Kategorie-Archiv: Künstlerportraits

Nie mehr Kundry! Auf den Berliner Festtagen verabschiedet sich Waltraud Meier von ihrer Lebensrolle

von Sabine Weber

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli

Die Gralsritter am Boden und ein fassungsloser Parsifal im Kapuzenpulli © Ruth Walz


(Berliner Staatsoper im Schiller Theater, 25.3.2016) Mit Weihe und Karfreitagsallüre empfiehlt sich Richard Wagners Parsifal ja als die Karfreitags-Oper. Entschuldigung: Bühnenweihfestspiel! Seit dem Fall des Bayreuther Verbots, den Parsifal nicht anderweitig aufführen zu dürfen – das war 1914 – folgen auf Wagner setzende Opernhäuser dieser Empfehlung weidlich. Auf den diesjährigen Berliner Festtagen läuten die Karfreitagsglocken wieder heftig. Es tönt unter Maestro Barenboim auch äußerst weihevoll aus Graben. Das Publikum wird mit den ersten fragend, klagend, schmerzhaft geformten Unisono-Gesten der Partitur sofort auf sich selbst zurück geworfen, den tieferen Sinn von Mitleid, Wissen und „Zeit wird hier zu Raum“ in sich zu erforschen. Wenn der Vorhang andernorts beim Vorspiel hoch geht, damit pantomimisches Spiel Deutungshoheit bekommt, wird in Berlin der Vorhang erst mal wieder geschlossen. Wissen im demütig verinnerlichten Hörvollzug! Eine romanische Krypta als konspirativer Treff der Gralsritter von Regisseur Dmitri Tcherniakov gestaltet, die sieht man ja auch noch lang genug in den folgenden Akten. Auch die wirre Rasputin-Gefolgschaft oder sind es die Bauern aus Die Brüder Karamasow? Sicherlich hat der ein oder andere sowieso die Premiere dieser Parsifal-Inszenierung bereits auf den letzten Berliner Festtagen im vergangenen Jahr erlebt, mit fast identischer Besetzung. Fast. Denn an diesem Karfreitag singt Waltraud Meier die Kundry. Die große Wagnersängerin Waltraud Meier!
Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Wagnersängerin Waltraud Meier singt zum letzten Mal die Kundry in Berlin

Eine schöne Frau mit Schmerz und Aussage im Gesicht, mit betörenden Weichheit und Wucht in der Stimme. Die lange Pause nach ihrem erschütternden Geständnis, dass sie den Gekreuzigten verlacht hat, prägt sich als einer der prägendsten Momente an diesem Abend überhaupt ein. Wie sie diese Rolle als 60jährige souverän im Griff hat! Es ist ihre Lebensrolle. Mit dieser Partie ist die Mezzosopranistin aus Würzburg 1983 in ihre Weltkarriere von Bayreuth aus gestartet. 1993 wechselt sie zur Isolde in der Bayreuther Heiner Müller Inszenierung. Daniel Barenboim steht im Graben! Mit ihm als Dirigenten verbindet sie eine lange fruchtbare Zusammenarbeit. Wie sie ihm vertraut, sich von ihm mitreißen und tragen lässt, ist an diesem Abend offenkundig. Das ist ein glänzender Abschied von der Rolle einer geschundenen Frau. Geächtet, büßend, instrumentalisiert, verführerisch. Und nach Erlösung schmachtend. In Tcherniakovs Inszenierung steht im dritten Akt ihre Wiederbegegnung mit Parsifal im Zentrum und unausgesprochene – vergeistigte? – Liebe im Mittelpunkt. Der Hüne René Pape, als Gurnemanz zu einem Harry Rowohlt veraltet, steht mit all seinen Erklärungen hilflos im Hintergrund, hinter dem sich liebend anblickenden Paar, auf das sich alle Augen richten. Andreas Schager als Parsifal hat seinen Pumuckellook mit Kapuzenpulli über Shorts auch endlich abgelegt. Die Kostümierung als jugendlich Torenhafter Draufgänger ist ja sinnreich. Aber irgendwie widerspricht der Anblick doch dem, was seine gewaltige Stimme die ganze Zeit zu bieten hat. Ein rundes Volumen, das die Staatskapelle mühelos übertönt, dabei aber immer Klangrundheit behält. Sonor gestalteten Kantilenen in der Mittellage und auch noch tragend im piano. Kundry und Parsifal, ein Jahrhundertliebespaar! Zum ersten und zum letzten Mal an diesen Berliner Festtagen. Aber der Senkrechtstarter Andreas Schager hat sich für die internationale Wagnerbühne einmal mehr empfohlen. Und ist bereits für den Berliner-Festtagen-Parsifal im nächsten Jahr gebucht. Waltraud Meiers Kundry wird endgültig Legende. Ihre großartige Stimme bleibt uns fürs Liedrepertoire und vielleicht doch noch in der ein oder anderen Wagnerrolle erhalten.

Richard Strauss-Segen in Dortmund und in Viersen!

Die Dortmunder Oper feiert den 50. Geburtstag ihres Opernhauses mit dem Rosenkavalier. In der Festhalle in Viersen glänzt das WDR Sinfonieorchester Köln mit der Rosenkavaliersuite und Hanna-Elisabeth Müller mit den Vier letzten Liedern.
Von Sabine Weber

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!

Marschallin denkt nach, Octavian fühlt nach!


(Viersen, Dortmund 11./12. März 2016) Mit 10 Cent gehört er Ihnen! Der grell orangefarbenen Spintschrank. Einmalig in einem Opernhaus… Seit über 32 Jahren verzichtet die Dortmunder Oper auf Garderobieren wie mir die Servicefrau hinter dem Bartresen versichert. Solange bedient sie nämlich hier schon. Ob das von Anfang an so war, konnte ich nicht herausfinden. Aber soviel ist klar: im Montan–geprägten Dortmund gehören Spinte nicht nur in die Zeche, sondern auch ins Opernhaus. Seit 1966 steht es. Die Betonkuppel, die auf drei Punkten balanciert und den Zuschauerraum schildkrötenartig überwölbt. Und der mächtige Querbaukasten dahinter. Das Bühnenhaus mit typischen Nachkriegs-Reliefplatten, wie man sie von Hortenkaufhäusern her kennt.
Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Dortmunder Bühnenhaus mit Reliefverzierung

Viel Kunst am Bau gibt es innen: Milchstraßenbeleuchtungen auf goldenen Wandreliefs, Eisentüren vom Kunstschlosser.
Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Die Milchstraße als Lichtinstallation im oberen Foyer

Joseph Beuys hat sogar einen Skulpturentwurf für den Vorplatz eingereicht. Aber er ist schon in der ersten Runde raus gefallen. Da ärgert sich heute so mancher. Kann doch das Theater im Revier heute mit Yves-Klein-Blau-Bildern protzen. Den damals ebenfalls noch unbekannten Franzosen gewinnt der für Gelsenkirchen arbeitende Architekt Ruhnau als Mitarbeiter. Aber der anstelle von Beuys errichtete Gliederturm über Brunnen von Günter Ferdinand Ris ist auch nicht mehr da. Er hat Wasserschäden in der darunterliegenden Tiefgaragen verursacht. Fott damit! Anekdoten über eine Nachkriegsarchitektur aus der NRW-Opernhaussammlung. Die Entstehungsgeschichte ist derzeit übrigens in einer mit vielen interessanten Bild und Zeitzeugendokumenten versehenen Ausstellung im Opernhausfoyer nach zu verfolgen. Zur Feier von 50 Jahre Dortmunder Opernhaus ist außerdem eine riesige Opernhaustorte ins Foyer gefahren und vom Publikum goutiert worden. Danach gab’s Richard Strauss’ Rosenkavalier. Das Haus hat am 3. März 1966 mit dem Rosenkavalier, Elisabeth Grümmer als Marschallin und Liselotte Hammes als Sophie, seine Nachkriegsgeschichte begonnen. Das 50 Jahre Jubiläums Ensemble, dasselbe, das auch bei der Premiere im letzten Jahr gesungen hat, darf sicherlich auch als Glücksfall bezeichnet werden. Fürstlich und mit warmem Timbre zum Nachdenken einladend Emily Newton als Marschallin. Wie ein „Bub“ zwar aber mit einnehmendem Charme Ileana Mateescu in der Hosenrolle des Octavian, ein bisschen jugendlich schrill Ashley Thouret als mädchenhafte Sophie und ganz wunderbar mit wienerischem Schmäh-Akzent Karl-Heinz Lehner als sexgeiler Lederhosen-Ochs. Die Inszenierung von Intendant Jens-Daniel Herzog mit Milchstraßengeflimmer im Hintergrund in der ersten und der letzten Szene zeichnet sich vor allem durch spielfreudige Personenregie aus. Der Orchesterklang leider a bisserl trocken, wie oft in diesen Nachkriegsopernhäusern – auch wenn die Dortmunder Philharmoniker unter Gabriel Feltz beherzt aufspielen. Ganz wunderbar auch die Instrumentalsolisten. Aber es hat im Tutti dann doch ein wenig die nötige Elastizität gefehlt, die es für den Strauss’schen Walzertakt braucht.
Das ist vergessen, wenn Celesta und Harfen die verrückten Silberklänge im Schlussbild nur so regnen lassen.
Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Der Rosenkavalier überreicht die Rose zu Silberklängen

Nach dem Damenterzett schwebt jeder sowieso schon im Himmel.
Und vielleicht haben in meinen Ohren ja noch die Rosenkavaliersuiten-Töne vom WDR Sinfonieorchester Köln vom Abend davor fest gehangen. Die haben soviel intensiver im Ohr geklungen. Das hat sicherlich mit der einmaligen Akustik der Festhalle in Viersen zu tun. 1913 haben sich die Viersener Bürger dieses Festhalle gebaut.
Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Gedenktafel im Foyer der Festhalle in Viersen

Glücklicherweise in Schuhkartonform. Bis auf den heutigen Tag die beste Garantie für ideale akustische Verhältnisse.
Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum

Viersener Festhalle Seitenansicht in Richtung rückwärtiger Raum


Das ist mit ein Grund gewesen, warum in der Nachkriegszeit alle großen Orchester in der Festhalle Viersen Station gemacht haben. Die Berliner Philharmoniker sind sogar nach Viersen gereist, um hier aufzunehmen. Die Festhalle ist ja auch eine der wenigen deutschen Opern- und Konzerthäuser gewesen, die im Krieg nicht in Trümmer versunken sind. Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller ist der Star des Abends. Mit ungemein dramatischem Timbre weiß die Anfang 30jährige ihre Stimme dennoch leicht und lyrisch zu führen. Das brauchen diese mit Licht durchfluteten melancholischen Gesänge. Da tut sogar eine leichte Unbeteiligtkeit gut, wenn Tonlinien wie in Trance gestaltet werden. Aber die Stimme darf nie im Orchester versinken. Eine Balance, die in Viersen zwischen Hanna-Elisabeth Müller und dem Orchester geradezu traumhaft gelingt. Das WDR Sinfonieorchester Köln unter Dirigent Eivind Aadland begleitet hinreißend. Der erste Hornist ist eine Wucht, aber auch die anderen Solisten, das ganze Orchester. Auch Mozarts Titus-Ouvertüre ist ein Aufmacher mit Paukenschlag. Oder Mozarts Sinfonie Nummer 29 in A-Dur nach der Pause. Die Streicher sind exakt zusammen. Und kein Kiekser bei den beiden Hörnern! Die Hornpartien sollen extrem heikel sein. Und dann zum Riesen-Nachtisch die Rosenkavaliersuite – ein einziger Gesang – wie Filmmusik zu einer Liebesgeschichte mit Walzern und, ja, diesen einmaligen Silberklängen. So etwas konnte sich nur ein Richard Strauss einfallen lassen. Allerdings fehlen auch in Viersen die allerletzten 5 Prozent an Flexibilität, sodass die Walzer mit Verzögerungen und Accelarandi unangestrengt spielend auch wirklich schwingen können. Die fast 1000 Viersener applaudieren in der ausverkauften Festhalle restlos begeistert. Vielleicht sind die restlichen 5 Prozent im Konzert am nächsten Tag in Duisburg da gewesen?

Don Giovanni hinter Gittern. Aber wer sitzt eigentlich im Käfig?

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don, Jean-Sebastién Bou  © Bernd Uhlig

La ci darem la mano! Zerlina, Aoife Miskelly, und ein charmanter Don Giovanni, Jean-Sébastien Bou
© Bernd Uhlig


Emmanuelle Bastet gibt in Köln ihr deutsches Regiedebüt mit Wolfgang Amadeus Mozarts zweiter Da Ponte Oper und bleibt in ihrer Aussage blass. Aber musikalisch läuft unter François-Xavier Roth alles auf Hochtouren.
Von Sabine Weber

(Köln, 05.02.2016) Der erste Orchesterschlag kracht. Ein verzögerter Schlag. Und gedehnt. François-Xavier Roth wedelt mit den Armen. Als versuche er den Hall aus dem vor der Bühne aufgebauten Orchester in der Luft festzuhalten und weiterzuformen. Und noch ein Schlag! Die Schicksalsschlieren der Streicher beginnen zu wabern. Seltsam neblig gehen diese Klänge zu Herzen. Die Spannung steigt. Ein vergitterter Laufsteg schiebt sich zur Bühnenmitte hin. Und da sitzt ein Schlanker, Graumelierter in elegantem Banker-Dunkelblau hinter schwarzem Schreibtisch und qualmt. Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl und … Don Giovanni? Ein Hedgefondmanager, ein Designer, ein Chef oder nur ein eleganter Playmaker! Es beginnt in dieser eigenartig möblierten Manege zu schneien. Will sagen, es ist eine kalte Welt! Kumpel Leporello im Parker mit Wollmütze fuchtelt fröstelnd mit einem Revolver rum. Was dann passiert schafft Konfusion. Donna Anna im Nachthemdchen wird im Gitterlaufsteg von Don Giovanni belästigt. Der Komtur mit Smokingbinde läuft auf. Nach harmlosem Handgemenge sinkt er blutend – wovon? – zusammen. Und schon liegt Donna Anna über ihm, färbt ihr weißes Hemdchen für die restlichen knapp drei Stunden rot und fragt, wer hat diese böse Tat vollbracht? Nach Mozart dürfte sie nicht wissen, was sie hier gesehen hat! Und die Schlafanzugmädels, die anschließend den Komtur-Leichnam wie einen Sack von der Bühne zerren, hätten wir lieber auch nicht gesehen. Und welchen dramaturgischen Sinn macht jetzt die Katalog-Arie Leporellos? Diese Lesart verwirrt. Und warum ist Don Giovanni zur Omnipräsenz auf der Bühne verdonnert? Jean-Sébastien Bou klettert immer wieder an neu herunter gelassenen oder ausgefahrenen Käfigstangen halsbrecherisch und virtuos herum. Aber sitzen nicht eigentlich die anderen im Käfig, während er sich über alle Regeln hinweg seinen Spaß gönnt? Emmanuelle Bastets Regie setzt den Spieler fest! Es wird marginalisiert, dass Don Giovanni mit seinem durchtriebenen Spiel die anderen dazu zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und diese Figuren blieben blass in Köln, hätte Mozart nicht so unglaubliche Gesangseinlagen geschrieben, die das gesamte Ensemble zur Hochform auflaufen lässt. Regina Richter als unerschütterlich liebende und notgedrungen im Mitleid weiterliebende Donna Elvira und Aoife Miskelly als raffinierte Zerlina, die mal gern an Don Giovanni schnuppert, um ihrem tölpelhaft eifersüchtigen Verlobten tüchtig die Leviten zu lesen, sind die unangefochtenen Stars des Abends. Einfach bewunderungswürdig, wie Richter seit 2002 hier im Ensemble immer wieder für Höhepunkte sorgt. Die junge irischen Sopranistin wird das Kölner Ensemble leider Richtung Heimat verlassen. Und hoffentlich als Gast bald wiederkehren. Ganz wunderbar gelingt ihr das Duett „Là ci darem la mano“ . Das Gürzenichorchester mischt auch entzückende Flöten- und Fagotttöne dazu, die selten so fein zu hören sind. Für die Bläser hat es einen Vorteil, dass die Streicher aus akustischen Gründen den ganzen Abend mit Dämpfer gespielt haben. Für einen Glanzmoment und atemberaubendes pianissimo sorgt auch der französische Tenor Julien Behr in seiner Arie „Dalla sua pace“. Die französischen Gastsänger haben sicherlich einige Neugierige in diese Premiere nach Köln gelockt. Dazu zählt auch Vannina Santoni, die als Donna Anna ihr Köln Debüt gegeben hat. Ein französischer GMD hat Vorteile. Und offensichtlich versteht Roth es auch, eine schwierige Akustik zum Vorteil gereichen zu lassen. Musikalisch ist diese Aufführung absolut empfehlenswert.

Handwerker als Musiker? In der Sinfonia da Experimentum mundi in Münster von Giorgio Battistelli

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Handwerker bei der Probe im Theater in Münster

Ein Experiment-Konzert im Theater Münster
von Sabine Weber

Das hatte also nichts mit Karneval zu tun, dass da am 9. Februar, Karnevalsdienstag einige Musiker inmitten des Sinfonieorchester Münsters in Bäckerschürze und Holzfällerhemd über Arbeitshose gestanden haben. Das sind Handwerksmusiker gewesen! 1981 hat Giorgio Battistelli sein Experimentum mundi mit 16 Handwerker, einem Schlagzeuger, einem Schauspieler und rezitierende Stimmen auf der Bühne des Teatro Olympico in Rom uraufgeführt. Die Idee: Handwerker gehen lautstark ihrem Gewerk nach und machen mit ihren Rhythmen Musik. Das Stück ist so erfolgreich, dass Giorgio Battistelli es in den letzten gut 35 Jahren weltweit immer wieder aufgeführt hat. Selbstverständlich mit den Handwerkern aus seinem Heimatort Albano Laziale, für die er dieses Stück auch konzipiert hat. Und wenn an deren Werkstätten “Geschlossen” steht, sind die Handwerker wieder auf Musiktournee. Doch damit könnte Schluss sein. Denn für die Neufassung für Orchester, die jetzt in Münster uraufgeführt wurde, sind HandwerkerInnen aus Münster und Umgebung angefragt worden. Nur die Küfer mussten aus Italien eingeflogen werden. Und ihr 1000 Literfass.
Was deutsche Handwerker davon halten, dass sie musikalisch in einem Sinfonieorchester auftreten, das habe ich sie auf vor der Generalprobe gefragt.

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Kunst oder Leben! Benvenuto Cellini von Hector Berlioz eröffnet am letzten Wochenende die diesjährige Spielzeit an der Kölner Oper. Und die Opernkunst hat in Köln eine neue Ausweichspielstätte. Das Staatenhaus!

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire

Ferdinand von Bothmer als Cellini vor Nikolay Didenko als Papst Clemens VII. Foto: Paul Leclaire


„Kommt und applaudiert der neuen Oper!“ schmettert der Feierchor im Finale des ersten Aktes. Wie hätte dieses Zitat doch gut gepasst! Hätte die Premiere im fertig sanierten Opernhaus wie geplant stattfinden können. Und erst der von Berlioz beschworene Karneval als Gesellschaftszustand … Die Komödie wird in Köln aber mal wieder zur Tragödie. In Benvenuto Cellini enden die Ausschweifungen sogar mit der päpstlichen Drohung: „Kunst oder Leben“. Der Papst will von Goldschmied Benvenuto Cellini die Perseus-Statue. Die beiden Akte gehen gut aus. Die Kunst siegt. Trotz einiger Abstriche. Und das ist vor allem François-Xavier Roth zu verdanken. Benvenuto!
(Von Sabine Weber)

(Köln, 15.11.2015). Mit keiner anderen Oper hätte Generalmusikdirektor François-Xavier Roth seinen Kölner Operneinstand so anspielungsreich geben können. Das üppig instrumentierte Werk ist zudem Musikdramaturgisch einzigartig. Voller Aufregung, spielt mit Theater im Theater, mit Personenbezogenen leitmotivähnlichen idées fixes ist es durchzogen, wartet mit einem großen Sängerpersonal, mit Stadtbürgern, einer heiß umkämpften Bürgertochter, mit Rittern, Papst, Wirt und Karnevalsgesellschaft auf. Ein fulminanter Chor dominiert über weite Strecken, und zum Schluss streiken auch noch die Metallverarbeiter. Alles dreht sich um einen widerspenstigen genialischen Künstler, der eine künstlerische Heldentat vollbringen soll! „Kunst oder Leben!“ ist die Losung, die Hector Berlioz in seinem Opernerstling Benvenuto Cellini ausgibt. Leider ist Berlioz damals mit seiner Kunst an der Pariser Oper nicht angekommen. Er ist kein Benvenuto, kein Willkommen Geheißener geworden. François-Xavier Roth gibt in Köln gleich zu Beginn der Premiere dem „Kunst oder Leben“ eine unerwartete Deutung. Mit Intendantin Birgit Meyer stellt er sich vors Mikrofon, verurteilt die Terroranschläge in Paris und widmet den Opfern des Anschlages, was wohl, Kunst! Die Marseillaise in der Instrumentierung von Héctor Berlioz. Danach eine Schweigeminute! Bei einer Marseillaise kann Gott sei Dank keine falsche Rührung aufkommen. Aber die Botschaft sitzt. „Vive la liberté, la fraternité…“ Die Kunst sorgt für Zusammenhalt.

Und dann bricht dieser üppige Berlioz im Staatenhaus herein. Das Orchester sitzt tief hinten im Raum hinter schwarzer Gaze. Die Wucht der Berliozschen Partitur ist in Reihe 8 aber noch zu spüren. Zur Ouvertüre wird auf laufenden Spruchbändern die Vita Benvenuto Cellinis erzählt. „Der Mensch, der etwas Löbliches vollbracht hat, sollte seine Memoiren schreiben“, steht da zu lesen. Und Cellini steht auf dem Podium und schreibt. Umgeben von Fleischfarbenen Gestalten, die einzelne Episoden aus seinem Leben pantomimisch andeuten. Wie er zum Künstler wird. Zu einem Liebenden, der nur eine begehrt. Teresa. Die Liebe ist gegenseitig. Die Handlung beginnt mit einer Vater-Tochter-Auseinandersetzung. Und mit Requisitenaufbauten, die hörbar durch die Halle geschoben werden. Eine ballonartige mit weißen Kissen ausgestopfte Halbkugel ist Teresas Kammer. Herum gedreht bekommt sie die Konturen eines Halbkopfes. Rote Pappnase und Gesichter werden drauf projiziert. Riesige Schlauchkonstruktionen werden hinter den Kopf geschoben. Sie sehen wie Blutbahnen aus. Und zum Schluss wird er als ein Glühbirnenbesetzten Totenkopf hineingeschoben, der Revueartig aufleuchtet, wenn der Papst als goldener Popanz auf einem Gestell Ablass für die Sünden spendet und mit dem Tod drohend die Skulptur fordert. Grotesk überzeichnete Bilder liebt Carlos Padrissa. Damit spielt und jongliert seine Regie. Die Handlung begleitet er mit Spontantheater. Emotionale Tiefenschärfen interessieren in diesem Konzept nicht. Alles zielt auf Plakatives, auf komische Effekte, vor allem die spektakulär bewegte Masse. Die Luftakrobaten von La Fura dels Baus wirbeln Angsterregend durch die Luft im Geschirr an Seilen von Bühnenarbeitern gezogen. Und das geht mit der Wucht der Berliozschen Klänge durchaus zusammen. Beispielsweise in einer deftige Wirtshausszene. Aus Riesenschläuchen fließt der Wein und krabbeln die Fleischfarbenen. Der Männerchor gibt die florentinischen Saufkumpanen. In rotweiß gestreiften Kurzpumphöschen mit Kopfkappe rutschen sie eine Schräge hinunter. Eine Feiergesellschaft in niedlichen Quallenkostümen warten auf das Pantomimentheater. Dann gibt es einen Ophekleiden-Vortrag auf der Bühnen-Bühne. Sie verleiht einem der Pantonimen eine ungewöhnliche Stimme! Und rennt dem Orchester davon! Überdreht sind die Szenen mit Fieramosca, dem Gegenspieler Cellinis. Als Fechtmeister mit Fliege auf dem Brustpanzer – Mosca = Fliege – fuchtelt er mit dem Degen herum. Nach einem herzzerreißenden Liebesduett gibt es eine durchtrieben und witzig auskomponierte Trionummer mit den rivalisierenden Liebhabern und Teresa. Da wird auf Lücke und präzise genau gesungen. Gut gelingt das Umkippen des Komödiantischen ins Tragische am Ende des ersten Aktes. Das ist aber vor allem der genialen Musik Berlioz zuzuschreiben, die aus einem Komödiantischen Tonfall in Nullkommanix schwarzes Pathos hervorzaubert. Der Chor ist durch das ganze Stück hindurch eigentlich das Stimmungsbarometer. Permanent in die Handlung involviert, muss er nicht nur jubeln, sondern auch rasant schnell parlieren. Schnell hat man das merkwürdige Pärchen entlarvt, das vor der ersten Zuschauerreihe an einem Tisch sitzt. Die winkende Nonne mit schwarzem Kopfkapuze als Souffleuse und den älteren Mann mit schwarzer Mütze daneben als Chorleiter Andrew Ollivant, der lebenswichtige Einsätze gibt. Dirigent Roth ist ja hinter der schwarzen Gaze weit weg. Wie das alles funktioniert und zusammenspielt, ist das Wunder des Abends. Das Sängerpersonal überzeugt, auch wenn der Münchner Tenor Ferdinand von Bothmer als Cellini mit Nervosität kämpft und einige Male auf Schonhaltung setzt. Fein und leicht im Timbre Emily Hindrichs als Teresa, tollpatschig durchtrieben Vincent Le Texier. Als ihr Vater verfügt er über erstklassiges Französisch. Überzeugend die beiden Fechtbrüder, Nikolay Borchev und Wolfgang Stefan Schwaiger als Fieramosca und Pompeo. Das Husarenstück gelingt an diesem Abend Katrin Wundsam. In der Hosenrolle des Ascanio spielte und singt die Mezzosopranistin alle an die Wand. Mit ihrer „Alles ist langweilig“- Arie im Walzerrhythmus persifliert sie die Auseinandersetzung zwischen Cellini und Papst noch einmal. Eigentlich keine große Nummer. Aber mit Wundsam wird sie zu einem richtigen Bravurnummer! Das Staatenhaus als kleines Tollhaus feiert den Künstler und die Kunst. Und endlich den Beginn der Saison in Köln. Mit einem Krachen leuchten zwei Neonröhren auf. Die Staute ist entstanden. Das Kunstwerk vollendet. Die richtige Liebesverbindung geschmiedet. Und nächste Woche gibt es hier schon die nächste Premiere!

Das Ende ist der Anfang! Accatone von Pier Paolo Pasolini als Musiktheater in der spektakulären Kohlenmischhalle Zeche Lohberg zum Auftakt der Ruhrtriennale 2015

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder

Das Leben ist die Hölle für Accatone. Auf der Ruhrtriennale ist das die Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg. Foto: Julian Röder



Wie ein riesiges umgedrehtes Boot mit Kiel zu oberst sieht die Halle aus. Geschätzte 300 Meter lang und 30 Meter hoch! Die Besucher ziehen wie Pilger zu ihr. Erst durch die backsteinerne Zentralwerkstatt. Dann über Schotterwege entlang von Bauzäunen, die Schutthaufen absperren. In denen steht ein 70 Meter hohes Fördergerüst wie ein einsamer Gigant. Bis 2005 transportierte der grün schimmernde Eisenturm mit seinen Radwinden die Kumpels in einen 1.200 Meter tiefen Schacht. Im Regen geht es weiter zur schwarzen Halle. Vorne ist sie sie offen. Vor der Öffnung liegt ein umgestürztes Motorrad. Das fällt kaum auf, denn sofort entdeckt man die riesige Tribüne im dunklen Hintergrund. Sitzt man in den ansteigenden Reihen, wird der Blick über die Steinwüste sofort wieder zurück zur Öffnung – in eben 500 Meter Tiefe – wie magisch gezogen. Ins Licht, ins Grün. Das ist Sehnsucht pur in einem spektakulären Blick. Und sie wird übermächtig in dem folgenden zweieinhalb Stunden Musiktheater. Das Licht am Ende des Hallentunnels!
Von Sabine Weber

(Dinslaken, 15.08.2015) Das Ende ist der Anfang! Pier Paolo Pasolini untermalt nicht von ungefähr den Vorspann zu seinen Film Accatone von 1961, der unter dem Titel „Wer nie sein Brot mit Tränen aß!“ nach Deutschland kommt, mit dem Schlusschor aus Bachs Matthäus-Passion. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist eine der Passionen Pasolinis gewesen. Obwohl radikal gesellschaftskritisch angelegt, tauchen in Pasolinis Filmen in den 1960ern auch immer wieder Heilige auf. Sie lösen Passionen aus, wie in Teorema von 1968. Eine messianische Lichtgestalt im Körper eines jungen Mannes lässt eine Industriellen-Familie in Mailand auseinander brechen. In Accatone ist es der Bettler und Schmarotzer Vittorio Cataldi, der in der Peripherie von Rom nach dem richtigen Weg sucht. Statt aus dem Diebes- und Zuhältermilieu heraus zu kommen, verkommt er als Nichtsnutz darin. Die staubige Vorstadtatmosphäre wird in der Halle wie in einem Höllenschlund lebendig. Und wenn sich Accatone, Steven Scharf mit großem Körpereinsatz, wie auch seine Kumpels Pio, Balilla oder der als „Das Gesetz“ betitelte fette Oberkumpel auf dem Boden wälzen, steigt dicker Staubnebel auf. Ob der Vergleich zwischen den arbeitslos gewordenen Kumpels von stillgelegten Zechen im Ruhrgebiet mit den Verlierern der italienischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit zieht, darf dahingestellt bleiben. Auf den hat es Ruhrtriennalen-Chef und Regisseur Johan Simons schon angelegt. Aber eindrücklich gelingt seine Inszenierung in diesem von ihm auch für seine erste Spielzeit entdeckten Ort. Wie die Gestalten durch die Halle ziehen, Konstellationen bilden, sich Wortgefechte liefern, die beiden Prostituierten im weißen Container rechts immer mal wieder Zuflucht suchen. Wie einzelne zu Erzählern von Episoden werden, während die anderen einfrieren, die Männer in einem zwanghaften Kreistanz sich aneinander reiben oder eine Gewaltszene zwischen Mann und Frau in einem tänzerischen Pas de deux zu einem Ringen zweier Körper wird, erzeugt eine Flut von Bildern und Gefühlen. Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent streuen wohl dosiert und ausgwählt Sätze aus verschiedenen Bachkantaten dazwischen. „Wir zittern und wanken!“ trägt die Sopranistin Dorothee Mields vor, in Gelsenkirchen geboren, wohnhaft in Dinslaken und langjährige Mitstreiterin von Herreweghe. Der Schmerz, über das, was passiert ist, passiert, und noch passieren wird, ist allgegenwärtig. „Warum beklagst du dich, mein Herz“ stimmt der Altus Alex Potter an. Der Bachchoral „Jesu, deine Passion“ oder die Tenorarie „Wie zerfleischt ist meine Hoffnung, sind die Vorbereitung zu „Komm du Tod, oh Schlafes Bruder“, die der Bassist Peter Kooij in seiner Arie mit Oboensolo „Ich habe genug!“ endgültig abrundet. Der Einleitungschor aus Bachs Actus Tragicus wird als Klavierversion eingespielt. Die Musiker sitzen auf einem kleinen in den Boden eingesenkten Podium links von der Tribüne aus. Großartig haben die Soundtechniker das Problem der Hallenakustik mit Abnehmern und Verstärkung bei den Solisten und Instrumentalisten gelöst. Es klingt transparent und dennoch voll, als säße man in einem perfekten und nicht zu groß dimensionierten Konzertraum. Im Gegensatz zu Pasolinis Neigung, Bach in pathetischen romantisch aufgepumpten Einspielungen zu verwenden, die gern an Karl Richter-Interpretationen erinnern, setzt Herreweghe in seiner Interpretation auf schwingende Klarheit in den Lamenti! Herreweghe hat mit seinen Bachinterpretationen ja auch Geschichte geschrieben. Vor allem in Frankreich, wo er vor etlichen Jahrzehnten der Bachpflege mit seinen historisch informierten Aufführungen zu neuer Bedeutung verholfen hat. Die Schauspieler in ihren langen Spielpassagen deklamieren großartig textverständlich. Der niederländische Akzent einiger ist charmant. Für das internationale Publikum gibt es auf zwei Anzeigen englische Übertitel. Am Schluss klettert Vittorio oder Accatù, wie er im Dialekt gerufen wird, noch einmal aus dem Loch vorne vor der Bühne und verschwindet dennoch aus dem Leben, hinaus zur Halle und zum Licht. Glocken haben schon geläutet. Zum Schluss flattert das Geräusch auffliegender Tauben durch die Halle. Die Seele findet ihren Frieden. Irgendwo.

Auf dem Davos Festival „Young artists in concert“ geht’s rund!

Bei der Festivaleröffnung umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto. Yannick Andrea

Bei der Festivaleröffnung in Davos umkreist Ensemble Federspiel das Cuartedo Gerhard. Foto: Yannick Andrea


Davos ist ein Wintersportort. In der Wintersaison lädt auch das World Economic Forum immer zum Wirtschaftsgipfel ein. Der legendäre Davoser Kur-Sommer ist längst keine Hochsaison mehr. Auch wenn ihn Thomas Mann in seinem Zauberberg literarisch verewigt hat. Vielleicht ist deshalb das Davos Festival „Young artists in concert“ über Musikerkreise hinaus kaum bekannt. Es findet im Juli oder August statt. Seit rund 30 Jahren verfolgt das Kammermusikfestival ein ehrenwertes Ziel. Jungen talentierten Musikern nach dem Studium beim Sprung in die Karriere zu helfen. Zwei Wochen lang bietet das Davos Festival gegen Reisespesen, Kost und Loigs ein Forum der Begegnung und Konzertmöglichkeiten vor spektakulärer Bergkulisse. Gecoacht werden die jungen Musiker von dazu geladenen Profimusikern oder Profi-Ensembles. Dieses Jahr ist das deutsche Amaryllis Quartett angereist. Auch einen composer in residence leistet sich das Festival. Marc-André Dalbavie aus Frankreich ist angereist, um mit den jungen Musikern seine jüngsten Kammermusikwerke einzustudieren. Seit letzter Saison ist Reto Bieri Intendant des Davos Festival. Und der Klarinettist aus dem Kanton Zug hat sich vorgenommen, hier einiges zu bewegen. Das bisher eher elitär wahrgenommene Festival will er öffnen, in Davos und international wahrnehmbar machen.
Von Sabine Weber

(Davos, 31.07.- 04.08.2015) Das ist natürlich Luxus pur! 70 engagierte junge Musiker aus 20 Nationen brennen darauf, aufzutreten. Sänger, Choristen, Bläser, Streicher, Pianisten und drei junge Ensembles sind angereist. Da schöpft Intendant Reto Bieri aus dem Vollen. Die Ensembles mischt er in den 24 offiziellen Programmkonzerten immer neu auf. Da geht’s rund gleich im Eröffnungskonzert: György Kurtags kreisende Glissandi aus seinem Klavierzyklus Játékok stimmen ein auf den großen naturmystischen Wasserkreislauf, den Schubert mit seinem Gesang der Geister über den Wassern mit Männeroktett und tiefen Streichern beschwört. Auf Marc-André Dalbavies Vexierspiel mit Ganztonleitern und Akzentgesten in seinem Klaviertrio folgt Sprachpoesie in Mundart. Der Berner Volksliedsänger Manni Matter lässt „Dene, wos guet geit“ um die „wos weniger guet geit“ kreisen. Worauf Steve Reichs Different Trains, Part III für Streichquartett und Zuspielband Fahrt aufnimmt mit minimalistisch wiederholten patterns. Dieser Art kreisen die Konzertideen von Reto Bieri. „Wiederholungen sind ein musikalische Ausdruck für das Kreisen!“, so Bieri. Das diesjährige Thema Kreisverkehr ist mit einem musikalischen Phänomen verknüpft. Und das Kreisen hat auch noch mit dem Leben zu tun. Solche Koinzidentien liebt Bieri. Da lässt sich Kunst mit Leben verbinden. Wobei „Kunst dem Leben dienen muss, nicht umgekehrt!“ fordert Bieri. „Hörexperiment“ bezeichnet Marc-André Dalbavie solche Konzertdramaturgien. Da könne man das Hören entdecken! Der französische Komoponist experimentiert in seinen Kammermusikwerken mit der transformation permanente – einer Musik im ständigen Übergang. Dabei sucht er das Konsonante oder Schwingende im permanenten Changieren von Klangfarben und Klanggesten. In seinem Werk Palimpseste für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier von 2002 ist sogar eine musikalische Vorlage transformiert. Das Madrigal Beltà, poi che t’assenti aus Carlo Gesualdos 2. Madrigalbuch stellen die Davos Festival Choristen auch vor. Da sind die Akkordfolgen des Recycelten Madrigals am Ende von Dalbavies Komposition als ursrprüngliche Schmerzensrufe auszumachen. Dalbavie schmunzelt auf die Bedeutung von Recycling in seinem Werk angesprochen. „Das sei ein Recycling wie beim Haus- und Industriemüll!“ Dalbavie hat nicht wie Boulez Tabula rasa mit der Vergangenheit gemacht. Er versorgt sich mit sogenannten „ready-made“ Objekten aus der Vergangenheit. Ohne stilistisch wie Gesualdo – in diesem Fall – zu komponieren. Besonders freut sich Dalbavie, dass er seine Werke mit den jungen Leuten auch einstudieren kann. „Seine Musik funktioniere wie energetische Felder. Und die Jugend hat Energie im Überangebot.“ Für Intendant Bieri schließt sich mit Dalbavie ein weiterer Kreislauf: „Bei Dalbavie sieht man, wie viel Altes im Neuen steckt, und wenn man Gesualdo hört wie viel Neues im Alten.“ Dieser Art funktionieren und zünden Bieris abgezirkelte Programmideen. Neue Musik – Alte Musik, Klassik und Volksmusik bilden für ihn keine Gegensätze. Ein Ensemble steht programmatisch auch dafür. Federspiel aus Wien. Die sieben klassisch ausgebildeten Blechbläser mischen mit volksmusikalisch aufgerauten eigenen Kompositionen und witzigen Arrangements das Festival in der Graubündener Edelstadt auf. Da dürfen auch Jodler sein. Zur Festivalsphilosophie gehört, dass sich die Musiker immer neu mischen und auch die im Ensemble angereisten Musiker sich aufteilen. So verhilft Trompeter Simon Zöchbauer vom Ensemble Federspiel mit weiteren 4 Musikern einem Werk der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja zur Aufführung. Und der Primarius vom Amaryllis Quartett Gustav Frielinghaus unterstützt als Geiger die Aufführung von Dalbavies Palimpseste. „Das ist auch nicht einfach mal so zusammengesetzt!“, so Frielinghaus. Der albanische Geiger Ilias Kadeshi und die britische Cellistin Vashti Hunter scheinen sich hier in Davos gefunden zu haben. Mit dem Schweizer Pianisten Gilles Grimaître überzeugen sie in Dalbavies Klaviertrio, und zusammen mit dem finnischen Pianisten Jonaas Ahonen brillieren sie in Brahms Trio in h-moll. Da knistert es im nüchternen aber akustisch hervorragenden Bankett- und Vortragssaal des Schweizerhofs. Dieses Hotel ist im Sommer eigentlich geschlossen und öffnet seine Tore nur für das Festival. Auch andere Hoteliers unterstützen das Festival mit Unterkünften für die Musiker. Und Reto Bieri steht inzwischen mit ihnen in Verhandlungen, um Wochenpauschalen für Festivaltouristen auszuhandeln. Bisher rekrutieren sich die meisten Besucher aus Davos. Hier überproportional aus den rund 6000 Zweitwohnungsbesitzer. „Viele Visonäre gibt es in Davos“, schwärmt Bieri. Aber auch die „Bergler“ will er einnorden. Alle sollen sich zukünftig vom Davos Festival angesprochen fühlen. Daher rücken die Musiker auch an ungewöhnliche Orte aus. Sie spielen im Bahnhof, in Kaffeehäusern und in Möbelhäusern auf. Treten in Kapellen und Kirchen auf, auch einmal in Davos-Klosters. Einmal locken sie das Publikum auch auf Alpwanderung. Es geht los mit einem Konzert auf der historischen Schatzalp, die einst Thomas Mann inspiriert hat, und endet mit einem Konzert in der Kapelle Frauenkirch. Dazwischen Naturlaut von Kuhglocke oder Wasserquell und eine Sause auf der Stafelalp.

Matthew Shaw als Giro Lamento und der Alptraum-Tunnel Foto: Christian Kleiner

Eine Installation der hervorsprudelnden Klänge und Bewegungen Achim Freyer inszeniert Un esame di mezzanotte von Lucia Ronchetti für Mannheim. Im Nationaltheater ist am 29.05. Uraufführung

(Foto: Christian Kleiner) Italienisches Musiktheater sorgt derzeit für Bewegung. Ob Giorgio Battistellis CO2 Oper in Mailand – oder Lucia Ronchettis Un esame di mezzanotte – jetzt in Mannheim. Das Libretto hat der italienische Autor Ermanno Cavazzoni nach einem eigenen Buch für Ronchetti angefertigt. Der originale Titel I tentazioni di Girolamo wurde in der deutschen Übersetzung zu Mitternachtsabitur. Der deutsche Titel taucht leicht verändert im Titel des neuen italienischen Librettos wieder auf. Und ein weiteres, ungewöhnliches sogar ungemütliches Thema erlebt am Freitag eine Opernweltpremiere. Alles dreht sich um eine Prüfung! Ein schwindelig machender Alptraum erfasst den Prüfling – nomen est omen – Giro Lamenti in der Nacht. Eine Autorität hat sein Abitur annulliert und befohlen, eine neue Prüfung gleich am nächsten Morgen abzulegen. In den Labyrinthen und Keller einer Nacht-Bibliothek macht er die merkwürdigsten Erfahrungen. Der inzwischen 81jährige Achim Freyer wollte das vom Nationaltheater in Mannheim in Auftrag gegebene Werk unbedingt inszenieren. Und zwar in der Rolle des Regisseurs, Bühnen- und Kostümbildners und als Chef der Lichtregie. Da werden Proben anstrengend. Dennoch war er bereit, vor einer der letzten Proben ein kleines Interview zu geben.
Mit Achim Freyer sprach Sabine Weber

Von Frauen, Männern und Freiheit, die keine ist! In der Premiere der Wiederaufnahme von Christoph Loys Inszenierung von Georges Bizets Carmen in Köln geht’s in den Nachtclub!

Katrin Wundsam als Carmen in kleinem Schwarzen Foto: Klaus Levebvre

Katrin Wundsam als Carmen in kleinem Schwarzen Foto: Klaus Levebvre

(Kölner Oper am Dom, 23.05.2015, Autorin: Lina-Marie Dück)
In der Inszenierung von Christof Loy steht die Auseinandersetzung mit den Rollenbildern von Mann und Frau im Vordergrund, zugespitzt in der Konfrontation der Protagonisten: Carmen und Don José, Carmen und Micaela, Don José und Escamillo. Loy präsentiert sämtliche Klischeebilder, beginnend mit Prahlerei und Beschützerinstinkt der Soldaten in der Kaserne. Macho-Gehabe von Männern in Uniform und natürlich dem Torrero Escamillo, der in paillettenbesetztem Anzug und mit Gefolge auf der Bühne einmarschiert. Geschwellte Brust und Prügelei – die Männlichkeit läuft zu Hochform auf. Die Frauen kokettieren, umgarnen, sind brave Schulmädchen oder hysterisch zankender Mob. Nur Carmen setzt sich ab. Die klassische Rolle des Weibchens empfindet sie als Zwang. Die romantisierte Vorstellung vom gemeinsam Leben des Liebespaares ist für sie nur „Schall und Rauch“. Sie will frei und unabhängig bleiben, das tun worauf sie Lust hat. Der Gegensatz zur biederen braven Micaela könnte nicht deutlicher sein. Und Don José ist gehemmt, verunsichert. Hin und Hergerissen zwischen Mutters Schoß und dem Wunsch nach Abenteuer.

Zum Symbol der Freiheit wird ein mehrmals im Hintergrund erscheinendes Bergpanorama. Die Schmugglerbande mit Carmen zieht sich tatsächlich in die Berge zurück, ihrem Schlachtruf „La Liberté“ folgend. Don José, hoffnungslos verliebt, wird mitgerissen.
Doch auch im Schmugglernest sind die Rollenbilder nicht abzuschütteln. Loy inszeniert seiner Konzeption treu die zweite Hälfte nicht historisierend als Bergdorf fern ab der Stadt, der Gesellschaft, sondern als Nachtclub mit roten Polstersesseln und Kronleuchter über dem Flügel. Weibliche Klischees begegnen erneut, wenn Frasquina und Mercedes in Burlesque-Kostümen von ihren Zukunftsträumen singen. Von einem Witwenleben in ererbtem Reichtum und Überfluss oder der romantischen Entführung im Sturm durch einen Don Juan!
Das Liebespaar Carmen und Don José scheitert jedenfalls, belastet durch solche Klischees, die nicht abzuschütteln sind.

Für die junge Österreicherin Katrin Wundsam ist das Debüt als Carmen eine große Herausforderung. Ihr klarer, zarter Gesang ertönt wie ein Glockenspiel. Bei den großen Arien wie der Habanera fehlt es ihr aber doch noch an Kraft und Durchsetzungsvermögen. Ihre Stimme wirkt sogar stellenweise müde. Auch schauspielerisch füllt Wundsams Interpretation die Rolle der Carmen nicht immer aus. Eindrücklich mimt sie zwar die von Carmen stets vorgespielte überhebliche Distanz zu den anderen. Ein spöttisches Lächeln prägt ihr Spiel, so wie die Widerspenstigkeit, die sich fast schon im kindlichen Trotz gipfelnd den von der Gesellschaft aufgezwängten Frauenrollen widersetzt. Aber Carmens erotische, feurige Seite schlägt zu wenig durch. Etwas mehr Leidenschaft und emotionale Wucht hätte auf der Bühne gut getan, um das rebellische Streben nach Freiheit auf der einen und die von exzessiver Liebeslust getriebene und ihre Erotik ausspielende Frau als Verführerin auf der anderen Seite mehr hervorzukehren. Spätestens für die Carmen in der finalen Szene im glitzernden Abendkleid, die Don Josés Wahnsinn und dem Tode ins Auge blickt, reicht ein spöttischer Ausdruck nicht mehr aus.
Lance Ryan verkörpert ganz passend den zugeknöpften, spießig-schüchternen Soldaten Don José. Sein Gesang zunächst etwas flach und gehemmt, steigert sich aber in der zweiten Hälfte kraftvoll zu einer gewaltigen, Tod-bringenden Raserei.
Claudia Rohrbach als Micaela füllt den weiblichen Gegenpart zu Carmen mit großer Präsenz und enormem stimmlichen Unterbau aus. Rohrbachs Micaela ist nicht nur die heimliche, sondern auch überlebenden Protagonistin. Und an diesem Abend sorgt sie vielleicht sogar für den Höhepunkt. Nicht Carmens tragischer Tod, sondern Micaelas verzweifelter – letzter – Versuch Don José zurück zu gewinnen rührt ungemein. Die Rohrbach gibt die feurige Verführerin, die weibliche Matadorin und ist mit Mimik und Gestik in diesem musikalischen Zwischenpart so überzeugend und eindrücklich, dass man ihr Scheitern auf schmerzliche Weise mitempfindet.
Das Sängerensemble wird vom Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von Claude Schnitzler einfühlsam begleitet, mit behutsamer Zurückhaltung während der Arien unterstützt. In den Entre-Actes spielt es glänzend auf. Kleinere Patzer bei den Bleichbläsern, insbesondere gleich zum Auftakt der Ouvertüre, vergisst man da schnell. Herausragend vor allem die Celli, die bis auf eine leicht schiefe Carmen-Melodie im 3. Akt mit ihren gefühlvoll schmachtenden Bögen die Leidenschaft der Femme fatale auf der Bühne nie vergessen lassen…
Lina-Marie Dück

Klimawandel in der Oper! Die Mailänder Scala bereichert die Expo 2015 um einen musiktheatralischen Beitrag! Am 16. Mai wird Battistellis CO2-Oper uraufgeführt

Giorgio Battistellis jüngste Partitur: CO2 (Ricordi Verlag)

Giorgio Battistellis jüngste Partitur: CO2 (Ricordi Verlag)


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Klimagase, Klimwandel, Erderwärmung – Lässt sich darüber eine Oper schreiben? Unbedingt, findet Giorgio Battistelli. Er gehört mit Salvatore Sciarrino zu den wichtigsten italienischen Komponisten der Gegenwart. Während der in Palermo 1947 geboren Sciarrino ein Meister der leisen, feinen Klänge am Rande der Unhörbarkeit ist, türmt der fünf Jahre jüngere Battistelli aus Albano bei Rom mit einem Faible für Orchesterwucht Klangmassen zu großen Spannungsbögen auf. Und er liebt das Experiment. Battistellis „Experimentum Mundi“ von 1981 fordert ‘echte’ Handwerker auf der Bühne. Sie sollen lautstark ihrem Geschäft nachgehen, während Schlagzeuger die Hammer- Meißel -oder Stechbeitelrhythmen aufgreifen. Gut 20 Musiktheaterwerke hat er verwirklicht. Für seine Opernstoffe hat Battistelli zu berühmten literarischen Vorlagen gegriffen. Zu Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – 1997 in Bremen uraufgeführt. Oder Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“, das die Uraufführung in Mannheim 2002 erlebt hat. Für die Modestadt Düsseldorf hat er eine fesche, „krachende“ Modeoper entworfen. Sein aktuelles Musiktheaterprojekt für die Modestadt Mailand könnte auch krachend ausfallen. Die Scala erhebt im Rahmen der Expo 2015 den Anspruch auf ein global relevantes Thema! Klimawandel! Die Oper soll zum Weltausstellungsthema passen: „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Das hätte unbequem werden können, denn für die Texte sollte sich Librettist J. D. McClatchy aus Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ bedienen. Das war jedenfalls der Plan noch vor drei Jahren, als in Münster im Rahmen des Festivals KlangZeit orchestrale Ausschnitte vorab konzertant uraufgeführt wurden. Da hieß die Oper auch noch „Pacha Mama“. Doch Filmregisseur William Friedkin (Der Exorzist, Cruising…) sollte in der Scala Regie führen. Und lehnte das Libretto kategorisch ab. Vor allem die Personalie Al Gore, die in der ursprünglichen Fassung auch eine Rolle bekommen sollte. Alles kommt anders. Jetzt inszeniert Robert Carson! Mit seiner Umweltinszenierung von „Der Ring des Nibelungen“ (2000) hat er in Köln gezeigt, dass er ein Händchen hat für diese aktuelle Problematik auf der Bühne. Und ist Richard Wagners Ring nicht auch die erste Umweltoper? Da geht es um die Zerstörung der Welt aus Profitgier. Statt korrumpierte Götter und verzweifelte Heroen werden in Battistellis Oper Wissenschaftler und Ökologen auf Erzengel treffen und über CO2 Emissionen diskutieren. Orte sind ein Flughafen und der Supermarkt. Orkane und Tsunamis bringen das Orchester in Aufruhr. Für das neue Libretto hat Robert Carsen seinen langjährigen Dramaturgen Ian Burton ins Spiel gebracht. Bei diesem neu-zusammengefundenden Regie/Bühnenteam scheint die Chemie überhaupt zu stimmmen. Das haben sie bereits in Wien 2011 mit einer aufregenden Britten-Inszenierung am Theater an der Wien bewiesen. Zum Team damals gehörte auch der schottische Videokünstler Finn Ross. Für Battistellis neues Werk ist er um den Globus gereist und hat gigantische Umweltsünden ins Visier genommen. Und auch Dirigent Cornelius Meister gehört zu diesem Team, dem es zuzutrauen wäre, für einen Mentalitätswechsel bei einem so konservativen Publikum, wie dem an der Mailänder Scala zu sorgen. Der gebürtige Hannoveraner gibt im Orchestergraben der Scala am 16. Mai jedenfalls sein Debüt.
(Sabine Weber)