergine als komplexe Kombination heterogener geistlicher Stücke heraus. Und entwickelt eine ganz besondere Ablaufdramaturgie. Die liturgisch vorgeschriebenen Psalm-Vertonungen des marianischen Vespergottesdienstes durchmischt er mit eingeschobenen Vokalkonzerten, die u.a. Verse aus dem Hohelied Salomos verwenden. Ein polyphoner Stil in den Psalmen wechselt sich ab mit Sologesängen oder zu zwei oder drei Stimmen verarbeiteten Konzerten. Jedes Stück ist anders konzipiert und kombiniert die Mitwirkenden immer wieder aufs Neue, sogar innerhalb eines Stücks oder von Textzeile zu Textzeile. Alles im Dienste einer hochexpressiven Wortausdeutung, auf die sich Monteverdi verstand wie noch keiner vor ihm. Wie, wann und ob überhaupt diese visionäre Vesper oder Teile daraus vor ihrer Veröffentlichung je aufgeführt wurden, weiß kein Mensch. Die Sammlung, die er im Dienste der Gonzaga von Mantua aus in Venedig 1610 auf eigene Kosten drucken lässt, widmet er dem Papst.
Dieser Überraschungscoup gelingt. Monteverdi bekommt zwar keinen Job an einer der päpstlichen Kirchen in Rom, wohl aber die prestigeträchtige Kirchenmusikstelle an San Marco. Und die damals wie heute noch irritierend innovativen und zugleich retrospektiven Stücke gelingen an diesem Abend eines um’s andere und ausnahmslos. Angefangen von dem gewaltigen sechsstimmigen Eingangschor zur göttlichen Lobpreisung, über den expressiven Sologesang des Tenors nur zur Arciliuto-Begleitung in der Hoheliedvertonung Nigra sum oder dem in den Anfangstakten herrlich gegen den Taktstrich gebürsteten und swingenden achtstimmigen Laudate pueri. Im Pulchra es harmonierten und rieben sich in herrlichen Dissonanzen die beiden Sopräne Dorothee Mields und Barbora Kabátkovà. Letztere eine Expertin für tschechischen Gregorianischen Gesang, die nach hinten zu den Chortenören gewandt auch die Chroalintonationen vor den Psalmen mit hoch wirbelnden Händen leitete. Höhepunkt war das Duo Seraphim. Es ist das magische Herzstück dieser Vesper. Zwei Seraphime himmeln das Göttliche an. Die Engel scheinen selbst erschüttert von der Gewaltigkeit der Herrlichkeit, und versuchen sich selbstlos zu übertreffen. Wenn sie dann feierlich die heilige Dreifaltigkeit bezeugen, also von „Tres sunt“ singen, dann haben sie plötzlich drei Stimmen! Eine dritte Tenorstimme kommt dazu. Wenn sie zum Wunder der Einigkeit dieser Trinität kommen, werden die drei sogar zu einer Stimme. Diese himmlische Magie setzten atemberaubend virtuos Reinoud Van Mechelen, Sam Boden und Benedict Hymas um. Und dass Monteverdi mit der Sonata sopra Sancta Maria wieder eine ganz besondere Idee umgesetzt hat, nämlich unter den von drei Sopranstimmen mehrmals wiederholte simplen Bittspruch „Sancta Maria, ora pro nobis“ den größtmöglichen, auch rhythmischen Tumult zu veranstalten, das schätzte schon Igor Strawinsky, ein großer Monteverdi-Fans, der diese Sonata zu einem seiner Lieblingsstücke erklärt hat.

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern

Concerto vocale Gent in der Maschinenhalle der Zeche Zollern


Atmosphärisch perfekt umstrahlte auch noch die Abendsonne diese mönchische Vesper zu Ehren der Muttergottes. Sie beschien durch eine Rundbogen-Glasfront die Tribüne in der Mitte Halle und damit die Instrumentalisten und Sänger vom Collegium vocale Gent bis fast ganz zum Schluss. Dann noch die Ausleuchtung mit himmlischen Blautöne über der mächtigen Stahlkonstruktion im Holzdach. Diese Aufführung ist wirklich ein besonderes Geschenk der Ruhrtriennale an ihr Publikum gewesen. Das war ein Gesamtkunstwerk, besser als Oper und hat auch den ursprünglichen Sinn und Zweck der Ruhrtriennale noch einmal in Erinnerung gerufen, nämlich mit Kunst, hier Musik, auf das Besondere der Industriedenkmäler hinzuweisen und die Industriebrachen zu beleben. Wie gut, dass Intendant Johan Simons zu Philippe Herreweghe einen besonderen Draht hat und hatte. Denn auch in den beiden Spielzeiten zuvor ist der Spezialist für Alte Musik und Bachpionier zu Gast gewesen. Und wenn der inzwischen 70jährige belgische Dirigent, Chorleiter und Gründer vom Collegium vocale Gent nur mehr mit spärlichen Bewegungen leitet, allein ein solches Solistenoktett wie an diesem Abend zu casten und ein so homogenes, spielerisch funktionierendes Ensemble zusammen zu stellen, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Glücklich die, die das an diesem Abend erleben durfte!

Elisabeth Leonskaja mit den drei letzten Klaviersoanten Beethovens im Bahnhof Rolandseck

Elisabeth Leonskaja

Elisabeth Leonskaja

AUSTRIA /Elisabeth Leonskaja - Konzerthaus © Julia Wesely
Seinen 80. Geburtstag hätte Johannes Wasmuth im letzten Jahr gefeiert. Zum 20. Mal jährt sich sein Todesjahr in diesem Jahr. Und auch Elisabeth Leonskaja gehörte zu den jungen Künstlern, denen Wasmuth im Künstlerbahnhof Freiraum gegeben hat, unbeschwert zu leben und zu arbeiten. Nach Radu Lupu erweist sie Johannes Wasmuth im zweiten Sonderkonzert eine atemberaubende Reverenz. Mit Beethovens Opus 109 – 111.
(Sabine Weber)

(14. März, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Dass der Verleger Schlesinger die letzen drei Sonaten Ludwig van Beethoven als „schöne Werke“ bezeichnet hat, ist ein befremdlicher Euphemismus. Schroffe Akzente im fff, aber auch im piano: sfp, sf, poco ritenete espressivo, also ein leichtes Rubato, aber mit Ausdruck!, dann wieder a tempo … Tempowechsel von Takt zu Takt. Abrisse, Schreie, Verzweiflung. So viele Vortragsanweisungen hat Beethoven übrigens noch nie über und unter den Notentext gesetzt. Und die lärmenden Akkorde in den tiefsten Bass-Lagen der linken Hand sind ein unüberbrückbarer Gegensatz zu den klagenden Gesängen in den höchsten Lagen, alles in abrupt verstörendem Wechselspiel. Leonskaja schöpft die ganze Bandbreite der Dynamik in diesem Sonaten aus. Und wenn Akkorde in der Tiefe hämmern, scheint sie der Verzweiflung eines bereits ertaubten Beethoven alle Gewalt geben zu wollen, der des Ohrs beraubt Erschütterungen körperlich zu spüren versucht. So ist das Auseinanderdriften von linker und rechter Hand in die Extreme der Klaviatur deutbar, die den gängigen Klaviersatz sprengen. Und bei aller gewaltigen Gewaltsamkeit bewahrt sie die Ruhe einer großen Meisterin. Wie eine Hohepriesterin arbeitet sie diese Extremwelt aus dem schwarzen Klavierkörper heraus. Und selbst wenn sie die Dämpfer des Haltepedals mit dem sich langsam hebenden Fuss von den Saiten nimmt, gestaltet sie noch den Klang in den Obertönen. Ihr Spiel geht volles Risiko ein. Ohne doppelten Boden dient sie einem Extremausdruck mit der Souveränität einer Meisterin, der alle Mittel zu Gebote stehen. In der Opus 110 wagt sie halsbrecherisches Leggiorspiel, und die Fuge gerät unerbittlich mit Besessenheit, das Ende überraschend zart und kurz! Der Abschiedsgesang, die Arietta aus Opus 111, ist ein herzzerreißendes Bekenntnis – semplice – einfach und doch die Grenzen sprengend. Der Bass begleitet die kleine Melodie so tief, als wollte er lieber in den Abgrund stürzen. Dieser Abend hat verstört und dennoch Musik von ungewohnter Intensität beschert. Dank einer großartigen Künstlerin, die bescheiden den Saal betritt und wieder verlässt. Alles im Dienste der Musik!

s.a. ausführliches Interview mit Elisabeth Leonskaja anlässlich der Verleihung des International Classical Music Award für ihre CD „Paris“ vom Februar 2014

Radu Lupu gibt einen Klavierabend im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck


Seit Jahrzehnten hält der rumänische Weltstar Radu Lupu diesem einmaligen Konzertort zwischen Bonn und Remagen die Treue. Und ist kurz vor seinem Klavierabend zum Ehrenmitglied der Johannes-Wasmuth-Gesellschaft ernannt worden, die ihrem Namensgeber zu Ehren auch dieses Konzert veranstaltet hat.
(Sabine Weber)

(16. Februar, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Wie ein Brahms sitzt er am Flügel. Natürlich nicht so massig, aber fast unbeweglich, leicht zurückgelehnt. Der Klavierhocker ist ein Stuhl mit Lehne. Der Kopf ist in Trance, die Arme sind weit nach vor gestreckt. Und die Finger bewegen sich fast unmerklich durch eigenartige Variationen. Das Andante f-moll Hob XVII:16 von Joseph Haydn ist Melancholie pur. Sphärisch setzt die Themenmelodie mit der hin und her pendelnden Bassbegleitung ein. Für das Andante-Thema hat Haydn auf eine Arie aus seiner Oper L’anima del filosofo zurück gegriffen, „Perduto un’ altra volta“. Noch einmal verloren sein! Todesgedanken. Auch wer das nicht weiß, der oder dem teilen sich Trauergefühle sofort mit. Daran ändern im Verlaufe des Stücks die „Scarlattischen“ Vertracktheiten wie das Übergreifen der Hände auch nichts. Immer wieder chromatische Linien. Und Lupu hält jeden Ton wie beherrscht zurück. Jeder Ton wird würdevoll durchmessen, jedes Detail soll klingen wie es ist. Das Pedal ist über weite Strecken nicht vorhanden. Das hat etwas stoisches aber ist ungemein berückend, weil so wahrhaftig. Lupu setzt nichts auf und dran. Höchstens seine Stimme, die mitsummt, singt und brummt. Versunken im kontrollierten Gefühl, das in der Coda kurz ahnen lässt, wie viel Kraft dieser rumänische Pianist Anfang 70 entfesseln kann. Und immer wieder rauscht ein Zug durch seine Parade. Und erinnert daran, dass dieser Festsaal ein ehemaliger Bahnhofswartesaal ist.
Radu Lupu ist nicht von ungefähr hier zu Gast, in diesem Sonderkonzert anlässlich des 80. Geburtstags von Johannes Wasmuth. Der 1997 verstorbene Visionär Wasmuth hat diesen Bahnhof in den 1960ern mit großen Namen wie Marcel Marceau oder Stefan Askenase wütigen Stadtplanern entrissen, die ihn abreißen lassen wollten. Und hat ihn zu einem einzigartigen Künstlertreff am Rhein gemacht – bis auf den heutigen Tag. Künstler waren zu Gast, die man niemals hier vermutet hätte. Martha Argerich soll sich unter anderem hier auf ihren großen Chopinwettbewerb vorbereitet haben. Radu Lupu und Elisabeth Leonskaja, die den zweiten Sonderkonzertklavierabend zu Ehren Wasmuth am 14. März geben wird, sind ihm lebenslange Freunde gewesen.
Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.

Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.


So ist zu verstehen, dass ein Weltklassekünstler wie Lupu den Weg hier hin ganz selbst verständlich gefunden hat. Sich in diesem immer heißer werdenden Saal an ein hörbar älteres Steinway-Modell setzt und in der C-Dur Fantasie op 17 von Robert Schumann hingebungsvoll Stürme entfesselt, für das ihn dicht umringende Publikum. Diese Fantasie ist ein geniales Frühwerk, das das Tor in die romantischen Ideenwelten eines Schumanns weit öffnet. Einfache Melodien treffen auf verrückte Rasereien. Ständige Aufschwünge, Ausbrüche, ein Schmelztiegel, in denen Chopineske Begleitmustern ebenso wie getragene Beethovenklavierthemen aus langsamen Sätzen fantastisch aufscheinen. Lupu durchpflügt diesen das Gedächtnis in seiner Sprunghaftigkeit strapazierenden Kosmos wie ein weitblickender Souverän mit Blick auf das Ganze. Gewaltig, eckig, bizarr, alles hat er im ruhigen, dennoch mächtigen Griff. Im mittleren Satz schichtet Schumann wie Mussorgksy in den Bildern seiner Ausstellung Akkorde unter das Eröffnungsthema. Lupu liebt es, zu Arpeggieren. Liszt wird auch begrüßt, dem Schumann dieses Werk auch verehrt hat. Zum Schluss geht’s Barcarolenmäßig mit Mondschein auf den Rhein… in ein vielleicht etwas zu lautes Finale. An Schumanns Vortragsweise „durchweg leise zu halten“ mag sich Radu Lupu an diesem Abend nicht halten.
Mit den Jahreszeiten op. 37 von Peter Tschaikowsky füllt Lupu den zweiten Teil. Und gereicht den Miniaturen zu großer Ehre. Es sind einfache, aber wirkungsvolle, den Monaten zu geordnete Poesiestücke. “Im schlichten Volkston” hätte ein Schumann drüber geschrieben. Der Verleger hat den Monaten nachträglich Gedichtzeilen hinzugefügt. Tschaikowsky hat die Charakterstücke aber ohne Programmhintergedanken frei erfunden. Und Lupu spinnt feine Zusammenhänge, zeichnet liebevoll die Linien und bringt diese Stücke ganz uneitel zum Klingen. Traumhaft geht dieser Rolandseck-Abend zuende. Auch der letzte Blick von der mit Kerzen erleuchteten Bahnhofsterrasse über den vernebelten Rhein hinweg in Richtung Siebengebirge gehört dazu…

Richard Strauss-Segen in Dortmund und in Viersen!

Die Dortmunder Oper feiert den 50. Geburtstag ihres Opernhauses mit dem Rosenkavalier. In der Festhalle in Viersen glänzt das WDR Sinfonieorchester Köln mit der Rosenkavaliersuite und Hanna-Elisabeth Müller mit den Vier letzten Liedern.
Von Sabine Weber

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!


(Viersen, Dortmund 11./12. März 2016) Mit 10 Cent gehört er Ihnen! Der grell orangefarbenen Spintschrank. Einmalig in einem Opernhaus… Seit über 32 Jahren verzichtet die Dortmunder Oper auf Garderobieren wie mir die Servicefrau hinter dem Bartresen versichert. Solange bedient sie nämlich hier schon. Ob das von Anfang an so war, konnte ich nicht herausfinden. Aber soviel ist klar: im Montan–geprägten Dortmund gehören Spinte nicht nur in die Zeche, sondern auch ins Opernhaus. Seit 1966 steht es. Die Betonkuppel, die auf drei Punkten balanciert und den Zuschauerraum schildkrötenartig überwölbt. Und der mächtige Querbaukasten dahinter. Das Bühnenhaus mit typischen Nachkriegs-Reliefplatten, wie man sie von Hortenkaufhäusern her kennt.
Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Viel Kunst am Bau gibt es innen: Milchstraßenbeleuchtungen auf goldenen Wandreliefs, Eisentüren vom Kunstschlosser.
Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Joseph Beuys hat sogar einen Skulpturentwurf für den Vorplatz eingereicht. Aber er ist schon in der ersten Runde raus gefallen. Da ärgert sich heute so mancher. Kann doch das Theater im Revier heute mit Yves-Klein-Blau-Bildern protzen. Den damals ebenfalls noch unbekannten Franzosen gewinnt der für Gelsenkirchen arbeitende Architekt Ruhnau als Mitarbeiter. Aber der anstelle von Beuys errichtete Gliederturm über Brunnen von Günter Ferdinand Ris ist auch nicht mehr da. Er hat Wasserschäden in der darunterliegenden Tiefgaragen verursacht. Fott damit! Anekdoten über eine Nachkriegsarchitektur aus der NRW-Opernhaussammlung. Die Entstehungsgeschichte ist derzeit übrigens in einer mit vielen interessanten Bild und Zeitzeugendokumenten versehenen Ausstellung im Opernhausfoyer nach zu verfolgen. Zur Feier von 50 Jahre Dortmunder Opernhaus ist außerdem eine riesige Opernhaustorte ins Foyer gefahren und vom Publikum goutiert worden. Danach gab’s Richard Strauss’ Rosenkavalier. Das Haus hat am 3. März 1966 mit dem Rosenkavalier, Elisabeth Grümmer als Marschallin und Liselotte Hammes als Sophie, seine Nachkriegsgeschichte begonnen. Das 50 Jahre Jubiläums Ensemble, dasselbe, das auch bei der Premiere im letzten Jahr gesungen hat, darf sicherlich auch als Glücksfall bezeichnet werden. Fürstlich und mit warmem Timbre zum Nachdenken einladend Emily Newton als Marschallin. Wie ein „Bub“ zwar aber mit einnehmendem Charme Ileana Mateescu in der Hosenrolle des Octavian, ein bisschen jugendlich schrill Ashley Thouret als mädchenhafte Sophie und ganz wunderbar mit wienerischem Schmäh-Akzent Karl-Heinz Lehner als sexgeiler Lederhosen-Ochs. Die Inszenierung von Intendant Jens-Daniel Herzog mit Milchstraßengeflimmer im Hintergrund in der ersten und der letzten Szene zeichnet sich vor allem durch spielfreudige Personenregie aus. Der Orchesterklang leider a bisserl trocken, wie oft in diesen Nachkriegsopernhäusern – auch wenn die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz beherzt aufspielen. Ganz wunderbar auch die Instrumentalsolisten. Aber es hat im Tutti dann doch ein wenig die nötige Elastizität gefehlt, die es für den Strauss’schen Walzertakt braucht.
Das ist vergessen, wenn Celesta und Harfen die verrückten Silberklänge im Schlussbild nur so regnen lassen.
Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Nach dem Damenterzett schwebt jeder sowieso schon im Himmel.
Und vielleicht haben in meinen Ohren ja noch die Rosenkavaliersuiten-Töne vom WDR Sinfonieorchester Köln vom Abend davor fest gehangen. Die haben soviel intensiver im Ohr geklungen. Das hat sicherlich mit der einmaligen Akustik der Festhalle in Viersen zu tun. 1913 haben sich die Viersener Bürger dieses Festhalle gebaut.
Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Glücklicherweise in Schuhkartonform. Bis auf den heutigen Tag die beste Garantie für ideale akustische Verhältnisse.
Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum

Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum


Das ist mit ein Grund gewesen, warum in der Nachkriegszeit alle großen Orchester in der Festhalle Viersen Station gemacht haben. Die Berliner Philharmoniker sind sogar nach Viersen gereist, um hier aufzunehmen. Die Festhalle ist ja auch eine der wenigen deutschen Opern- und Konzerthäuser gewesen, die im Krieg nicht in Trümmer versunken sind. Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller ist der Star des Abends. Mit ungemein dramatischem Timbre weiß die Anfang 30jährige ihre Stimme dennoch leicht und lyrisch zu führen. Das brauchen diese mit Licht durchfluteten melancholischen Gesänge. Da tut sogar eine leichte Unbeteiligtkeit gut, wenn Tonlinien wie in Trance gestaltet werden. Aber die Stimme darf nie im Orchester versinken. Eine Balance, die in Viersen zwischen Hanna-Elisabeth Müller und dem Orchester geradezu traumhaft gelingt. Das WDR Sinfonieorchester Köln unter Dirigent Eivind Aadland begleitet hinreißend. Der erste Hornist ist eine Wucht, aber auch die anderen Solisten, das ganze Orchester. Auch Mozarts Titus-Ouvertüre ist ein Aufmacher mit Paukenschlag. Oder Mozarts Sinfonie Nummer 29 in A-Dur nach der Pause. Die Streicher sind exakt zusammen. Und kein Kiekser bei den beiden Hörnern! Die Hornpartien sollen extrem heikel sein. Und dann zum Riesen-Nachtisch die Rosenkavaliersuite – ein einziger Gesang – wie Filmmusik zu einer Liebesgeschichte mit Walzern und, ja, diesen einmaligen Silberklängen. So etwas konnte sich nur ein Richard Strauss einfallen lassen. Allerdings fehlen auch in Viersen die allerletzten 5 Prozent an Flexibilität, sodass die Walzer mit Verzögerungen und Accelarandi unangestrengt spielend auch wirklich schwingen können. Die fast 1000 Viersener applaudieren in der ausverkauften Festhalle restlos begeistert. Vielleicht sind die restlichen 5 Prozent im Konzert am nächsten Tag in Duisburg da gewesen?

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

Das Ende ist der Anfang! Accatone von Pier Paolo Pasolini als Musiktheater in der spektakulären Kohlenmischhalle Zeche Lohberg zum Auftakt der Ruhrtriennale 2015

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder



Wie ein riesiges umgedrehtes Boot mit Kiel zu oberst sieht die Halle aus. Geschätzte 300 Meter lang und 30 Meter hoch! Die Besucher ziehen wie Pilger zu ihr. Erst durch die backsteinerne Zentralwerkstatt. Dann über Schotterwege entlang von Bauzäunen, die Schutthaufen absperren. In denen steht ein 70 Meter hohes Fördergerüst wie ein einsamer Gigant. Bis 2005 transportierte der grün schimmernde Eisenturm mit seinen Radwinden die Kumpels in einen 1.200 Meter tiefen Schacht. Im Regen geht es weiter zur schwarzen Halle. Vorne ist sie sie offen. Vor der Öffnung liegt ein umgestürztes Motorrad. Das fällt kaum auf, denn sofort entdeckt man die riesige Tribüne im dunklen Hintergrund. Sitzt man in den ansteigenden Reihen, wird der Blick über die Steinwüste sofort wieder zurück zur Öffnung – in eben 500 Meter Tiefe – wie magisch gezogen. Ins Licht, ins Grün. Das ist Sehnsucht pur in einem spektakulären Blick. Und sie wird übermächtig in dem folgenden zweieinhalb Stunden Musiktheater. Das Licht am Ende des Hallentunnels!
Von Sabine Weber

(Dinslaken, 15.08.2015) Das Ende ist der Anfang! Pier Paolo Pasolini untermalt nicht von ungefähr den Vorspann zu seinen Film Accatone von 1961, der unter dem Titel „Wer nie sein Brot mit Tränen aß!“ nach Deutschland kommt, mit dem Schlusschor aus Bachs Matthäus-Passion. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist eine der Passionen Pasolinis gewesen. Obwohl radikal gesellschaftskritisch angelegt, tauchen in Pasolinis Filmen in den 1960ern auch immer wieder Heilige auf. Sie lösen Passionen aus, wie in Teorema von 1968. Eine messianische Lichtgestalt im Körper eines jungen Mannes lässt eine Industriellen-Familie in Mailand auseinander brechen. In Accatone ist es der Bettler und Schmarotzer Vittorio Cataldi, der in der Peripherie von Rom nach dem richtigen Weg sucht. Statt aus dem Diebes- und Zuhältermilieu heraus zu kommen, verkommt er als Nichtsnutz darin. Die staubige Vorstadtatmosphäre wird in der Halle wie in einem Höllenschlund lebendig. Und wenn sich Accatone, Steven Scharf mit großem Körpereinsatz, wie auch seine Kumpels Pio, Balilla oder der als „Das Gesetz“ betitelte fette Oberkumpel auf dem Boden wälzen, steigt dicker Staubnebel auf. Ob der Vergleich zwischen den arbeitslos gewordenen Kumpels von stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet mit den Verlierern der italienischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit zieht, darf dahingestellt bleiben. Auf den hat es Ruhrtriennalen-Chef und Regisseur Johan Simons schon angelegt. Aber eindrücklich gelingt seine Inszenierung in diesem von ihm auch für seine erste Spielzeit entdeckten Ort. Wie die Gestalten durch die Halle ziehen, Konstellationen bilden, sich Wortgefechte liefern, die beiden Prostituierten im weißen Container rechts immer mal wieder Zuflucht suchen. Wie einzelne zu Erzählern von Episoden werden, während die anderen einfrieren, die Männer in einem zwanghaften Kreistanz sich aneinander reiben oder eine Gewaltszene zwischen Mann und Frau in einem tänzerischen Pas de deux zu einem Ringen zweier Körper wird, erzeugt eine Flut von Bildern und Gefühlen. Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent streuen wohl dosiert und ausgwählt Sätze aus verschiedenen Bachkantaten dazwischen. „Wir zittern und wanken!“ trägt die Sopranistin Dorothee Mields vor, in Gelsenkirchen geboren, wohnhaft in Dinslaken und langjährige Mitstreiterin von Herreweghe. Der Schmerz, über das, was passiert ist, passiert, und noch passieren wird, ist allgegenwärtig. „Warum beklagst du dich, mein Herz“ stimmt der Altus Alex Potter an. Der Bachchoral „Jesu, deine Passion“ oder die Tenorarie „Wie zerfleischt ist meine Hoffnung, sind die Vorbereitung zu „Komm du Tod, oh Schlafes Bruder“, die der Bassist Peter Kooij in seiner Arie mit Oboensolo „Ich habe genug!“ endgültig abrundet. Der Einleitungschor aus Bachs Actus Tragicus wird als Klavierversion eingespielt. Die Musiker sitzen auf einem kleinen in den Boden eingesenkten Podium links von der Tribüne aus. Großartig haben die Soundtechniker das Problem der Hallenakustik mit Abnehmern und Verstärkung bei den Solisten und Instrumentalisten gelöst. Es klingt transparent und dennoch voll, als säße man in einem perfekten und nicht zu groß dimensionierten Konzertraum. Im Gegensatz zu Pasolinis Neigung, Bach in pathetischen romantisch aufgepumpten Einspielungen zu verwenden, die gern an Karl Richter-Interpretationen erinnern, setzt Herreweghe in seiner Interpretation auf schwingende Klarheit in den Lamenti! Herreweghe hat mit seinen Bachinterpretationen ja auch Geschichte geschrieben. Vor allem in Frankreich, wo er vor etlichen Jahrzehnten der Bachpflege mit seinen historisch informierten Aufführungen zu neuer Bedeutung verholfen hat. Die Schauspieler in ihren langen Spielpassagen deklamieren großartig textverständlich. Der niederländische Akzent einiger ist charmant. Für das internationale Publikum gibt es auf zwei Anzeigen englische Übertitel. Am Schluss klettert Vittorio oder Accatù, wie er im Dialekt gerufen wird, noch einmal aus dem Loch vorne vor der Bühne und verschwindet dennoch aus dem Leben, hinaus zur Halle und zum Licht. Glocken haben schon geläutet. Zum Schluss flattert das Geräusch auffliegender Tauben durch die Halle. Die Seele findet ihren Frieden. Irgendwo.

Auf dem Davos Festival „Young artists in concert“ geht’s rund!

Bei der Festivaleröffnung umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto. Yannick Andrea

Bei der Festivaleröffnung in Davos umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto: Yannick Andrea


Davos ist ein Wintersportort. In der Wintersaison lädt auch das World Economic Forum immer zum Wirtschaftsgipfel ein. Der legendäre Davoser Kur-Sommer ist längst keine Hochsaison mehr. Auch wenn ihn Thomas Mann in seinem Zauberberg literarisch verewigt hat. Vielleicht ist deshalb das Davos Festival „Young artists in concert“ über Musikerkreise hinaus kaum bekannt. Es findet im Juli oder August statt. Seit rund 30 Jahren verfolgt das Kammermusikfestival ein ehrenwertes Ziel. Jungen talentierten Musikern nach dem Studium beim Sprung in die Karriere zu helfen. Zwei Wochen lang bietet das Davos Festival gegen Reisespesen, Kost und Loigs ein Forum der Begegnung und Konzertmöglichkeiten vor spektakulärer Bergkulisse. Gecoacht werden die jungen Musiker von dazu geladenen Profimusikern oder Profi-Ensembles. Dieses Jahr ist das deutsche Amaryllis Quartett angereist. Auch einen composer in residence leistet sich das Festival. Marc-André Dalbavie aus Frankreich ist angereist, um mit den jungen Musikern seine jüngsten Kammermusikwerke einzustudieren. Seit letzter Saison ist Reto Bieri Intendant des Davos Festival. Und der Klarinettist aus dem Kanton Zug hat sich vorgenommen, hier einiges zu bewegen. Das bisher eher elitär wahrgenommene Festival will er öffnen, in Davos und international wahrnehmbar machen.
Von Sabine Weber

(Davos, 31.07.- 04.08.2015) Das ist natürlich Luxus pur! 70 engagierte junge Musiker aus 20 Nationen brennen darauf, aufzutreten. Sänger, Choristen, Bläser, Streicher, Pianisten und drei junge Ensembles sind angereist. Da schöpft Intendant Reto Bieri aus dem Vollen. Die Ensembles mischt er in den 24 offiziellen Programmkonzerten immer neu auf. Da geht’s rund gleich im Eröffnungskonzert: György Kurtags kreisende Glissandi aus seinem Klavierzyklus Játékok stimmen ein auf den großen naturmystischen Wasserkreislauf, den Schubert mit seinem Gesang der Geister über den Wassern mit Männeroktett und tiefen Streichern beschwört. Auf Marc-André Dalbavies Vexierspiel mit Ganztonleitern und Akzentgesten in seinem Klaviertrio folgt Sprachpoesie in Mundart. Der Berner Volksliedsänger Manni Matter lässt „Dene, wos guet geit“ um die „wos weniger guet geit“ kreisen. Worauf Steve Reichs Different Trains, Part III für Streichquartett und Zuspielband Fahrt aufnimmt mit minimalistisch wiederholten patterns. Dieser Art kreisen die Konzertideen von Reto Bieri. „Wiederholungen sind ein musikalische Ausdruck für das Kreisen!“, so Bieri. Das diesjährige Thema Kreisverkehr ist mit einem musikalischen Phänomen verknüpft. Und das Kreisen hat auch noch mit dem Leben zu tun. Solche Koinzidentien liebt Bieri. Da lässt sich Kunst mit Leben verbinden. Wobei „Kunst dem Leben dienen muss, nicht umgekehrt!“ fordert Bieri. „Hörexperiment“ bezeichnet Marc-André Dalbavie solche Konzertdramaturgien. Da könne man das Hören entdecken! Der französische Komoponist experimentiert in seinen Kammermusikwerken mit der transformation permanente – einer Musik im ständigen Übergang. Dabei sucht er das Konsonante oder Schwingende im permanenten Changieren von Klangfarben und Klanggesten. In seinem Werk Palimpseste für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier von 2002 ist sogar eine musikalische Vorlage transformiert. Das Madrigal Beltà, poi che t’assenti aus Carlo Gesualdos 2. Madrigalbuch stellen die Davos Festival Choristen auch vor. Da sind die Akkordfolgen des Recycelten Madrigals am Ende von Dalbavies Komposition als ursrprüngliche Schmerzensrufe auszumachen. Dalbavie schmunzelt auf die Bedeutung von Recycling in seinem Werk angesprochen. „Das sei ein Recycling wie beim Haus- und Industriemüll!“ Dalbavie hat nicht wie Boulez Tabula rasa mit der Vergangenheit gemacht. Er versorgt sich mit sogenannten „ready-made“ Objekten aus der Vergangenheit. Ohne stilistisch wie Gesualdo – in diesem Fall – zu komponieren. Besonders freut sich Dalbavie, dass er seine Werke mit den jungen Leuten auch einstudieren kann. „Seine Musik funktioniere wie energetische Felder. Und die Jugend hat Energie im Überangebot.“ Für Intendant Bieri schließt sich mit Dalbavie ein weiterer Kreislauf: „Bei Dalbavie sieht man, wie viel Altes im Neuen steckt, und wenn man Gesualdo hört wie viel Neues im Alten.“ Dieser Art funktionieren und zünden Bieris abgezirkelte Programmideen. Neue Musik – Alte Musik, Klassik und Volksmusik bilden für ihn keine Gegensätze. Ein Ensemble steht programmatisch auch dafür. Federspiel aus Wien. Die sieben klassisch ausgebildeten Blechbläser mischen mit volksmusikalisch aufgerauten eigenen Kompositionen und witzigen Arrangements das Festival in der Graubündener Edelstadt auf. Da dürfen auch Jodler sein. Zur Festivalsphilosophie gehört, dass sich die Musiker immer neu mischen und auch die im Ensemble angereisten Musiker sich aufteilen. So verhilft Trompeter Simon Zöchbauer vom Ensemble Federspiel mit weiteren 4 Musikern einem Werk der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja zur Aufführung. Und der Primarius vom Amaryllis Quartett Gustav Frielinghaus unterstützt als Geiger die Aufführung von Dalbavies Palimpseste. „Das ist auch nicht einfach mal so zusammengesetzt!“, so Frielinghaus. Der albanische Geiger Ilias Kadeshi und die britische Cellistin Vashti Hunter scheinen sich hier in Davos gefunden zu haben. Mit dem Schweizer Pianisten Gilles Grimaître überzeugen sie in Dalbavies Klaviertrio, und zusammen mit dem finnischen Pianisten Jonaas Ahonen brillieren sie in Brahms Trio in h-moll. Da knistert es im nüchternen aber akustisch hervorragenden Bankett- und Vortragssaal des Schweizerhofs. Dieses Hotel ist im Sommer eigentlich geschlossen und öffnet seine Tore nur für das Festival. Auch andere Hoteliers unterstützen das Festival mit Unterkünften für die Musiker. Und Reto Bieri steht inzwischen mit ihnen in Verhandlungen, um Wochenpauschalen für Festivaltouristen auszuhandeln. Bisher rekrutieren sich die meisten Besucher aus Davos. Hier überproportional aus den rund 6000 Zweitwohnungsbesitzer. „Viele Visonäre gibt es in Davos“, schwärmt Bieri. Aber auch die „Bergler“ will er einnorden. Alle sollen sich zukünftig vom Davos Festival angesprochen fühlen. Daher rücken die Musiker auch an ungewöhnliche Orte aus. Sie spielen im Bahnhof, in Kaffeehäusern und in Möbelhäusern auf. Treten in Kapellen und Kirchen auf, auch einmal in Davos-Klosters. Einmal locken sie das Publikum auch auf Alpwanderung. Es geht los mit einem Konzert auf der historischen Schatzalp, die einst Thomas Mann inspiriert hat, und endet mit einem Konzert in der Kapelle Frauenkirch. Dazwischen Naturlaut von Kuhglocke oder Wasserquell und eine Sause auf der Stafelalp.

Künstlerfreundschaften – Völkerverständigung. 10 Jahre Rolandseck-Festival

Das neugegründete Arp-Quartett! Foto: Sabine Weber

Das neugegründete Arp-Quartett! Foto: Sabine Weber

Bei dem einwöchiges Kammermusik-Festival im Arp Museum Bahnhof Rolandseck bei Remagen ist seit 10 Jahren etwas zu erleben, das über das Phänomen Klaviertrio, Streichquartett und Orchesterwerke in Kammermusikbearbeitung hinaus weist. 1982 wurde die erste Festivalsauflage gestartet, die hauptsächlich ein Ziel verfolgt hat: Junge Israeli nach Deutschland zu bringen, hier zu unterrichten und mit Deutschland vertraut zu machen. Der Bonner Johannes Wasmuth und der Konzertmeister vom Israel Philharmonic Orchestra, Chaim Taub aus Tel Aviv, entwickelten sich zu kongenialen Kulturpartnern am Mittelrhein. Der Geiger Guy Braunstein war einer der ersten Jugendlichen, der damals kam. Heute lebt er in Deutschland. Vor 10 Jahren hat er das Festival neugegründe. Am 2. Juli hat es begonnen.
Von Sabine Weber

(Rolandseck, 03.07.2015) Brahms schmerzt! Die Emotionen in dem Klavierquartett g-moll kochen über! Die erste Violine, gespielt von Rosanne Philippens, ist im Ton zwar etwas dünn. Doch sie liefert nötige Impulse und steuert das Ensemble Punktgenau auf die Höhepunkte zu. Neben ihr Amihai Grosz. Aus seiner Gaspare de Salo – Wunderbratsche lockt er Klänge hervor, die man nicht für möglich hält. Und nimmt sich sofort wieder zurück. Ein Meister der Ökonomie, der, fast möchte man sagen arrogant über allen Schwierigkeiten schwebt! Zvi Plesser verschwindet hinter seinem Violoncello. Aufgelöst in der Perfektion seines Spiel, nimmt man ihn kaum wahr. Und obwohl Ohad Ben-Ari aus dem Klavier donnert. Die Mitspieler werden nicht ertränkt, wie das sooft in der Klavierbetonten Kammermusik von Brahms zu erleben ist. Eine schweißtreibende Intensität hat dieses Zusammenspiel auch für die Zuhörer. Wie gut, dass das Konzert, bei den satten 38 Grad Celsius draußen, aus dem Bahnhofsfestsaal von Rolandseck in den klimatisierten Hauptsaal des modernen Arp-Museumsbau dahinter verlegt wurde. Und Bernhard Schultzes Farbklecks-Schreie auf dem Riesenbild hinter dem Podium sind irgendwie noch ein optisches Pendant zu dem musikalischen Drama, das im letzten Rondo alla Zingarese immer kurz vor der Explosion steht. Was für ein Höhepunkt in diesem zweiten Konzert vom Rolandseck-Festival! Und in der schlicht-weiß gehaltenen symmetrischen Raumarchitektur des USamerikanischen Architekten Richard Meier.
Der künstlerische Leiter Guy Braunstein hat in dieser 10. Festivalsausgabe wieder einmal exzellente Musiker um sich geschart. Vor der Pause haben sie sich zu einem Salonorchester mit Flöte, Horn und Klarinette formiert. Spaß darf sein. Ein charmantes Begleitorchester für die junge deutsche Sopranistin Lavinia Dames, die aus dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein, aus Düssseldorf rheinauf gereist ist. Mit großer Spiellust und bemerkenswert sicheren Spitzentönen und Koloraturen gibt sie die kapriziöse Norina aus Donizettis Don Pasquale, rührt mit der Schmacht-Arie der Musetta aus Puccinis La Bohème oder O mio Babbino Caro aus Gianni Schicchi. Selig lächelnd zupft Kontrabassist Matthias Botzek den Walzerrhythmus zu Je veux vivre aus Gounods Romeo und Julia. Begonnen hat das Konzert mit dem Jagdquartett von Wolfgang Amadeus Mozart. Streichquartette sind in dieser 10. Jubiläumsausgabe des Rolandseck-Festivals ein besonderer Leitfaden. Fünf Streichquartette, je eins von Haydn, Mozart, Brahms, Beethoven und Schubert, sind auf fünf Konzerte verteilt. Mit diesen Stücken präsentiert sich nämlich ein neues Label, das neugegründete Arp-Quartett. Guy Braunstein, ehemals einer der Konzertmeister von den Berliner Philharmonikern, hat große Pläne. Zusammen mit seinem israelischen Kollegen Zvi Plesser, Rosanne Philippens, zweite Violine, und Yulia Deyneka, Viola, will er die Festivalsidee zukünftig auch zu anderen Orten reisen lassen. Ende Juli beispielsweise zu dem Upper Galilee Voice of Music Festival. Da debütiert das Arp-Quartett mit Schuberts Der Tod und das Mädchen im Kibbutz Kfar Blum. Im gewissen Sinne vollendet sich dann ein Kreis, der vor 33 Jahren von Israel aus in exakt entgegen gesetzter Richtung begonnen wurde.
Das Rolandseck-Festival geht nämlich auf eine 1982 gestartet Festivalstradition zurück, die junge Israeli zu Meisterkursen nach Deutschland gebracht hat, und mit Deutschland vertraut gemacht hat. Der Bonner Johannes Wasmuth und der Konzertmeister vom Israel Philharmonic Orchestra, Chaim Taub aus Tel Aviv, entwickelten sich zu kongenialen Kulturpartnern am Mittelrhein. Ein genialer Deal: Chaim Taub rekrutiert israelische Musikstudenten für die Sommerkurse, organisiert Dozenten, sowie Musiker und Ensembles für die Konzerte. Der Schaufensterdekorateur, Galerist und Kunstsammler Johannes Wasmuth stellt den von ihm bewohnten und belebten Künstlerbahnhof Rolandseck zur Verfügung und sichert die finanzielle Basis. Guy Braunstein ist einer der ersten Jugendlichen, der kommt. Und er kommt immer wieder, wie auch Zvi Plesser oder Amihai Grosz, inzwischen Solobratscher bei den Berliner Philharmonikern, oder der Klarinettist Chen Halevi oder der Hornist Chezy Nir. Durch den Tod von Johannes Wasmuth 1997 wird das Festival unterbrochen. 2005 lässt Guy Braunstein es wieder aufleben. Er hat die Liebe zu Deutschland entdeckt. Hat hier sogar Karriere gemacht. Aber das Rennomee-Orchester in Berlin hat er längst verlassen, um Solist aber vor allem Kammermusiker zu sein. Einmal im Jahr exklusiv für das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Sein langjähriger Mentor Chaim Taub mit schlohweißem Haar ist dieses Jahr auch wieder angereist. Im August wird er sein 90. Lebensjahr vollendenden. Gehbehindert hat er sich das nicht nehmen lassen. Und er unterrichtet auch wieder. Wenn auch in abgespeckter Form. Damals brachte er an die 20 Studenten mit. In diesem Jahr unterrichtet er einen jungen Geiger aus Bonn und ein Klarinettentrio. Natürlich sitzt er auch in den Konzerten. Der Kern der alljährlich anreisenden Musiker besteht immer noch aus seinen ehemaligen Studenten. Aber der Kreis hat sich geöffnet: die Frankfurter Cellistin Katharina Deserno und die Geigerin Rosanne Philippens aus Amsterdam präsentieren im Eröffnungskonzert das vor spanischem Flair nur so sprühende zweite Trio von Joaquin Turina. Die New Yorker Star-Cellistin Alisia Weilerstein ist unter anderem im Abschlusskonzert nächsten Mittwoch in einer Bearbeitung der Rosenkavalier-Suite für Kammerensemble zu erleben. Und neben dem Festivalspianisten Ohad Ben-Ari, seit 2012 künstlerischer Leiter zusammen mit Guy Braunstein, sitzt ab Sonntag auch der koreanische Pianist Sunwook Kim am Klavier, der erste asiatische Gewinner des Klavierwettbewerbs in Leeds. Auch einige Änderungen stehen ins Haus. Um die zu stemmen hat sich 2013 die Johannes-Wasmuth-Gesellschaft gegründet. Den Fortbestand der vom Namenspatron initiierten Ideen besiegelt ein Kooperationsvertrag mit dem Museum auf fünf Jahre. Die Änderungen: Weil der ehemalige Künstlerbahnhof inzwischen in den Händen der Museumsgastronomie ist, braucht das Festival ein neues Domizil und hat es gefunden. Keine 100 Meter Luftlinie zum Rhein hin. Da steht ein altes Hotel, das die gleiche Architektur hat wie der Bahnhof. Seit dem Krieg steht es leer. Es ist zwar renovierungsbeürftig. Aber hier soll der neue Künstlerort etabliert werden, der wie seinerzeit ein Anlaufpunkt für die Musiker sein soll. So Thorsten Schreiber, Promotor und künstlerischer Leiter der Gesellschaft. Seit letztem Jahr ist es angemietet. Und auf der Wiese tummelt sich bereits die übernächste Generation. Die Musiker haben ihre Kinder mitgebracht. Auch das Künstlerfamilienleben geht weiter!

http://www.arpmuseum.org/html/programm/fr_konzerte.html

www.wasmuthgesellschaft.de

Das 5. Kölner Achtbrückenfestival für Neue Musik öffnet seine Tore mit einem fulminant aufspielenden New York Philharmonic!

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonic begeistert in der Kölner Philharmonie

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonics begeistert in der Kölner Philharmonie. Foto: Chris Lee


Musik. Politik? Lautet das Motto in diesem Jahr. Musik kann bewusst oder unbewusst ins Fahrwasser einer politischen Aussage rücken. Komponisten nehmen eine politische Haltung ein. So der niederländische Komponist Louis Andriessen in den 1970ern. Ihm ist eine kleine Werkschau gewidmet. Mit 23 Uraufführungen, darunter eine Serie von 11 Hymnen für ein nicht existierendes Land wird aber auch aktuell zu Stellungnahmen aufgefordert!
Von Sabine Weber

(Köln, 4. Mai) Köln ist im Aufruhr. Achtbrücken läuft rund um die Uhr. In der Traumnacht vom 2. auf den 3. Mai sind im Foyer der Kölner Philharmonie und der Kölner Musikhochschule Utopieentwürfe zu musikalisch artikulierten besseren Welten 24 Stunden lang gefragt gewesen. Über die Kölner Philharmonie hinaus lockt das Festival bis zum 10. Mai an verschiedene Orte. In die Industriebrache im Kalker Depot, wo derzeit das Schauspiel seine Interimsstätte unterhält. Das Kölner Rathaus wird erobert. Neue Musik, die nach neuen Formaten sucht und experimentiert, sucht ihre eigenen Szenarien. Und findet sie in Köln! Im On@Acht Brücken Vorprogramm in der Hochschule für Medien, der Trinitatiskirche und der Kunststation Sankt Peter. Es gibt junge Ensembles zu entdecken. Manche punkten zwar mehr mit ihrem Namen und elektronisch aufgemucktem Equipment als mit ihrer Darbietung. Andere wie das Ensemble BruCH, ein Flötentrio plus Stimme, überrascht mit einem exquisit ausgefeilten Programm. Hans Zenders Naturmediation Muji no Kyō zu kalligraphisch projizierten Bilder vermittelt Sängerin Maria Heeschen in Haiku-artig reduzierten Einwürfen von der Empore der Trinitatiskirche aus. Die Flötistin bläst von der Kanzel. In Helmut Lachenmanns temA wird erlebbar, was Stimme und Instrumente am Klangansatz vermögen. Und die erste Hymnenuraufführung von Julien Jamet zu einem ziemlich verkopften Text von Jacques Roubab spielt mit leisen Echoeffekten im Kirchenraum.
Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche

Matthias Muche experimentiert mit Plexiglasschalltrichtern. Foto: Matthias Muche


Kräftige Live-Elektronik gibt es anschließend in der Kunststation Sankt Peter, wo das Publikum um eine Installation von riesigen Erdwürfeln sitzt. Posaunist Matthias Muche, Improvisationskünstler Simon Rummel mit Sven Hahne am Laptop und Dominik Sustek an der Orgel inszenieren Vinko Globokars Ensembleimprovisation Individuunm – Continuum. Der Einsatz von optischen Plexiglas-Schalltrichter, an die sich Blechbläser „anschlauchen“, fällt in der Uraufführung von Matthias Muches Beller allerdings eher optisch auf. Was politische Musik sein kann machen an diesem Vorabend Werke des Altmeisters Luigi Nono deutlich. Für die Live-Elektronik und die Tonbänder zu Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz von 1966 oder das unerträgliche Arbeitsbedingungen anprangernde La fabbrica illuminata von 1964, ist eigens das Experimentalstudio des SWR angereist.
Der offizielle Auftakt in der Philharmonie am 1. Mai gehört dem New York Philharmonic. Das Achtbrückenfestival ist ja 2011 aus der MusikTriennale Köln hervorgegangen, das große Orchester in den heimischen Konzertsaal gelockt hat. Das New York Philharmonic zählt zu den Big Five. Chefdirigent Alan Gilbert ist ein Zögling des Orchesters, denn beide Eltern spielten mit. Und unter seiner Leitung versteht sich das Orchester auch ganz vorzüglich auf Neue Musik. Wie orchestrale Wucht sich nahtlos in ein Solo verflüchtigen kann, führen die New Yorker in dem schwelgerischen Eröffnungsstück mit sechs Hörnern von Esa-Pekka Salonen vor. Nyx aus dem Jahr 2011 handelt von einer Nachtgöttin. Und da geben sich nicht nur Celesta und Harfe ein perfektes Stelldichein. Selten hat man so einen weich zeichnenden Klarinettisten gehört, wie an diesem Abend. Dann bringen die New Yorker den Kölnern mit der Konzersuite zu Der wunderbare Mandarin ein altes Skandalstück mit grandios umgesetzter Bartok’sche Wucht in Erinnerung. Großartig wieder die Soli der Holzbläser, allen voran des Klarinettisten und auch der jaulenden Posaunen und Tuba. Die Uraufführung von Peter Eötvös’ Senza Sangue für zwei Sänger und Orchester nach der Pause könnte man als Geschenk des Orchesters an das Festival bezeichnen. Die Initialzündung zu dieser Uraufführung hat in New York stattgefunden, wie Eötvös in einem Artikel im Programmbuch berichtet. Der in einer New York–Köln-Kooperation gestemmte Operneinakter nach einer Novelle von Alessandro Baricco ist ein sich um Rache drehender Psychokrimi! Anne Sofie von Otter und der kanadische Bariton Russell Braun begegnen sich als Opfer und Täter. Zunächst in einer banalen Szene. Dann tauchen sie in die Vergangenheit ab. Sie entlarven sich freiwillig-unfreiwillig in ein politisches Verbrechen verstrickt, wobei sich das traumatisierte Opfer zu einer akut gefährlichen Rächerin verwandelt. Es bleibt aber offen, ob sich das ehemalige Opfer auch an diesem letzten Schuldigen rächt oder dem Stockholmsyndrom folgend mit dem einstigen Täter vereint … Eötvös begleitet den rein dialogisch vermittelten “Psychotripp” in eine traumatisierende Vergangenheit mit einer teilweise an Eötvös’ Landsmann Bartok erinnernden Musik. Eötvös hat diesen Einakter ja auch als abendfüllendes Ergänzungsstück zu Bartoks Einakter Herzog Blaubarts Burg komponiert – ebenfalls ein Psychostück mit sich enthüllenden grauenvollen Geheimnissen zwischen Mann und Frau. Eötvös’ Musik hat von Anfang an etwas psychophobes und infiltriert das Unbehagen ins Unterbewusstsein, wobei sie fast filmmusikalisch die Spannung bis zum letzten Moment hält. Manches Mal vielleicht etwas zu lautstark für die Mezzosopranistin. Die Inszenierung hat man jedenfalls nicht vermisst! Großen Applaus gab es für die Solisten und das Orchester. Und für den auf die Bühne tretenden Komponisten, der ja lange Zeit in Köln gewirkt hat, als die Neue Musik hier besondere Bahnen gebrochen hat!

Atemberaubendes Pianissimo und großartige Spannungsbögen!

Die Wiener Symphoniker

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses Foto Lukas Beck

hier aufgenommen im großen Saal des Wiener Konzerthauses, Foto: Lukas Beck

starten unter ihrem neuen Chefdirigenten Philippe Jordan in ihre erste gemeinsame Tournee mit Franz Schuberts Unvollendeter, Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier und Trompete und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7
Von Sabine Weber

Der neue Musikdirektor Foto: Johannes Ifkovits

Der neue Musikdirektor, Foto: Johannes Ifkovits

(Kölner Philharmonie, 24.11.2014) Auf der Domplatte über der Kölner Philharmonie lockt der gerade eröffnete Weihnachtsmarkt. An diesem Montagabend strömt davon unbeirrt das Kölner Publikum in sein Konzert. Warum er dieses Konzert ausgewählt hat, kann mir mein lächelnder Nachbar in Anzug, Krawatte mit Gattin unmittelbar vor Konzertbeginn allerdings nicht erklären. Spannende Programme, klingende Orchesternamen und namhafte Dirigenten werden in der Kölner Philharmonie wohl einfach vorausgesetzt! Wobei Franz Schuberts Unvollendete und Ludwig van Beethovens Siebte hier in diesem Jahr bereits gelaufen sind. Auch Schostakowitschs kurioses Konzert für Klavier mit Trompetenbegleitung in der tragischsten aller Tonarten c-moll. Das Auditorium füllende Publikum wird an diesem Abend dennoch überrascht. Schon der Anfang: das Mysterium der tiefen Celli und Kontrabässe am Anfang der Unvollendeten setzt wie aus dem Nichts ein. Zur ersten Oboen-Klarinettenmelodie macht die Streicherbegleitung ein kleines Crescendo in nur einem Takt. Gleich wieder zurückgenommen wird das programmatische Spannungsverhältnis von Drängen und Verhalten in dieser Sinfonie in nur wenigen Sekunden verdeutlicht. Das zweite Thema in den Celli kommt nicht naiv fröhlich, sondern so delikat, dass die Holzbläserrepetitionen dazu fast zu laut erscheinen. Auch hier hat Schubert, wie beim ersten Thema, ein Pianissimo gefordert. Es wird ernst genommen. Jede Kantilene singt, spannt Bögen. Übergänge, selbst mit Registerwechsel, kommen bruchlos. Aber Brüche mit doppeltem Fortissimo Sforzato-Akzent kommen schroff. So, wie auch Rhythmisierungen auf den Punkt scharf sind. „Das ist gut, …sehr gut!“ zischt der Nachbar auf der anderen Seite ohne Lippen- und Kopfbewegung. Und schaut mit seinen Hängebacken weiter stur nach vorn, so, als würde er gleich am liebsten jemanden beißen. Aber er hört zu, bis zur letzten Sekunde gebannt, wie alle hier. Beeindruckend heute sind die Momente des „noch nie so gehört“! Das Klarinettensolo im zweiten Satz etwa, einfach zum Dahinschmelzen! Oder eine Fagottkantilene, ebenfalls im zweiten, die vorher noch nie aufgefallen ist. Mit seinen Händen massiert Philippe Jordan den Klang aus seinen Musikern und skulptiert ihn transparant in der Vertikalen, fließend in der Horizontalen. Und so schwungvoll der Dirigent aufs Podium springt, so wohltuend gemäßigt weiß er das Tempo auch zurück zuhalten. Bei Schubert noch ohne Taktstock. Für das witzig-spritzige Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch dann ist der Stock nötig, um das Orchester immer wieder in das über jegliche Tempovorstellungen frei verfügende Klavierspiel von Khatia Buniatishvili hinein zu führen. Die georgische Pianistin kann aberwitzig loslegen, bringt aber auch tiefe Empfindung, Nachdenlichkeit und Abgründigkeit ein. Charmant lockern die Orchesterviolinen immer mal wieder mit einem neckisches Saitenglissando auf. Dramatisch gelingt das Mahlerische Ersterben vor dem letzten grotesken Einsatz der Trompete im Finale, begleitet von auf die Saiten trommelnden Streicherbögen. Rainer Küblböck, Solotrompeter bei den Wienern, füllt diesen Part mit mehreren Dämpfern zur Hand auf den Punkt aus. Mit Final-Bravour in einer Parodie über Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ spielt Buniatishvili ihre Virtuosität aus! Kein Wunder, dass das euphorisierte Publikum von der Pianistin eine Zugabe verlangt. Mit einem Menuett von Georg Friedrich Händel spielt sie dann wieder ihre emotionalen Qualitäten aus. Was bei Schostakowitsch wie geordnetes Durcheinander klingt, weicht bei Beethoven, wie schon bei Schubert, dem Mut zum Ausspielen. Zum Hörbarmachen. Der Liebe zum Detail. Und immer noch ein Strudel mehr quirlt auf im Scherzo und im Finalsatz, wo Jordan zeigt, dass er und die Wiener auch ans Tempolimit gehen, wenn sie wollen. Was am meisten fasziniert bei den Wiener Philharmonikern mit den “Wiener” Hörnern neben den Kontrabässen hinten rechts, den Trompeten hinten links bei den Pauken und den Celli inmitten der Streicher, ist ihr plastisch durchhörbarer Klang, ihr atemberaubendes Pianissimo, und der absolute Wille, Musik zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Chef funktioniert diesbezüglich ohrenkundig. Jordan ist wohl auch der erste vom Orchesterkollektiv gewählte Chef. Nomen est omen. Sein Vater Armin, 2006 sozusagen im Orchestergraben verstorben, gilt ja als der bedeutendste Schweizer Dirigent nach Ernest Ansermet. Der in Zürich geborene Sohn ist in Frankreich längst oben angekommen, ganz oben, als Musikdirektor der Opéra national de Paris. Gestartet in diese Karriere ist er übrigens von Deutschland aus als Korrepetitor und Kapellmeister am Ulmer Theater. Dass er jetzt auch einem Konzertorchester verpflichtet ist, das jenseits des stets mit Unwägbarkeiten und Kompromissen behafteten Opernbetriebs sich nur der Verwirklichung der Partiur widmet, wird ihm helfen, auch jenseits der Opernhäuser und in Deutschland seinen Ruf zu festigen. Jedenfalls mit Konzerten wie diesem!

Angrittstournee Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan: 24.11. Kölner Philharmonie; 25.11. Luxemburger Philharmonie; 26.11. Brüssel Palais Beaux-Arts; 28.11. Paris Salle Pleyel, Konzertbeginn jeweils 20 Uhr. Die Konzerte in Luxemburg und Brüssel mit anderem Repertoire, siehe dazu: http://www.wienersymphoniker.at/aktuell/newsid/104